Decker, Zschämisch und Riedel, „Jahn nach OWG9 abzustrafen“, ging dieses Dokument zu den Stasi-Bezirksverwaltungen nach Chemnitz und Leipzig.10 Ich habe natürlich über diese Vorgänge damals nichts gehört und erst durch die mir von der Gauck-Behörde übergebenen Dokumente darüber Kenntnis erlangt.

Im Jahre 1979 sollte ich die Zersetzungsmethoden der Stasi auf eine besondere Weise erleben. Zu jener Zeit führte ich im Bereich Chemnitz - Zwickau Schulungen für leitende Prediger der Zeugen Jehovas durch (Königreichsdienstschule). Bei der Vorbereitung einer solchen Schule am 24.11.1979 in Zwickau, an der sieben Glaubensbrüder teilnahmen, hatte uns die Stasi eine Falle gestellt11 und uns alle acht verhaftet. Nach einem über viele Stunden dauernden Verhör im Volkspolizeikreisamt Zwickau, zu dem die hauptverantwortlichen Stasi-Offiziere des MfS HA XX/4 angereist waren, wurden uns hohe Ordnungsstrafen auferlegt (4 x 500,00 Mark und 4 x 1.000,00 Mark).12 Diese Vorgänge in Zwickau ließen uns deutlich erkennen, dass Verrat im Spiel war, doch wir mussten sehr lange warten, um die Verräter zu identifizieren.

Unter den vielen bei der Gauck-Behörde lagernden Dokumenten findet sich ein Ordner mit dem Titel „Abteilung XX - Nr. XX 593 - Königreichsdienstschule der Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt13 - 1979-1980“. Durch diese Dokumente werden die Vorgänge und Hintergründe des Jahres 1979 offengelegt. Daraus ist ersichtlich, dass es der Stasi gelungen war, zwei leitende Prediger der Zeugen Jehovas aus Zwickau zur Mitarbeit als inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu verpflichten und zu Zersetzungs- und Liquidierungsmaßnahmen einzu-

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Jahn hat ein ausgeprägtes Redetalent und nutzt diesen Vorteil geschickt aus, um unter seinen Arbeitskollegen für die Sekte ZJ zu werben. Über diesbezügliche Erfolge ist bisher jedoch nichts bekannt.“

9 Ordnungswidrigkeitengesetz, nach dem Geldstrafen bis zu 1.000 Mark verhängt werden konnten.
10 Die Stasi musste in zwei BV Akten über mich führen. Einmal in Leipzig, da mein Wohnort Niedersteinbach damals zum Bezirk Leipzig gehörte. Außerdem wurden diese Akten auch in Karl- Marx-Stadt angelegt, da meine Arbeitsstelle in Penig zum Bezirk Karl-Marx-Sladt gehörte und sich auch die meisten meiner Aktivitäten als Zeuge Jehovas in diesem Bezirk abspielten.
11 In enger Zusammenarbeit der BV Karl-Marx-Stadt mit der HA XX/4 wurde der Einsatz der Stasi minutiös geplant.
12 In der Ordnungsstrafverfügung, die ich erhalten habe, war folgendes zu lesen: „Sic haben am 24.11.1979 eine Ordnungswidrigkeit begangen, indem Sie sich vorsätzlich an einem Zusammenschluss der verbotenen Organisation Zeugen Jehovas zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele beteiligten. - Ordnungswidrigkeit nach §§ 16 (la) und (2) der Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen vom 6.11.1975. Es wird daher gegen Sie als Ordnungsstrafmaßnahme (GBL. 1. Nr. 44, S. 723) eine Ordnungsstrafe von 1.000,00 (Eintausend) Mark festgesetzt. Begründung: Aufgrund der Art und Schwere der Rechtsverletzung ist der Ausspruch einer Ordnungsstrafe erforderlich.“
13 Karl-Marx-Stadt - heute wieder Chemnitz in Sachsen.