IV. 4. Kirchliches Interesse an CV-Informationen

[Seite 378 (in der gedruckten Ausgabe)]

Es kann konstatiert werden, daß Informationen, die in der evangelischen Kirche über Zeugen Jehovas verbreitet wurden, zu einem großen Teil aus der Feder der "Christlichen Verantwortung" [CV, eine vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gesteuerte "Oppositionsgruppe" gegen Zeugen Jehovas in der DDR] stammten. Die evangelische Kirche ließ sich in ihren Kampf gegen die Zeugen Jehovas vom MfS einspannen, bzw. nutzte die ihr vom MfS zur Verfügung gestellten Mittel im eigenen Interesse, da sie ohnehin schon seit Bestehen der Zeugen Jehovas gegen diese ankämpfte. Wegen der Verfolgungsmaßnahmen gegen Zeugen Jehovas in der DDR hatte man in der Kirche keinen Protest erhoben, der missionarische Eifer der Glaubensgemeinschaft stimmte die Kirche eher feindlich. Auch wenn durch die Arbeit in den Kirchen die Zeugen Jehovas selbst kaum erreicht wurden und keine wesentliche Abnahme ihrer Anhänger zu verzeichnen war, kann man doch davon ausgehen, daß durch die Verbreitung verschiedener falscher Aussagen in den Kirchen die Vorurteile gegen Zeugen Jehovas in nicht unerheblichem Maße zugenommen haben. Man fürchtete offensichtlich den Missionseifer der Zeugen Jehovas, der vor Kirchenmitgliedern nicht halt machte.

Ein großer Teil der Kirchenmitglieder hatte spätestens in den 70/80er Jahren eine eher staatskonforme Haltung eingenommen bzw. war im Laufe der Jahre aus der Kirche ausgetreten. Diejenigen die blieben, versuchten eher durch die Zusammenarbeit mit dem Staat Veränderungen zu erreichen und sich mit der Staatsdoktrin des Sozialismus zu arrangieren. Man hatte sich im Sozialismus "eingerichtet". Obwohl die Benachteiligung auch für Protestanten in der DDR nie vollständig abgenommen hatte, waren die Nachteile in den siebziger und achziger Jahren längst nicht mehr mit denen der fünfziger und teilweise noch sechziger Jahren vergleichbar.

[Seite 379 (in der gedruckten Ausgabe)]

Die Zahl der evangelischen Kirchenmitgliedern in der DDR war von 1946 bis 1989 erheblich gesunken. Hatte sie im Jahre 1946 noch bei 81,6 % gelegen war die Anzahl bis zum Jahr 1964 auf 59,4 % zurückgegangen. Im Jahre 1989 hatte sie noch 19,4 % betragen.1029

In den evangelischen Landeskirchen hatte das MfS, aufgrund eigener kirchlicher Interessen, "Verbündete" im Kampf gegen die Zeugen Jehovas gefunden. Es klingt nicht plausibel, wenn man sagen würde, diejenigen die sich von CV informieren ließen, hätten nicht wenigstens geahnt, wer der tatsächliche Drahtzieher bei dieser Art der "Aufklärungsarbeit" gewesen sei. In den evangelischen Kirchen nutzte man CV als Quelle und hatte mit dem MfS ein gemeinsames Ziel: Die Dezimierung des Einflusses und der Anzahl der Zeugen Jehovas in der DDR.
[…]

[Seite 381 (in der gedruckten Ausgabe)

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß ein Informationsaustausch zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit und der katholischen Kirche gegeben hat, jedoch eingeschränkt und auf wenige Personen begrenzt. Daß CV vor einer größeren Anzahl von katholischen Pfarrern - wie in der Evangelischen Kirche geschehen - Referate gehalten hätte, ist nicht bekannt. In der katholischen Kirche hatte man seine eigenen speziellen Informationsbüros, deren Intention – berachtet man gerade das Informationsbüro in Haisterkirch von G. [Günther] Pape – ähnlich der von CV war.

Im Arbeitsplan der Studiengruppe Gera für das Jahr 1988 hieß es deshalb auch über die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche, [Seite 382 (in der gedruckten Ausgabe)] daß hier "noch sehr wenig Kontakt" bestehen würde. Bis auf die Tatsache, daß sich einige katholische Pfarrer an CV gewandt hätten, um Informationen zu erhalten, gäbe es keinen offiziellen Kontakt.1037

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen an Katholischen Fakultäten war CV zwar bekannt, aber offensichtlich ließ man sich hierüber nur unzureichend vom "Katholischen Informationsbüro" in Haisterkirch informieren.1038
[…]

[Seite 398 (in der gedruckten Ausgabe)]

Es kann konstatiert werden, daß die in Splittergruppen organisierten ehemaligen Zeugen Jehovas vom Ministerium für Staatssicherheit unter Zuhilfenahme der "Christlichen Verantwortung" zur Mitarbeit animiert werden sollten. Die genannten Gruppen waren relativ schnell bereit, gegen die Zeugen Jehovas vorzugehen. Nur die VFC [Vereinigung freistehender Christen] distanzierte sich ab Mitte der sechziger Jahre von einer Zusammenarbeit mit dem MfS. Dafür hatte auch der VFC Nachteile, wie beispielsweise die Nichtzulassung seiner Zeitschrift seit dem Jahre 1965, zu tragen.

Der Bund freier Christengemeinden (BfC) wurde gleich zu Beginn seiner Absplitterung vom VFC als theologisches Instrument genutzt, um den Zeugen Jehovas zu verstehen zu geben, daß auch sie, wie der BfC, religiöse Freiheit in den vom Staat gesetzten Grenzen erhalten könnten. Die zu Beginn der sechziger Jahre relativ großen Arbeitsgruppen, die sich auf die theologische Arbeit gegen die Zeugen Jehovas konzentriert hatten, waren am Ende der sechziger Jahre bedeutungslos geworden. Es konnten ohnehin nur lokale Auseinandersetzungen geführt werden. Überregional war der BfC völlig unbedeutend und hatte sich lediglich über einige Artikel in der CV einbringen können.

Besonders eng war die Bindung der "Freien Christengemeinde" (FC) zum MfS. Hier wurden regelmäßig Gespräche mit dem MfS und mit dem MfS-Organ CV geführt. Der Leiter der FC war von 1980 bis 1987 Herausgeber der CV-Begleitzeitschrift "Weggefährte". Hier herrschte aber durch Überalterung und Nichtattraktivität dasselbe Problem wie bei den anderen beiden Gemeinschaften. Somit hat auch der FC nur eine unbedeutende Rolle im ideologischen Kampf gegen die Zeugen Jehovas gespielt.

Der Versuch des MfS, mit diesen Gemeinschaften bei Jehovas Zeugen etwas zu erreichen ist fehlgeschlagen. Die von CV präsentierten Alternativ-Gemeinschaften waren für die Zeugen Jehovas nicht attraktiv und konnten keinesfalls überzeugen. Wie wenig Erfolg die "Diversionstätigkeit" durch das MfS auf diesem Gebiet einbrachte, zeigt die Tatsache, daß alle drei Gemeinschaften an Zahl nicht zunahmen, sondern im Gegenteil ihre Mitgliederzahlen ständig sanken, sie an Überalterung litten und Mitte der achtziger Jahre nur noch etwa eine Gesamtzahl von einigen Dutzend Mitgliedern aufwiesen. Das Ziel des MfS, einerseits diese Gemeinschaften durch die gewünschte ständige Aufnahme von konvertierten Zeugen Jehovas zu vergrößern und am Leben zu halten, andererseits bei den Zeugen Jehovas einen Aderlaß durch die Alternativgemeinschaften zu erreichen, war fehlgeschlagen.

____________________

991-1085: Quellenangaben siehe in der gedruckten Ausgabe.