Die Tatsache, dass uns der oder die Verräter zu jenem Zeitpunkt namentlich nicht bekannt waren, schränkte unsere Tätigkeit in keiner Weise ein, gebot uns aber, weiter sehr vorsichtig zu sein. Das zahlte sich bei einer weiteren Schulung der leitenden Prediger aus Zwickau im Winter 1983/1984 aus, an der auch der IM „Quermann“ teilnehmen sollte. Die vorbereitende Besprechung fand an einem Ort in der Nähe von Penig (Sachsen) statt. Während dieser Besprechung erwähnte ich ganz bewusst, dass wir uns zu dem geplanten Termin „hier“ wieder sehen werden, obwohl wir einen anderen Ort vorgesehen hatten. Der IM „Quermann“ war daraufhin sehr fleißig und notierte alle Einzelheiten über das Gebäude, die Bewohner, die vorhandenen Haustiere und er fertigte sogar Skizzen über Straßen und Wege in der Umgebung des Hauses und Skizzen von der Gesichtsform der Hausbewohner an. Jetzt hatte die Stasi in den nächsten Wochen Gelegenheit, das Haus und die Bewohner zu identifizieren, was ihnen auch gelungen ist. So bereitete die Stasi einen neuen Zugriff am geplanten Termin vor, der jedoch ausfiel. Die Fahrzeuge, die die Teilnehmer aus Zwickau transportierten, fuhren an den von uns geplanten anderen Ort. Dort konnte die Schule in Ruhe durchgeführt werden, während sich die Stasi-Leute an dem vom IM „Quermann“ genannten Ort kalte Füße holten.

Die MfS-BV Karl-Marx-Stadt legte 1985 den operativen Vorgang (OV) „Buch“30 an. Aus einem von Generalmajor Gehlert bestätigten Maßnahmeplan vom 1.4.1986 geht hervor, dass im OV „Buch“ die „überörtlichen Funktionäre der verbotenen Organisation ZJ bearbeitet“ werden. Erstes Ziel war dabei die Aufklärung über „noch nicht personifizierte Funktionäre“ der Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Weitere Schweipunkte waren die „Aufklärung der Königreichsdienstschulen, deren Veranstaltungsorte sowie der Teilnehmer“. Die Auswirkungen dieses Maßnahmeplanes konnte ich immer wieder persönlich verspüren.

Im Jahre 1987 legte die Stasi eine weitere, direkt auf mich bezogene Akte an.31 Dazu wurden die Karteikarten zu meiner Frau ergänzt und für unsere drei Kinder Stasi-Unterlagen angelegt. Unser Sohn erhielt in der Schule Langenleuba- Oberhain (bei Penig) Besuch von einem Stasi-Mitarbeiter, der mit ihm Gespräche über unsere Familie, unsere Postverbindungen und unsere Verwandten in

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Maßnahmen die Konspiration der beiden IM „Konrad“ (alias IM „Günther“) und IM „Kreutzer“ (alias IM „Quermann“) vollkommen gewahrt blieb. ... Durch diese ... Maßnahmen konnten seitens des MfS konkrete Maßnahmen der Überprüfung der beiden IM ... auf Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit vorgenommen werden, und ihr Verhältnis zum MfS festigte sich noch mehr.“
30 OV „Buch“ wurde als Teilvorgang 17 zum zentralen operativen Vorgang (ZOV) „Sumpf unter der Reg.-Nr. XIV 3075/85 angelegt.
31 Reg.-Nr. XX - 742, „Abteilung XX - Überwachung des Kreisdieners der Zeugen Jehovas Martin Jahn aus Niedersteinbach“.