Jehovas Zeugen in der Zeit des Nationalsozialismus

Weg in die Illegalität

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, am 30. Januar 1933, dachten die Zeugen Jehovas zunächst noch, daß zumindest die rechtsstaatliche Struktur in Deutschland erhalten bliebe. Sie sahen auch weiterhin nicht im Staat ihren wirklichen Gegner, sondern in den Großkirchen, die man beschuldigte, mit dem Staat zu eng zusammenzuarbeiten und sich für die Auflösung der Bibelforschergemeinschaft stark zu machen.31

Der Staat war auch weiterhin, nach ihrem Verständnis von Römer 13:1 32, eine Einrichtung, der man „Gehorsam“ schuldete. Wenn die Regierung jedoch von verschiedenen Seiten falsch über die Bibelforscher aufgeklärt würde, wäre es kein Wunder, wenn diese Regierung sich gegen Jehovas Zeugen wende. Vor diesem Hintergrund sah man zunächst die Verbote der eigenen Religionsgemeinschaft, die in verschieden Ländern ausgesprochen wurden. So wurden am 19. April 1933 durch den Staatskommissar für das Polizeiwesen in Hessen alle Versammlungen der Zeugen Jehovas und all ihre Tätigkeiten, insbesondere die Verteilung von Druckschriften, verboten.33 Bereits am 13. April 1933 war ein solches Verbot in Bayern ausgesprochen worden, am 18. April in Sachsen, am 26. April in Thüringen und am 15. Mai in Baden. Die anderen deutschen Länder folgten kurze Zeit später. In Württemberg dagegen kam es erst am 1. Februar 1934 zum Verbot.34 Als Grundlage galt die am 28. Februar 1933 erlassene sogenannte Reichstagsbrandverordnung, die hauptsächlich zur Unterdrückung politischer Unruhen gedacht war. Zu dieser Zeit war die Zahl der aktiven Gläubigen in Deutschland auf etwa 20.000 gestiegen.35 Die Zahl der Gedächtnismahlbesucher lag am 9. April 1933 bei 25.000.(36) Zwischen dem 21. und 24. August 1933 kam es in der Fabrikhalle der WTG

in Magdeburg zur Beschlagnahme sämtlicher Bücher und Bibeln mit einem Gesamtgewicht von etwa 65 Tonnen. Diese wurden auf 25 Lastwagen verfrachtet und am Stadtrand von Magdeburg verbrannt.37 Dennoch verfolgte der deutsche Zweig der WTG zunächst weiterhin den Verhandlungsweg. Man war bemüht, durch Aufklärung über die eigenen Ziele der neuen Regierung ein positives Bild zu vermitteln. Im Herbst 1934 schien sich diese Strategie sogar teilweise auszuzahlen. Am 13. September 1934 erging ein Erlaß des preußischen Innenministeriums, der besagte, daß „das Vermögen der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung einschließlich ihrer sämtlichen Organisationen freizugeben“ sei und daß „der Druck und der Vertrieb von Bibeln und sonstiger unbedenklicher Schriften“ nicht behindert werden dürfe. Aber dieser Erlaß sagte weiterhin, daß „jede weitere Betätigung der Ernsten Bibelforscher, wie die Lehr- und Versammlungsfreiheit sowie die Herstellung und der Vertrieb von Traktaten, Flugschriften, Werbezetteln usw., nach wie vor unterbleiben“ müsse.38 Zu diesem Zeitpunkt waren die Zeugen Jehovas als Gesamtheit nicht mehr bereit, ihre Verkündigung auf Dauer behindern zu lassen oder sogar einzustellen. Die Zentrale der WTG in Brooklyn beschloß für den 7. Oktober 1934, trotz des bestehenden Verbotes, das Predigtwerk organisiert wieder in Gang zu setzen und somit den Verhandlungsweg zu verlassen.
Am 7. Oktober sandte jede Versammlung der Zeugen Jehovas in Deutschland eine Erklärung an Regierungsvertreter des Reiches, die unter anderem aussagte:

Im vergangenen Jahr haben Sie im Widerspruch zu Gottes Gesetz und in Verletzung unserer Rechte uns verboten, uns als Zeugen Jehovas zu versammeln, um Gottes Wort zu erforschen, ihn anzubeten und ihm zu dienen. ... Es besteht ein direkter Widerspruch zwischen Ihrem Gesetz und Gottes Gesetz. Wir folgen dem Rat der treuen Apostel und müssen ‚Gott mehr gehorchen als den Menschen‘, und das werden wir auch tun.39

Zugleich wurden Tausende von Telegrammen von ausländischen Zeugen Jehovas an die Reichsregierung geschickt, um ihre Verbindung zu ihren deutschen Glaubensbrüdern zu demonstrieren. Der Text der Telegramme beinhaltete die Aussage:

Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Gott Sie und ihre nationale Partei vernichten.40

 

Ausdehnung der Verfolgungsaktionen des Staates

Der Staat reagierte mit Zwangsmaßnahmen und Verhaftungen. Am 23. Januar 1935 wurde vom Preußischen Innenministerium ein Runderlaß herausgegeben, der die Dienstentfernung von Jehovas Zeugen aus dem Staatsdienst und der privaten Industrie zur Folge hatte. Die Zusammenarbeit zwischen Arbeitsministerium, Justizministerium, Innenministerium und der Gestapo funktionierte und bedeutete die wirtschaftliche Entrechtung der Zeugen Jehovas.41 1936/37 kam es zu Massenverhaftungen von Zeugen Jehovas, in deren Verlauf zahlreiche ihrer führenden Personen festgenommen und verurteilt wurden. Schon in den Jahren zuvor waren Zeugen Jehovas wegen Nichteinhaltens der Predigt- und Literaturabgabe-Verbote vor die Sondergerichte gekommen und waren zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt worden.42 Sondergerichte galten als eine Form der politischen Schnelljustiz, die im Interesse des Staates die öffentliche Ordnung gewährleisten sollte.43 Hier ging es jedoch nur bedingt um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, sondern vielmehr darum, abweichende Haltungen durch Bestrafung zu unterbinden und zu disziplinieren. Der individuelle Ausschluß aus der „Volksgemeinschaft“, wegen Verweigerung der totalen Loyalität, sollte geahndet werden. Die völkische Zusammengehörigkeit sollte erzwungen werden, notfalls mit Gewalt. So lag die Begründung für die Einstufung der Zeugen Jehovas als „staatsfeindlich“ auch darin, daß sie den „Heil Hitler“-Gruß verweigerten und statt dessen „Guten Tag“ sagten.44 Die Gestapo Darmstadt45 leitete deshalb unter anderem folgende Anklagepunkte an das Sondergericht in Darmstadt weiter, die die „Staatsfeindlichkeit“ beweisen sollten:

Der Gruß ‚Heil Hitler‘ wird von den Bibelforschern abgelehnt, weil nach der Bibel ‚das Heil‘ allein von Jehova kommt. ... Der Eid auf den Führer wird von ihnen nicht geleistet. ... Da nach der Lehre der Bibelforscher alles, was Menschenantlitz hat, gleich ist, lehnen sie die Rassegesetzgebung des nationalsozialistischen Staates ab“.46

Ebenso lehnten sie ab, zur Wahl zur gehen.47 Die allumfassende Unterordnung, die der nationalsozialistische Staat verlangte, die die Zeugen Jehovas aber nicht zu leisten bereit waren, mußte zwangsläufig zu einer Konfrontation führen, deren Lösung für den
nationalsozialistischen Staat nur in der buchstäblichen Liquidierung der Zeugen Jehovas liegen konnte. Im Februar 1937 hatte der Darmstädter Landgerichtsdirektor Heckler, der zugleich Richter am Sondergericht Darmstadt war, über die Zeugen Jehovas geschrieben:

Bei dieser Hartnäckigkeit der Anschauungen kann es für den Staat nur daseine Mittel geben, die Schädlinge solange, als es geht, festzusetzen und während dieser Zeit unschädlich zu machen.48

Nach Verbüßung der Haftstrafe wurde der Gestapa-Erlaß vom 22. April 1937 angewandt, der besagte, daß nach Verbüßung der Haft alle Zeugen Jehovas, die sich weiterhin zu ihrem Glauben bekannten, grundsätzlich in Schutzhaft genommen werden sollten.49 Während der Schutzhaft wurde ihre Einweisung in ein Konzentrationslager vorbereitet und vollzogen. Ab diesem Jahr spielte das Strafmaß der Gerichte somit für die Verurteilten nur noch eine untergeordnete Rolle. Über diesen Erlaß wurden alle wichtigen Stellen informiert. So informierte beispielsweise die Gestapostelle in München das Polizeipräsidium, die Polizeidirektion, die Bezirksämter, die Stadtkommissare, die Kreisregierungen, die Oberbürgermeister und Bürgermeister, die Grenzkommissariate und Grenzdienststellen am 19. Mai 1937 50 Die Einlieferung der Zeugen Jehovas in die Konzentrationslager war somit auf relativ breiter Ebene bekannt. Durch diese staatlichen Maßnahmen ließen Jehovas Zeugen aber nicht von ihrer Missionstätigkeit ab. Sie organisierten immer wieder neue Aktionen. So wurde zum Beispiel am 20. Juni 1937 landesweit zwischen 12.00 Uhr und 13.00 Uhr ein „Offener Brief“ als doppelseitiges Flugblatt in der Auflage von 69.000 Stück heimlich an die Haushalte in Deutschland verteilt. In diesem „Offenen Brief“ wurden die unmenschlichen Verfolgungspraktiken und „die Inquisitionsmethoden“ der Gestapo sowie die Zustände in den Konzentrationslagern und Gefängnissen offen beschrieben.51 Man wollte den deutschen Bürgern begreiflich machen, was in Deutschland vor sich ging. Dies sorgte, besonders bei der Gestapo, die offenbar mit so viel Hartnäckigkeit nicht gerechnet hatte, für großen Aufruhr und für verstärkte Maßnahmen, die Zeugen Jehovas und ihr Missionswerk endgültig zu beseitigen. Durch eine weitere große Verhaftungswelle im Herbst 1937 konnte die Gestapo die organisierte Tätigkeit der Zeugen Jehovas auch weitgehend zum Erliegen bringen. Dennoch war es den Zeugen Jehovas möglich, Literatur nach Deutschland zu schmuggeln und zumindest die eigenen Leute teilweise zu versorgen. Einige Literatur wurde sogar in die Konzentrationslager hineingebracht.52

 

Verweigerung des Wehrdienstes

Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935 hatte sich die Situation zusätzlich verschärft. Die Gestapo in Darmstadt schrieb 1936 in einer Anklageschrift gegen Zeugen Jehovas:

Da in der Bibel steht: ‚Du sollst nicht töten‘, lehnen die Bibelforscher jeden Wehrdienst ab, leisten der Aufforderung zur Musterung keine Folge und versuchen, andere Wehrpflichtige zur Verweigerung des Wehrdienstes zu veranlassen. Es sind sogar Fälle bekannt, in denen sie sich weigerten, am Bau von Kasernen mitzuarbeiten, da diese dazu bestimmt seien, Soldaten Unterkunft zu geben und diese Soldaten später einmal gegen den Feind kämpfen und also töten müßten53. War diese Haltung zum Wehrdienst schon vor dem Krieg nicht ungefährlich, wurde dies seit Kriegsbeginn zu einer echten Herausforderung an die religiöse Überzeugung, da jetzt auf die Verweigerung des Wehrdienstes die Todesstrafe stand.54 Der erste zum Tode verurteilte Kriegsdienstverweigerer war ein Zeuge Jehovas. Der neununddreißigjährige August Dickmann aus Dinslaken wurde am 15. September 1939 von einem Erschießungskommando im Konzentrationslager Sachsenhausen hingerichtet.55 Im Laufe des Krieges wurden etwa 250 Zeugen Jehovas wegen Kriegsdienstverweigerung bzw. Wehrkraftzersetzung mit dem Tod bestraft.56 Die Zeugen Jehovas waren die einzige religiöse Gruppe, „welche während der NS-Zeit die Kriegsdienstverweigerung propagierte und praktizierte“.57

 

Ausmaß der Verfolgung

Insgesamt waren etwa 10.000 Zeugen Jehovas von den Verfolgungsmaßnahmen betroffen, somit etwa die Hälfte der deutschen Zeugen Jehovas insgesamt. Inhaftiert waren etwa 6.000 Personen, davon kamen 2.000 in Konzentrationslager. Etwa 1.500 Zeugen Jehovas wurden von den Nationalsozialisten auf die eine oder andere Weise ermordet.58 Weitere Tausende hatten durch Wegnahme ihrer Kinder, Verlust des Arbeitsplatzes, Streichung der Rentenzahlungen und andere Verfolgungsmaßnahmen unter dem Regime zu leiden. Insgesamt verloren 1.687 Zeugen Jehovas ihre Arbeitsstelle, 284 wurde ihr Geschäft enteignet, 457 erhielten Berufsverbot, 735 verloren ihre Wohnung, 826 Rentnern wurde die Rentenzahlung entzogen und, was besonders perfide und für ein solches System symptomatisch war, 860 Kinder wurden ihren Elternentzogen, da diese ihre Kinder nicht im nationalsozialistischen Geist erziehen würden.59

Jehovas Zeugen haben für ihre religiöse Überzeugung und das Handeln nach ihrem Gewissen einen hohen Preis bezahlt. Der überwiegende Teil hat dennoch seine Überzeugung und seinen Glauben bewahrt.

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31 Am 20. April 1933 hatte der evangelische Pfarrer Otto in einer Rundfunkansprache zum Geburtstag Hitlers erklärt: „Die Evangelische Deutsche Kirche des Staates Sachsen hat sich bewußt auf den Boden der neugeschaffenen Tatsachen gestellt und wird in engster Zusammenarbeit mit den politischen Führern unseres Volkes versuchen, in dem Volksganzen nun aufs neue die Kräfte des alten Evangeliums von Jesus Christus zugänglich zu machen.
Als ersten Erfolg bei dieser Zusammenarbeit dürfen wir verbuchen, daß am heutigen Tag für das Gebiet Sachsen die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher und ihre Unterorganisationen verboten worden sind. Ja, welch eine Wendung durch Gottes Führung! Bis hierher hat uns Gott geholfen.“ Zeitung: Oschatzer Gemeinnützige vom 21. April 1933. Siehe hierzu auch das Thema „Einvernehmen zwischen Staat und Kirchen“ in : Detlef Garbe, Zwischen Widerstand, a. a. O., S. 96 ff.

32 Vgl. Kapitel in vorliegender Arbeit: Staats- und Neutralitätsverständnis der ZJ.

33 Das Verbot zur Verbreitung religiöser Literatur durch Zeugen Jehovas wurde ab dem 30. Januar 1936 auch auf die Verbreitung von Bibeln ausgeweitet. Man wollte verhindern, daß Jehovas Zeugen überhaupt religiöse Gespräche führen. Dies war in Verbindung mit der Verbreitung der Bibeln möglich. Vom preußischen Innenministerium war am 30.1.1936 ein Rundschreiben an die Landesregierungen ergangen, in dem es auszugsweise hieß:
Ich ersuche, in Zukunft gegen den Vertrieb von Bibeln, sowie von anderen an sich einwandfreien religiösen Schriften durch frühere Mitglieder der verbotenen Internationalen Bibelforscher- Vereinigung polizeilich vorzugehen.“ „Runderlaß des Reichs- und Preußischen Innenministeriums, Berlin, 30. Januar 1936, betr: Verbot des Vertriebs von Bibeln“, abgedruckt aus: Sybil Milton, Die Zeugen Jehovas und die historische Dokumentation, S. 160-176, hier 161, in: Hans Hesse, (Hrsg.), „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, Bremen 1998.

35 Das Jahrbuch 1974 der Zeugen Jehovas führt an, daß im Jahr 1932 die Zahl der Gedächtnismahlbesucher in Deutschland bei 14.453 lag und das sich im selben Jahr 12.484 am besonderen Missionswerk beteiligten. Die genaue Zahl der Gläubigen, die an der Missionswoche vom 8.- 16. April 1933 teilnahmen, lag bei 19.268 Personen und war somit sprunghaft gestiegen. Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, a. a. O., S. 110 f.

42 So wird in einem Verfahren gegen den Zeugen Jehovas Johannes Degen aus Lorsch berichtet, daß er bereits „vom 30.8.33-26.9.1933 wegen staatsfeindlichen Verhaltens im Konzentrationslager in Osthofen war“. Akten aus: Staatsarchiv Darmstadt, G 27/574, Geheimes Staatspolizeiamt Darmstadt, vom 15. Oktober 1936, „Strafsache gegen den Steinhauer Adam Heim aus Zwingenberg und andere wegen Vergehens gegen die Verordnung vom 28. 2. 1933“. Derselbe Angeklagte erhielt bereits im März 1935 eine vierwöchige Haftstrafe. Bei seiner dritten Verurteilung war er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Anschließend wurde er in ein Konzentrationslager überwiesen. Urteil vom 30. November 1936. Insgesamt wurden bei diesem Prozeß 17 Bibelforscher angeklagt. In der Begründung der Strafsache heißt es:
Die Internationale Bibelforschervereinigung, in Wirklichkeit nur eine religiös getarnte jüdisch-kommunistische Vereinigung, will über den Weg der Zertrümmerung des Christentums das jüdische Weltreich und den jüdischen Missionsgedanken unter dem Deckmantel religiöser Verheißungen und Prophezeiungen verwirklichen.“ Ebd.
Ein ähnlicher Fall wird im Aufsatz „Aus der Vergessenheit geholt: Der Fall Hans Gärtner“ geschildert. Gärtner wurde nach zwei verbüßten Verurteilungen (17. Juni 1935 zu einem Monat Haft, am 13. August 1936 zu 6 Monaten Haft) am 14. Juni 1937 in SA-Schutzhaft genommen und in das Konzentrationslager Dachau überführt. Hier starb er am 26. April 1940 im Alter von 33 Jahren. Angela Nerlich/Wolfram Slupina, Aus der Vergessenheit geholt: Der Fall Hans Gärtner, in: Hans Hesse (Hrsg.): „Am mutigsten waren immer...“, a. a. O., S. 177-241.

43 Vor das Sondergericht Darmstadt waren, (soweit es sich überhaupt noch rekonstruieren läßt, da 1944 bei einer Brandnacht in Darmstadt eine nicht genau verifizierbare Anzahl Akten verbrannt worden sind) 102 Zeugen Jehovas gekommen. W. Hirch: Untersuchung der NS-Sondergerichtsbarkeit anhand der Heimtückefälle im Raum Darmstadt, Magisterarbeit, Darmstadt, 1988. Rekonstruktion für die Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ in Darmstadt vom 18.- 23. Mai 1998.
Vor dem Freiberger Sondergericht in Sachsen wird von einer wesentlich höheren Zahl von Bibelforschern vor dem Sondergericht gesprochen. Allein im Jahre 1935 wurde gegen 178 Bibelforschern ein Gerichtsverfahren eröffnet, das waren 21% sämtlicher vor diesem Gericht geführten Prozesse dieses Jahres. Manfred Zeidler, Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, Vortrag über „Die NS-Justiz und die Zeugen Jehovas - am Beispiel des Sondergerichts Freiberg von 1933 bis 1940, gehalten am 16.12.1997 zur Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung -Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“.

44 Vgl. Franz Zürcher, Kreuzzug gegen das Christentum, Europa-Verlag, Zürich/New York 1938. Zürcher beschreibt die Folgen, die das Nichtbeachten des Grußzwangs nach sich ziehen konnte. Das Arbeitsgericht Osnabrück z. B. hatte am 30. Juli 1935 geurteilt, daß derjenige, der den Gruß nicht leistete, wegen „beharrlicher Verweigerung der nach dem Arbeitsvertrag obliegenden Pflichten“ zu entlassen sei. Ebd., S. 88. Ein weiterer Fall:
Weil ich mich dieses Grußes nicht bediente, wurde ich nach 25jähriger treuer Dienstzeit als Krankenpfleger fristlos entlassen.“ Oder: „Weil ich in meiner Dienststelle den Hitlergruß verweigerte und sonstige politische Forderungen nicht zu erfüllen bereit war, wurde ich in Schutzhaft genommen, aus meiner Dienststelle, in der ich 23 Jahre tätig war, fristlos und ohne irgendwelche Entschädigung entlassen und ins Konzentrationlager gebracht.“ Ebd., S. 88 f.

45 Vgl. Michael Stolle, „Betrifft: Ernste Bibelforscher“ Zeugen Jehovas im Visier der badischen Gestapo, in: Hubert Roser (Hrsg.) Widerstand als Bekenntnis. Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg, UVK Universitätsverlag Konstanz 1999.

47 Welche besonderen Probleme es schon in der Anfangszeit mit der Wahlverweigerung nach sich zog, beschreibt der Zeitzeuge Martin Seifert: „Sechsmal erschien die SA in unserem Hause, um uns zur Wahl zu bewegen, jedoch vergebens. Den nächsten Tag bestellte sie mich in die Geschäftsstelle der NSDAP. Dort kam es zu meinem ersten Zusammenstoß mit den Nazis. Ich verteidigte mich mit der Bibel. Der Ortsgruppenleiter schätzte mich als einen Idealisten ein, anders ein Unterführer, der ausfallend wurde. Als ich mich dagegen verwahrte, brüllte er los: ‚Ich hau Dir ein paar in die Fresse, daß Du hinter den Ofen fliegst. Dich Burschen müßte ich im KZ unter meine Finger haben.‘ Später erschien auch Bruder Schubert. Wieder wurde dieser gräßliche Mensch gemein. ‚Was machen wir nun mit euch‘, sprach er, ‚am besten wir schaffen euch in eine Irrenanstalt und hauen euch jeden Tag mit dem Gummiknüppel durch, da werdet ihr schon gescheit werden.‘ Schließlich konnte ich wieder nach Hause gehen. Br. Sch. dagegen nahm man und stellte ihn auf einen bereitstehenden Tafelwagen, welchen zwei Pferde zogen. Rings um den Wagen saß die SA mit brennenden Fackeln. Vor dem Gefährt lief ein Ausschreier her und um den Wagen eine große Kinderschar. Nun ging es los: Zuerst trat der Trompeter in Aktion, um die Menschen aufmerksam zu machen. Dann rief der Ausschreier: ‚Was ist der, der nicht gewählt hat.‘ Die instruierte Kinderschar antwortete: ‚Ein Lump, ein Vaterlandsverräter!‘ Wieder brüllte der Schreier: ‚Wo gehört der hin?‘ Die Kinder riefen.: ‚Nach Colditz, ins Konzentrationslager!‘So ging die Fahrt durch die ganze Stadt. ... Am nächsten Tag sollten meine zwei Schwestern und ich an die Reihe kommen, aber die Stadt war so empört, daß die Nazis es aufgeben mußten. ... Dafür versuchte die SA noch, mich in eine Irrenanstalt zu bringen. Ich wurde zum Kreisarzt bestellt, der mich fragte, ob ich Symptome eines Geisteskranken hätte. Als ich ihn aufklärte über das Vorgefallene - er war den vorhergehenden Tag abwesend gewesen - ließ er mich, genauso betroffen wie die anderen Leute, wieder gehen.“ Bericht von Martin Hermann Seyfert, geb. am 18.9.1902. Kopien des Berichts im Besitz des Verfassers.

48 Staatsarchiv Darmstadt, G 24/1345, „Äußerung des Herrn Vorsitzenden des Sondergerichts Darmstadt über ‚Die Internationale Bibelforschervereinigung‘ “ vom 26. Februar 1937.
51 Franz Zürcher, Kreuzzug gegen das Christentum, a. a. O., S. 194. Siehe auch die Filmdokumentation: Fürchtet euch nicht. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime. Hergestellt von Stefanie Krug und Fritz Poppenberg. Drei-Linden- Media Filmgesellschaft Berlin. Unterstützt von United States Holocaust Memorial Museum. Gefördert von der Kulturellen Filmförderung in Niedersachsen.

57 „Jehovas Zeugen verweigern sich Hitlers Kriegen 1939-1945“, Rede von Priv.-Doz. Dr. Wolfram Wette, Universität Freiburg, anläßlich der Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ vom 25. April 1998 in Freiburg i.Br. Wie Wette ausführte, gab es dagegen in den Kirchen lediglich 12 katholische und 4 protestantische Verweigerer. Diese hätten auch keinen Rückhalt in ihren Kirchen gehabt.Zum Thema Kriegsdienstverweigerung durch Zeugen Jehovas siehe auch: Antje Zeiger, Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Sachsenhausen, in: Hans Hesse (Hrsg.), „Am mutigsten waren immer“, a. a. O., S. 76-101, hier S. 76 ff.

59 Jahrbuch der ZJ 1974, a. a. O., S. 212. Vgl. Detlef Garbe, Zwischen Widerstand, a. a. O., S. 194ff, „Sorgerechtsentziehungen“ Nach Garbe lassen sich in der Beurteilung der Verfolgung der Zeugen Jehovas fünf besondere Kriterien herauskristallisieren:„

  1. Die Zeugen Jehovas zählen zu den ersten Vefolgtengruppen.
  2. Keine andere Religionsgemeinschaft hat mit einer vergleichbaren Geschlossenheit und Unbeugsamkeit dem nationalsozialistischen Anpassungsdruck widerstanden.
  3. In den Konzentrationslagern, in denen die Zeugen Jehovas in den Vorkriegsjahren fünf bis zehn Prozent aller Häftlinge stellten - in einzelnen KZs (Fuhlsbüttel, Lichtenburg, Moringen) stellten sie sogar zeitweilig die stärkste Häftlingsgruppe - bildeten sie als einzige Weltanschauungsgemeinschaft eine eigene Häftlingskategorie, die gesondert mit dem ‚lila Winkel‘ gekennzeichnet war. Dies deutet auf ihre in vielerlei Hinsicht besondere Stellung innerhalb der KZ-Lagerordnung hin.
  4. Unter den im Zweiten Weltkrieg wehrmachtgerichtlich abgeurteilten Kriegsdienstverweigerern stellten sie mit Abstand die größte Zahl.
  5. Sie wurden von allen religiös-weltanschaulichen Gruppen - nach den Angehörigen des jüdischen Glaubens - am härtesten vom NS-Regime verfolgt.

Detlef Garbe, Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im nationalsozialistischen Deutschland - Ein Überblick, in: Widerstand aus christlicher Überzeugung, Dokumentation einer Tagung, S. 24, Kreismuseum Wewelsburg, Fritz Bauer Institut, Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Essen 1998.