der BRD führen wollte. Am 8.4.1987 kamen zwei Stasi-Offiziere zu mir an meine Arbeitsstelle im VEB Getriebewerk Penig, um eine „Disziplinierungsmaßnahme“32 durchzuführen. In einem Dokument vom 19. Mai 1987 schreibt Oberstleutnant Eichler als Leiter der Abteilung XX in der BV Karl-Marx-Stadt an die BV Leipzig, dass „die Bearbeitung des Kreisaufsehers Jahn“ künftig gemeinsam zwischen Karl-Marx-Stadt und Leipzig „koordiniert werden sollte“. So blieb ich selbst und meine Familie stets im Visier der Stasi.

Die Stasi nutzte alle verfügbaren Informationsmöglichkeiten aus. Ein Beispiel dafür ist der IM „Balduin“.33 Am 26.6.1981 schreibt er nach den sogenannten „Volkswahlen“ einen Bericht an die Stasi von „Feststellungen über erhöhte Aktivitäten der Zeugen Jehova in Niedersteinbach“. Er schreibt, dass „die Aktivitäten vor der Wahl bei dieser Sekte recht angestiegen waren. Es gab regelmäßig 2 mal wöchentlich Zusammenkünfte aller Mitglieder der Gemeinde. In der Zwischenzeit wurden oft fremde Fahrzeuge bei Martin Jahn gesehen. Noch am 12. und 13. Juni wurde durch zwei fremde Bürger im Ort intensive Werbetätigkeit festgestellt worden. Bei manchen Bürgern hielten sie sich über eine Stunde auf und waren sehr hartnäckig in ihrer Argumentation. Die Sekte trifft sich regelmäßig mindestens 1 mal in der Woche. Mittelpunkt ist Jahn, Martin, welcher auch als Prediger dieser Sekte in mehreren Orten auftritt. Von hier aus gehen alle Aktivitäten der gesamten Arbeit und dort ist auch Umschaltstation für alles was in dieser Sekte geschieht.“ Unterschrieben hat er diesen Bericht mit „Balduin“ und seinem Klarnamen-Kurzzeichen „Gö“. „Balduin“ war in seiner Arbeit für die Stasi sehr rege. So teilte der IM „Balduin“ dem Unterleutnant Spranger von der KD Geithain am 6. Februar 1984 mit, dass Jahn „Einreisen aus der BRD“ hat und „dadurch schriftliches Material für seine Sektentätigkeit“ erhält. Er „schöpfte“ auch Informationen von der Postzustellerin ab und vermeldete der Stasi, ich würde „zahlreiche Pakete aus dem NSW34“ erhalten. Außerdem benutzte der IM „Balduin“ seinen Bruder, der im Nachbarhaus von mir wohnt, um Pkw-Kennzeichen von meinen Besuchern zu notieren und „Personenbewegungen“ zu überwachen. Interessant an den Berichten von „Balduin“ ist, dass er zwar sehr „fleißig“ war, jedoch nahm er es mit der wahrheitsgemäßen „Berichterstattung“ nicht so genau und verkaufte der Stasi manche von ihm erfundene Story.

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32 Disziplinierungsmaßnahmen waren in erster Linie Gespräche, in denen die Stasi eine Mischung zwischen Drohungen und Akzeptanz verbreitete. Ziel war es stets, die aufgesuchten oder auch zu sich bestellten Zeugen Jehovas massiv einzuschüchtern.
33 IM „Balduin“ wurde von der BStU als Gottfried Götze (geb. 13.01.1942 in Chemnitz) identifiziert. Götze war viele Jahre Bürgermeister in meinem Heimatort Niedersteinbach.
34 Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet, Sammelbegriff in der DDR-Amtssprache für die BRD und andere westliche Staaten.