Waldemar Hirch:
Ehemalige Zeugen Jehovas im Dienste des MfS - Der Fall Balzereit, in: Gabriele Yonan (Hg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000, S. 33-52.

Einige der in der Publikation erhaltenen Dokumente über die Zusammenarbeit von Paul Balzereit sen. und Paul Balzereit jun. mit dem MfS:

 

Dok. 2
BStU Berlin, Mf'S AIM. P 4230/59. Bd. I, Bl. 122

Magdeburg, den 11.Dezember 1957
Langerweg 54

 Erklärung!

In Verbindung mit einer Besprechung zwischen mir und meinem Sohne geben wir beide zur Feststellung unseren in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen erkenntnismäßig gewonnenen Standpunktes folgenderweise Ausdruck:

1.) Da wir selber bezüglich unserer religiösen Stellung und Tätigkeit das größte Interesse daran haben, daß keinerlei Unklarheiten oder Komplikationen entstehen, erklären wir uns bereit, über alle Fragen offen und ehrlich mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu sprechen.

2.) Da wir - ich sowie auch mein Sohn - aus den Ernsten Bibelforschern hervorgegangen sind und wir uns während der Zeit des Faschismus von diesen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten auf glaubensmäßiger Grundlage lösten, und erkannt haben, daß die Lehre der heutigen „Zeugen Jehovas“ biblisch unhaltbar ist, werden wir immer bestrebt sein, alle dieser Lehre Verfallenen von dem Irrtum ihres Weges zu überzeugen und diese von der „Wachtturmgesellschaft" zu lösen.

3.) Wir begrüßen alles, was von der Regierung der DDR zur Erhaltung des Friedens und zum Aufbau unternommen wird und werden dies, soweit es uns möglich ist unterstützen.

4.) Wir erklären uns weiterhin bereit, über alle Gespräche, die wir mit den Vertretern des Ministeriums für Staatssicherheit führen allen Personen gegenüber ohne Ausnahme strengstes Stillschweigen zu bewahren.

(Unterschrift Balzereit sen.)                                   (Unterschrift Balzereit jun.)

 


Dok. 7
Bericht über die Werbung eines Gl (Paul Balzereit sen.): unterschrieben: Seitmann - BStU Berlin,
MfS AIM. P 4230/59. Bd. I, Bl. 123

Berlin, den 25.2.1958

Um eine wirksame Zersetzung der „ZJ“ durchzuführen und diese von ihrer Leitung zu lösen, wurde Balzereit [sen.] angesprochen, um seine Meinung in Richtung der „ZJ“ und unseres Staates zu erfahren. Er war von Anfang an aufgeschlossen und beantwortete alle Fragen. Im weiteren Verlauf der Unterhaltung stellte sich heraus, daß er eine unbändige Wut au f die „ZJ“ hat, da sie ihn aus ihrer Sekte ausgeschlossen haben, trotzdem er einer der Leiter war.

Auf die Frage, ob er bereit ist, in Richtung gegen die "ZJ" mit uns dem MfS zusammenzuarbeiten, erklärte er sich schriftlich bereit. Von sich aus will er alles unternehmen, um die "ZJ" von der Falschheit ihres Glaubens zu überzeugen und sie zu seiner Sekte ziehen. Er erklärte sich weiter bereit, alle Anregungen und Aufträge unsererseits durchzuführen und im Interesse seiner Person mit keinem seiner Anhänger oder Bekannten über die Verbindung mit dem MfS zu sprechen.

Eine Telefonnummer wurde ihm nicht gegeben. Unterzeichneter ist unter dem Namen "Singer" bekannt. Die Werbung erfolgte als GI in Richtung Opposition gegen "ZJ". Der Kandidat erhielt den Desknamen "Paul".

 


Dok. 8
Bericht über die Werbung eines Gl (Paul Balzereit jun.); unterschrieben: Seitmann - BStU Berlin,
MfS AIM, P 2103/61. Bd. I, Bl. 24

Berlin, den 25.2.1958

Da geplant ist. durch den Aufbau einer Oppositionsgruppe die Zersetzung der „ZJ“ voranzutreiben, wurde Balzereit aufgesucht und angesprochen. In der Unterhaltung zeigte er sich sehr rege und aufgeschlossen und brachte seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, daß er es nicht verstehen kann, daß die „ZJ“ sich so gegen den Staat stellen, vor allem deshalb, weil dieses Verhalten nicht nur falsch, sondern auch unbiblisch sei. Er ist der Meinung, daß man diesen Personen helfen muß, von ihrem falschen Glauben loszukommen.

Auf die Frage, ob er bereit ist in dieser Richtung mit dem MfS zusammenzuarbeiten, ging er ohne Zögern ein. Er erklärte sich dazu schriftlich bereit. Auch ging er eine Schweigepflicht ein. mit niemandem von seiner Verbindung zu dem MfS zu sprechen.

Unterzeichner ist dem Gl unter dem Namen „Singer“ bekannt. Eine Telefonnummer wurde ihm nicht gegeben. Zur Wahrung der Konspiration wurde als Deckname „Max“ gewählt.

 


Dok. 14
Handschriftliche Einschätzung des Gl „Max“, Reg. Nr. 533/58; unterschrieben: Seitmann - BStU Berlin,
MfS AIM. P 2103/61, Bd. I. Bl. 50-51

Berlin, am 15.12.59

Am 25.2.58 wurde Gl „Max“ geworben und in Richtung der Zersetzung der „Zeugen Jehova[s]“ eingesetzt. „Max“ war langjähriger Anhänger der „ZJ" und Mitarbeiter der Zentrale der „ZJ“ in Magdeburg. Im Laufe der Zeit kam er in immer größere Widersprüche zur Organisation „ZJ“, so daß er sich schließlich davon trennte. Sein Vater (1959 verstorben) gründete eine eigene Sekte (Vereinigung freistehender Christen), der er sich anschloß und jetzt die Leitung derselben hat. Die Lehre dieser Sekte basiert auf der Grundlage der früheren Bibelforscher und steht im krassen Gegensatz zur Lehre der heutigen „Zeugen Jehova[s]“ . In der bisherigen Zusammenarbeit konnte festgestellt werden, daß er sich große Mühe gibt, um „ZJ“ von der Lehre abzubringen. Dies ist aber sehr schwer, da er als „Abtrünniger“ wenig Anklang hat und demzufolge eine lange Anlaufzeit braucht, um bei den „ZJ“ Eingang zu finden.

Im allgemeinen kann gesagt werden, daß er bemüht ist, alle Aufträge gewissenhaft zu erfüllen. Die Aufträge erstreckten sich nur auf die Arbeit gegen die ,.ZJ“, indem er Artikel au f biblischer Grundlage gegen die „ZJ“ verfaßte. Desweiteren veröffentlichte der Gl in seiner Zeitschrift „Nachdenkliches aus Leben und Christentum“ einen Artikel, den wir ihm übergaben, unter dem Titel „Der neue Götze“ . In seiner Art ist er unterwürfig und ist bestrebt, bei niemandem unangenehm aufzufallen.