[Seite 322 (in der gedruckten Ausgabe)]

IV. 3. 8. Sollvorgaben an die CV-Redaktion

Obwohl die Artikel, die in CV veröffentlicht wurden, nach Ansicht des MfS, für Zeugen Jehovas "ansprechend" waren und "Argumente von großer Überzeugungskraft und Wirksamkeit" enthielten, übte das MfS starke Kritik daran, daß bestimmte Probleme, wie die Vervielfältigung von Literatur oder das Gemeindegeschehen, bei Jehovas Zeugen völlig unzureichend behandelt wurden.869 Es müsse mehr getan werden, da die Veröffentlichungen der WTG gerade in einer Zeit des weltpolitischen Umbruchs "eine zweifellos proimperialistische Haltung" einnehmen würden. Diese würde von der "offenen Unterstützung der imperialistischen Globalstrategie bis zur biblisch-verbrämten Hetze gegen das sozialistische Weltsystem" gehen. Es würden hierzu immer neue Mittel und Methoden durch die Zeugen Jehovas ausgedacht und die Vervielfältigung der Literatur forciert.870 Das MfS stellte klar definierte Aufgaben an CV. Informationen von IM sollten besser in Artikel eingebaut werden. Sämtliche Literatur der WTG sollte in der Bibliothek von CV in Gera als Lektüre vorhanden sein. Die sogenannten "Stützpunkte" von CV sollten mit der Erstellung von Artikeln beauftragt werden. Sowohl die Auswahl der Themen, ein Änderungsrecht der Artikel als auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung sollte allein Daum überlassen werden.

Daum wurde im Jahre 1970 vom MfS geschult, "selbständig Artikel für die ´Christliche Verantwortung´ zu verfassen". Die endgültige Zusammenstellung der CV sollte von Daum gemeinsam mit Unterleutnant Bergner vorgenommen werden. Während der Schulung Daums, die praktische Übungen enthielt, mußte er Artikel oder bestimmte Begriffe in der Literatur der Zeugen Jehovas untersuchen, um sie nach möglichen Kritikpunkten jeder Art zu durchforsten. Unter einen achtseitigen Aufsatz Daums zu der Frage: "Gibt die ´Mutter´871 wirklich christliche, weise Ratschläge?" schrieb Daums Führungsoffizier als Bewertung:

[Seite 323 (in der gedruckten Ausgabe)]

  1. - "Gesamt Eindruck gut. Aussage ebenfalls. Bitte aber "philosophischen Teil" (2a-2b) kürzen und deutlicher gestalten.
  2. - Den Anfang S. 3 bitte nach den Gegebenheiten der Org., wie sie z. Zt. existent sind, verändern.
  3. - Die Briefauszüge der unbekannten Schwestern deutlicher und unmißverständlich in die Relation rücken."

Die Kontrolle über die schriftliche CV-Arbeit wurde durchgängig über die Jahre beibehalten. Artikel in den CV-Schriften wurden untersucht und von den Führungsoffizieren beurteilt. Zum Artikel "Im Verkehr mit den Nichtchristen ehrbar wandeln" für CV Nr. 23, lautete die Beurteilung:

"Der Artikel zeigt, auf welche religiösen und politischen Fragen sich der Kampf gegen die ZJ-Leitung konzentrieren muß. Der politische Hauptgedanke ist die Zurückweisung der Konfrontation "Christentum oder Sozialismus" zugunsten des Grundsatzes "Christen im Sozialismus". Der Artikel entspricht völlig den politischen und religišsen Absichten von CV."873

Bei der Überprüfung vor Drucklegung der CV Nr. 42 bemängelte Bergner, daß "Druckereiunkosten" und andere bestehende Kosten für CV nicht veröffentlicht werden sollten. Dies wurde schließlich aus dem Artikel gestrichen, da "keine Notwendigkeit" für eine Offenlegung der Kosten bestünde. Zur weiteren Ausgabe, der CV Nr. 43, hatte Bergner keine Beanstandungen. Er schrieb:

"Keine inhaltlichen und formellen Beanstandungen oder Kritiken. Gut so zur Veröffentlichung".874

Ab März 1971 bestand die Sollvorgabe für Daum unter anderem darin, monatlich 500 Schreibmaschinenzeilen über Jehovas Zeugen für die Zeitschrift zu verfassen. Eine ähnliche Größenordnung wurde offenbar auch von anderen IM, wie Dieter Pape, erwartet, der ohnehin zu den "fleißigsten" Autoren in CV gehörte. Im Bericht Daums an das MfS vom 9. März 1971 wurde aufgelistet, daß Pape und [...][Name geschwärzt] folgende Artikel als Artikelvorlauf eingesandt hätten:

[Seite 324 (in der gedruckten Ausgabe)]

"Im Dienste des Kapitals", "Ein aktueller Buchbericht über die Dokumentation ZJ", "Im Zeichen der Wolfsmoral", "Wenn die Argumente schwach", "Verkürzte Tat", "Wofür darf man".875

Die Themenwahl nahm Bergner zusammen mit Daum vor. Für die Erarbeitung dieser Themen diente immer wieder das Buch "Die Zeugen Jehovas" von Manfred Gebhard als Vorlage, ohne allerdings als Quelle genannt zu werden.

Eine weitere Aufgabe Daums bestand darin, monatlich mit einem Zeugen Jehovas, im Auftrag Bergners, ein "Zersetzungsgespräch" zu führen, um sich in der Argumentation zu schulen.876 Im Bericht Daums vom 9. März 1971 wurde ein solches Gespräch beschrieben, in dem Daum Fragen bezüglich einer möglichen staatlichen Zulassung gestellt wurden. Daum unternahm den Versuch, hier theologisch zu argumentieren und schrieb im Bericht über dieses Gespräch:

"Bezüglich der Aufgaben von CV erwähnte ich einmal als das vornehmste Anliegen von CV die Wiederherstellung der Verbindlichkeit von Christus Jesus bzw. daß CV daran arbeitet, Christus Jesus als den einzigen Mittler wiederherzu-stellen."877

Da Bergner mit den von Daum erbrachten Leistungen nicht zufrieden war, erhielt Daum eindeutige Arbeitsrichtlinien. Eine Analyse der erbrachten Leistungen hätte ergeben, "daß die Aufgabenstellung von ´CV´ seit Mai 1970 in keiner Weise erfüllt wurde". Da CV eine "finanzintensive Zeitschrift" sei, mit monatlichen Kosten von 2.000,00 Mark, ihr Erscheinen vorausgesetzt, sei der qualitative und quantitative Ertrag "völlig unzureichend".878

Daum hatte ab diesem Zeitpunkt ein Planbuch zu führen, in dem der Wochenarbeits-, der Monatsarbeits- und der Jahresarbeitsplan enthalten waren. Um zu zeigen, wie ein Arbeitstag zu gestalten sei, konkretisierte Bergner dies anhand einer Arbeits- und Zeitvorgabe:

"Dienstag
8.00 - 10.30 Uhr Durchsicht des Posteingangs. Fertigen der Antwortvorschläge zur Vorlage an Mitarbeiter.

[Seite 325 (in der gedruckten Ausgabe)]

10.30 - 12.30 Uhr Durcharbeiten des Artikels [...] aus dem ´Wachtturm´ 4/71.
12.30 - 13.00 Uhr Mittagspause
13.00 - 17.00 Uhr Entwurf einer Artikelkonzeption für ´CV´ unter Bezugnahme auf den ´Wachtturm´ 4/71.
"879

Die reguläre Arbeitszeit war von Montag bis Freitag von 8.00 Uhr - 17.00 Uhr. Samstags von 8.00 Uhr - 12.00 Uhr. Bei zufriedenstellender Arbeitsweise des FIM hatte er jeden zweiten Samstag frei. Für die Reinhaltung der Räumlichkeiten von CV wurden Daum drei Arbeitsstunden pro Woche zur Verfügung gestellt. Die Sauberkeit wurde kontrolliert. Über eine solche Kontrolle wurde im Bericht vom 22. März 1972 geschrieben:

"Das Büro befand sich in einem sehr unsauberen, unaufgeräumten Zustand. Es war festzustellen, daß das Büro seit dem Bezug durch FIM ´Heini Turner´ noch nicht gründlich gereinigt wurde."880

Ab und an kam vor, daß Besucher vor der Tür standen und Auskünfte wünschten. Für unvorhergesehene Kosten wurden 100,00 Mark im Büro deponiert, über die ein "Nachweisbuch" geführt werden mußte, da das Geld nur für "operative Zwecke" verwendet werden durfte.881

Die Verbesserung der Qualität der Zeitschrift und auch verschiedener Mitarbeiter war für den MfS-Offizier eine ständige Sorge. In Bergners Beurteilung Daums vom 21. November 1973 liest sich das wie folgt:

"Der FIM entwickelt ein großes Maß an Eigeninitiative. Diesbezüglich ist jedoch zu vermerken, daß diese Faktoren oftmals Gegenstand fehlerhafter Arbeit sind. Der Mitarbeiter muß hierbei ständige Unterstützung leisten, um bedeutsame Mängel aus der Zeitschrift zu entfernen.[...] Der FIM verfügt über die Voraussetzungen, die ´CV´-Tätigkeit weiter zu leiten. Der Erziehungsprozeß muß diesbezüglich jedoch ständig in entsprechender Form geführt werden, um den FIM zur Konkretheit anzuhalten."882

[Seite 326 (in der gedruckten Ausgabe)]

Inwieweit bei diesen Beurteilungen persönliche Abneigungen und unterschiedliche Anschauungen eine Rolle gespielt haben, läßt sich nur bedingt einsehen. Die Beurteilung Daums durch Bergner läßt aber darauf schließen, daß auf beiden Seiten keine große Sympathie bestand. In der Beurteilung der Charakteristik Daums durch Bergner liest sich das wie folgt:

"Davon ausgehend, daß FIM ´Heini Turner´ [Wolfgang Daum] glaubt, ein sehr gehobenes Bildungsniveau zu besitzen, daß als genieartig einzuschätzen sein soll, ist es erkanntermaßen erforderlich, ihm seine Fehler aufzuzeigen. Hier ist jedoch sehr viel Fingerspitzengefühl erforderlich. Der Mitarbeiter kann hier nur, unter Umgehung der vom FIM angestrebten, fruchtlosen Debatten, durch Faktendarstellung erreichen, das der FIM durch Selbsterkenntnis seine Auffassung korrigiert. Konkret äußerte sich diese Situation so, daß der FIM zunächst glaubte, trotz jahrelanger fehlender Informationen über die ´Zeugen Jehova´, voll die Problematik der ´ZJ´ zu beherrschen. Die von ihm verfaßten schriftlichen Darlegungen wurden jedoch vom Mitarbeiter gründlich und sachlich widerlegt. Der FIM bemüht sich und entwickelt zunehmend mehr Eigeninitiative, um die Qualität seiner Arbeit dem von ihm geforderten Maß anzupassen.
Der Bildungsstand, rein nach Studienabschlüssen des Mitarbeiters, ist für FIM ´Heini Turner´ von untergeordneter Bedeutung. Das begründet sich speziell bei ´Heini Turner´ darauf, daß er selbst ´nur´ über den Abschluß der 8. Klasse verfügt und wie er selbst sagt: ´Alle Kenntnisse ohne Papierchen im Kopf hat. Das Papierchen, der Strich, spielt dabei keine Rolle.
"883

____________________

Fußnoten:

869 BStU ASt Gera, HA XX/4, 3385/60, 857/80, Bd. I, Bl.279, "Maßnahmeplan über die Zersetzung der ´Zeugen Jehova[s]´ mittels ´Christlicher Verantwortung´" vom 3.3.1971.
870 Ebd.
871 Mutter war die Tarnbezeichnung für die Wachtturmgesellschaft.
872 BStU ASt Gera, HA XX/4, 3385/60, 857/80, Bd. II, Bl. 47 ff, "Gibt die ´Mutter´ wirklich christliche, weise Ratschläge?", kein Datum genannt.
873 BStU ASt Gera, HA XX/$, Archiv-Nr. 972, "Einschätzung der Manuskripte für CV Nr. 23" vom 4.1.1969.
874 Ebd., Bl. 315 f., Überprüfung der Manuskripte für CV 42, 43 vom 4.5.1972.
875 BStU ASt Gera, HA XX/4, 3385/60, 857/80, Bd. III, Bl. 364, Bericht des FIM ´Heini Turner´ vom 9.3.1971.
876 Ebd., Bd. I, Bl. 281 ff.
877 BStU ASt Gera, HA XX/4, 3385/60, 857/80, Bd. III, Bl. 362, Bericht des FIM ´Heini Turner´ vom 9.3.1971.
878 Ebd., Bd. I, Bl. 284, "Arbeitsrichtlinie für FIM ´Heni Turner´" vom 5.7.1971.
879 Ebd., Bl. 285.
880 Ebd., Bd. I, Bl. 293, Bericht Unterleutnant Bergner vom 22.3.1972.
881 BStU ASt Gera, HA XX/4, 3385/60, 857/80, Bd. I, Bl. 284 ff., Arbeitsrichtlinie für "Heini Turner" vom 5.7.1971.
882 Ebd., Bd. II, Bl. 246, "Beurteilung über FIM ´Heini Turner´, Unterleutnant Bergner vom 21.11.1971.
883 Ebd., Bd. I, Bl. 304, Beurteilung des FIM "Heini Turner" durch seinen Führungsoffizier, Unterleutnant Bergner vom 17.4.1972.