[Seite 267 in der gedruckten Ausgabe)]

Aufbau eines internationalen Netzwerks unter Müller

Schon sehr früh hatte Müller Kontakt zum Ausland aufgenommen, um mit Oppositionsgruppen aus andereren Ländern, einschließlich der BRD, zusammenzuarbeiten und einen Informationsaustausch zu betreiben. Im Treffbericht vom 12. Mai 1960 hieß es, daß von den "Westschreiben" Antwort eingetroffen sei. Von einem "Bruderdienst" aus Duisburg mit Namen "Zurück zu Christus" sei Antwort gekommen. Sie würden die gegenseitige Informationsvermittlung begrüßen. Sie hätten "kaum etwas" Beweismaterial gegen die Gesellschaft der Zeugen JehovaS. Aber man könne sich ja austauschen, sollte dies umgekehrt der Fall sein. Sie erwähnten auch den Namen Dieter Pape, zu dem Müller doch Kontakt aufnehmen solle. Pape hätte sie auch schon kontaktiert. Dieser sei früher ein Zeuge Jehovas gewesen, sein Bruder sogar ehemaliger Missionar.712

Von den "konkurrierenden" Religionsgemeinschaften aus dem Westen wurde Müller sehr schnell mit Informationen über veröffentlichte Bücher und Traktate gegen Jehovas Zeugen versorgt. Offenbar wollte niemand danach fragen, wie es Müller möglich war, in der DDR diese Art der Tätigkeit zu entfalten. Von Pape erfuhr Müller von der "Tagesanbruch Bibelstudienvereinigung" in Freiburg, von einem "Bruderdienst" aus Königslutter bei Braunschweig und von einem Herrn Goodrich aus Florida.713 Zu all diesen - und zusätzlich zu einem Herrn Stark, einem ehemaligen Zeugen Jehovas aus den USA - nahm Müller Kontakt auf, da die Verbindungen nach Westdeutschland und in die USA bei "der Zersetzung von großer Bedeutung" wären.714 Dieser Austausch war durchaus wechselseitig. Müller schickte seine Briefe in die USA "und erhielt die Antwort, daß diese Schriften gut waren und dort mit als Aufklärungsschriften

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verwendet werden".715 Zwar war Müller an Informationen aus dem Ausland interessiert; er wollte jedoch nicht dazu gebraucht werden, die Schriften anderer Gemeinschaften gegen Jehovas Zeugen in der DDR zu verbreiten. Im Oktober 1961 hatte er vom "Bruderdienst" aus Königslutter etwa 200 Exemplare einer theologischen Streitschrift "Licht auf die Endzeit" erhalten. Er sandte sie mit der knappen Begründung an den Adressaten zurück, daß er diese nicht verwenden könne.716 Nicht, daß er die Argumente nicht in seine Schriften einfügte, doch sollte dies nicht offensichtlich sein.

Im "Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit" des MfS vom 10. Februar 1962 war bereits festgelegt worden, daß neben "administrativen Maßnahmen" und neben den schon bestehenden "Zersetzungsaktionen" grundsätzlich eine "Weckung, Stärkung und Aktivierung aller Oppositionspersonen und Oppositionsgruppen" gegen die Zeugen Jehovas erfolgen müsse.717 Sowohl das Inland als auch das sozialistische und "imperialistische" Ausland sollten hier nach Oppositionskräften durchforstet werden, um von ihnen zu profitieren und diese von eigenen Erkenntnissen profitieren zu lassen. Es ging hier nicht nur um ehemalige Zeugen JehovaS. Es sollten auch sämtliche Aktivitäten sowohl der evangelischen als auch der katholischen Kirche aufgespürt werden. Sämtliche "Anti-ZJ-Aktivität in Presse und Literatur" galt es zu durchforsten.718

Von der Glaubensgemeinschaft "Herold seines Kommens" aus Frankfurt/M. war Müller Unterstützung zugesagt worden, "weil die Lehren der Zeugen nicht mit der Bibel in Einklang zu bringen" seien.719 Von ihnen erhielt er die Adresse des Amerikaners, William J. Schnell, mitgeteilt, der in den USA gegen die Zeugen Jehovas

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schrieb. Gleichzeitig hatte Müller noch das Buch Schnells von ihnen geschickt bekommen, das zwischenzeitlich in Deutsch erschienen war.720 Diesen Schnell schrieb Müller auch sogleich in Deutsch an, was problemlos möglich war, da Schnell Deutschamerikaner war und Deutsch lesen konnte. Von ihm bekam er auch umgehend Antwort. Schnell hatte bereits ein weiteres Buch herausgegeben, das 1960 nur in Englisch vorlag. Teichmann erteilte Müller sogleich den Auftrag, an Schnell zu schreiben und dieses Buch anzufordern sowie im ständigen Briefkontakt zu bleiben, "um später laufend Material zu erhalten".721 Die Übersetzung aus dem Englischen machte dem MfS keine Schwierigkeiten. Ein Aktenvermerk sagt, daß die aus den USA an "Rolf" geschickten Veröffentlichungen von einem "GI ´Linde´ KD Pößneck ins Deutsche übersetzt" wurden.722 Schnell hatte in den USA eine "Christliche Mission für Zeugen Jehovas" gegründet und beurteilte die Briefkorrespondenz mit Müller als sehr interessant und veröffentlichte in den USA sofort verschiedene "Enthüllungen" MüllerS. So hieß es in einem Treffbericht vom 21. Juli 1966, daß Müller in einem Brief von William Schnell, mit dem er bis zu seinem Ausscheiden aus dem MfS in regem Briefkontakt blieb, über Vorgänge in Brooklyn informiert wurde und diesen im Gegenzug über "Enthüllungen" in Deutschland unterrichtete. Müller berichtete seinem Führungsoffizier, daß Schnell bemüht sei, die ihm zugegangenen Informationen in den USA publik zu machen. Müller schrieb:

"Er [Schnell] will dies aus folgenden Gründen tun: Frost723 wird in Brooklyn

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gefeiert als ein großer Märtyrer, da er in der Nazizeit für seinen Glauben gelitten hat und Schnell war äußerst überrascht, als er bei uns im CV etwas anderes gelesen hat. Er will das Material haben und drüben in seinen Schriften veröffentlichen. Ich habe, soweit ich Material habe, die Briefe, die ich seinerzeit aus Westdeutschland bekommen habe724, die habe ich mir geben lassen und sie nach drüben geschickt. Hoffentlich sind sie angekommen.[...] Er ist aber auch bemüht, uns hierin Informationen zu senden. Wenn diese Dinge laufen, dann glaube ich, werden wir reichlich mit Informationen versorgt sein."725

In der 5. CV-Ausgabe wurde ein Auszug aus einem Brief Schnells abgedruckt. Hier hieß es:

"Sende mir bitte alle erschienenen und noch erscheinenden CV zu. Bin sehr interessiert daran. Hier macht die Gesellschaft eine große Aufmachung davon, wie sie in Konzentrationslagern litten und ihnen die Gesellschaft die einzige Hilfe brachte. Ich glaube, mit euren Darstellungen, die den Tatsachen entsprechen, können wir vielen armen Menschen helfen. Bin sehr interessiert an dem Artikel ´Mietlinge für 30 000 Westmark´ und möchte mehr dazu hören. Die Gesellschaft gebraucht Frost, um mit diesem im westlichen Erdteil zu prahlen, wie sie als unschuldige Märtyrer in Deutschland während der Nazizeit litten."726

Das war natürlich auch wiederum eine Art Eigenbestätigung und sollte den CV-Lesern zeigen, daß man inzwischen selbst für die amerikanische Oppositionsarbeit mehr als interessantes Informationsmaterial liefern konnte. Müller verwies Schnell auch an die Zeitschrift "Der Spiegel" in Hamburg. Von dort sollte er sich die Ausgabe mit dem Artikel über Frost vom Juli 1961 zukommen lassen. Die Antwort des "Spiegel" wäre zwar gewesen, daß keine Ausgaben mehr vorhanden seien, aber Kopien des Artikels waren schnell gemacht. Das war ein geschickter Schachzug. Nachdem das MfS Gestapo-Materialien dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hatte zukommen lassen, hatte die dortige Redaktion dieses Material, kaum überprüft, zu einer Enthüllungsgeschichte mit dem Titel "Väterchen

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Frost" verarbeitet. Diesen Artikel sollte Schnell sich besorgen, um eine westliche Zeitschrift als Quelle für seine in den USA erhobenen Vorwürfe gegen Frost nennen zu können und diese zu "weiteren Propagandazwecken gegen die Zeugen zu verwenden". Weiter sagte Müller beim Treffen mit Teichmann:

"Der Spiegel als solcher wird natürlich kein Interesse mehr haben, daß dieses dort in Amerika bekannt wird. Er hat wahrscheinlich auch irgendwelche Hinweise bekommen, daß man diese Sache einstellen sollte".727

Das Zustandekommen des Spiegel-Artikels war offensichtlich für Müller kein GeheimniS. Von Schnell hatte Müller im Gegenzug schon "eine Menge Schriften geschickt" bekommen.728 Interessant klang für Müller, daß Schnell schrieb:

"Durch provokative, öffentliche Briefe an Zeugen Jehovas sind wir in der Lage, in die meisten Heime und Königreiche, Königreichshallen der Jehovas Zeugen einzudringen. [...] Wir haben schon 10.000 Jehovas Zeugen befreit von der Wachtturmsklaverei. Leider sind wenige direkt zu Christus geführt worden. [...] Sollte Eure Forschung in Herzen eine solche Bürde für Jehovas Zeugen entdecken, dann bitte kommt zusammen mit uns und helft uns finanziell, die notwendigen Materialien herzustellen und das Ausbilden von wahren Zeugen zu bewerkstelligen."729

Eine finanzielle Unterstützung für diese Mission kam natürlich nicht in Frage, die eigenen "Zersetzungsmaßnahmen" waren teuer genug. Die große Euphorie Schnells entbehrte auch einer Grundlage. Doch man wollte voneinander lernen und war vor allem an der Verbreitung der eigenen und Erhalt verschiedener Informationen interessiert. Zur "Veranschaulichung der Auswirkung der Schrift CHRISTLICHE VERANTWORTUNG/Gera" wurden auch die von Schnell in Form von Flugblättern geschriebenen "Offenen Briefe an Zeugen Jehovas" zitiert. In seinen offenen Briefen hatte Schnell direkt von der CV abgeschrieben und diskreditierte immer wieder, ohne irgendwelche Überprüfungen gemacht zu haben, den früheren Leiter in Deutschland, Erich Frost. Als nützliches und kostenloses Instrument des MfS verbreitete Schnell die in der CV enthaltenen Aussagen. Frost wurde der Zusammenarbeit mit der Gestapo

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bezichtigt.730 In einem seiner weiteren Briefe [kein Datum angegeben] schrieb Schnell:

"Alle, die eine Pflicht empfinden für die verlorenen Seelen der Zeugen Jehovas, haben jetzt eine große Gelegenheit.[...]CHRISTLICHE VERANTWORTUNG in Osteuropa und wir in der freien Welt mit Außenstellen in Westdeutschland, Zentralafrika und anderswo können dies tun!"731

In seinem dritten offenen Brief [kein Datum angegeben] kam Schnell erneut auf Frost zu sprechen. Es muß ihn fasziniert haben, solche "Enthüllungen" aus Ostdeutschland und dank des "Spiegel" auch aus Westdeutschland erhalten zu haben. Sie paßten ihm auch in sein persönliches Konzept. Schnell schrieb in dramatischer Form:

"Dann brach 1933 der Sturm über Jehovas Zeugen in Deutschland herein. [...] Die Zeugen Jehovas persönlich waren weder geschult noch waren sie fähig, der Herausforderung als Persönlichkeit zu begegnen. Die Führerschaft tappte umher - Balzereit732 mußte abtreten, Winkler blieb bloß eine kleine Weile. Erich Frost wurde 1937 von den Nazis gefangen und, wie das Nachrichten-Magazin "Der Spiegel" Nr. 30/61 und fünf offene Briefe an Jehovas Zeugen weit verbreitet und von verantwortungsvollen Männern geschrieben, zeigen, gezwungen, die Untergrundorganisation zu verraten."733

Schnell versuchte, die "Christliche Verantwortung" immer wieder aufzuwerten. In einer weiteren "Information für konvertierte Zeugen Jehovas" schrieb er:

"´Christliche Verantwortung´ ist das offizielle Organ der konvertierten Zeugen Jehovas, die in Osteuropa leben. Veröffentlicht in Gera, Thüringen, nicht weit von der Wartburg Luthers, erhebt es den Ruf nach Freiheit und Befreiung von der Wachtturm-Sklaverei. Geleitet von Willy Müller, der im Konzentrationslager litt und Bethelmitglied war, scharen sich viele Zeugen Jehovas um dieses Organ."734

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Die Recherchen von Schnell waren immer wieder ungenau, bzw. es wurden keinerlei Recherchen gemacht. Müller war nie im Konzentrationslager gewesen und war auch nie BethelmitglieD. Die angeblich "verantwortungsvollen Männer" waren Mitarbeiter des MfS, insbesondere Dieter Pape, die die fünf offenen anonymen Briefe geschrieben hatten. Schnell hatte ganz offenbar keinerlei Einblick in die Zusammenhänge, präsentierte sich aber, auch aufgrund seiner eigenen Vergangenheit als Zeuge Jehovas, als Experte und war aus diesem Grund für die internationale Zersetzungsarbeit des MfS gut zu nutzen.

Über Dieter Pape erhielt Müller Informationen aus WestdeutschlanD. In einem Brief Günther Papes aus der BRD, den dieser an seinen Bruder Dieter Pape in Ostberlin geschickt hatte, wurde ihm beispielsweise angekündigt:

"In den nächsten Wochen erhälst du von mir für CV einen Beitrag von der Versammlung Offenburg. Beteiligt sind F., P., P. und ein Kreisdiener R. [Namen im Original ausgeschrieben]. Ich muß erst noch einmal mit den Brüdern sprechen, um den Bericht sehr genau zu gestalten."735

Im Brief vom 10. Juni 1967 schrieb D. Pape an Müller, er wüßte, daß in Polen auch eine Oppositionszeitschrift gegen Zeugen Jehovas bestehe und man sich mit den Herausgebern austauschen sollte. Die Zeitschrift heiße "Zwit", was "Licht" bedeute, und man gehe hier "sehr aktiv gegen die ZJ-Irrtümer vor". Weiter schrieb D. Pape:

"Nun bin ich folgender Ansicht. Es könnte ein Austausch von CV und ZWIT herbeigeführt werden. Die religiösen Standpunkte sind offensichtlich etwas unterschiedlich, wie ich den Eindruck habe, da ZWIT so eine Art neue Sekte darstellt. Aber wir sollten uns daran nicht stoßen. Es sollte lediglich ein Informationsaustausch sein bei Respektierung der beiderseitigen Standpunkte.[...] Gleichzeitig könnten wir mit "CV" den Kampf gegen die Zentrale in Polen unterstützen."736

Die Argumentation Papes zeigte wiederum deutlich, daß es nicht darum ging, angebliche religiöse Irrtümer aufzudecken. Immer stand

[Seite 274 in der gedruckten Ausgabe)]

die Haltung der verschiedenen Religionsgemeinschaften zum Staat im VordergrunD.

Im Arbeitsplan 1974 der MfS-Außenstelle Gera für die CV wurde der direkte Draht zu Günther Pape aufgezeigt:

"In der BRD wird CV laufend dem Katholischen Informations-Büro Glaubensgemeinschaften, 7961 Haisterkirch/Württ., zugesandt, das sich mit der Bekämpfung der ZJ in der BRD, Österreich, Italien und unter den Gastarbeitern befasst. CV wird dafür über die Tätigkeit des Informations-Büros informiert, was wiederum in CV zur Auswertung kommt."737

Vorsitzender dieses Informations-Büros war niemand anderes als der erwähnte Günther Pape.

Am 18. Dezember 1967 hatte Müller zum Kirchenrat Dr. Kurt Hutten, dem damaligen Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Stuttgart, brieflich Kontakt aufgenommen und ihm eine Ausgabe der Zeitschrift "Christliche Verantwortung" geschickt. Am 11. Januar 1968 schrieb ihm Hutten, daß er die Zeitschrift "mit größtem Interesse gelesen" habe. Weiter schrieb Hutten:

"Gern leiste ich Ihnen bei Ihren Bemühungen auch Hilfsdienste, soweit dies für mich und von hier aus möglich ist. Sie bitten um Material aus unserem Archiv. Könnten Sie diese Bitte noch konkreter formulieren? Wie ich aus der Zeitschrift ersehe, ist Ihnen der ´Wachtturm´ zugänglich.738 Auch die Bücher und Broschüren der Wachtturm-Gesellschaft dürften Ihnen bekannt sein. Oder bestehen da Lücken? Haben Sie den Wunsch, eine bestimmte Publikation zu bekommen, die Ihnen noch fehlt? Ich würde dann versuchen, diese von Wiesbaden zu bekommen. Aber es besteht

[Seite 275 in der gedruckten Ausgabe)]

 noch eine große Schwierigkeit: Wie kann ich solche Schriften in die DDR schicken, ohne daß sie beschlagnahmt werden? Die Zeugen Jehovas sind ja verboten und das gilt auch für ihre Schriften. [...] Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die bisherigen Ausgaben der ´Christlichen Verantwortung´ zugehen ließen, soweit sie noch bei Ihnen vorhanden sinD. Das Blatt scheint nicht nur in der DDR, sondern weit darüber hinaus gelesen zu werden. Ich freue mich, daß Ihre Arbeit eine solche Weite erreicht hat. [...] Ich interessiere mich sehr für Ihr ganzes Unternehmen und bin darum für jede Nachricht dankbar."739

Ab dieser Zeit fand ein regelmäßiger Informationsaustausch zwischen Müller und Hutten statt. Im Treffbericht vom 5. März 1968 berichtete Müller von Briefen Huttens, in denen dieser schrieb, daß er es begrüßen würde, wenn eine "Gemeinschaftsarbeit durchgeführt würde", denn "dies wäre für beide Teile nützlich". In diesem Fall "für den Westen und auch für den Osten."740 Hutten hatte ihm schon einige Artikel aus den neuesten Zeitschriften der Zeugen Jehovas und vom Materialdienst der EZW aus Westdeutschland zukommen lassen. Müller beschwerte sich bei seinem Führungsoffizier darüber, daß er diese nicht sofort nutzen könne. Es hieß im Bericht:

"Ich hatte diese in CV 16 eingeschrieben, weil sie neu waren und diese WT hier in der DDR vielleicht noch gar nicht im Umlauf sinD. Leider ist das vom Ministerium für Kultur dann gestrichen worden. Ich habe da jetzt den Ersatz eingereicht darüber und ich hoffe, daß ich dann die anderen Artikel, die er auch eingereicht hat, so umarbeite und so schreibe, daß nicht daraus hervorgeht, daß das von Hutten direkt ist. [...] Ob das nun von einer Freundschafts- oder Gegnerseite kommt, das ist letzten Endes egal. [...] Ich hoffe, daß er in Zukunft weitere Dinge schickt, die wir irgendwie dann für die DDR verwerten kšnnen."741

In einem Treffbericht Müllers vom August 1968 heißt es, daß Hutten erneut Briefe an Müller geschickt habe. Beiliegend im Brief schickte Hutten "wieder einige Fahnenabzüge mit Artikeln über die Zeugen Jehovas". Zudem schrieb er, er freue sich schon darüber, die neueste Ausgabe von CV lesen zu können.742

[Seite 276 in der gedruckten Ausgabe)]

In der Schweiz hatte Müller zu einer Frau Josy Doyon, die ein Buch743 gegen Zeugen Jehovas veröffentlicht hatte, Kontakt über ihren Verlag aufgenommen. Sie war begeistert, mit Müller Kontakt zu haben, schickte ihm sogleich ihr Buch zu und schrieb ihm am 2. Mai 1967:

"Deine Schriften sind wirklich großartig. Wenn ich im Jahre 1965 schon von Dir und Deinen Briefen gewußt hätte, dann wäre beiliegendes Buch nie geschrieben worden. Du schreibst nämlich alles, was einem Zeugen helfen kann, diesen verantwortungslosen Männern zu entrinnen."744

Viel Zustimmung bekamen die inhaltlichen Ausführungen Müllers, wie der folgende Brief erkennen läßt:

"Nein, wichtiger als alle Bibelauslegung ist die Liebe. Und hier ist Deine große Stärke. Du greifst nicht in erster Linie die irrtümlichen Bibelauslegungen der Gesellschaft an, obwohl deren eine Menge sind, sondern Du deckst vor allem die grenzenlose Lieblosigkeit der Wachtturmführer auf. [...] Du aber hast Verbindung mit Zeugen, die Dich laufend benachrichtigen und Dir wertvolles Material liefern, das schon ganz klar Licht in die verworrene Sache bringt. [...] Ich bin überzeugt, daß Du sehr vielen helfen wirst und daß Du den Thron der Wachtturmführer schon gewaltig ins Wackeln gebracht hast. Allerdings, falls sie für Spionage gedungen sein sollten, so werden sie sich auch so zu helfen wissen. Dann werden sie immer wieder Opfer finden, die ihnen unbewußt als Handlanger zur Spionage in vielen Ländern dienen und zur Finanzierung eines kostspieligen Spionagenetzes beitragen."745

Hier lag die eigentliche Gefahr der Tätigkeit MüllerS. Hatte Doyon bisher hauptsächlich auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückgreifen können, wurde sie von den Zeitschriften Müllers in die angebliche "Spionagetätigkeit der WTG" eingeweiht. Da ihr diese Informationen offenbar glaubwürdig erschienen, baute sie diese in ihre Sicht der WTG ein und gab sie auch als "Expertin", die 10 Jahre eine Zeugin Jehovas war, an andere weiter. Für sie wie für andere Kontkaktpersonen waren die Berichte Müllers Tatsachen die öffentlich gemacht werden mußten. Deshalb sollte sie als weiterer Multiplikator der MfS-Informationen, auf Anregung D. Papes, "auch immer CV erhalten, wenn es geht, ein paar mehr".746 Alles, was Doyon an

[Seite 277 in der gedruckten Ausgabe)]

Müller schickte, wurde in Kopie von der BV Gera direkt an die HA XX/4 des MfS nach Berlin geschickt, dort gespeichert und ausgewertet.747

Der Briefkontakt zwischen Müller und Doyon blieb erhalten, bis es im Bericht Müllers vom 25. Januar 1969 hieß:

"Josy Doyon schreibt nicht mehr. [...] Wir müssen erst mal sehen, wie sich die Sache weiterhin entwickelt. Vielleicht steckt die Wachtturmgesellschaft dahinter. [...] Irgend etwas muß dahinterstecken, denn J. D. war immer sehr aufrichtig und hat sich sehr gefreut, wenn CV angekommen ist."748

Aus den vorhandenen Berichten des MfS kann man über den Kontaktabbruch mit Müller nichts erfahren. Doch über diesen Fall klärte Manfred Gebhard, ein ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter des MfS, in einem Brief vom Oktober 1983 an das Staatssekretariat für Kirchenfragen, zu Händen Hauptabteilungsleiter Hans Weise, auf:

"Als das Urania-Buch neu herausgekommen war, hatte ich unter anderem auch ein Exemplar an die Schweizerin Josy Doyon gesandt (die selbst Verfasserin eines einschlägigen Buches über die Zeugen Jehovas ist). Frau Doyon zog es vor, mir selbst nicht zu antworten. Statt dessen sandte sie einen Brief an den seinerzeitigen Herausgeber der "Christlichen Verantwortung" in Gera, Willy Müller. Kenntnis von diesem Brief erhielt ich jedoch nur auf Grund meiner seinerzeitigen Verbindung zum MfS! Jener Beamte legte mir das Original des Briefes vor, worin Frau Doyon sinngemäß zum Ausdruck brachte, daß der Günther Pape (aus der BRD) bei ihr war und ihr u. a. erzählte, daß sein Bruder hier in der DDR faktisch mit dem MfS zu tun hätte und daß er (Günther Pape) ihm etliche Materialien habe zukommen lassen. Mit dieser Sache wollte Frau Doyon nicht das geringste zu tun haben, deshalb lehnte sie es auch strikt ab, mir zu antworten."749

Dies scheint eine plausible Begründung für die Reaktion Josy Doyons zu sein, auch den Kontakt zu Müller abzubrechen, da sie von der Zusammenarbeit Müllers mit D. Pape und Gebhard wußte. Weshalb Günther Pape ihr solch brisante Mitteilungen machte, ob er ihr damit imponieren wollte oder ob ihm das im Gespräch

[Seite 278 in der gedruckten Ausgabe)]

"herausgerutscht" war, ist nicht zu klären. Doch wurde auch hier die enge Verbindung der beiden Brüder Pape offenbart.750

Weitere Kontakte bestanden nach England zum Herausgeber der Zeitschrift "Die Reine Wahrheit", in die Schweiz, zu einer Gruppe, die für die Zeitschrift "Brennende Lampe" verantwortlich war, und zu Hans-Jürgen Twisselmann aus Itzehoe in Schleswig-Holstein, dem Leiter des "Zurück zu Christus Bruderdienstes".751 Bezüglich der Auswirkungen der CV im westlichen Ausland hieß es in einer MfS-Stellungnahme vom 23. März 1967 hierzu:

"Die Schrift ´CV´ wurde inzwischen zum wesentlichen Träger der ZJ-Opposition in der DDR. Des weiteren zeigt diese Schrift Wirkung in Westdeutschland, USA und anderen kapitalistischen Ländern."752

Im "Rechenschaftsbericht über die Stellung und Wirkung der Studiengruppe ´Christliche Verantwortung´" vom 12. Oktober 1967 wurde ebenfalls der Erfolg der CV hervorgehoben:

"Die Arbeit der Studiengruppe hat bereits auch internationale Auswirkungen. Durch die Informationsschrift wurden Verbindungen zu oppositionellen ´ZJ-Kreisen´ in Westdeutschland, in der Schweiz und den USA geschaffen. Die eingehenden Informationen aus diesen Kreisen werden für die Informationsschrift ausgewertet. Andererseits verbreitet z.B. die Oppositionsgruppe in den USA einen Teil der ´CV´- Informationen in entsprechenden Schriften (Auflage bis 65.000Exemplare) unter den ´ZJ´ in den USA, Kanada und Westeuropa."753

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Fußnoten:

712 3375/60, 269/70, BD. II, Bl. 96 ff., Treffbericht Teichmanns vom 7.7.1960.
713 Ebd.
714 ASt Gera, 3375/60, 269/70, BD. IV, Bl. 138, "Registrierung von Personen, die GM ´Rolf´ bei der Zersetzung der illegalen Sekte ´Zeugen Jehov[s]´ im Gebiet der DDR aktiv unterstützen" vom 1.8.1962.
715 ASt Gera, 3375/60, 269/70, BD. IV, Bl. 68, Treffbericht Teichmanns vom 11.9.1962.
716 ASt Gera, 3375/60, 269/70, BD. IV, Bl. 14 ff., MfS BV Leipzig an MfS BV Gera vom 13.11.1961.
717 BStU Berlin, Zentralarchiv, Nr. 972, Bl. 265, Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit vom 10.2.1962.
718 Ebd.
719 3375/60, 269/70, BD. II, Bl. 94 f., Treffbericht Teichmanns vom 7.7.1960.
720 Schnell, William J., Falsche Zeugen stehen wider mich. 30 Jahre Sklave des Wachtturms, Christliche Verlagsanstalt, Konstanz 1959.
721 3375/60, 269/70, BD. II, Bl. 78 f., Treffbericht Teichmanns vom 24.6.1960.
722 3375/60, 269/70, BD. III, Bl. 4, Aktenvermerk vom 20.1.1961.
723 Man sieht hier die internationale Wirkung, die die Briefe des MfS durch Veröffentlichungen in anderen Ländern hatten. Auch in den USA begann der Versuch der Diskreditierung von Erich Frost, dessen angeblicher Verrat an einigen seiner Glaubensbrüder im "3. Reich" sofort von Leuten wie Schnell und anderen Gegnern der Zeugen Jehovas aufgegriffen wurde, gleichgültig, ob es der Wahrheit entsprach oder nicht. Das MfS war sofort bereit, "imperialistische" Quellen zu gebrauchen, als auch in umgekehrter Weise niemand wissen wollte, wie es denn möglich sein sollte, daß in einem kommunistischen Land objektiv über eine "amerikanische" Gemeinschaft informiert würde.
724 Diese Briefe waren von Westberlin aus von MfS-Mitarbeitern anonym an Müller geschickt worden, um ihn auf die angebliche Gestapotätigkeit Frosts aufmerksam zu machen. Frost war der Leiter des Zweigbüros der WTG von 1945 bis 1955 in Wiesbaden und bis 1964 verantwortlicher Redakteur für die deutsche Ausgabe der Zeitschrift "Der Wachtturm". Vgl. Waldemar Hirch, Operativer Vorgang "Winter", a. a. O., S. 233 ff.
725 3375/60, 269/70, BD. VI, Bl. 132 f., Treffbericht Teichmanns vom 21.7.1966.
726 "Christliche Verantwortung", Nr. 5 vom August 1966, S. 5.
727 3375/60, 269/70, BD. VI, Bl. 149, Treffbericht Teichmanns vom 22.8.1966.
728 Ebd., Bl. 148.
729 3375/60, 269/70, BD. VI, Bl. 148, Treffbericht Teichmanns vom 22.8.1966.
730 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 2132, Bl. 213 f., Christliche Mission an Zeugen Jehovas W. J. Schnell: "Offener Brief an Zeugen Jehovas".
731 Ebd., Bl. 220 f., W. J. Schnell: "Operation Befreiung - Ein vertraulicher Bericht".
732 Vgl. Hirch, W., Ehemalige Zeugen Jehovas im Dienst des MfS - Der Fall Paul Balzereit, in: Yonan, G., Im Visier der Stasi, a. a. O., S. 33 ff.
733 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 2132, Bl. 221. W.J. Schnell: "Operation Befreiung - Ein vertraulicher Bericht". Der frühere Reichsdiener (Zweigaufseher) der Zeugen Jehovas, Fritz Winkler, wurde im August 1936 von der Gestapo verhaftet.
734 Ebd., Bl. 223, Information für konvertierte Zeugen Jehovas Nr. 1.
735 3375/60, 269/70, BD. VII, Bl. 36, Bericht Müllers an das MfS, kein Datum genannt. Aus dem Inhalt geht hervor, daß der Bericht im Februar 1967 verfaßt sein muß.
736 3375/60, 269/70, BD. VII, Bl. 112 ff., Briefabschrift D. Papes an W. Müller vom 10.6.1967. Hier war die an unbekanntem Ort arbeitende Zentrale der Zeugen Jehovas in Polen gemeint.
737 ASt Gera, 3385/60, 857/80, BD. II, Bl. 62, Arbeitsplan fŸr CV 1974 vom Januar 1974. Man befürchtete auf katholischer Seite, daß zumindest einige Gastarbeiter die Lehre der Zeugen Jehovas in Deutschland annehmen würden und nach ihrer Heimkehr in ihren katholischen Heimatländer verbreiten würden. Dort waren Zeugen Jehovas noch recht unbekannt. Diese Angst war nicht unberechtigt und tatsächlich kam es immer wieder zu Konvertierungen katholischer Gastarbeiter. Vielleicht ist hier auch eine Ursache der Zunahme in einem Land wie Italien begründet. Bekannten sich in Italien im Jahre 1973 etwa 30.000 Menschen dazu, aktive Zeugen Jehovas zu sein, waren es im Jahre 1997 schon etwa 232.000. Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, a. a. O., S. 26. Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1999, a. a. O., S. 34.
738 Spätestens hier hätte Hutten eine Zusammenarbeit Müllers mit dem MfS zumindest ahnen müssen.
739 P 3375/60, 269/70, BD. I, Bl. 181, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Dr. Hutten an W. Müller vom 11.1.1968.
740 Ebd., BD. VIII, Bl. 39, Treffbericht Teichmanns, Auswertung der CV Nr. 14 vom 5.3.1968.
741 Ebd., Bl. 39 f.
742 3375/60, 269/70, BD. VIII, Bl. 91, Treffbericht Teichmanns vom August 1968.
743 Doyon, Josy, Hirten ohne Erbarmen, Stuttgart 1966.
744 Ebd., BD. VII, Bl. 30, Briefabschrift J. Doyon an Müller vom 2.5.1967.
745 3375/60, 269/70, BD. VII, Bl. 30, Brief J. Doyon an Müller vom 2.5.1967.
746 Ebd., Bl. 67, Briefabschrift D. Papes an Müller 28.4.1967.
747 Ebd., Bl. 74, MfS BV Gera an HA XX/4 Berlin vom 11.5.1967.
748 Ebd., BD. VIII, Treffbericht Teichmanns, Auswertung CV Nr. 21 vom 25.1.1969.
749 BArch Berlin, DO 4 / 1179, Brief Gebhards an StfK, z. H. Herrn Weise, "Persönliche Stellungnahme zum De-facto-Leiter der ´Christlichen Verantwortung´ Dieter Pape". Zu Gebhard siehe hier: "Christliche Verantwortung" unter neuen Herausgebern - 1970 bis 1990.
750 Wenn G. Pape schon J. Doyon gegenüber von der Zusammenarbeit seines Bruders mit der Stasi sprach, dann ist anzunehmen, daß er auch zu seinen Mitarbeitern in seinem "Katholischen Informations-Büro" in Haisterkirch darüber einiges verlauten ließ. Ob J. Doyon ihre Zurückhaltung auf Dauer praktizierte, ist nicht bekannt. Interessant ist jedoch die Tatsache, daß sie den Titel ihres Buches "Hirten ohne Erbarmen" im Jahre 1970 in den Titel "Ich war eine Zeugin Jehovas" veränderte. Dieser Titel war, bis auf die weibliche Form und den unbestimmten Artikel "eine", identisch mit den Büchern von Günther und Dieter Pape: "Ich war Zeuge Jehovas". Inzwischen ist ihr Buch wieder unter dem ersten Titel erhältlich.
751 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr 972, Bl. 118, 20.10.1962.
752 3375/60, 269/70, BD. VII, Bl. 171, Vorschlag des IM "Rolf" zum hauptamtlichen GM vom 23.3.1967.
753 3375/60, 269/70, BD. VII, Bl. 150, "Rechenschaftsbericht über die Stellung und Wirkung der Studiengruppe ´ChristlicheVerantwortung´ und ihrer Zeitschrift ´CV´ im System der Zersetzung der illegalen Organisation ´Zeugen Jehova[s]´ und Konzeption für die weitere Erhöhung der Wirksamkeit der Studiengruppe mit ihrer Zeitschrift" vom 12.10.1967.