Die Haftzeiten in meiner Jugend waren meine Universitäten
Werner Geyer: Inhaftierung als Zeuge Jehovas in der ehemaligen DDR von 1952-1957; Lebensbericht.

„Die Haft hat meine Grundeinstellung und mein ganzes späteres Leben stark geprägt.“1

Diese Worte schrieb Werner Geyer im Jahre 1998, nachdem er viele Jahre zuvor aus der DDR geflüchtet war und die Berliner Mauer seit neun Jahren keine Relevanz mehr besaß. In diesem Zusammenhang äußerte er auch die oben angeführten Worte, frei nach dem russischen Schriftsteller Maxim Gorki (Alexej Maximowitsch Peschkow), die Haftzeiten seiner Jugend seien seine Universitäten gewesen.

Werner Geyer, geb. am 14. Mai 1933 in Leuben im Kreis Oschatz, zwischen Leipzig und Dresden gelegen, wurde im Alter von 15 Jahren als Zeuge Jehovas getauft. Wie kam es dazu?

 Werner Geyer erlernte zunächst nach seiner Schulentlassung das Handwerk des Ofensetzers. In den Jahren 1943 bis 1945 hatte er dem „Deutschen Jungvolk“ angehört, einer Unterorganisation der Hitler-Jugend für Jungen zwischen 10 und 14 Jahren.
Sein Bruder fiel im Herbst des Jahres 1944 als 15jähriger Luftwaffenhelfer. Durch den sinnlosen Tod seines Bruders und die schon bald erfolgte bedingungslose Kapitulation Deutschlands, beschloss die Familie, sich nie wieder an irgendwelchen Kriegshandlungen zu beteiligen. 1947 lernte seine Mutter und etwas später auch Werner selbst einige Zeugen Jehovas kennen, die als Kriegsdienstverweigerer Jahre ihres Lebens in Konzentrationslagern des III. Reiches verbracht hatten. Diese Menschen und ihre religiös motivierte Einstellung faszinierten ihn. Ihre Glaubenslehren überzeugten ihn. 1948 wurde er als Zeuge Jehovas getauft2 und begann als Prediger tätig zu werden. Zunächst wurde er von den Behörden nicht besonders beachtet. Dies änderte sich, als er 1952 zur Kasernierten Volkspolizei (KVP)3 geworben werden sollte. Die KVP war der militärische Vorläufer der Nationalen Volksarmee und hatte von Beginn an den Auftrag, die DDR nach außen hin militärisch zu sichern und nach innen zum Machterhalt der SED zu fungieren. Hier wollte sich Werner Geyer aufgrund seiner Einstellung zum Militärdienst nicht engagieren.

Zwei Wochen nach dem gescheiterten Anwerbungsversuch wurde er als 19jähriger junger Mann am 26. September 1952 in der Wohnung seiner Eltern verhaftet. Die Vernehmungen erfolgten durch Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit ( MfS ), die zugleich Ermittlungsbehörde/ Untersuchungsorgan für politische Straftaten war.
Nach den Vernehmungen wurde eine Charakteristik über Werner Geyer erstellt, in der er als „fanatischer Anhänger“ der Zeugen Jehovas eingeordnet wurde. Er habe sich nach 1945 keiner Partei oder Massenorganisation angeschlossen. „Seine Einstellung zur Deutschen Demokratischen Republik und zur Sowjetunion ist negativ“. Er beteilige sich in keiner Weise am „demokratischen Neuaufbau“ des Landes. Er nehme an keinen öffentlichen Versammlungen oder kulturellen Veranstaltungen teil

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1 Werner Geyer, „Kurzer Lebensbericht – Haftzeit bis heute“, 1998 (kein genaues Datum genannt), unveröffentlichtes Manuskript.
2 Die Taufansprache wurde noch von Friedrich Adler gehalten, einem Zeugen Jehovas der schon mehrere Jahre im KZ eingesperrt gewesen war und im Jahre 1950 von einem DDR-Gericht zu einer lebenslängliche Zuchthausstrafe wegen seiner Missionstätigkeit verurteilt wurde. Siehe: Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, S. 229, f. Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft (Hrsg.) Wiesbaden 1974.
3 Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952 - 1956 von Torsten Diedrich & Rüdiger Wenzke, Ch. Links Verlag; Auflage: 2., aktualisierte Auflage (23. Juni 2003)