Anlass, keine Bluttransfusion durchzuführen, sondern alternative Behandlungsmethoden zu wählen, die in der Verabreichnung eines Eisenproduktes in Tropfenform und in Bestrahlung bestanden. Der in diesem Krankenhaus bereits fernschriftlich vorliegende Sorgerechtsentzug erlangte keine Bedeutung, da sich die Blutwerte unseres Sohnes stündlich besserten und die Gelbsucht bald überwunden war.

In dieser Situation, zwei Tage nach der Geburt unseres Sohnes, wurde die Stasi aktiv. Zunächst wollten sie mich zu Hause erreichen, was nicht gelang, da ich an diesem Tag etwas länger in meiner Arbeitsstelle war. Im Gemeindeamt unseres Heimatortes warteten sie nun auf mich, und als ich mit dem Motorrad kam, wurde ich von der Straße weg in das Gemeindeamt gebracht. Dort sollte ich mürbe gemacht werden. Sie drohten mir damit, falls durch die Verweigerung der Blutübertragung unserem Sohn Schaden entsteht oder er sogar stirbt, würden sie mich hinter Gitter bringen. Sie wollten einen Präzedenzfall schaffen. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war die deutliche Besserung des Gesundheitszustandes unseres Sohnes. Das führte dann dazu, dass sie mich nach ca. 4 Stunden intensiver „Bearbeitung“ nach Hause fahren ließen.

Ungeachtet der ständigen Drohungen der Stasi, die uns durch Stasi-Mitarbeiter und ihre Helfershelfer überbracht wurden, trafen wir uns regelmäßig in unserer Wohnung im kleinen Kreis, um unsere Bibelstudien durchzuführen. Freudig nutzten wir auch jede Gelegenheit, anderen die gute Botschaft von Gottes Königreich bekanntzumachen. Diese Tätigkeit konnte nicht verborgen bleiben und so kam es hin und wieder zu Konfrontationen mit der Stasi oder der Polizei. Manchmal gab es auch Gelegenheiten, sich im größeren Kreis mit anderen Zeugen Jehovas zu treffen. Hochzeitsfeiern und andere Familienfeste waren dazu willkommene Anlässe. Auch bei Trauerfeiern gab es die Gelegenheit, viele unserer Glaubensbrüder und -Schwestern zu sehen. Da Trauerfeiern öffentlich sind, führte es dazu, dass die Stasi manchmal auch bei solchen Anlässen präsent war. So erlebte ich es am 17.12.1977. als ich in Penig (Sachsen) bei einer Trauerfeier für eine verstorbene Glaubensschwester die Ansprache hielt. Unter den mehr als 150 Trauergästen waren auch Stasi-Mitarbeiter anwesend. Sie schrieben einen ausführlichen Bericht über die äußeren Umstände, die Anwesenden und über mich. Alle Hauptpunkte der Ansprache wurden genau notiert. Danach erfolgte bei der Stasi-Kreisdirektion (KD) Rochlitz die Auswertung. Dazu wurde auch die Einschätzung des SED-Parteisekretärs meiner Arbeitsstelle eingeholt.8 Mit der handschriftlichen Empfehlung der Stasi-Offiziere

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8 Im Stasi-Dokument der KD Rochlitz vom 22.12.1977, unterzeichnet von Oberleutnant Wolfram, heißt cs dazu: „Laut Einschätzung des APO-Sekretärs („Abteilungspartciorganisations“-Sekretärs) Genossen Steinbach ist der Jahn ein sehr guter Arbeiter und hat auf Grund seines ausgezeichneten Fachwissens hohes Ansehen unter seinen Kollegen. Er ist aktiv an der Neuererbewegung beteiligt.