Waldemar Hirch:
Erarbeitung einer "Dokumentation" über Jehovas Zeugen als MfS-Auftragswerk, in: Gabriele Yonan (Hg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000, S. 53-66.

 

Schlussfolgerung und Dokumentenauszug:

In dem vom Ministerium für Staatsicherheit erstellten Konzept zur Erarbeitung einer „Dokumentation“ über Zeugen Jehovas wird die Intention, das Ziel und die selbst gestellte Aufgabe deutlich, die das MfS sich für die „Zersetzung“ dieser Glaubensgemeinschaft stellte.
Auszüge aus MfS-Akten über die Buch-Konzeption zeigen, dass das Buch geschrieben wurde, um, einerseits einen unbequemen Gegner innerhalb der DDR auszuschalten, andererseits aber auch um internationale „Zersetzungsarbeit“ zu betreiben.
Die Dokumentation zeichnete sich durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, grob entstellte Tatsachenbehauptungen, sowie in Form von politischer Demagogie aus. Dem Leser sollte das Bild einer gefährlichen Geheimgesellschaft präsentiert werden.

Diese MfS-Dokumentation galt jahrelang als Standardwerk über Zeugen Jehovas und hat sogar Eingang in bekannte westdeutsche Lexika gefunden. Das Meinungsbild der Öffentlichkeit in Ost- und West wurde durch diese Desinformationspolitik des MfS über Zeugen Jehovas negativ manipuliert.
Besonders die Kirchen, aber auch ehemalige Zeugen Jehovas, die sich in sogenannten Anti-Kult-Gruppen zu einer Art Netzwerk zusammengeschlossen hatten, haben dieses Machwerk des MfS für ihre „Aufklärungsarbeit“ benutzt und dazu beigetragen ein Bild über diese Religionsgemeinschaft zu erzeugen, dass nicht der Realität entspricht. Bis zum heutigen Tage wird aus diesem Machwerk zitiert.

Umso wichtiger ist es die Entstehungsgeschichte dieser „Dokumentation“ gründlich zu beleuchten und zu hinterfragen.

 

Auszüge aus den MfS-Akten zur Konzeption dieses Buches. BStU Berlin, MFS HA XX/4, 932.

 

I . I Welchem Zweck dient das Buch?

  • Ansprechen der Zeugen Jehova[s] mit dem Ziel der Auseinandersetzung mit der WTG und Distanzierung von derselben bis zur Wendung zu einer positiven Haltung gegenüber unserer Gesellschaftsordnung.
  • Unterstützung der Oppositionsgruppen der Zeugen Jehova in ihrem Kampf gegen die WTG.
  • Psychologische Wirkung auf die WTG selbst.
  • Schulung und Information aller staatlichen Organe, wie Sicherheitsorgane, Justizbehörden (Richter, Staatsanwälte), aber auch der entsprechenden Stellen der NVA, weil das Buch speziell die Rolle der WTG in der psychologischen Kriegführung behandelt.
  • Information von Partei und gesellschaftlichen Organisationen und Unterstützung im ideologischen Kampf.

[...]

4. Praktische Nutzung des vorliegenden Buches

4.1 Da das Buch im Buchhandel käuflich zu erwerben ist, wird es jedem Zeugen Jehovas zugänglich. Der Anreiz zum Kauf des Buches soll durch oppositionelle Kreise der WTG. die mit den Zeugen noch Kontakt haben, unterstützt werden. Diese oppositionellen Kreise werden durch geeignete Flugzettel von dem Erscheinen des Buches informiert, so daß sie den Erwerb des Buches durch Vorbestellung beim Buchhandel sichern können. Damit soll die Arbeit mit dem Buch in den Kreisen der Zeugen Jehovas und jenen, die ihnen nachstehen, eingeleitet werden.

4.2 Darüber hinaus sind die wichtigsten öffentlichen Bibliotheken mit dem Buch auszustatten, so daß diejenigen Zeugen Jehovas, die an dem Buch interessiert sind, es aber nicht kaufen können, auf diesem Weg mit dem Inhalt vertraut werden.

4.3 Ein weiterer Teil der zu druckenden Auflage ist vor allem den Staatsorganen zuzuleiten, die das Buch als Standardwerk für ihre Arbeit benötigen. Dazu zählen die Justizorgane(Staatsanwälte, Richter, Strafvollzug), die Sicherheitsorgane (in Zentralen, Bezirks- und Kreisdienststellen), wozu auch bestimmte Dienststellen der NVA zählen, da die WTG ihre Anhänger zu Gegnern des Ehrendienstes erzieht und sie im Rahmen der psychologischen Kriegführung mißbraucht.

4.4 In diesem Zusammenhang sind ebenfalls die Bibliotheken der Haftanstalten und der Baubataillone mit dem Buch zu versehen.

4.5 Entsprechend der notwendigen ideologischen und politischen Auseinandersetzung mit den Zeugen Jehovas muß ein Teil der Auflage für den Apparat der Partei und anderer gesellschaftlicher Organisationen bereitgestellt werden.

4.6 Den entsprechenden Staatsorganen in den sozialistischen Bruderländern sind einige Exemplare zuzusenden, um ihnen bei der Arbeit mit den Zeugen Jehovas Unterstützung zu geben. Zu dem Buch erscheint vom Verlag eine Vorankündigung, die in den Buchhandlungen durch Einlagen in gerade gekaufte Bücher an das Publikum verteilt wird.

5. Entsprechend dem Verwendungszweck und der Wichtigkeit des Buches erscheint eine Auflage von 10.000 Stück gerade ausreichend.

6. Vorschläge für Verlage, die das Buch herausgeben könnten: Da das Buch einmal in seiner Art erstmalig ist und als Standardwerk zu gelten hat, zum anderen aber auch vorwiegend christliche Kreise anzusprechen sind, gewinnt die Wahl des Verlages, der das Buch herausbringt, besondere Bedeutung. Es muß ein Verlag sein, der seriös ist und der zugleich nicht an eine Partei gebunden ist. So scheinen folgende Verlage geeignet zu sein: VEB Karl Fischer-Verlag, Jena; Greifen-Verlag, Rudolstadt; Rütten & Loening, Berlin; Brockhaus-Verlag, Leipzig; unter Umständen auch der Verlag des Nationalrates, der Kongreß-Verlag.

7. Der Verfasser

Das Buch wurde von einem Autorenkollektiv unter Mitarbeit der zuständigen Genossen des MfS geschrieben. Die Autoren waren: Dieter Pape - als IM im Auswerteobjekt der HA XX/4 hauptamtlich eingesetzt; [...] [Anm. d. A.: Aus anderen Dokumenten geht hervor, daß der weitere Hauptverfasser dieses Buches der „IM Linde“ alias Ernst Bajanowski war; vgl. Dok. 2 vom 6. Oktober 1967]. Um die beiden IM durch das Auftreten als Autoren des Buches nicht zu dekonspirieren, muß ein solcher geeigneter IM als Verfasser in Erscheinung treten, der aufgrund seiner Vergangenheit und derzeitigen beruflichen Tätigkeit in der Lage ist. die in dem Buch veröffentlichten Dokumente zu erlangen.

Weiterhin muß dieser IM in der Lage sein, aufgrund seiner früheren Zugehörigkeit zur WTG, sich sachkundig mit Anfragen und Angriffen auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund wird vorgeschlagen, den IM [nicht ausgefüllt, d.A.], der nach seinem Bruch mit der WTG als freier Schriftsteller tätig ist, bei Rundfunk und Fernsehen mitarbeitet, als Autor in Erscheinung treten zu lassen .