Waldemar Hirch: Zusammenarbeit zwischen dem ostdeutschen und dem polnischen Geheimdienst zum Zweck der "Zersetzung", in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 84-95.

In diesem Aufsatz wird eine Aktion aus der Jahr 1960 dargestellt, in der das MfS dem polnischen Geheimdienst in unterstützender Funktion zur Seite stand. Die Organisation der Zeugen Jehovas in Polen sollte unterwandert und eliminiert werden. Hierzu wurde Dieter Pape, IM „Wilhelm“, nach Polen entsandt, um gewisse Disharmonieren innerhalb der Leitungsebene der Zeugen Jehovas zu nutzen um weitere „Zersetzungsmassnahmen“ durchzuführen. Die Erfahrungen, die Pape in Polen sammeln konnte, führten zu einer Reihe von Vorschlägen, die er an das MfS für die Arbeit in der DDR weitergab. Er kopierte die Methoden die bereits in Polen angewandt wurden, indem er den Vorschlag machte, auch in der DDR eine periodisch erscheinende Zeitschrift herauszugeben, in die man Aktenmaterial, Aussagen, Gespräche und Unterhaltungen von Zeugen Jehovas einbauen könnte. Diese solle man „entsprechend dem Ziel frei ergänzen“. Auch solle man noch weiter gehen als die „polnischen Genossen“, indem Widersprüche in den religiösen Lehren erörtert würden. Für diese Schrift brauche man auch keine Redaktion zu erfinden, wie es in Polen durch das fiktive Zwölfer-Komitee der Fall sei. Die Zeugen Jehovas würden ohnehin wissen, von welcher Seite eine solche Zeitschrift herausgegeben würde. Man könne zudem auch Exemplare an die Zweigbüros der WTG in der ganzen Welt schicken und dadurch einen internationalen Aufruhr entfachen. Ein Großteil der Vorschläge Papes wurde kurze Zeit darauf in der „Zersetzungsarbeit“ des MfS in der DDR umgesetzt.

Hatte die Aktion in Polen der Religionsgemeinschaft in Polen auch nicht auf Dauer schaden können, so hatte die polnische Geheimpolizei gemeinsam mit dem ostdeutschen Geheimdienst eine Aktion durchgeführt, die ihr wertvolle interne Informationen in die Hände spielte. Diese waren für ihre „Zersetzungsmaßnahmen“ in Polen hilfreich und wurden zudem im „Gegen-Wachtturm“ veröffentlicht. Wichtige Impulse für eine Reform der Missionstätigkeit in Polen wurden so zunächst verhindert, da die geschriebenen Briefe der loyalen, aber unzufriedenen Gruppe abgefangen worden waren und kein persönlicher Kontakt zu den westlichen Zentralen bestand, so dass Informationen nicht nach außen dringen konnten.

Da durch den zur damaligen Zeit durchgeführten Missionsdienst in Polen zu wenig auf die innere religiöse Substanz der neuen Gläubigen geachtet wurde, konnten viele, insbesondere neue Gläubige, durch die massiven, teils frei erfundenen und teils realen Vorwürfe gegen die Organisation der Zeugen Jehovas und einige ihrer führenden Männer, die im „Gegen-Wachtturm“ veröffentlicht wurden, aus der Bahn geworfen werden. Sie hörten auf, sich für die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas zu interessieren.

Somit kann hier durchaus von einem Teilerfolg der geheimpolizeilichen Arbeit gesprochen werden. Doch das Ziel, die Religionsgemeinschaft insgesamt zu eliminieren, konnte durch die weiterhin durchgeführten religiösen Aktivitäten der Religionsgemeinschaft insgesamt und durch den hohen persönlichen Einsatz von vielen einzelnen Gläubigen nie erreicht werden. Nach einer Phase der Reduktion von vermeintlichen oder tatsächlichen Gläubigen zeichnete sich etwa ab Mitte der 60er Jahre wieder ein gegenläufiger Trend ab. Die früher als in den anderen Ostblockländern einsetzende Liberalisierung in Polen, in Verbindung mit einer weiterhin sehr gläubigen Bevölkerung, spielte hierbei sicher auch eine nicht unbedeutende Rolle.