Die Politik des Ministeriums für Staatssicherheit gegenüber den Zeugen Jehovas

in: Gerhard Besier / Clemens Vollnhals (Hg.),Repression und Selbstbehauptung:
Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur, Berlin 2003, S. 115-133.

 

I. Anfänge der Verfolgung

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), am 8. Februar 1950 gegründet, war ein wirkungsvolles und unverzichtbares Herrschaftsinstrument der SED. Es war, gemäß den Worten Erich Mielkes, von 1957 bis 1989 Minister der Staatssicherheit, Schild und Schwert der Partei.1

Bereits vor Gründung des MfS hatte sich die SED als stalinistische Partei mit absolutem Führungsanspruch gezeigt. Das Bekenntnis zur führenden Rolle der Sowjetunion und die Verehrung Stalins wurden zur Ehrenpflicht erhoben. Auf einer Tagung der Parteikontrollorgane vom 3. und 4. September 1949 wurde die strategische Linie der Partei hervorgehoben:

„Der amerikanische Imperialismus bereitet den dritten Weltkrieg vor, um zu versuchen, seine Welteroberungspläne durchzusetzen. Deshalb richtet er die Hass- und Hetzkampagne gegen den stärksten Hort des Friedens, gegen die Sowjetunion. Alle Mittel werden angewandt, die SU, die Volksdemokratien und alle Friedenskräfte zu verleumden und zu diffamieren. [...] Nationalismus, Scheinradikalismus, Opportunismus und Anti-Sowjethetze sind Mittel und Methoden der Zersetzung der Friedenskräfte und dienen der imperialistischen Kriegsvorbereitung. Agenturen dieser Politik dürfen in den Reihen unserer Partei keinen Platz haben. Gegen sie muss unermüdlich und unversöhnlich der Kampf geführt werden“.2

Gegen diese Agenturen des Imperialismus, zu denen die SED auch Jehovas Zeugen zählte, wurden auch außerhalb der Partei Maßnahmen zu ihrer „Liquidierung“ ergriffen. Hauptsächlich das Ministerium für Staatssicherheit, in Verbindung mit der Justiz, der Volkspolizei, der gleichgeschalteten Presse und anderen staatlichen Stellen, erhielt die Aufgabe gegen sie vorzugehen.

Jehovas Zeugen wurden als eine konkurrierende Gruppe gesehen, die eine „rivalisierende Ideologie“3 vertrat und auf religiösem Sektor ein ähnlich verankertes Ausschließlichkeits- und Unterwerfungsprinzip propagierte, wie die SED auf politischem Gebiet. So mußten sich diese beiden Systeme zwangsläufig in die Quere kommen. Jehovas Zeugen ließen sich nicht durch staatliche Auflagen oder gesetzliche Einschränkungen davon abbringen ihr Missionswerk, das auch die Verbreitung von religiöser Literatur beinhaltete, in der DDR zu verrichten. Sie ließen sich hier zu keinen Kompromissen bewegen. Die Verkündigung enthielt die Botschaft, daß das Reich Gottes die Probleme der Menschheit beseitigen wird und nicht ein menschliches politisches System, auch nicht das sozialistische System nach Art der SED. Das hieß nicht, daß Jehovas Zeugen nicht mehr arbeiten gingen und sich nur noch der Mission widmeten. Im Alltagsleben unterschieden sie sich nicht sehr gravierend von den anderen Bürgern. Sie unterstellten sich lediglich nicht in dem Maße der politischen Herrschaft, wie die SED dies von ihnen forderte. Das Ausschließlichkeitsprinzip, der Gehorsam gegenüber der eigenen religiösen Überzeugung, ließ dies nicht zu. Sie nahmen nicht an politischen Wahlen teil, ebenfalls nicht an politisch motivierten Unterschriftenaktionen etc. Sie verweigerten sich dort, wo ihr religiös geformtes Gewissen dies nicht zuließ.

Ein weiterer Grund der Konfrontation bestand darin, daß seit Gründung der DDR der Mitgliederzuwachs unter Jehovas Zeugen enorm zunahm. Dies blieb der SED nicht verborgen, die zielgerichtet die Aktivitäten der Glaubensgemeinschaft einschränkte und dies eben mit dem Fakt begründete, daß „der Mitgliederzuwachs bei dieser Organisation in den letzten Monaten rapide gestiegen [ist], was sich vor allem in den demokratischen Massenorganisationen (DFD [Demokratischer Frauenbund] und FDJ [Freie Deutsche Jugend]), zum Teil auch schon in der Partei bemerkbar macht“.4

Daraufhin verfügte die SED unter fadenscheinigen Argumenten am 31. August 1950 das Verbot der Glaubensgemeinschaft in der DDR.

In der Verbotsbegründung hieß es unter anderem:

„Die Tätigkeit der ‘Zeugen Jehovas’ in den letzten 10 Monaten hat klar bewiesen, dass diese den Namen einer Religionsgemeinschaft fortgesetzt für verfassungswidrige Zwecke missbrauchen. Sie haben im Gebiet der DDR und Groß-Berlin eine systematische Hetze gegen die bestehende demokratische Ordnung und deren Gesetze unter dem Deckmantel religiöser Veranstaltungen betrieben. Außerdem haben sie fortlaufend illegales Schriftenmaterial eingeführt und verbreitet, dessen Inhalt sowohl gegen die Verfassung der DDR, als auch gegen die Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens verstößt. Gleichzeitig ist festgestellt worden, dass die ‘Zeugen Jehovas’ dem Spionagedienst einer imperialistischen Macht dienstbar sind.“5

Jede Betätigung für die Glaubensgemeinschaft wurde ab sofort untersagt und unter Strafe gestellt.

Im Schauprozeß vom 3./4. Oktober 1950, der für weitere Prozesse gegen Zeugen Jehovas eine Richtlinie darstellte, lautete die Urteilsbegründung für die ausgesprochenen hohen Zuchthausstrafen auf ‚Kriegs- und Boykotthetze’ im Sinne des Artikels 6 der Verfassung der DDR. Besonders der Absatz 5 im genannten Artikel ist interessant, da es hier heißt, daß „Kriegshetze und Bekundung von Glaubens-, Rassen- und Völkerhass als Verbrechen geahndet“ werden.

Somit wurde das Missionswerk der Zeugen Jehovas als Verbrechen beurteilt und sie wurden als Spione im Dienst des Imperialismus dementsprechend mit aller Härte verfolgt und bestraft.

Daß Jehovas Zeugen weder Kriegshetze noch Spionage betrieben war offensichtlich. Sie waren, besonders im Süden der DDR, in weiten Teilen der Bevölkerung bekannt. Deswegen wurde vor Bekanntgabe des Verbots durch die Medien der DDR eine Verleumdungskampagne im großen Stil inszeniert, in der das Verbot der Glaubensgemeinschaft angeblich durch die Bevölkerung gefordert wurde. Erst nach Ablauf dieser Kampagne, in der Zeugen Jehovas als Spione und Verbrecher dargestellt wurden, wurde das bestehende Verbot vom 31. August ab dem 5. September 1950 durch die Medien der DDR ohne Nennung des genauen Verbotsdatums verbreitet.

Daß die SED-Führung und das MfS wußten, daß Jehovas Zeugen keine Spione waren, geht unter anderem aus einem Bericht der Staatssicherheit vom 1. September 1956 hervor. Es heißt dort auszugsweise: „Tatsache ist, daß seit dem Verbot bis heute kein ‘Z[euge] J[ehovas]’ der Spionage überführt werden konnte“.6

Daß dieser Vorwurf bestehen blieb und stets im Sinne eines Axioms kolportiert wurde, lag daran, daß Jehovas Zeugen trotz des Verbots eine Untergrundorganisation aufbauten, die sich effektiv und erfolgreich für ihre Missionsbemühungen erwies und trotz aller Maßnahmen des MfS nicht beseitigt werden konnte.

Es lag auch daran, daß das MfS in der Bekämpfung seiner Gegner manische Züge annahm und in allen Andersdenkenden den Klassenfeind sah, den es zu vernichten galt. Einige Passagen aus den Reden Mielkes machen dies deutlich:

„Der sozialistische Aufbau könnte sich wesentlich schneller vollziehen, wenn nicht die Imperialisten, ihre Geheimdienste, Agentenzentralen und sonstigen Beauftragten ständig versuchten, ihre feindlichen Stützpunkte in der Deutschen Demokratischen Republik zu erhalten und von außen laufend neue Spione, Agenten und Saboteure zu entsenden, um ihre verlorengegangenen Positionen wiederzugewinnen. ...Die Organe der Staatssicherheit haben unter Führung der Partei bei der Bekämpfung dieses Abschaums der Menschheit nicht unwesentliche Erfolge errungen. [...] Deshalb müssen wir wachsame und standhafte Patrioten der Deutschen Demokratischen Republik sein und alle Bürger dazu erziehen, die Feinde zu hassen und ihre verbrecherische Tätigkeit zu vereiteln.“7

Zu diesen Feinden wurden Jehovas Zeugen während der gesamten SED-Diktatur gezählt. Ihnen wurde vorgeworfen „Bestandteil der amerikanischen Geschäftswelt“ zu sein und sie wurden als eine „Einrichtung des reaktionären Flügels des USA-Imperialismus“ gewertet. Weiter heißt es in einer Ausarbeitung an der Juristischen Hochschule des MfS:

„In jeder Phase der internationalen Klassenauseinandersetzung zwischen Imperialismus und Sozialismus stand die WTG8 auf der Seite der reaktionären Kräfte des Imperialismus und entfachte einen zügellosen Antikommunismus, deren Spitze sich insbesondere gegen die Sowjetunion und nicht zuletzt gegen die DDR richtete. Neben der Integrierung in das System der psychologischen Kriegsführung machte sich die WTG [...] vor allem auch durch staatsfeindliche und kriminelle Handlungen9 dem Imperialismus dienstbar“.10

Dies entsprach nicht der Wahrheit, da die WTG mit ihrer Kritik auch vor den kapitalistischen Ländern nicht Halt machte. Auch an den USA wurde Kritik geübt, ebenso wie beispielsweise an der katholischen Kirche. Die Schwachpunkte der verschiedenen Systeme sollten insgesamt hervorgehoben werden. Gleichzeitig wurde immer der Vergleich zum Reich Gottes gezogen, um zu zeigen, daß es sich eigentlich nur lohne, für die göttliche Herrschaft vollen Einsatz zu bringen. Außerdem war die Kritik an den kommunistischen Systemen, gerade wegen der hier ständig praktizierten Verfolgungsmaßnahmen an Gläubigen, nicht unberechtigt. Der folgende Exkurs soll zeigen, daß die Verfolgungsmaßnahmen des MfS, besonders in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, nicht auf das Territorium der DDR beschränkt waren. Das MfS hatte keinerlei Skrupel auch zum Mittel der Entführung zu greifen, um bei der Bekämpfung des „Abschaums der Menschheit“ ihre Ziele zu verwirklichen. Hierbei spielte die Beachtung der Landesgrenzen des westdeutschen Staates keine große Rolle.

 

II. Exkurs: Versuch der Entführung eines Ostbüro-Mitarbeiters der Zeugen Jehovas aus West-Berlin.

An einem exemplarischen Beispiel soll die manische Verhaltensweise des MfS, das auch vor Verbrechen in West-Berlin nicht zurückschreckte, aufgezeigt werden. In den ersten Jahren des SED-Regimes beließ das MfS es nicht dabei, Regime-Gegner im eigenen Land zu verfolgen, sondern nutzte auch das Mittel der Entführung von westdeutschen Bürgern, um der „Feinde“ des Systems habhaft zu werden. Am Beispiel der versuchten Entführung des Ostbüro-Mitarbeiters Ernst Wauer aus West-Berlin ist dies zu belegen. Wer war Ernst Wauer?

Ernst Wauer war im Jahre 1935, im Alter von dreiunddreißig Jahren, ein Zeuge Jehovas geworden. Er hatte sich während des Verbotes durch das NS-Regime der Glaubensgemeinschaft angeschlossen und war bereit, für seinen Glauben bis zum Äußersten zu gehen. Von Anfang an setzte er sich ganzherzig für seinen Glauben ein, war trotz des Verbots im Predigtdienst tätig und war schon bald Leiter einer Studiengruppe. Auf soviel Aktivität war man im NS-Staat schnell aufmerksam geworden und die Gestapo nahm Wauer nach seinem Besuch eines Internationalen Kongresses der Zeugen Jehovas vom 4. - 7. September 1936 in Luzern in Schutzhaft. Er wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt und kam nach Verbüßung der Haft im Frühjahr 1939 direkt in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Selbst in einer solchen Umgebung wurde gepredigt. Wie Wauer in seinem Lebensbericht11 aus dem Jahre 1991 schrieb, nahmen er und seine Glaubensbrüder wegen ihrer religiösen Überzeugung brutale Prügelstrafen in Kauf. Er berichtete von einer Strafe wegen des Auffindens von Literatur bei ihm und einem Zellengenossen: „Drei Tage wurden wir unter Prügel verhört. Wir hatten von Nacken bis in die Kniekehlen keine weiße Stelle mehr.“12

Nach Ende des Krieges arbeitete er bis zum Jahre 1950 in der Zentrale in Magdeburg. Ab 1950 bis 1955 hatte er im Ostbüro der Zeugen Jehovas in West-Berlin die Leitung über das Missionswerk in der DDR und Ost-Berlin inne.13

Zu diesem verantwortlichen Mann für Ostdeutschland legte das MfS am 5. September 1951 einen sogenannten Gruppenvorgang mit Namen „Gesindel“ an. Das MfS stellte fest, daß Jehovas Zeugen trotz des Verbots der Glaubensgemeinschaft „weiterhin in gesteigerten Maße Neuwerbungen“ durchführten.14 Dem sollte Einhalt geboten werden. Die in der Illegalität bestehenden Gruppen der Zeugen Jehovas mußten mit allen Mitteln aufgelöst werden.

Im Gruppenvorgang „Gesindel“ plante das MfS, in das Ostbüro in West-Berlin, Brunnenstraße 73, einzubrechen und die Kartei, in der die leitenden Zeugen Jehovas in der DDR genannt waren, zu stehlen. Mit Hilfe der in der Kartei enthaltenen Namen wollte das MfS das Werk in der DDR „liquidieren“. Die in der Kartei enthaltenen Personen sollten verhaftet werden und man wollte versuchen, so viele wie möglich für eine Spitzeltätigkeit anzuwerben. Als weitere Maßnahme war geplant, Ernst Wauer nach Ost-Berlin zu entführen. Ein GM „Born“ wurde am 26.September 1951 damit beauftragt, das Ostbüro in der Brunnenstraße 73 in West-Berlin genau auszukundschaften.16 Der GM fertigte genaue Skizzen an, auf denen sowohl die umliegenden Straßen, als auch sämtliche Geschäfte der Brunnenstraße 73 und auch die Büroräume selbst mit Teilen der Einrichtung abgebildet waren. Das MfS versuchte zusätzlich durch Zeugen Jehovas, die in Untersuchungshaft waren, genaue Angaben über das Ostbüro zu erhalten. Zwei Agenten des MfS waren schon darauf vorbereitet worden, nachts in das Ostbüro einzusteigen und die Mitgliederkartei zu stehlen.

Doch ein MfS-Mitarbeiter hatte kurz vor dem geplanten Einbruch beobachtet, wie eine Speditionsfirma verschiedene Kisten und Büromöbel in ein weiteres Büro der Zeugen Jehovas abtransportierte. Die Namenskartei war aus Sicherheitsgründen in das Büro in Berlin-Charlottenburg in die Kastanienallee 16 gebracht worden. Das MfS konnte diese Adresse nicht sogleich ausfindig machen, da man zuerst dachte, das weitere Büro befände sich in Berlin-Spandau. Auch nachdem das Büro in Berlin-Charlottenburg ausfindig gemacht wurde, suchte das MfS in Berlin-Spandau weiter, da man sich nicht sicher war, ob nicht doch noch ein weiteres Büro existierte, in das womöglich die Namenskartei gebracht worden sei. Zu diesem Zeitpunkt schrieb ein MfS-Offizier der Abt. V Verwaltung Groß-Berlin des MfS über die Schwierigkeiten der Suche: „Über die Bibelforscher im Bezirk Spandau erhielt der Landesvorsitzende des SED Groß-Berlin folgende Nachricht: Trotz großer Schwierigkeiten ist es uns bis heute noch nicht gelungen, die Adresse des Büros der Bibelforscher ausfindig zu machen. Die Angehörigen dieser Sekte sind dermaßen verschwiegen, dass sie sich beharrlich weigern, irgendwelche Auskünfte zu geben. Die Bemühungen der Genossen, die wir zu Bibelstudien geschickt haben, blieben auch dort ohne Erfolg. Wir werden alles daran setzen, um diese Aufgabe zu lösen.“17

Das Büro in der Kastanienallee 16 sollte in derselben Weise exakt ausgekundschaftet werden wie das Büro in der Brunnenstraße 73. Doch das brauchte seine Zeit. Inzwischen dachte man beim MfS darüber nach, wie man Wauer habhaft werden konnte. Es wurde geplant Wauer „konspirativ zu verhaften und in den Demokratischen Sektor Berlins zu bringen“18. Die Vorbereitungen für diese Entführung liefen auf Hochtouren.

Inzwischen wurde der ursprüngliche Plan, ins Ostbüro einzubrechen, abgeändert. Statt dessen sollten im Ostbüro arbeitende Zeugen Jehovas angeworben werden, um die Kartei zu stehlen. Dieser Versuch scheiterte jedoch. In der „Einschätzung des Gruppenvorganges ‘Gesindel’“ vom 30. April 1953 heißt es diesbezüglich: „In Bezug auf das Eindringen in die Zentrale ist es erwähnenswert, daß es bisher noch nicht gelungen ist, eine der Personen, die in der Zentrale tätig sind, anzuwerben und für unsere Dienste dienstbar zu machen. Die weitere Entwicklung des Vorganges, die darin besteht, eine geeignete Person in die Zentrale einzuschleusen oder Verbindung mit einer darin be- schäftigten Person zu unterhalten, ist für die Zukunft geplant.“ 19

Woran lag es, daß die konkreten Pläne zum Einbruch ins Ostbüro und der Entführung Wauers vom MfS nicht umgesetzt wurden? Der Vorgang „Gesindel“ wurde aus dem schlichten doch für Jehovas Zeugen glücklichen Umstand nicht weiter bearbeitet, da der verantwortliche Leiter des Vorganges, ein Major Müller, aufgrund einer langen Krankheit den operativen Vorgang nicht weiter behandeln konnte.

GM „Born“ war in der Zwischenzeit mit einem anderen Fall betraut worden. Nach der Genesung von Müller war das operativ erarbeitete Material veraltet und hatte für die weitere Bearbeitung keinerlei Wert mehr.20 Der Plan, die Kartei aus dem Ostbüro zu stehlen, wurde zunächst verschoben. Der weitere Plan, Wauer zu entführen wurde eingestellt. Als Gründe für den Beschluß, den Vorgang abzulegen, wurden genannt: „Dieser Gr[uppen].Vorg[ang] wurde 1951 durch G[e]n[ossen] Major Müller angelegt u. richtete sich gegen die ehem. Zentrale der ZJ in West-Berlin, sowie dessen Leiter Wauer. W. sollte durch op[erative] Maßnahmen in den demok[ratischen] Sektor gebracht werden z[um] a[nderen] sollte eine Kartei in der Zentrale in unseren Besitz gebracht werden. [...] Das Material im Gr.Vorg. hat keinen Wert mehr, da es sehr alt ist u. die Situation sich vollkommen verändert hat. Wertvolles Material ist im Objekt Vorg. aufgenommen.“21

Wauer war bis 1955 Leiter des Ostbüros und anschließend im Reisedienst der Zeugen Jehovas in Westdeutschland tätig.22

 

III. Modifizierte Vorgehensweise des MfS.

Hatten zu Beginn der fünfziger Jahre Identifizierungen, Verhaftungen und Verurteilungen von führenden Gläubigen im Vordergrund der Arbeit der Staatssicherheit gestanden, änderte sich diese Vorgehensweise etwa ab Mitte der fünfziger Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte, trotz zahlreicher Verhaftungen, Verurteilungen zu hohen Zuchthausstrafen oder auch der Flucht von Gläubigen in den Westen, die Zahl der Zeugen Jehovas bis zum Jahre 1955 wieder einen Mitgliederstand von 18.000 bis 20.000 erreicht und lag damit ungefähr auf dem Niveau wie kurz vor dem Verbot in der DDR am 31. August 1950. Dies blieb der Staatssicherheit nicht verborgen, die ihre Methoden der „Liquidierung“ veränderte. In einem Bericht des MfS an das Zentralkomitee der SED vom 1. September 1956 wird folgendes aufgeführt: „Trotz des Verbots führt die Sekte ‚ZJ’ in verstärktem Maße ihre Tätigkeit illegal im Gebiet der DDR durch. In der Entwicklung der Sekte ist zu verzeichne[n], daß die Aktivität nach dem Verbot bis ungefähr 1952 zurück ging, dann aber bis heute sprunghaft anstieg.“23 Weiter heißt es im selben Bericht aus dem Jahre 1956: „Da durch die bisherigen Festnahmen sich keine Schwächung der Sekte zeigte, wurden in letzter Zeit die Festnahmen auf ein Mindestmaß beschränkt und nur auf Unsicherheit und Zersplitterung hin gearbeitet.“24

Und tatsächlich ging die Zahl der Verhaftungen stark zurück. Waren bis zum Jahre 1955 2.786 Festnahmen durchgeführt worden, so stieg diese Zahl bis zum Jahr 1961 lediglich auf 3006 (ca. wurden ca. 2200 zu Haftstrafen verurteilt)- d.h. zwischen 1955 bis 1961 waren lediglich 220 Zeugen (bzw. Zeuginnen) Jehovas verhaftet worden.25

Eine spätere Mfs-Studie benannte zwei Gründe, warum die Verhaftungen nicht mehr das Mittel der ersten Wahl waren. Zum einen hätten „die Publikationsorgane des Klassenfeindes im großem Maße derartige Situationen benutzt, um eine zügellose Hetze gegen unseren Staat zu inszenieren“. Zum anderen seien die inhaftierten Zeugen Jehovas „nach der Strafverbüßung innerhalb der Organisation stark aufgewertet“ worden und würden als „Glaubensmärtyrer“ geachtet. Diese „Glaubensmärtyrer“ hätten besonders auf Jugendliche eine starke Vorbildfunktion und die durch die Haft verbundenen Erziehungsziele hätten fast nie erreicht werden können.26

Waren somit operative Vorgänge durch das MfS zunächst angelegt worden, um die führenden Leute der Gemeinschaft nach Erarbeitung von Beweisen durch Haft aus dem Weg zu räumen, wurden die operativen Vorgänge spätestens ab Mitte der fünfziger Jahre hauptsächlich aus dem Grund durchgeführt, um möglichst viel Informationen über die Vorgänge innerhalb der Glaubens- gemeinschaft, die Mitglieder selbst, sowie die Zeitschriften- einfuhr zu erhalten, um durch die erhaltenen Informationen, die Aktivitäten der Gläubigen möglichst umfassend zu blockieren und schon im Vorfeld zu verhindern.

Die Methoden und Ziele der operativen Zersetzungsmaßnahmen wurden durch die Juristische Hochschule der Staatssicherheit in Potsdam-Eiche wie folgt definiert: „Ziel der Z[ersetzung] ist die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kräfte, um dadurch feindlich-negative Handlungen einschließlich deren Auswirkungen vorbeugend zu verhindern, wesentlich einzuschränken oder gänzlich zu unterbinden bzw. eine differenzierte politisch-ideologische Rückgewinnung zu ermöglichen.“27

Mit anderen Worten ausgedrückt heißt das: Alle Andersdenkenden, oder alle die sich nicht dem SED-Regime unterordnen wollten, sollten massiv bekämpft und unterdrückt werden mit der Vorgabe, sie zu verleumden, ihre Lebensqualität umfassend zu zerstören, sie aus der Gesellschaft herauszudrängen oder, wenn möglich, dem Staat zurückzugewinnen.

Das sollte vor allem durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM) erreicht werden. Diese sollten entweder von außen her Beobachtungen durchführen, über ein zuvor durchgeführtes Bibelstudium eingeschleust werden oder direkt aus dem Kreis der Gläubigen gewonnen werden. In einigen Fällen hatte die Stasi auch Erfolg und es erklärten sich Gläubige zu einer Zusammenarbeit bereit. Jedoch fällt auf, daß eine ganze Anzahl diese Zusammenarbeit nur kurze Zeit praktizierten. Entweder, heißt es in den Berichten, berichteten sie „unehrlich“ über das Gemeindegeschehen oder dekonspirierten sich nach kurzer Zeit selbst. Einige flüchteten, nach einer zunächst eingegangenen Zusammenarbeit mit dem MfS, möglichst schnell in den Westen (vor dem Mauerbau 8/1961), um vor den Nachstellungen der Stasi sicher zu sein. Dennoch gab es auch Fälle einer dauerhaften Spitzelarbeit von Gläubigen mit dem MfS.

Die Methode der Einschleusung von IM, die Interesse an einer Bibelbetrachtung zeigten, wurde immer wieder durchgeführt, war jedoch für den Spitzel auf Dauer sehr schwer durchzuhalten. Schließlich musste er (oder sie) die neue religiöse Überzeugung sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben praktizieren und diese glaubhaft darstellen. Hieran scheiterten doch viele dieser Personen. Von Mitarbeitern der Staatssicherheit wurde ein Anforderungsprofil erstellt, welche Eigenschaften solch ein IM aufzuweisen habe, um sozusagen einen idealen oder perfekten Zeugen-Jehovas-IM zu kreieren. Der IM sollte männlich, relativ jung und ledig sein, über „einen hohen Intelligenzgrad“ verfügen, „verhältnismäßig ungebunden und beweglich einsetzbar“ sein und nach außen hin unbedingt die Forderungen der Wachtturm-Gesellschaft (WTG), einhalten. Solche Forderungen waren beispielsweise: „Bedingungslose Anerkennung der geltenden Normen und Weisungen der WTG und ihrer religiösen Dogmen“ sowie der „Verzicht auf bestimmte Genußmittel und die Entsagung von Lebensgewohnheiten, die den Normen der WTG widersprechen.“28

Mit welchen Aufgaben wurden die IM betraut? Unter anderem waren dies:

  • Dokumentierung und Erfassung aller Zeugen Jehovas. Die Frage „Wer ist wer“ sollte geklärt werden.
  • Aufdeckung des Kurier- und Verbindungssystems.
  • Herausfinden kompromittierender Fakten, da diese erpressbar machen.
  • Hinweise und Anzeichen von Unzufriedenheit innerhalb der Gemeinden oder bei einzelnen Gemeindegliedern herausfinden. Oppositionshaltungen sollten verstärkt werden und möglicherweise zu einer Anwerbung führen.
  • Durch hartes Auftreten bei erkanntem Fehlverhalten eines Gläubigen sollten IM mit der Forderung nach Sanktionen bis hin zum Ausschluß29 ein Mitglied aus der Glaubensgemeinschaft entfernen und so gleichzeitig ihr eigenes Ansehen wegen ihrer geradlinigen Haltung fördern. Die Konsequenzen eines Ausschlusses mit der völligen sozialen Abgrenzung hätten für lange Zeit ein aktives Mitglied aus der Glaubensgemeinschaft hinauskatapultiert.

Wenn kein Fehlverhalten beweisbar war, wurde so manches Mal ein solches Fehlverhalten konstruiert, es wurden Gerüchte gestreut und vermeintliche Fakten geschaffen.

Ein Fallbeispiel aus der MfS-Praxis soll dies verdeutlichen: In einer Kleinstadt wurde ein Zeuge Jehovas (ZJ) intensiv beobachtet, da er als „besonders fanatisch“ galt und für die ZJ in der Stadt und Umgebung verantwortlich war. Durch seinen Einsatz und sein Beispiel war die Predigttätigkeit in diesem Gebiet hoch und auch die Zahl der Mitglieder nahm zu. Obwohl er Rentner war, arbeitete er noch stundenweise in einem Betrieb. Vier Wochen hintereinander wurde dieser Mann von einem Mitarbeiter des MfS in seinem Betrieb besucht und sie führten jeweils etwa eine einstündige Unterhaltung. Vor der fünften Unterhaltung wurde einem weiteren ZJ, von dem man durch IM wußte, daß dieser persönliche Differenzen mit der „Zielperson“ hatte, ein Brief in seinen Briefkasten gesteckt, in dem es hieß: „Ehrliche Christen wollt ihr sein, [...] [Name geschwärzt] trifft sich jeden Mittwoch vormittags mit der Stasi im Betrieb und verkauft Euch!“

Beim fünften Besuch des MfS-Mitarbeiters forderte dieser den von ihm besuchten ZJ auf, ihn in das VPKA (Volkspolizeikriminalamt) zu begleiten. Beim Besteigen des Wagens war der Mitarbeiter dem ZJ besonders behilflich und täuschte nach außen hin eine bestehende Kameradschaft vor, indem er ihm auf die Schulter klopfte und ihm freundlich zunickte. Dies wurde vom zweiten ZJ beobachtet, der durch den ihm zugesteckten Brief neugierig geworden war und er berichtete über seine Beobachtungen allen ihm bekannten ZJ. Die Folge davon war, laut Stasi-Bericht, daß die „Zielperson“ vonsämtlichen Funktionen entbunden wurde. Als man in seiner Gemeinde sogar feststellte, daß er der einzige in diesem Gebiet war, dem Besuchsreisen in die BRD gestattet waren (auch das war vom MfS gesteuert), kamen die anderen Verantwortlichen seiner Gemeinde zu dem Schluß, daß es sich hier offensichtlich um einen IM handeln müsse und er wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Seit dieser Zeit galt er als Verräter.30

Dieses Fallbeispiel ist einer Abschlussarbeit an der Juristischen Hochschule Potsdam, somit der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit, entnommen. Das Interessante an diesen Abschlussarbeiten über Jehovas Zeugen ist, daß in Zersetzungsmaßnahmen geübte Geheimdienstjuristen zu Wort kamen, die aus ihrer eigenen Praxis sprachen, ihre Vorgehensweise enthüllten und auch Fallbeispiele nannten. Niemand dachte zu dieser Zeit auch nur im entferntesten daran, daß diese Methoden öffentlich gemacht werden könnten.31 Das MfS arbeitete somit zielgerichtet an der systematischen Diskreditierung des öffentlichen Rufs und des Ansehens der Zeugen Jehovas als Gesamtheit und an der Diskreditierung des Einzelnen. Dies geschah sowohl außerhalb als auch innerhalb der Glaubensgemeinschaft.

Es wurden Mißtrauen und gegenseitige Verdächtigungen geschürt. Jehovas Zeugen sollten sich mit eigenen Problemen innerhalb der Glaubensgemeinschaft beschäftigen und vom Missionswerk abgelenkt werden. Durch die Organisierung gesellschaftlicher, aber auch beruflicher Mißerfolge des Einzelnen durch das MfS, zur Untergrabung des Selbstvertrauens und des Selbstbewußtseins sollte der einzelne Zeuge Jehovas sich auf seine eigene Problematik konzentrieren und ebenfalls das Missionswerk, aber auch seine Glaubensgemeinschaft aus den Augen verlieren.

Dennoch war die IM-Arbeit für das MfS insgesamt eher unbefriedigend. In einem Bericht über die einzelnen Bezirke der DDR vom 15. Oktober 1987 heißt es selbstkritisch über die Ergebnisse der IM-Tätigkeit in den Jahren 1986/87:

  • Die IM in der Konspiration seien nach wie vor dünn gesät, vor allem bei Funktionären.
  • Die Schwerpunkte der IM -Arbeit lägen an der Peripherie, dadurch sei die Qualität der Informationen nicht tiefgreifend.
  • Die Zeugen Jehovas hätten zwar unter „Kontrolle gehalten“ werden können. Es hätte aber nicht verhindert werden können, daß „der größte Teil der überörtlichen und örtlichen Funktionäre konsequent und mit hohem persönlichem Engagement sich für die Durchsetzung der Weisungen der WTG/JZ einsetzte und so die illegale Arbeit aufrechterhalten wurde“.32

Ein weiteres wichtiges Ziel der MfS-Arbeit bestand darin, das Kurier- und Verbindungssystem der Religionsgemeinschaft ausfindig zu machen und zu zerstören. Informationen, Anweisungen der Zentrale und die religiöse Literatur sollten nicht mehr in die DDR gelangen. Die schon in die DDR gelangte Literatur sollte ausfindig gemacht und konfisziert werden. Ebenfalls sollten keinerlei Informationen aus den Gemeinden der DDR zum Ostbüro der WTG gelangen.

Das MfS konnte immer wieder über Erfolge berichten, doch waren diese meist nicht von langer Dauer, da das Einschleusungssystem permanent modifiziert wurde und immer neue Gläubige sich für diese Tätigkeit zur Verfügung stellten.

Auch hierzu ein Beispiel: Durch einen IM, mit dem ein zweijähriges Bibelstudium durchgeführt wurde und der sich durch Taufe der Gemeinschaft angeschlossen hatte, wurde ein Literaturdepot im Kreis Bad Doberan ausfindig gemacht. Da der IM durch Konfiszierung dieses Depots nicht enttarnt werden sollte, wurde über ein fingiertes Ermittlungsverfahren eine legale Hausdurchsuchung beim Besitzer des geheimen Literaturdepots durchgeführt. Genutzt wurde hierzu eine Anzeige wegen Diebstahls gegen „Unbekannt“ aus dem Betrieb des Observierten.33 Bei der Hausdurchsuchung fanden die Mitarbeiter des MfS zusammen mit der Volkspolizei zwar kein Diebesgut, dafür aber ganz „zufällig“ Literatur der Zeugen Jehovas. Dieser „Zufallsfund“ schützte den IM und lieferte eine plausible Erklärung für das Auffinden des Literaturdepots. Den Abschluß der Aktion bildeten am 4. September 1974 Ordnungsstrafverfügungen, die gegen mehrere Beteiligte ausgesprochen wurden.

Doch bereits am 5. Dezember 1974 wurde in einer Einschätzung dieser Aktion von der Kreisdienststelle Bad Doberan der Erfolg der Aktion relativiert. In dem Bericht heißt es: „Inzwischen hat sich die Arbeit der einzelnen Studiengruppen wieder weitgehend stabilisiert. Auch das Studienmaterial (Wachtturm und Erwachet), im Original oder fotokopiert, ist wieder ausreichend vorhanden. Die eingesetzten IM konnten feststellen, daß die ZJ in Auswirkung der Aktion bemüht sind, ihre Konspiration zu erhöhen. [...] Die gegenwärtigen Aktivitäten der ´Zeugen Jehovas´ zeigen, daß die Funktionäre der Sekte den gegen sie geführten Schlag im Kreisgebiet relativ schnell überwunden und praktische Schlußfolgerungen, die sich in einer Erhöhung ihrer Wachsamkeit ausdrücken, gezogen haben.“34

Literatureinschleusungen fanden sowohl organisiert als auch auf privater Ebene statt. Immer wieder ergriffen einzelne Zeugen Jehovas die Initiative und versuchten Zeitschriften und Bücher am Zoll vorbei in kleinen Mengen in die DDR zu bringen. Wenn durch IM oder in einigen Fällen auch durch die Postkontrolle festgestellt wurde, daß eine größere Menge an Literatur durch einen Kurier der WTG an einem bestimmten Ort erwartet wurde, begann die Observierung durch das MfS.

Ein Beispiel: Durch die Abteilung M (Postkontrolle) war bekannt geworden, daß am 20. Dezember 1980 an einem bestimmten Rastplatz eine Literaturübergabe stattfinden sollte. Der Rastplatz wurde den ganzen Tag über von MfS-Mitarbeitern beobachtet. Nachdem die Übergabe stattgefunden hatte, wurden beide Kuriere getrennt von einander festgenommen. 53 kg Literatur wurde beschlagnahmt, die sich aus 1.550 Zeitschriften und 160 Büchern zusammensetzte. Der westdeutsche Bürger erhielt eine Geldstrafe über 2.000 DM und es wurde ein zehnjähriges Einreiseverbot über ihn verhängt. Der Bürger aus der DDR erhielt eine Geldstrafe über 5.000 Mark.

Die Aufklärungsquote war insgesamt dennoch eher gering. In einer vom MfS erstellten Jahreseinschätzung für das Jahr 1986 hieß es, die Kurierverbindungen seien „raffiniert getarnt und abgesichert und gewährleisten eine relativ stabile Versorgung der ZJ in der DDR mit Materialien der WTG“. Es würden 1986 „14-tägig ca. 20.000 Exemplare des speziell für die DDR hergestellten Untergrund-Wachtturms (das sind 480.000 Exemplare pro Jahr!)“ in die DDR gelangen. Zusätzlich noch „Tausende Bücher und Broschüren“35. Interessant ist hier auch, zu erwähnen, daß 1986 nur ein von der WTG eingesetzter Kurier enttarnt werden konnte.

Noch am 7. Juli 1989 lautete die Lagebeurteilung durch einen hochrangigen IM: „Die Versorgung der ZJ-Literatur ist durch stabile Kurierverbindungen der Feindzentrale im wesentlichen abgesichert.“36 Die Arbeit des MfS hatte auf diesem Gebiet somit eher mäßigen Erfolg.

Um die wirtschaftlichen Verhältnisse und Geschäftsmethoden der Zentrale der WTG in Brooklyn, sowie das Privatleben führender Männer der Zentrale auszuspionieren, wurde 1986 unter einer Legende vom MfS ein westdeutsches Auskunftsbüro in Aachen eingeschaltet.37 Das Ergebnis war für das MfS enttäuschend. Es ergab lediglich, daß es sich bei der WTG um eine „Gemeinnützige Gesellschaft“ handeln würde (an sich kein großes Geheimnis) und daß die verantwortlichen Männer der WTG, Frederick W. Franz (Präsident), M.H. Larson (Vizepräsident), L.A. Swingle (Sekretär und Schatzmeister) und L.K. Greenless (Assistent Finanzen) „in gesellschaftlicher und privater Hinsicht eine günstige Beurteilung“ erhielten. Auch über führende Männer in Selters, beispielsweise über den amtierenden Präsidenten des deutschen WTG-Zweiges, Willy Pohl, wurden Auskunftsberichte erstellt, ebenso mit einem „günstigen“ Ergebnis.

Eine besondere Variante der MfS-Arbeit war die Verunsicherung durch den Brief- und Zeitschriftenversand. Im Jahre 1959 war es der Stasi gelungen, einen ehemaligen Gruppendiener in Gefängnis- haft unter „Druck“, wie es in seiner Verpflichtungserklärung heißt, zur Mitarbeit zu bewegen. Sein Name war Willy Müller, mit Decknamen IM „Rolf“. Seine Aufgabe sollte zunächst darin bestehen, zu seinen Glaubensbrüdern Kontakt zu halten und diesen auszubauen. Innerhalb der Glaubensgemeinschaft sollte er eine Opposition aufbauen, die die WTG als „williges Instrument des US-Imperialismus“ darstellen sollte, die „Hetze gegen das kommunistische Friedenslager“ betreibe und dem christlichen Glauben Schaden zufüge. Da durch diese persönlichen Gespräche zuwenig Personen erreicht werden konnten, wurden diese Verleumdungen in Briefen an etwa 2000 bis 2500 Zeugen Jehovas in der DDR gesandt. Thema und Inhalt dieser Briefe waren reine Sache des MfS. Müller wurde zunächst lediglich dazu gebraucht, um eine biblische Begründung einzuarbeiten und seinen Namen herzugeben.

Diese Informationen ließen sich in Form einer Zeitschrift noch besser verbreiten und waren ansprechender. Deshalb wurde im Jahre 1965 die Zeitschrift „Christliche Verantwortung“ (CV) gegründet, ebenfalls ein gleichlautender Verein. CV sollte zu einer der Hauptmethoden der Zersetzung werden. Die Zeitschrift wurde als Oppositionsblatt kostenlos an die Haushalte der Zeugen Jehovas verteilt, aber auch an die verschiedensten religiösen Gegner versandt. Die Arbeit des MfS mit CV sollte nicht lediglich auf das Gebiet der DDR beschränkt sein. Müller erhielt den Auftrag zu Oppositionsgruppen in anderen Ländern Kontakt aufzunehmen und einen Informationsaustausch zu pflegen.

Im Plan des MfS aus dem Jahre 1962 für CV zur „koordinierten Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit“ war schon früh festgelegt worden, daß grundsätzlich „eine Weckung, Stärkung und Aktivierung aller Oppositionspersonen und Oppositions-gruppen“ gegen die Zeugen Jehovas erfolgen müsse. Sowohl das Inland als auch das östliche und westliche Ausland sollten nach Oppositionskräften durchforstet werden, um zum einen von ihnen zu profitieren und zum anderen auch, um diese von der eigenen Arbeit profitieren zu lassen und sie zu manipulieren. Es ging um die Durchdringung und Stärkung jeglicher Oppositionsarbeit, besonders auch die der Evangelischen und Katholischen Kirche und anderer Glaubensgemeinschaften gegen Jehovas Zeugen.

Am Beispiel der sogenannten „Sektenkundlichen Mitteilungen“, einem internen evangelischen Kirchenblatt, herausgegeben von der Konfessionskundlichen Forschungsstelle der Evangelischen Kirchen in der DDR, läßt sich das gut nachvollziehen. Es war 1968 gegründet worden und war für den innerkirchlichen Dienstgebrauch bestimmt, somit zur Information für Pfarrer und andere leitende kirchliche Angestellte. Zu dieser kirchlichen Stelle nahm Willy Müller als Herausgeber der CV Kontakt auf, um in diesem Mitteilungsblatt eine Plattform für die vom MfS verbreiteten „Informationen“ über Jehovas Zeugen zu erhalten. Tatsächlich gelang ihm das auch sehr schnell. Bereits in der zweiten Ausgabe der Sektenkundlichen Mitteilungen wurde die Zeitschrift CV als aufklärendes Informationsblatt über Jehovas Zeugen vorgestellt. In annähernd jeder weiteren Ausgabe wurden die über Jehovas Zeugen enthaltenen Berichte einfach aus der CV entnommen. Ohne Überprüfung des Wahrheitsgehaltes, lediglich mit Nennung von CV als Quelle. Das bedeutete für die Praxis: Die Meinungsbildung der evangelischen Pfarrer und anderer kirchlicher Angestellter, die diese Informationen an die Gläubigen in der Kirche weitergaben, erfolgte zumindest zu einem Teil über Informationen des Ministeriums für Staatssicherheit. In den Sektenkundlichen Mitteilungen waren etwa 85 bis 90 Prozent der enthaltenen Aussagen über Jehovas Zeugen der Zeitschrift CV entnommen. Ein tatsächlicher Skandal, denn es ist nur zu offensichtlich, daß Dr. Pietz, der Präsident der Konfessionskundlichen Forschungsstelle, zumindest ahnen mußte, wer hinter CV stand.38

Auch wenn die Stasi-Arbeit in den Kirchen nicht dazu führte, daß überzeugte Zeugen Jehovas sich von ihrer Gemeinschaft entfernten, so ist doch offensichtlich, daß das Missionswerk an sich durch die erzeugten Vorurteile erschwert und behindert wurde, somit die Zersetzungsarbeit des MfS durchaus die erwünschte negative Wirkung hatte.

Auch Splittergruppen der Zeugen Jehovas wurden vom MfS benutzt. Einzelne Zeugen Jehovas, die mit den Ansichten ihrer Glaubensgemeinschaft nicht einverstanden waren, sollten die Möglichkeit eines Wechsels in diese Alternativ-Glaubensgemeinschaften überdenken und nutzen. Deshalb wurden diese Splittergruppen auch immer wieder in CV dargestellt. Es wurde sogar darüber nachgedacht, eine eigenständige freie Christengemeinde aus ehemaligen Zeugen Jehovas zu gründen, die völlig unter Kontrolle des MfS stehen sollte.39

Nachdem Müller im Jahre 1970 aus Altersgründen von seiner Tätigkeit als Herausgeber von CV vom MfS entbunden worden war, mußten neue Leute in den Vordergrund treten. Das MfS nahm sie aus seinem bestehenden IM-Bestand. Die drei führenden Männer in CV waren zunächst Karl-Heinz Simdorn (alias Wolfgang Daum), Dieter Pape und Manfred Gebhard. Manfred Gebhard, IM „Kurt Berg“, war offizieller Herausgeber des 1970 in der DDR erschienen Buches „Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft“, das 1971 in Lizenzausgabe auch in der BRD erschien. Der eigentliche Verfasser des Buches war nicht Gebhard, sondern Dieter Pape. Wie aus einem MfS-Dokument hervorgeht, war das Buch die „qualitative Fortsetzung des 1961 erschienenen Buches ´Ich war Zeuge Jehovas´, Verfasser: IM ´Wilhelm´“40, somit Dieter Pape. Insgesamt waren jedoch noch mehr MfS-Mitarbeiter daran beteiligt. In einem Dankschreiben der SED-Kreisleitung Berlin an den MfS-Offizier Oskar Herbrich heißt es: „Dank und Anerkennung für Deinen maßgeblichen Anteil an der Erarbeitung der sehr aufschlußreichen Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft ‚Die Zeugen Jehovas’, die ein Stück Geschichte sowie Ergebnis des Kampfes des MfS gegen die Feinde des Friedens und des Sozialismus darstellt.“41

Die MfS-Dokumentation, ein „Meisterwerk der Fälschung“42, galt auch in der Bundesrepublik lange Jahre als Standardwerk über Zeugen Jehovas und hat Eingang in bekannte westdeutsche Lexika, wie beispielsweise der Bertelsmann Lexikothek gefunden.

Andere Methoden die von den Mitarbeitern der CV, besonders ab den siebziger Jahren, angewandt wurden, waren das Herstellen von frei konstruierten Artikeln, das heißt die Verfasser setzten sich ins Büro und dachten sich in ihrer Phantasie Artikel über angeblich geführte Gespräche unter führenden Zeugen Jehovas aus, die angeblich insgeheim von der Wachtturmgesellschaft enttäuscht waren. Sie versuchten Persönlichkeitsanalysen durchzuführen und gemäß diesen Analysen ein mögliches Gespräch stattfinden zu lassen.

Oder es wurden fingierte Leserbriefe in CV veröffentlicht. Diese fingierten Leserbriefe waren zuvor von CV-Mitarbeitern oder von MfS-Offizieren geschrieben worden. Auch wurden gefälschte Traktate, angeblich von der WTG-Gesellschaft herausgegeben, verbreitet. Die Arbeit von CV wurde in der DDR offiziell bis zum Januar 1990 fortgeführt und finanziell hauptsächlich vom MfS aber auch vom Staatssekretariat für Kirchenfragen getragen.

 

IV. Resümee

Das Ziel des MfS, die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas zu „liquidieren“ änderte sich in den verschiedenen Jahrzehnten der SED-Diktatur nicht. Lediglich die Methoden wurden im Laufe der Jahrzehnte modifiziert, resultierend aus den durch die Verfolgungspraxis gemachten Erfahrungen und durch geänderte politische Verhältnisse. Das eigentliche Ziel konnte das MfS allerdings nicht erreichen.

Die Anklagepunkte gegen Jehovas Zeugen, sie würden Spionage und Kriegshetze betreiben, wurden nie bewiesen und beruhten auf einer bewußt inszenierten Kampagne, um das Verbot vom 31. August 1950 zu ermöglichen und über die folgenden Jahre zu rechtfertigen. Die in der DDR-Verfassung (Art. 20, Abs. 1; Art. 39, Abs. 1) garantierte Glaubensfreiheit wurde, besonders bei kleineren Glaubens- gemeinschaften nur gewährt, wenn sie sich in den für den SED-Staat wichtigen Punkten unterordneten oder grundsätzlich ähnlicher Überzeugung waren. Hierzu gehörten beispielsweise der Wehrdienst oder die auch in der DDR eigentlich nicht existierende Wahlpflicht. Nach Art. 22. Ab. 1 war jeder Bürger ab dem 18. Lebensjahr „wahlberechtigt“, jedoch nicht wahlverpflichtet. Die politische Wahl und das persönliche Engagement des Bürgers wurden zwar als eine moralische Verpflichtung angesehen, jedoch durfte theoretisch niemand deswegen ausgegrenzt werden. Dennoch wurde der Vorwurf, die Zielstellung der Zeugen Jehovas bestehe darin, zur „politischen und gesellschaftlichen Inaktivität“ aufzurufen und in der „Ablehnung zur aktiven Mitgestaltung der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der DDR“ permanent im Sinne einer Anklageerhebung wiederholt.43 Doch da die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas unter Verbot stand, somit als Religionsgemeinschaft in der DDR ohnehin nicht mehr existent war, mußte auf die bestehende Gesetzmäßigkeit nur noch bedingt Rücksicht genommen werden. So wurden die gesetzlichen und ungesetzlichen Maßnahmen des MfS in der Weise angewandt, wie sie bei jeder „Feindorganisation“ und „Untergrundbewegung“ zur Anwendung kamen. Genutzt hat das wenig.

Eine quantitativ meßbare Reduzierung der Glaubensgemeinschaft hat es nicht gegeben. Zwar konnte das Missionswerk teilweise blockiert und behindert werden, doch konnte das Missionswerk nicht verhindert oder gar eliminiert werden. Zwar hatten die einzelnen Gläubigen große Härten zu ertragen, mußten in der Schule, im Berufsleben und auch im Alltag große Nachteile in Kauf nehmen, dennoch hielt der größte Teil der Gläubigen an seiner religiösen Überzeugung fest.

Sowohl der offenen Verfolgung zu Beginn der fünfziger Jahre, als auch den heimtückischen Zersetzungsmaßnahmen der folgenden Jahrzehnte konnten Jehovas Zeugen entgegenwirken und ließen sich als Gesamtheit nicht davon abbringen, zu ihrer religiösen Überzeugung zu stehen und diese auch unter staatlichem Verbot zu verbreiten.

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1 Das Schild symbolisierte den Schutz zur Verteidigung der kommunistischen Revolution, das Schwert das Mittel zur Zerschlagung der Feinde der Revolution.

2 Entschließung der Tagung der Parteikontrollorgane am 3. und 4. September 1949. BA Berlin, SAPMO, DY 30/IV2/2.022/13, Fiche 2, Nr. 138.

3 Gabriele Yonan (Hg.), Im Visier der Stasi. Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000, S. 11.

4 Sitzung des Politbüros am 13. September 1949, BA Berlin, SAPMO, SED-Zentralkomitee, Sekretariat Paul Merker, DY 30, IV 2/2/44, Fiche 1, Nr. 8.

5 Verbotsverfügung vom 31. August 1950 durch den Minister des Innern Dr. Steinhoff, BA Berlin, Do 4, Nr 1546, unpaginiert.

6 "Die Sekte der ´Zeugen Jehovas´ in Westdeutschland und ihre illegale Tätigkeit im Gebiet der DDR" vom 1.09.1956, BA Berlin, SAPMO, Zentralsekretariat der SED, Paul Merker, DY 30/IV2/2.022/32, Fiche 3, Nr. 280.

7 Erich Mielke auf dem V. Parteitag der SED: "Gegen Feindtätigkeit und ideologische Diversion", Protokoll des V Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (10.-16. Juli 1958), Bd. 1, (Ost)Berlin 1959, 547ff., entnommen aus: Karl Wilhelm Fricke, MfS intern. Macht, Strukturen, Auflösung der DDR-Staatssicherheit, Analyse und Dokumentation, Köln 1991, 83ff.

8 Wachtturm-Gesellschaft, Juristisches Leitungsorgan der Religionsgemeinschaft und Verlagsgesellschaft. Hier ist die "Leitende Körperschaft" enthalten, die für die Bibleinterpretation und Theologie verantwortlich zeichnet.

9 Unter diesen Handlungen sind zum Beispiel die illegale Missionstätigkleit, die illegale Zeitschrifteneinfuhr und auch die Ausfuhr von Spendengeldern zu verstehen.

10 Major Gerfried Wenzlawski, Hauptmann H.-Jochen Kleinow, "Erkenntnisse und Erfahrungen zur Druchführung wirksamer operativer Maßnahmen gegen die Tätigkeit der in der DDR verbotenen Organisation _Zeugen Jehova[s]- (Wachtturmgesellschaft) zur Bekämpfung ihrer staatsfeindlichen Tätigkeit", Hausarbeit an der JHS in Potsdam aus dem Jahre 1975, Vertrauliche Verschlusache, Nr. 901/75, 6.

11 Vgl. Lebensbericht Ernst Wauer, in: Der Wachtturm vom 1. 8. 1991 S. 25-29.

12 AaO., 29.

13 Vgl.ebd.

14 Bericht über Vorgang "Gesindel" vom 2. 10. 1951,BStU, ZA, Reg.-Nr.54/51, Archiv-Nr.582/55, , Bl. 19.

15 Operativplan "Gesindel" vom 19. 9. 1951, aaO. 12 f.

16 "Auftragserteilung an GM ´Born´ über Struktur des Büros der Sekte ´Zeugen Jehova[s]´ Brunnenstrasse 73" vom 26. 9. 1951, aaO. Bl. 27.

17 "Betrifft: Nachstehende Mitteilung des Landesvorstandes der SED Gross-Berlin" vom 12. 3. 1952, BStU, ZA, Reg.-Nr.64/51, Archiv-Nr. 582/55, Bl. 91.

18 "Aktenvermerk über Ermittlungsauftrag an Abteilung VIII im Hause" vom 28. 9. 1951, aaO., Bl.70.

19 Einschätzung des Gruppenvorganges ´Gesindel´ vom 30. 4. 1953, aaO., Bl.116.

20 "Abschlussbericht zum Gruppenvorgang ´Gesindel´" vom 17. 10.1955, BStU, ZA, Reg.-Nr.64/51, Archiv-Nr. 582/55, Bl. 118.

21 "Beschluß für das Ablegen des Gruppenvorganges ´Gesindel´" vom 17.10. 1955, aaO, Bl. 120.

22 Lebensbericht Wauer (wie Anm. 11), 29. Vgl. zur versuchten Entführung Wauers: Hans-Hermann Dirksen, "Keine Gnade den Feinden der Republik". Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR 1945-1990, Berlin 2001, 566-574.

23 Bericht des MfS an das Zentralkomitee der SED vom 1. 9. 1956, BA Berlin, SAPMO, Bestand SED-ZK, Sekretariat Paul Merker, DY 30, IV 2, 2.022/32, Fiche 3, Bl. 276.

24 AaO. Bl. 281.

25 Vgl. Dauerausstellung der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR in der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße in Berlin-Lichterfelde.

26 Leutnant Heinz Bergner, Die Erarbeitung geeigneter Anknüpfungspunkte für die Ausarbeitung und Anwendung von Zersetzungsmaßnahmen für die Ausarbeitung und Anwendung von Zersetzungsmaßnahmen bei Gruppen mit antisozialistischer Zielsetzung (Am Beispiel der in der DDR illegal tätigen Organisation ´Zeugen Jehova[s]´, JHS-Abschlußarbeit, VVS Nr. 697/75 vom 20. 1. 1976, 28.

27 Siegfried Suckut (Hg.), Das Wörterbuch der Staatssicherheit. Definitionen zur "politisch-operativen Arbeit", , Stichwort: Zersetzung, operative, Berlin² 1996.

28 Major Erich Baenz, Die Gestaltung der Auftragserteilung und Instruierung an inoffizielle Mitarbeiter, die zur Durchführung von Maßnahmen der Zersetzung inder Vorgangsbearbeitung gegen staatsfeindliche Gruppen der verbotenen WTG (Zeugen Jehovas) zum Einsatz gelangen, JHS-Abschlußarbeit, VVS Nr. 560/75 vom 5. 3. 1976, S. 5f.

29 Der Ausschluß aus der Religionsgemeinschaft beinhaltet ein für die Mitglieder bestehendes Rede- und Umgangsverbot mit dem Ausgeschlossenen. Jedoch gelten auch Ausnahmen. Beispielsweise bleiben die Familienbande bestehen. Ein Ehepartner wird sich mit seinem ausgeschlossenen Ehepartner weiterhin unterhalten, wenn auch nicht so sehr über religiöse Themen. In Notsotuationen wird Hilfeleistung geboten. Im Arbeitsverhältnis zwischen Kollegen wird die berufliche Kommunikation nicht unterbrochen etc.

30Bergner, Die Erarbeitung geeigneter Anknüpfungspunkte (wie Anm. 26), 32ff.

31 Vgl. Waldemar Hirch (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft. Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und in Polen, Niedersteinbach 2001.

32 "Ergebnisse der OV/OPK Arbeit auf der Linie ZJ in den Bezirken im Berichtszeitraum 1986/87" vom 15. 10. 1987. BStU, ZA, HA XX/4, Nr. 693, Bl. 225.

33 In einer an der JHS erstellten Hausarbeit durch zwei MfS-ofiziere wurde über diesen Fall interessanterweise folgendes gesagt: "Aus strafpolitischen Erwägungen heraus wurde von einer Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen ... [Name geschwärzt] abgesehen. Hinsichtlich der erforderlichen Hausdurchsuchung bei ...[Name geschwärzt] traten erhebliche Schwierigkeiten auf, die letzten Endes nur durch ein ungesetzliches Vorgehen überwunden werden konten. Es wurde mit einem gegen Unbekannt eingeleiteten Ermittlungsverfahren durch die Abteilung K des VPKA Bad Doberan wegen Diebstahls sozialistischen Eigentums in einen durch nichts begründeten konstruierten Zusammenhang gebracht (Verdacht als Täter). Es wurde behauptet, daß ...[Name geschwärzt] in seier Wohnung Diebesgut aufbewahren würde und daher eine Hausdurchsuchung bei ihm notwendig sei." Wenzlawski/Kleinow, "Erkenntnisse und Erfahrungen (wie Anm. 10), 31.
Die Arbeit des MfS verstieß auch permanent gegen die in der DDR-Verfassung enthaltenen Grundrechte der Bürger. So hieß es beispielsweise im Artikel 19 Absatz 3: þDie Beziehungen der Bürger werden durch gegenseitige Achtung und Hilfe, durch die Grundsätze sozialistischer Moral geprägt-.

34 Kreisdienststelle Bad Doberan, "Einschätzung des Ablaufs und der Ergebnisse der am 9.9.1974 im Stadtgebiet Bad Doberan durchgeführten Zersetzungsaktion gegendie in der DDR verbotene Sekte Zeugen Jehovas" vom 5. 12. 1974. BStU Berlin, ZA, HA XX/4, Nr. 1029, Bl. 8f.

35 "Jahreseinschätzung zu den Ergebnissen der Beurteilung der Organisation Zeugen Jehovas" vom 18.12.1986. BStU, ZA, HA XX/4, Archiv 951, Bl 4.

36 "Treffbericht mit IMB Hans Voß" vom 7. 7. 1989. BStU, HA XX/4, Nr. 979, Bl. 351.

37 Auskunft über WTG vom 14.1.1986, BStU Berlin, MfS HA XX/4, Archiv 951, Bl.171f.

38 Vgl. Waldemar Hirch, Instrumentalisierung der Kirchen durch das "christliche" MfS-Organ?, in: Gabriele Yonan, Im Visier der Stasi (wie Anm. 3), 198-230. Hier werden unter anderem die einzelnen Ausgaben der Sektenkundlichen Mitteilungen auf CV-Inhalte überprüft.

39 Oberleutnant Hans-Jürgen Wollenburg, Der zielgerichtete Einsatz inoffizieller Mitarbeiter zur Entwicklung einer wirksamen Oppositionsbewegung im Rahmen der Zersetzung der auf dem Gebiet der DDR illegal tätigen Wachturmgesellschaft, JHS-Arbeit, VVS Nr. 615/79 vom 15. 10. 1976, 10.

40 Vgl. Waldemar Hirch, Erarbeitung einer "Dokumentation" über Jehovas Zeugen als MfS-Auftragswerk, in: Yonan, Im Visier der Stasi (wie Anm. 3), Dokument 3, 56, BStU, ZA, HA XX/4, 932, Bl. 84ff.

41 Dokument 5, aaO., 65, BStU, ZA, HA XX/4, Nr. 1900, Bl.4.

42Gabriele Yonan, "Jehovas Zeugen" - Opfer unter zwei Diktaturen. 1933-1945. 1949-1989, Bd. 1, Berlin 1999, 97.

43 Unterleutnant Jürgen Prescher, Die erfolgreiche Anwendung politisch-operativer Maßnahmen des MfS bei der Zerschlagung von Kulturverbindungen des ostbüros der Organisation Zeugen Jehovas(Wiebaden/BRD) in die DDR zur Unterbindung ihres Einflusses auf die Zeugen Jehovas in der DDR, JHS-Arbeit, VVS Nr. 843/79 vom 4. 1. 1980, 4.