(Die Online-Version enthält nur eine Auswahl von Fußnoten.)

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Dieter Pape (IME "Wilhelm")1

Die Akten von Dieter Pape konnten bis zum Abschluß der vorliegenden Arbeit nur teilweise gefunden werden und sind womöglich in den letzten Monaten der SED-Herrschaft vernichtet worden. Die wenigen nicht vernichteten Aktenseiten von insgesamt mindestens 17 über ihn angelegten Aktenbänden zeugen von einem hochkarätigen "IM im besonderen Einsatz" [IME], der seit seiner Werbung am 25. Juli 1956 bis zum Ende des DDR-Regimes auf Grundlage der "Überzeugung" für das MfS [Ministerium für Staatssicherheit] gearbeitet hat.2 Seine Akten wären besonders für die Rekonstruktion der MfS-Opposition von großem Interesse gewesen, da Pape über 30 Jahre lang die "Zersetzungsarbeit" des MfS gegen die Zeugen Jehovas maßgeblich mitbeeinflußt hat.

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Pape, Jahrgang 1928, hatte sich von 1945 bis 1948 ganztätig im Missionsdienst engagiert. Bis 1950 hatte er die Aufgaben eines Hilfsgruppendieners wahrgenommen. Bis zu seiner Festnahme im Juni 1952 war er Gruppendiener in Thale/Harz. Aufgrund seiner Aktivitäten als Zeuge Jehovas wurde er 1952 zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt, aus der er 1956 aufgrund seiner Verpflichtungserklärung vorzeitig frei kam. Er war, nach Angaben des MfS, "völlig vom Glauben abgefallen" und erklärte sich bereit, "nach seiner Entlassung am Aufbau des Sozialismus teilzunehmen". Wenige Jahre später hatte er sich schon so sehr in der MfS-Tätigkeit profiliert, daß er 1960 in Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst, der um Unterstützung des MfS gegen Zeugen Jehovas in Polen ersucht hatte, zum Einsatz kam.3 Seine Einschleusung mit gefälschten Ausweisen, als angeblicher Abgesandter der WTG [Wachtturm-Gesellschaft], die Erschleichung des Vertrauens der dortigen Gläubigen und der anschließend an ihnen begangene Verrat trugen wesentlich dazu bei, die "Zersetzungsarbeit" des polnischen Geheimdienstes zu unterstützen und die verantwortlichen Gläubigen gegeneinander auszuspielen. Dieter Pape war ein Meister seines Faches. Mit dem ersten CV-Herausgeber ["Christliche Verantwortung"], Willy Müller, arbeitete er eng zusammen. Er hatte 1961 mit Hilfe des MfS ein Buch mit dem Titel "Ich war Zeuge Jehovas", unter dem Namen seines Bruders, Günther Pape, in der DDR herausgegeben. Er war auch hauptsächlich an den "Zersetzungsmaßnahmen" beteiligt, die zum [Seite 295 (in der gedruckten Ausgabe)]

Bezirkskongreß der Zeugen Jehovas, vom 18. bis 23. Juli 1961 in Hamburg, durchgeführt wurden.4 Die hierbei erhobenen Anklagen waren in erster Linie gegen Erich Frost gerichtet, den von 1945 bis 1955 amtierenden Zweigdiener der WTG für Deutschland und ab 1955 verantwortlichen Redakteur der deutschen Ausgaben der WTG-Literatur. An den Präsidenten der WTG, Nathan H. Knorr, war zu diesem Bezirkskongreß, im Auftrag des MfS anonym von Dieter Pape, ein "Offener Brief" geschickt worden, in dem Erich Frost bezichtigt wurde, während seiner Gestapohaft zum Verräter geworden zu sein. Er, Knorr, solle sich dieses Falles annehmen, da es unmöglich sei, einen Verräter weiterhin im Werk für Deutschland tätig sein zu lassen. Mindestens 7 solcher Briefe wurden erstellt, ins Englische übersetzt und anonym bzw. pseudonym an verschiedene leitende Zeugen Jehovas, an die weltweit etablierten Zweigbüros der WTG sowie an das Hauptbüro in Brooklyn/New York verschickt.5

Von besonderer Brisanz war die Veröffentlichung im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", in der Ausgabe vom 19. Juli 1961. Pünktlich zum beginnenden Bezirkskongreß der Zeugen Jehovas in Hamburg erschien ein Bericht über Erich Frost mit dem Titel "Väterchen Frost", in dem ihm vorgehalten wurde, verschiedene Glaubensbrüder [Seite 296 (in der gedruckten Ausgabe)]

während seiner Gestapohaft verraten zu haben.6 Diese Informationen waren vom MfS an den Spiegel lanciert worden. Der Urheber dieser zum "Spiegel" gebrachten Informationen war Dieter Pape persönlich.

In einem Tätigkeitsbericht über die Arbeit des "GI Wilhelm" (Dieter Pape) vom 17. Juli 1961 hieß es:
1) Hamburger ZJ-Kongreß:
Seine Materialien gelang es über einen anderen GI [Geheimer Informator] des Objektes in das westdeutsche Nachrichtenmagazin 'Der Spiegel' zu lancieren. Dieser dort unter der Überschrift 'Väterchen Frost' erschienene Artikel war einer der schwersten Schläge gegen die ZJ [Zeugen Jehovas] in Westdeutschland in den letzten Jahren und vor allem gegen den Hamburger Kongreß der ZJ.

Fakt ist, daß eine wirkliche Auswertung der Gestapo-Akten über Frost durch das MfS nicht stattgefunden hat. Das war auch gar nicht die Intention dieser Akten-Auswertung. Daß Frost kein Verräter war, ist mittlerweile durch die Geschichtsforschung bewiesen worden.7

Die Redakteure des "Spiegel", die keinerlei Möglichkeiten hatten, die Gestapo-Akten einzusehen und die Anklagen gegen Frost zu hinterfragen, geschweige denn zu beweisen, ließen sich für den Preis einer interessanten Enthüllungsgeschichte darauf ein, Informationen [Seite 297 (in der gedruckten Ausgabe)] aus einer dubiosen Quelle zu verwenden und somit Unterstellungen des DDR-Geheimdienstes als Tatsache zu veröffentlichen.8

Obwohl Papes spezielles Fachgebiet die "Zersetzung der Zeugen Jehovas" war, wurde Pape doch vielfältig eingesetzt. So arbeitete er an einer "Dokumentation über den Vatikan", war an Aktionen gegen die Hauskreise der Evangelischen Akademie in Berlin-Brandenburg beteiligt und erstellte Analysen und Auskunftsberichte über die Mormonen, die Neuapostolische Kirche, die Methodisten, die Evangelische Gemeinschaft, die Christengemeinschaft, die Baptisten und andere. Auch an Abhöraktionen in Kirchen war Dieter Pape beteiligt. Etwa zehn Jahre lang hatte er mit Wolfgang Daum bis zu dessen Absetzung im Jahre 1979 die Fäden bei CV gezogen und war anschließend, bis zum Ende der DDR, neben dem neuen offiziellen CV-Leiter, Werner Struck, der inoffizielle Kopf von CV geblieben.

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1 Bruder von Günther Pape aus Westdeutschland, der im katholischen Informationsbüro in Haisterkirch/BRD gegen Jehovas Zeugen arbeitete und Onkel von Klaus-Dieter Pape, der diese Arbeit in der Gegenwart fortsetzt. Siehe hierzu den Artikel des Theologen und Historikers Gerhard Besier in der Zeitung "Die Welt" vom 26.1.1999 "Kreuzzug als Familienunternehmen. Bekehrung in der DDR: Wie die Papes über die Zeugen Jehovas aufklären". Hier wird erwähnt, daß Günther Pape wegen sittenwidriger Geschäftsmethoden aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas exkommuniziert wurde. Günther Pape wurde wegen Schädigung mehrerer Firmen und wegen Betruges zu 9 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ein weiteres Verfahren vor einem Arbeitsgericht, in dem Pape offenbar Recht erhielt, hat dem Urteil des Amtsgerichts Waldshut nicht widersprochen. Das Urteil vor dem Arbeitsgericht beschäftigte sich lediglich mit einem W. Hauser, während vor dem Amtsgericht diverse Ankläger und mehrere Zeugen gegen Pape aussagten. Vgl. hierzu die Bearbeitung von André Gursky, Zwischen Aufklärung ..., a. a. O. , S. 40 ff.
2 BStU Berlin, MfS AIM, 3292/91 Teil I, "Wilhelm", Dieter Pape. Der Zeitzeuge Heinz Seyfert erinnert sich, daß im Jahre 1955, als er mit D. Pape die Gefängniszelle teilte, Pape wiederholt von seiner neuen kommunistischen Überzeugung sprach: "Da ich der Jüngste in der Zelle war, etwa wie Dieter Pape, und der hinter mir das Oberbett hatte, versuchte er einige Male, mich davon zu überzeugen, daß ich mich habe betrügen lassen und es besser wäre, sich mit dem dialektischen Materialismus und den Lehren Lenins zu befassen." Bericht von H. Seyfert vom 21.10.1997 über Gefängnishaft. Liegt im Geschichtsarchiv über die DDR-Zeit der Zeugen Jehovas in Selters/Taunus vor.
3 BStU Berlin, HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 410, Bericht über Papes Einsatz 1960 in Polen. Vgl. Waldemar Hirch, Zusammenarbeit zwischen dem ostdeutschen und dem polnischen Geheimdienst zum Zweck der "Zersetzung", in: ders. (Hrsg.) Zersetzung einer Religionsgemeinschaft. Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und in Polen, S. 84-95, Niedersteinbach 2001.
4 Vgl. W. Hirch, Operativer Vorgang "Winter". "Zersetzungsmaßnahmen" des Ministeriums für Staatssicherheit gegen den Zweigdiener der Zeugen Jehovas, Erich Frost, verbunden mit einem Mißbrauch westdeutscher Medien, in: Kirchliche Zeitgeschichte (KZG), Internationale Halbjahresschrift für Theologie und Geschichtswissenschaft, Ausgabe 10/ 1999, S. 325-339.
5 Zum Beispiel: "Documents Throw Their Shadow, Second Public Letter To Brother Knorr", Hamburg, International Assembly of Jehova´s Witnesses, 1961, Autor Dieter Pape. BStU Berlin, MfS A-185/85, Bl. 86 f. Kopie dieses Briefes im Geschichtsarchiv der Wachtturmgesellschaft, Selters/T. "Dokumente werfen ihre Schatten voraus!", Brief eingegangen in der damaligen Deutschlandzentrale in Wiesbaden am 5. Juli 1961, "Documents Throw Their Shadows", "english version", kein Datum genannt, "DIE GROSSE KRAFTPROBE IN DEUTSCHLAND", eingegangen am 3. August 1962 in Wiesbaden, Aktenordner Frost, Geschichtsarchiv der Wachtturmgesellschaft, Selters/T. Siehe hierzu auch: "Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit" vom 10.2.1962. BStU Berlin, Zentralarchiv, Archiv-Nr. 972, Bl. 268. Die Aussage A. Gurskys, der erste Herausgeber von CV, Willy Müller, hätte diese Briefe verschickt ist nicht richtig. Vgl. A. Gursky, Zwischen Aufklärung und Zersetzung..., a. a. O., S. 92.
6 "Der Spiegel", "Väterchen Frost", Ausgabe vom 19. Juli 1961, 30/1961 aus: Manfred Gebhard: Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, Urania- Verlag Leipzig/Jena/Berlin 1970, Lizenzausgabe für die BRD, 1971, S. 184 ff.
7 Vgl. W. Hirch, Operativer Vorgang "Winter", a. a. O. Hier wird auf die 9 Bezirksdienstleiter eingegangen, die Frost verraten haben soll, und diese Verratsbehauptung widerlegt. Vgl. Johannes Wrobel, Die Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung. Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“. Eine Stellungnahme, Selters/T. 1997, S. 11-14.
Aus Mangel an Informationen konnte dies wohl noch nicht von allen Forschern nachvollzogen werden. Vgl. A. Gursky, Zwischen Aufklärung und Zersetzung..., S. 94. Hier wird Willy Pohl, ehemaligen Leiter des Ostbüros der Zeugen Jehovas, die „recht abenteuerliche Vermutung“ unterstellt, tendenziös zu urteilen. Logisch ist Gurskys Argumentation nur, wenn man Gursky unterstellt, die Fakten nicht zu kennen.
8 Auf Anfrage beim "Spiegel" wurde dem Verfasser der vorliegenden Arbeit die Auskunft erteilt, daß ein Herr Honolka der Autor des besagten Artikels im "Spiegel" über Frost gewesen sei. Antwort von Catherine Stockinger, Leser-Service des "Spiegel" vom 12.5.1999. Er wäre von 1959 bis 1962 beim Nachrichtenmagazin angestellt gewesen. Es würden keinerlei Kontakte zu ihm bestehen. Ob dieser Autor selbst der GI war, der den Artikel für das MfS in das Magazin brachte oder ob er Kontakte zu dem GI des MfS hatte konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Fest steht, daß ein westdeutsches Nachrichtenmagazin sich in die Rufmordkampagne des MfS zum Schaden von Erich Frost und damit zum Schaden für die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas einspannen ließ.