Waldemar Hirch:

Instrumentalisierung der Kirchen durch das "christliche" MfS-Organ?, in: Gabriele Yonan (Hg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000, S. 198-230.

Schlußfolgerung zur evangelischen Kirche

Es kann konstatiert werden, daß Informationen, die in den Evangelischen Kirchen über Zeugen Jehovas ausgegeben wurden, zu einem großen Teil aus der Feder der „Christlichen Verantwortung“ stammten, einem Blatt, das unter Anleitung und Regie des Ministeriums für Staatssicherheit stand und das auch Teile der Kirchen in ihrem Kampf gegen die Zeugen Jehovas einspannen konnte. Zumindest ein Teil der Kirche - und hier sind im Besonderen die sogenannten Weltanschauungsbeauftragten der Kirche zu nennen - war auch schnell bereit, mitzumachen, da sie ohnehin schon seit Bestehen der Zeugen Jehovas gegen diese ankämpften. Wegen der Verfolgungsmaßnahmen des DDR-Staates gegen Zeugen Jehovas hatte man in der Kirche keinen Protest erhoben, der missionarische Eifer der Glaubensgemeinschaft stimmte die Kirche eher feindlich. Auch wenn durch die Arbeit in den Kirchen die Zeugen Jehovas selbst kaum erreicht wurden und keineswegs eine Abnahme ihrer Anhänger zu verzeichnen war, kann man doch davon ausgehen, daß durch die Verbreitung verschiedener falscher Aussagen die Vorurteile in der Bevölkerung und bei Kirchenmitgliedern gegen Zeugen Jehovas in erheblichen Maße zugenommen haben. Das MfS legte Wert darauf, auch in den Kirchen über Jehovas Zeugen zu informieren, da die Mitglieder in den Kirchen verständlicherweise bezüglich religiöser Themen eher ansprechbar waren. Man fürchtete den Missionseifer der Zeugen Jehovas, der vor Kirchenmitgliedern nicht haltmachte. Ein großer Teil der Kirchenmitglieder hatte spätestens in den 70/80er Jahren eine eher staatskonforme Haltung eingenommen bzw. war im Laufe der Jahre aus der Kirche ausgetreten. Diejenigen, die blieben, versuchten eher durch die Zusammenarbeit mit dem Staat etwas zu erreichen und sich mit der Staatsdoktrin des Sozialismus zu arrangieren. Man hatte sich im Sozialismus eingerichtet. Obwohl die Benachteiligung auch für Protestanten in der DDR nie vollständig abgenommen hatte, waren die Maßnahmen in den siebziger und achtziger Jahren längst nicht mehr mit denen der fünfziger und teilweise noch sechziger Jahren vergleichbar.

Die Zahl der evangelischen Kirchenmitgliedcr in der DDR war von 1946 bis 1989 erheblich gesunken. Hatte sie im Jahre 1946 noch bei 81,6 % gelegen, war die Anzahl bis zum Jahr 1964 auf 59,4 % zurückgegangen. Im Jahre 1989 betrug sie noch 19,4 %. Bei den Zeugen Jehovas war die Mitgliederzahl, die nie sehr hoch war, immerhin von durchschnittlich 12.815 im Jahre 1951 auf 20.874 im Jahre 1990 gestiegen. Wenn man bedenkt, daß zusätzlich besonders in den fünfziger Jahren ein kontinuierlicher Weggang gerade von besonders aktiven Mitgliedern in die BRD erfolgte, die entweder mit der ganzen Familie flüchteten oder nach Jahren der Gefängnishaft in den Westen abgeschoben wurden, ist der Erhalt bzw. die Zunahme doch erstaunlich.

Die Evangelische Kirche war für die Staatsorgane der DDR berechenbarer, eher bereit, sich im Laufe der Jahre in die staatliche Arbeit einbeziehen zu lassen und als Institution auch für den Kampf gegen die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas nutzbar. Jehovas Zeugen als typische Nonkonformisten wurden mit Hilfe von Teilen der Kirche noch stärker angegriffen, die Informationsarbeit über Zeugen Jehovas in den Kirchen war intensiviert worden, um zu verhindern, daß weitere Kirchenmitglieder als neue Anhänger von den Zeugen Jehovas gewonnen werden konnten. Dies ist zum Teil auch erreicht worden, weil man in der Evangelischen Kirche aufgrund eigener Interessen Verbündete im Kampf gegen Zeugen Jehovas gefunden hatte. Somit kann nur sehr bedingt von einer „Instrumentalisierung“ von Teilen der Kirche bei der Arbeit des MfS gegen Jehovas Zeugen gesprochen werden. Es klänge nicht plausibel, wenn man sagen würde, die Teilnehmer an dieser Auseinandersetzung in der Kirche hätten nicht wenigstens geahnt. wer der tatsächliche Drahtzieher bei der „Aufklärungsarbeit“ der „Christlichen Verantwortung“ gewesen sei. Man kooperierte auf diesem Gebiet, man nutzte CV als Quelle, es handelte sich also vielmehr um eine gegenseitige Instrumentalisierung. Man hatte schließlich im Kampf gegen Jehovas Zeugen ein gemeinsames Ziel: Die Dezimierung des Einflusses und der Anzahl der Zeugen Jehovas in der DDR.

Schlußfolgerung zur katholischen Kirche

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es einen Informationsaustausch zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit und der Katholischen Kirche gegeben hat. jedoch eher eingeschränkt und auf wenige Personen begrenzt. Daß CV vor einer größeren Anzahl von katholischen Pfarrern - wie in der Evangelischen Kirche geschehen - Referate gehaltenhätte, ist nicht bekannt. In der Katholischen Kirche hatte man eigene spezielle Informationsbüros, deren Intention - betrachtetet man gerade das Informationsbüro in Haisterkirch von G. Pape - sehr ähnlich der von CV war.

Im Arbeitsplan der Studiengruppe Gera für das Jahr 1988 hieß es deshalb auch über die Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche, daß hier „noch sehr wenig Kontakt“ bestehe. Bis auf die Tatsache, daß sich einige katholische Pfarrer an CV gewandt hätten, um Informationen zu erhalten, gebe es keinen offiziellen Kontakt. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen an katholischen Fakultäten war CV zwar bekannt, aber offensichtlich ließ man sich hierüber nur unzureichend vom „Katholischen Informationsbüro“ in Haisterkirch informieren.