Die Online-Version enthält nur eine Auswahl von Fußnoten.)

[Seite 228 (in der gedruckten Ausgabe )]

Exkurs: "Ich war Zeuge Jehovas", VEB Deutscher Zentralverlag, Berlin 1961. Autor: Günther Pape?

Im Jahre 1961 war in beiden deutschen Staaten das Buch "Ich war Zeuge Jehovas" erschienen. Als Autor trat in der BRD, wie auch in der DDR, Günther [Günter] Pape auf; sein Bruder, Dieter Pape, wurde lediglich als Bearbeiter und Gestalter des Buches in der DDR bezeichnet. Ein Vergleich der zwei Ausgaben des Buches zeigt jedoch schnell, daß lediglich im ersten Kapitel der beiden Publikationen eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden ist. Die weiteren Kapitel differieren so weit, daß man von zwei verschiedenen Büchern sprechen muß. Der Inhalt zeigt, daß ein und dasselbe Thema von zwei verschiedenen Autoren behandelt wurde. In einem Bericht über ein Treffen D. [Dieter] Papes mit seinem Führungsoffizier, Unterleutnant Kuschel, hieß es entlarvend:

"Da er [Dieter Pape] das korrigierte Manuskript seines Buches ´Ich war Zeuge Jehovas´ vom Verlag erhalten hatte, bat er um einen Vergleich mit den von ihm ausgearbeiteten und vom MfS verschickten Schriften."1

[Seite 229 (in der gedruckten Ausgabe )]

In einem weiteren Bericht hieß es über die Arbeit Dieter Papes:
"Er hat über sein nun endlich erschienenes Buch über die ZJ einen intensiven Briefverkehr begonnen, vor allem mit seinem Bruder. Dieser Schriftwechsel gab uns Einblicke in die katholische Zersetzungsarbeit gegen die ZJ.

Das in der DDR erschienene Buch „Ich war Zeuge Jehovas“ wurde nicht von Günther Pape, sondern von seinem Bruder Dieter Pape geschrieben. Lediglich das Gerüst des Buches ist von D. [Dieter] Pape verwendet worden. Dieter Pape war somit ebenfalls eigenständiger Autor, sollte jedoch nicht als Autor auftreten, ganz offenbar, um seine intensive Verbindung zum MfS [Ministerium für Staatssicherheit, "Stasi"] nicht herauszustellen. Im Jahre 1961 war es auch gar nicht möglich, die Erlaubnis zu einer Buchveröffentlichung über ein solches Thema als DDR-Autor zu erhalten, ohne mit dem MfS zu kollaborieren. D. [Dieter] Pape hatte die Möglichkeit, sämtliche verbotene Literatur der Zeugen Jehovas in der DDR einzusehen und diese in sein Buch einzuarbeiten.

Die Zusammenarbeit mit dem MfS mußte zudem unentdeckt bleiben, da keinerlei Rückschlüsse auf eine eventuelle Verbindung zwischen MfS und katholischer Kirche über die Personalunion der Pape-Brüder gezogen werden sollten. Dass allerdings eine Zusammenarbeit der beiden Brüder gegen Jehovas Zeugen seit Jahren intensiv praktiziert wurde ist nur zu offensichtlich.2 Das Buch von G. [Günther] Pape erhielt erst am 23. August 1961 die kirchliche Druckerlaubnis in der BRD und erschien im selben Jahr beim Verlag Winfried-Werk in Augsburg (in weiteren Ausgaben im katholischen Pattloch-Verlag, Augsburg). Aber schon am 12. Mai 1960 hatte Müller davon gesprochen, daß er gehört habe, daß Dieter Pape "eine größere Abhandlung in Buchform gegen die ´ZJ´ ´Ich war Zeuge Jehovas´ mit staatlicher Einwilligung der DDR-Regierung“ veröffentlichen wolle und daß er, Müller, die Aussagen dieses Buches gern in seinen Briefen verwenden würde.

[Seite 230 (in der gedruckten Ausgabe )]

Beim Treffen mit Teichmann am 16. August 1961 wurde D. [Dieter] Papes Buch ebenfalls erwähnt. Müller hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits gelesen und urteilte darüber, daß es gerade auf den letzten Seiten "sehr weltlich gehalten" sei. Das Buch von Günther Pape erhielt Müller erst im Juli 1962 von G. [Günther] Pape zugeschickt und urteilte darüber, daß es "bedeutend besser als das Buch seines Bruders sei". Nur das Abschlußkapitel des Buches von G. [Günther] Pape "Auf dem Weg zur Kirche" wirke "auf JZ abstoßend, so daß von vornherein dieses Buch abgelehnt wird". Dieter Pape hätte ihm aber erklärt, dieses Kapitel hätte sein Bruder schreiben müssen, da die Finanzierung dieses Buches von den Jesuiten übernommen wurde, und um die Druckgenehmigung zu erhalten, hätte sein Bruder dieses Kapitel einbauen müssen. Nachdem die aufgelegten Bücher vergriffen waren, hätte Günther Pape diesen Schritt zurück in die Kirche zunächst aber doch nicht getan.3

D. [Dieter] Pape war ein wichtiger Faktor in der MfS-"Zersetzungsarbeit". Nicht umsonst erhielt D. Pape bereits im Jahre 1960 ein Gehalt von 800,00 Mark monatlich ausbezahlt.4 Seine Frau, die zwar offiziell auf der Gehaltsliste des MdI [Ministerium des Innern] stand, wurde ebenfalls vom MfS mit 450,00 Mark besoldet. Diese Gehälter wurden nur bei besonderen Leistungen gezahlt. Einige Jahre später sollte ein weiteres, hauptsächlich von D. [Dieter] Pape geschriebenes Buch veröffentlicht werden. Auch hier sollte D. Pape im verborgenen bleiben.5

Die Autorenschaft des 1961 im ostdeutschen Zentralverlag erschienenen Buches war somit eine weitere Täuschung und Teil der kontinuierlich betriebenen Zersetzungsarbeit [gegen Jehovas Zeugen] in Ost und West.

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1 BStU Berlin, A-185/85, Bl. 69, Bericht von Kuschel über Treff mit D. Pape vom 14.1.1961. Mit diesen vom MfS verschickten Schriften waren Vorwürfe wegen angeblicher Gestapokollaboration des Leiters des deutschen Zweiges der WTG von 1945-1955, Erich Frost, gemeint. Diese wurden von D. Pape ausgearbeitet und vom MfS von Westberlin aus an die WTG geschickt. Vgl. W. Hirch, Operativer Vorgang "Winter". "Zersetzungsmaßnahmen" des Ministeriums für Staatssicherheit gegen den Zweigdiener der Zeugen Jehovas, Erich Frost, verbunden mit einem Mißbrauch westdeutscher Medien, in: Kirchliche Zeitgeschichte (KGZ), Internationale Halbjahresschrift für Theologie und Geschichtswissenschaft, 1/1999, S. 225-239.
2 Es wird sehr deutlich, dass Günther Pape über die Kollaboration seines Bruders Bescheid wusste. Schließlich hatte er auch schon Bekanntschaft mit dem MfS gemacht und wußte, dass ohne das MfS keine Zersetzungarbeit gegen Jehovas Zeugen möglich war. Vgl. A. Gursky, Zwischen Aufklärung und Zersetzung..., S. 89. Hier wird davon berichtet, daß, laut G. Pape, er nur "knapp einem Entführungs- und Erpressungsversuch" durch das MfS entgehen konnte.
3 G. Pape konvertierte erst 1963 zur katholischen Kirche. Vgl. Gerhard Besier, „Kreuzzug als Familienunternehmen. Bekehrung in der DDR: Wie die Papes über die Zeugen Jehovas aufklären“, „Die Welt“, Ausgabe vom 26.1.1999, S. 13.
4 BStU Berlin, A-185/85, Bl. 79, Einschätzung und Arbeit des GI „Wilhelm“ vom 16.9.1961. BStU Berlin, MfS 16935/60, „Institut Wandlitz“ Bd. I, Bl. 78 vom 20.11.1975.
5 Siehe hier Kapitel IV. 3. 6.: „Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft“. Entstehungsgeschichte eines speziell für die „Zersetzungsarbeit“ geschriebenen Buches.