[Seite 346 (in der gedruckten Ausgabe)]

Gegenseitige Bespitzelung in der CV-Redaktion

Auch innerhalb der Gruppe ["Christliche Verantwortung" (CV), MfS-gelenkte "Studiengruppe" gegen Zeugen Jehovas] wurde ein Verwirr- und Intrigenspiel betrieben. Während einer Beratung der Studiengruppe in Berlin kam das Gespräch auf Spitzel des Geheimdienstes. [Wolfgang] Daum übernahm daraufhin die Leitung des Gespräches und sagte, daß er mit Spitzeln nichts zu tun haben wolle. Wenn er eine solche Verbindung zum MfS [Ministerium für Staatssicherheit der DDR] von "irgend jemand erführe, würde er die Verbindung abbrechen". Er würde zwar mit Vertretern des Staates sprechen, aber mit Mitarbeitern des Geheimdienstes würde er jede Zusammenarbeit ablehnen. Auf die Frage eines Anwesenden, er kenne einen "ZJ-Leiter" aus Mecklenburg, der vom MfS "verschiedentlich besucht" würde und bald soweit wäre, zu CV zu stoßen, entgegnete Daum, er würde auf eine solche Zusammenarbeit verzichten, da er mit Spitzeln nicht zusammenarbeite.

[Seite 347 (in der gedruckten Ausgabe)] Diese Aussagen waren natürlich nichts anderes als Strategie, da Daum nicht selbst als IM [Inoffizieller Mitarbeiter] enttarnt werden wollte. Die Anwesenden konnten zwar ahnen, daß alle Teilnehmer für das MfS arbeiteten, doch niemand gab dies offen zu. Daums Verhalten war, nach einem vertraulichen Bericht [Dieter] Papes vom 15. Mai 1979 über Daum an das MfS, nicht nur peinlich, sondern führte bei manchen IM zu Verunsicherungen.934

Grundsätzlich wurden über diese Treffen und Tagungen Berichte geschrieben und den zuständigen MfS-Offizieren übergeben. Nicht nur [Dieter] Pape und [Wolfgang] Daum führten über diese Tagungen und deren Teilnehmer Aufzeichnungen. Es berichteten auch Daum über Pape und Pape über Daum. Gleichzeitig wurde natürlich auch über sie berichtet. So erfahren wir aus dem Bericht der IME [IM im bzw. für einen besonderen Einsatz] "Linde" und "Max Schneider", welchen Eindruck die beiden Hauptbeteiligten Pape und Daum auf sie und die Anwesenden gemacht hatten. Über die Tagung vom 23. April 1977 schrieb "Linde", daß Daum seiner Rolle als Herausgeber von CV in keinster Weise nachgekommen sei. Als den "absoluten geistigen Mittelpunkt" müsse man bei dieser Tagung Dieter Pape betrachten. Andererseits hätte Pape Ausführungen gemacht, die sich in keiner Weise mit dem deckten, "was wir vorgesehen hatten".935 Im großen und ganzen seien seine Ausführungen aber richtig gewesen. Ein anderer CV-Mitarbeiter, mit den Initialen E. B., sagte über das Verhalten Daums und Papes auf der Tagung vom 23. April 1977:

"W. Daum ist ein 'feiger Hund'. hat sich nach der Begrüßung 'dünngemacht'.
-D. P. hat sich in den Vordergrund gestellt.
-P. stellt alles so dar, als wenn der Sitz von CV Berlin ist und Gera einen kleinen Stützpunkt darstellt. [...] Ein weiterer Punkt: E. sollte mit einem anderen Namen bekannt gemacht werden! Jedoch Wolfgang [Daum] hat E. mit seinem richtigen Namen vorgestellt.
"936

Doch damit war man noch nicht zufrieden. Im Zusatz des Berichts von IME "Max Schneider" hieß es:

[Seite 348 (in der gedruckten Ausgabe)]

"In geschickter Form von Wolfgang feststellen, was hat P. über E. gesagt."937

Jeder bespitzelte jeden. Gegenseitiges Vertrauen war in der "Christlichen Verantwortung" nicht vorhanden.

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Fußnoten:

934-937: Quellenangaben siehe in der gedruckten Ausgabe.