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"Die Zeugen Jehovas.
Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft."825

Entstehungsgeschichte eines speziell für die "Zersetzungsarbeit" geschriebenen Buches

[sog. Urania-Buch/Uraniabuch, herausgegeben vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter dem Verfassernamen "Manfred Gebhard"]

War schon 1961 ein Buch von Dieter Pape mit dem Titel "Ich war Zeuge Jehovas" in der DDR herausgegeben worden, das dem Zweck der "Zersetzung" diente, kam schon bald die Überlegung auf, ein noch umfangreicheres Werk gegen Jehovas Zeugen zu publizieren. Die Intention dieses Buches war, die Wachtturmgesellschaft [Wachtturm-Gesellschaft der Zeugen Jehovas, WTG] als "Feindorganisation zu entlarven" und aufzuzeigen, daß sie "vom Imperialismus im Dienste der psychologischen Kriegsführung" benutzt werde.826 Die Wachtturmgesellschaft sollte völlig diskreditiert werden, indem verschiedene Führungspersonen, zum Beispiel Erich Frost und Konrad Franke, die viele Jahre in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten verbrachten, als Gestapoagenten angeklagt werden sollten.827 Zudem sollte den Zeugen Jehovas in der DDR deutlich werden, daß von ihnen als Bürgern dieses Staates größere Mitwirkung und Mitverantwortung für den Aufbau des Sozialismus erwartet werde. Da, nach MfS-Angaben, von 1961 bis 1965 etwa [Seite 305 (in der gedruckten Ausgabe )] "5.000 Anhänger mehr in der DDR" zu verzeichnen wären, würde sich "die Frage der inneren Zersetzung" der Zeugen Jehovas in den Vordergrund drängen.828

Die erarbeitete "Dokumentation" war ein besonders gut getarntes Auftragswerk des MfS und sollte eine wissenschaftliche Erarbeitung über die Geschichte und Glaubenslehren der Zeugen Jehovas darstellen. In Wirklichkeit war dieses Buch nichts anderes als ein "Meisterwerk der Fälschung".829 Die Fälschungen waren, zumindest teilweise, durchaus zu durchschauen, wenn die aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate aus der Literatur der Zeugen Jehovas nachgeprüft wurden. Was nicht überprüft werden konnte, waren Gestapo-Dokumente über führende Zeugen Jehovas, da das MfS sich die Gestapo-Akten gesichert hatte und keinerlei Einblick gewährte. Die besondere Gefährlichkeit dieses Buches bestand darin, daß durch verzerrte Tatsachendarstellungen, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, dem Einstreuen von einzelnen Dokumenten und ständiger politischer Demagogie ein Bild von Zeugen Jehovas gezeichnet wurde, das für den außenstehenden Betrachter, aber auch für einige über ihre eigene Geschichte und Lehre schlecht informierte Zeugen Jehovas, das Abbild einer gefährlichen, kapitalistischen Geheimgesellschaft zeigte.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis macht die Aufgabe, die durch das Buch erfüllt werden sollte, deutlich. Es wurden Themen behandelt, wie "Im Dienste der psychologischen Kriegsführung", "Vom Großkapital gekauft", "Die WTG und das US State Department", "Die WTG-Führer und der Hitler-Faschismus" oder "Der Christ und seine soziale Verantwortung". Besonders durch das letztgenannte Kapitel wurde das Ziel beim Namen genannt, denn nach "der Zerschlagung des Vertrauens zur WTG" sollten die Gläubigen in die "sozialistische Gemeinschaft" eingegliedert werden und "am sozialistischen Aufbau unserer Gesellschaftsordnung"830 mithelfen.

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Das Manuskript dieses Buches wurde hauptsächlich von Dieter Pape erstellt. Hieran beteiligt war ein weiterer ehemaliger Zeuge Jehovas, Ernst Bajanowski (IM "Linde").831 Nach Fertigstellung des Manuskripts wurden zwei zusätzliche IM für die Bearbeitung eingesetzt, so daß vier IM das Buch erstellt haben. Insgesamt war es aber das Werk eines ganzen Kollektivs, der MfS-Hauptabteilung XX/4/III.832 Einer der vier IM war Manfred  , IM der HA XX/4/III. Seine Aufgabe in Verbindung mit der Herausgabe des Buches bestand darin, offiziell als Bearbeiter und Herausgeber aufzutreten. Da Gebhard (Jahrgang 1943) von 1963 bis 1967 ein Zeuge Jehovas gewesen war, sah das MfS in ihm die geeeignete Person, bei auftretenden Fragen sachkundig antworten zu können.

Da die Bekämpfung der Zeugen Jehovas nicht allein Sache des MfS sein konnte, sollten Mitarbeiter verschiedener staatlicher und gesellschaftlicher Organisationen in die "Zersetzungsarbeit" des MfS einbezogen werden. Sie sollten vor Augen gehalten bekommen, daß die WTG ein Instrument des "Klassengegners" sei und äußerste [Seite 307 (in der gedruckten Ausgabe )] Vorsicht das Gebot der Stunde wäre. Zu diesem Zweck wurden 1.500 Exemplare von der Arbeitsgruppe Kirchenfragen im Zentralkomitee der SED und dem Staatssekretariat für Kirchenfragen [StfK] aufgekauft und verbreitet. Hiervon gingen 250 Exemplare an die Bezirks- und Kreisleitungen der SED und 250 Exemplare an das Staatsekretariat für Kirchenfragen und ihren zuständigen Mitarbeitern in den Bezirken und Kreisen. Über 1.000 Stück sollten zur freien Verfügung der SED und des StfK sein, die die Bücher z. B. an den FDGB, die FDJ, den Nationalrat und in Universitätsbüchereien verteilten.833

Weitere 1.500 Exemplare wurden zentral vom MfS, HA XX/,4 beim Urania-Verlag gekauft und an verschiedene MfS-Abteilungen verteilt. 300 Exemplare verblieben bei der HAXX/4. 300 Exemplare erhielt die HA I ([Hauptabteilung] Abschirmung, NVA und Grenztruppen) zur Weiterleitung an die Wehrbezirks- und Wehrkreiskommandos. Für "Zersetzungsgespräche" mit Zeugen Jehovas, die Wehrdienst- und Ersatzdienstverweigerer waren, sollte dieses Buch eine Grundlage bilden. 100 Exemplare erhielt die HA VII (Abwehrarbeit, MdI, DVP) für ihre Strafvollzugsanstalten. 50 Exemplare die Abteilung IX (Untersuchungsorgan) für ihre Staatsanwälte. 750 Exemplare wurden an die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen überreicht.834 In den Bezirken mit besonders hoher Zahl an Zeugen Jehovas sollten die Buchhandlungen bevorzugt beliefert werden. Von den 7.000 Exemplaren für den freien Verkauf sollten 1.500 Stück den Buchhandlungen des Bezirks Karl-Marx-Stadt zukommen. Jeweils weitere 1.000 Stück den Bezirken Dresden und Halle. Leipzig, Berlin und Magdeburg sollten mit jeweils 500 Stück berücksichtigt werden. Die verbleibenden 2.000 Exemplare blieben den freien Bestellungen des Buchhandels überlassen. Als Verhandlungspartner für den Buchvertrieb trat das Staatssekretariat für Kirchenfragen auf.835

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Da die Zentrale der WTG in Westdeutschland lag, sollte gleichzeitig die Buchverbreitung in der BRD erfolgen, um auch hier die WTG zu diskreditieren. An den Verlag Hubert Freistühler in Schwerte/Ruhr wurden im Jahre 1971 in Lizenzausgabe für die BRD 3.000 Buchexemplare zum Preis von 4,30 DM verkauft.836 Den sehr günstigen Verkaufspreis rechtfertigte der Urania-Verlag auf Anfrage von M. [Manfred] Gebhard, der an den für das Buch gezahlten 10 % Provision für die IM interessiert war, damit, daß Geschäftsabschlüsse mit westlichen Firmen nicht in erster Linie aus kaufmännischen Gründen abgeschlossen werden. Die Buchverbreitung stehe "unter dem politischen Aspekt der Verbreitung unseres Gedankengutes in Westdeutschland". Weiter hieß es:

"Im speziellen Fall ist dies unseres Erachtens der ausschlaggebende Fakt überhaupt - der Vertrieb von 3.000 Exemplaren unserer politisch so bedeutungsvollen Publikation in einem imperialistischen Land läßt alle anderen Überlegungen in den Hintergrund treten; ich bin überzeugt, daß Sie hierin mit uns übereinstimmen."837

Natürlich stimmte Gebhard dem zu und schrieb in seinem Antwortbrief:

"Ich danke Ihnen nochmals für diesen Aufschluß, und so werden wir uns eben für diese 3.000 Exemplare nur mit 0,43 Mark Honorar je Exemplar zufriedengeben müssen."838

Um die Buchverbreitung zu forcieren, nutzte das MfS über Gebhard und andere IM alle Kontakte zu bestehenden Anti-Kult-Gruppen und den Kirchen. Für diese Zwecke und auch zur Verteilung an verantwortliche Zeugen Jehovas erhielt Gebhard 100 Exemplare zur freien Verfügung.839

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So gehörte Hans-Jürgen Twisselmann aus Elmshorn, ein ehemaliger Zeuge Jehovas, Buchautor und strikter Gegner der Glaubengemeinschaft, zu den ersten, die ein Rezensionsexemplar von [Manfred] Gebhard erhielten. Schließlich bestand der Zweck des Buches auch in der "Unterstützung der Oppositionsgruppen der Zeugen Jehovas in ihrem Kampf gegen die WTG".840 In der Zeitschrift "Bruderdienst" sollte er eine Rezension über die "Dokumentation" schreiben. Twisselmann bedankte sich für das Exemplar und schrieb an Gebhard, daß er, Gebhard, so manches "sicher nur in Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen in der DDR ermitteln konnte".

Dennoch schrieb er weiter:

"Es freut mich, daß Sie diese Kooperation ermöglichen konnten im Interesse der so nötigen öffentlichen Aufklärung über diesen ganzen Bereich."841

Der Wunsch des MfS war es, daß "dieses Buch [sog. Urania-Buch, herausgegeben unter dem Verfassernamen "Manfred Gebhard"] in die Hände der ZJ, aber auch vieler Kirchenleute gelangen sollte".842 Deshalb wurde auch Dr. Reinhold Pietz, Herausgeber der "Sektenkundlichen Mitteilungen" (Konfessionskundliche Forschungsstelle des Evangelischen Bundes in der DDR), von Gebhard mit einem Rezensionsexemplar bedacht.843 Ebenso ging ein Exemplar an "begegnung, Zeitschrift [Seite 310 (in der gedruckten Ausgabe )] progressiver Katholiken" und an weitere Zeitschriften.844 Selbst renommierte Verlagsanstalten in Westdeutschland, wie der Bertelsmann-Lexikothek-Verlag, ließen sich über dieses vom MfS angefertigte Buch über Jehovas Zeugen informieren. Unter dem Stichwort "Jehovas Zeugen" wird als erste Quellenangabe über die Religionsgemeinschaft die "Dokumentation" von [Manfred] Gebhard angeführt.845 Besondere Beachtung erhielt das Buch in der Zeitschrift "Christliche Verantwortung" selbst, die regelmäßig und über viele Jahre aus der "Dokumentation" zitierte.

7.000 Exemplare wurden von der MfS-Abteilung "Agitation" aufgekauft, um damit weitere Mitarbeiter des MfS auszustatten.846 Auch die "Staatsorgane in den sozialistichen Bruderländern" wurden mit Exemplaren für ihre "Zersetzungsarbeit" versorgt.847

Der Geheimdienst war natürlich daran interessiert zu erfahren, inwieweit die von ihm herausgegebene Dokumentation tatsächlich Wirkung zeigte. Deshalb versuchten MfS-Mitarbeiter durch Gespräche mit Zeugen Jehovas und auch durch Befragung von IM, sich ein Bild zu machen. Die Reaktionen aktiver Zeugen Jehovas waren unterschiedlich. In einem MfS-Bericht vom 7. April 1971 zu den geführten "Zersetzungsgesprächen" über die MfS-Dokumentation kam es zu verschiedenen Reaktionen.848

In einem Gespräch mit einem Leiter einer Bibelstudiengruppe, der als "äußerst fanatisches Mitglied" eingestuft wurde, versuchte dieser dem MfS-Mitarbeiter "ständig seine überzeugende Haltung" klarzumachen. Da er von seiner nicht zu erschütternden Haltung überzeugt war, erklärte er sich sofort bereit, das Buch zu lesen und mit dem Mitarbeiter darüber zu diskutieren.

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Ein weiteres Gespräch fand ebenfalls mit dem Leiter einer Bibelstudiengruppe statt. Dieser war laut Bericht "sehr verstockt" und "lehnte es prinzipiell ab, dieses Buch zu lesen".

Bei einem dritten Gespräch merkte der MfS-Mitarbeiter schnell, daß bei dem Gesprächspartner Unzufriedenheit bezüglich seiner Mitgläubigen in Eisenhüttenstadt bestand. Er hätte wenig Kontakte, sein Studienleiter hätte wenig Bibelkenntnis und überhaupt gingen zuwenig Aktivitäten von der Gruppe aus. Angesprochen auf die "antikommunistische Propaganda" der WTG äußerte er sich über die erhaltenen "Informationen" bestürzt und wollte das Buch sofort studieren. Bei der nächsten Aussprache wollte er mit dem Mitarbeiter eingehend darüber sprechen. Das weitere Ziel des MfS bestand, laut Bericht, ab sofort darin, ihn als IM zu werben.

Das vierte Gespräch wurde mit 2 Zeuginnen Jehovas geführt. Hier war interessant, daß eine der beiden Frauen aus der BRD kam und sich zu Besuch bei ihrer Mutter aufhielt. Sie hätten das Buch vorbehaltlos entgegengenommen. Die westdeutsche Gesprächspartnerin wollte die Dokumentation zu Hause in Hamburg lesen und in ihrer Studiengruppe besprechen und dann eine Einschätzung an ihre Mutter schicken, die diese dem MfS übergeben würde.849

Es kann konstatiert werden, daß durch diese Veröffentlichung innerhalb der Religionsgemeinschaft selbst wenig an "Zersetzung" bewirkt wurde.850 Der vom MfS beabsichtigte Trennungsprozeß von [Seite 312 (in der gedruckten Ausgabe )] Gläubigen aus der Religionsgemeinschaft ist auch nicht quantifizierbar. Eher wurde das Meinungsbild in der Öffentlichkeit über Jehovas Zeugen manipuliert. Durch die relativ breite Streuung konnte diese "Dokumentation", die als Standardwerk über Jehovas Zeugen galt, in gesellschaftlichen Organisationen und kirchlichen Kreisen ein bestimmtes Bild erzeugen, das nicht der Wahrheit entsprach. Ähnliche Wirkung hatte das MfS offenbar auch im Westen erreichen können, da auch hier Interessengruppen gegen Zeugen Jehovas bestanden und diese die angeblich dokumentarischen Informationen als Nachschlagewerk nutzten.

Daß die Zeugen Jehovas, insbesondere die WTG als die leitende Zentralstelle, auf das Bild festgelegt wurde, das man innerhalb des MfS von der WTG hatte, scheint offensichtlich nur wenige interessiert zu haben.

Inhaltsverzeichnis

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825 Manfred Gebhard, Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, Urania-Verlag, Leipzig/Jena/Berlin 1970. Lizenzausgabe für die BRD und Westberlin, Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr 1971.
826 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 122, "Erarbeitung und Verbreitung des Buches 'Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft'" vom 5.1.1971.
827 In der Buchkonzeption hieß es: "Aus psychologischen Gründen war es notwendig, das Verhalten der führenden Männer der WTG in Brooklyn, in Bern und in Deutschland zu beleuchten, um den Zeugen zu zeigen, daß die Personen, um die die WTG einen Kult betrieb und betreibt, um die Gunst der Faschisten buhlten und Gestapokollaborateure waren, die um persönlicher Vorteile willen Tausende einfache Zeugen Jehovas der Gestapo auslieferten und von denen die meisten jetzt wieder von Westdeutschland aus die Zeugen Jehovas gegen die DDR aufhetzen und zu strafbaren Handlungen und feindlichen Handlungen veranlassen." Ebd., Bl. 192. Daß davon keine Rede sein konnte, sondern lediglich die Diffamierungstaktik des MfS hinter diesen Aussagen stand, wurde durch viele Zeitzeugen und die Geschichtswissenschaft eindeutig nachgewiesen. Vgl. D. Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium, a. a. O. W. Hirch, Operativer Vorgang "Winter", a. a. O.
828 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 189, Konzeption zu der "Dokumentation", kein Datum genannt. Das Buch sollte zunächst unter dem Titel "Theokratie-Illusionen-Fanatismus-Verbrechen" erscheinen.
829 Gabriele Yonan, Jehovas Zeugen - Opfer unter zwei Diktaturen. 1933-1945. 1949-1989, Bd. 1, Berlin 1999, S. 97.
830 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 195, Buchkonzeption, kein Datum genannt.
831 Ebd., Bl. 1, "Vorschlag für die Veröffentlichung eines Buches zur weiteren Zersetzung der 'Zeugen Jehovas'" vom 6.10.1967. Schon am 3.9.1966 wurde in einer Einschätzung über D. [Dieter] Pape geschrieben, daß er ein "umfangreiches Manuskript über die 'Zeugen Jehovas' angefertigt" habe, "das als Buch herausgegeben werden soll". BStU Berlin, P, A-185/85, Bl. 315, Einschätzung der Zusammenarbeit mit "Wilhelm" vom 3.9.1966. Erstaunlich ist, daß wiederum etwa zeitgleich wie das Buch "Ich war Zeuge Jehovas", das 1961 sowohl im Westen (Autor: G. [Günther] Pape) als auch im Osten (Autor: D. Pape) ein weiteres Buch von Günther Pape, "Die Wahrheit über Jehovas Zeugen, Problematik, Dokumentation" im Jahre 1970 in der BRD erschien. In einer Einschätzung über "Wilhelm" vom 27.12.1965 wurde geschrieben: "Während dieses Jahres wurde der briefliche Kontakt des IM zu seinem in Westdeutschland lebenden Bruders verbessert und über einen möglichen Treff zwischen beiden insoweit Übereinstimmung erzielt, daß ein solcher nur in Österreich möglich ist." BStU Berlin, A-185/85, Bl. 114, Einschätzung vom 27.12.1965. Ob ein solches Treffen stattgefunden hat geht aus den Akten D. [Dieter] Papes nicht hervor. Günther Pape gewährt bisher keinen Einblick in die über ihn bestehenden MfS-Akten. Er wird in der Gauck-Birthler Behörde noch als "Betroffener" geführt. Das bedeutet, daß nur er seine Akten einsehen darf. Die Forschung bleibt außen vor. Bereits 1962 wurde er als GHI [Geheimer Hauptinformator (IM-Kategorie 1953-1968)] vom MfS registriert. BStU ASt Gera, 3375/60, 269/70, P Bd. IV, Bl. 139 vom 1.8.1962.
832 Ebd.
833 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 11, Aufstellung über den Vertrieb durch die Partei, Staatsapparat und gesellschaftliche Organisationen, kein Datum genannt.
834 Ebd., Bl. 6, Verteilung der "Dokumentation" an die verschiedenen Diensteinheiten des MfS, kein Datum genannt. Zur Aufschlüsselung der einzelnen MfS-Abteilungen vgl. Karl-Wilhem Fricke, MfS intern, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1991, S. 22 ff.
835 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 8-10, Aufstellung über den Vertrieb der "Dokumentation", kein Datum genannt.
836 In einem internen Informationsschreiben des MfS über die Resonanz zu diesem Buch wurde die Mitteilung gemacht, daß der westdeutsche Verlag angefragt habe, ob es aufgrund der großen Nachfrage in der BRD möglich wäre, mehr Exemplare zu bestellen. BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 169, Information über die Buchresonanz vom 5.8.1971. Aus den Akten geht nicht hervor, ob eine weitere Lieferung an den Freistühler-Verlag erfolgt ist.
837 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 92 f., Urania-Verlag an M. [Manfred] Gebhard vom 11.1.1971.
838 Ebd., Bl. 94, M. [Manfred] Gebhard an Urania-Verlag vom 19.1.1971. Der Verkaufspreis in der DDR betrug 11,50 Mark. Hiervon wurden ebenfalls 10 % Provision gezahlt.
839 Ebd., Bl. 43, Verteilung des Buches, kein Datum genannt, es heißt in der Notiz: "Kurt Berg" (Manfred Gebhard) erhält für "Sekten-Funktionäre und ZJ-Arbeit" 100 Exemplare.
840 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 190, Buchkonzeption, kein Datum genannt.
841 Ebd., Bl. 116, Twisselmann an [Manfred] Gebhard vom 14.1.1971. Twisselmann gehörte in den Folgejahren zu den Autoren, die nicht davor zurückschreckten, auch für die MfS-Zeitschrift "Christliche Verantwortung" zu schreiben. Die Rezension im "Bruderdienst" über das Buch erschien 1971, allerdings nicht von Twisselmann angefertigt, sondern nach Angaben von Gebhard von Dietrich Hellmund, dem Verfasser einer Dissertation über Jehovas Zeugen aus dem Jahre 1971. Hellmund erkannte durchaus die Schwachpunkte des Buches und brachte das in der Rezension mit den Worten zum Ausdruck, daß das Buch zwar "genug Denkanstöße" biete, aber die enthaltenen Thesen "oft unzureichend begründet" seien. Diese sollten daher entweder "besser bewiesen - oder zurückgezogen werden". Ebd., Bl. 186, "Neue Dokumentation", erschienen im "Bruderdienst", Jahrgang 1971.
842 Ebd., Bl. 12 f., Korrekturen am MfS-Buch von M. [Manfred] Gebhard, kein Datum genannt. In der Buchkonzeption hieß es dazu noch, daß das Buch "vorwiegend christliche Kreise anzusprechen hat". Ebd., Bl. 199.
843 Ebd., Bl. 90, Brief von Dr. Pietz an M. [Manfred] Gebhard vom 6.1.1971. Pietz war Präsident der "Sektenkundlichen Mitteilungen", die von der Konfessionskundlichen Forschungsstelle des Evangelischen Bundes in der DDR herausgegeben wurde.
844 Ebd., Bl. 91, "begegnung" an [Manfred] Gebhard vom 6.1.1971.
845 "Die Große Bertelsmann Lexikothek", Lexikon-Institut Bertelsmann (Hrsg.), Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH, Gütersloh 1986, Stichwort: Jehovas Zeugen, S. 311.
846 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 125.
847 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 198, Buchkonzeption, kein Datum genannt.
848 Ebd., Bl. 145 ff., "Bericht über die geführten Aussprachen mit 'Zeugen Jehovas' im Zusammenhang mit der Arbeit des Buches 'Die Zeugen Jehovas'" vom 7.4.1971.
849 Ebd., Im Bericht wurde auch gesagt, daß eine "Buchgemeinschaft ins Leben gerufen" würde, die in die Studiengruppe CV eingegliedert werden solle.
850 Eher reagierte und dachte man so wie ein anonymer Briefschreiber, der an Gebhard in Gedichtform schrieb:

"Wenn Du, Manfred Gebhard, denkst die Schäflein zu verwirren, tust Du Dich gewaltig irren.
Schau Dich erstmal selber an.
Lukas 6:41,42 sagen uns,
was Du bist für ein Mann.
Du willst den Splitter aus Deines Bruders Auge ziehn
und siehst selbst nicht den Balken in Deinem Auge?
Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus Deinem Auge und sieh dann zu,
daß Du den Splitter aus Deines Bruders Auge ziehst.
"

BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 932, Bl. 148-153, anonymer Brief an [Manfred] Gebhard vom 25.3.1971. Als Absender hatte der Schreiber genannt: Matthäus 11:25 und 1. Korinther 26 bis 29.