Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Waldemar Hirch:
Wissenschaftliche Darstellung der "Zersetzung" [der Zeugen Jehovas] in Abschlussarbeiten der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 47-52:


Oberleutnant Hans-Jürgen Wollenburg: „Der zielgerichtete Einsatz inoffizieller Mitarbeiter zur Entwicklung einer wirksamen Oppositionsbewegung im Rahmen der Zersetzung der auf dem Gebiet der DDR illegal tätigen Wachtturmgesellschaft." VVS Nr. 615/79, Abschluss der Arbeit am 15. Dezember 1978, 39 Seiten.


In der vierten Arbeit wurde über die Zeitschrift "Christliche Verantwortung"36 berichtet Diese war nichts anderes als eine "Zersetzungszeitschrift". Der Sperrvermerk dieser Arbeit begründete sich daraus, dass CV ein streng gehütetes Geheimnis war und strengster Geheimhaltung unterlag. Hier wurde ein politisches Unterdrückungs-System sichtbar, dass im Außenverhältnis Entspannung propagierte, im Innenverhältnis seine Gegner durch die Geheimpolizei brutal unterdrückte.

Diese Arbeit hatte den Aufbau einer Oppositionsbewegung durch IM gegen die WTG zum Hauptthema. Der Autor leitete seine Arbeit zunächst mit politischen Platitüden ein, wie der Aussage, die WTG würde "eine potentielle Reserve des Imperialismus" darstellen. Das Ziel der Arbeit des MfS gegen die Zeugen Jehovas war für ihn klar formuliert (S. 6): "... durch geeignete Mittel und Methoden und dem zielgerichteten Einsatz von inoffiziellen Mitarbeitern die in der DDR illegal tätigen Gruppen und Versammlungen in ihrer Wirksamkeit einzuschränken, sie systematisch zu zersetzen, staatsfeindliche Aktivitäten und kriminelle Handlungen aufzudecken und vorbeugend zu bekämpfen sowie die im Untergrund tätigen Stützpunkte zu liquidieren."

Der Aufbau einer Oppositionsbewegung sei eine Hauptmethode des Zersetzungsprozesses gegen die Zeugen Jehovas. Der Zersetzungsprozess erhalte dadurch eine neue Qualität und Dimension. Vorrangige Aufgabe von CV sollte sein (S. 10):

  • "die theoretische und religiöse Auseinandersetzung mit den Lehren und Dogmen der Wachtturmgesellschaft zur Erzeugung und Vertiefung von Widersprüchen und Oppositionshaltungen bei Zeugen Jehovas;
  • die Einschränkung und vorbeugende Verhinderung von feindlichen Einflüssen und kriminellen Handlungsweisen37durch das Ostbüro;

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36 Vgl. Waldemar Hirch, Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der DDR-Diktatur. Unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Mnisterium für Staatssicherheit, Peter Lang Verlag, Europäische Hochschulschriften, Frf./M. 2003
37 Hierunter verstand man z.B. die Literaturschleusung in die DDR.


  • die Entwicklung und Förderung eines gesellschaftspolitischen positiven Verhaltens von religiös missbrauchten und irregeleiteten Bürgern der DDR zur bzw. in der sozialistischen Gesellschaft;38
  • die Zusammenführung aller in Opposition stehenden Zeugen Jehovas unter dem vorgenannten Aspekt, zur Erhöhung der Wirksamkeit und Ausstrahlungskraft der der Wachtturmgesellschaft entgegenstehenden Bewegung; die Schaffung und Organisierung einer eigenständigen freien Christengemeinde aus ehemaligen Anhängern der Wachtturmgesellschaft, unter Ausschaltung des direkten feindlich-negativen Einflusses39 des Ostbüros."

Diese Art der Zersetzungsmaßnahmen wären nur langfristig möglich und in enger Zusammenarbeit der MfS-Hauptabteilung XX/4 und der Bezirksverwaltungen des MfS. Ein einheitliches und arbeitsteiliges Vorgehen müsse garantiert sein. Dies geht nur mit einem "zielgerichteten, langfristigen und qualifizierten" Einsatz von IM. Sie seien die "Hauptkräfte des Ministeriums für Staatssicherheit" (S. 8). Es gäbe zwei Einsatzrichtung für IM (S. 8): "1. inoffizielle Mitarbeiter in der Konspiration der Wachtturmgesellschaft; 2. inoffizielle Mitarbeiter in der Oppositionsbewegung." Diese sogenannten "Einfluss-IM" sollten "die Oppositionsbewegung organisieren, lenken und leiten oder durch das Ministerium für Staatssicherheit zur Unterstützung dieses Prozesses in diese Bewegung integriert werden" (S. 13).

Eine solche Oppositionsbewegung sei durch die Studiengruppe "Christliche Verantwortung" vorhanden. Er erklärte auch das Zustandekommen der sogenannten "Studiengruppe" (S. 9 f.): "Die Studiengruppe 'CV' und die gleichnamige von ihr herausgegebene Zeitschrift wurde durch die spezifischen Mittel und Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit geschaffen und stellt die legale ideologische und religiöse Basis der Oppositionsbewegung dar. 1977 wurde ein sogenannter 'Arbeitskreis CV' gebildet, dem gegenwärtig 40 ehemalige WTG-Mitglieder angehören, die alle auf dem Territorium der DDR existierenden oppositionellen Gruppen auf der Grundlage einer einheitlichen Konzeption anleiten." CV war vom MfS ins Leben gerufen worden und existierte als ideologisch verbrämter Kampfbund gegen Zeugen Jehovas.40

Der Zweck der Zeitschrift CV wurde wie folgt legendiert: "Christliche Verantwortung leitet an zu rechtem Forschen in der Heiligen Schrift und zu verant-

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38 Sie sollten sich mehr für den Aufbau des Sozialismus einsetzen und auch Wehrdienst leisten.
39 Dafür unter Einschaltung des direkten Einflusses des MfS.
40 1980 wurde die Herausgabe einer weiteren zersetzenden Zeitschrift "Weggefährte" vorgenommen. Deren Aufgabe bestand in der christlichen Neuorientierung der Zeugen Jehovas in der sozialistischen Gesellschaft. Herausgeber war der leitende Prediger der freien Christengemeinde Leipzig, Heinz Bolze.


wortungsbewussten Verhalten als Christ und Bürger. Übereinstimmend damit befasst sich CV mit Verkündigung und Organisation der Wachtturmgesellschaft. CV ist hier die erste Schrift verantwortungsvoller freier Diskussion für alle Versammlungen der WTG und ihrer einzelnen Glieder. Ehemalige möchten ihre Erfahrungen in CV kundtun, um zu helfen."41

Der zu erzielende Erfolg der "Zersetzungsmaßnahmen" läge in der Verantwortung der damit beschäftigten Diensteinheit und der beteiligten operativen Mitarbeiter. Sie hätten zur Aufgabe, Widersprüche "zu schaffen, zu vertiefen und oppositionelle Haltungen bei den Zeugen Jehovas zu erzeugen" (S. 11).

Von entscheidender Bedeutung wäre jedoch, dass "die 'CV-Tätigkeit' von der Wachtturmgesellschaft als auch von in Opposition stehenden Zeugen Jehovas nicht als eine vom Ministerium für Staatssicherheit gelenkte und inspirierte Bewegung erkannt" würde (S. 11).

Über die verschiedenen Diensteinheiten sollte über die Abteilung XX an CV besser zugearbeitet werden. Alle Informationen, die geeignet wären "zersetzend" zu wirken, sollten gesammelt und weitergeben werden, um sie in CV publizistisch zu nutzen.

Beim Großteil der IM, die in die Oppositionsbewegung integriert wurden, handelte es sich um ehemalige oder noch aktive Zeugen Jehovas, die davon überzeugt werden konnten, dass ihr religiöser Glaube von der WTG für politische Zwecke missbraucht wurde.

Besonders sollten die IM wie folgt vorgehen, um die "Zersetzung" zu forcieren (S. 22 f.):

  • "die Erzeugung von ablehnenden Haltungen bei Zeugen Jehovas zum Ostbüro und den angewandten Mitteln und Methoden der illegalen Tätigkeit auf dem Gebiet der DDR;
  • das Erkennen von Personen, die als 'Interessant' für die Wachtturmgesellschaft angesehen und für die Organisation gewonnen werden sollen;
  • ihr konsequentes Auftreten und Fordern von Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinschaft bei erkannten Fehlverhaltensweisen von Zeugen Jehovas, was gleichzeitig ihr Ansehen fördert."

Besonders der letzte Punkt zeigte, mit welchem Gegner Zeugen Jehovas es zu tun hatten. Einige Seiten zuvor hatte Wollenburg empfohlen, dass in der zersetzenden Zeitschrift den Lesern vorgehalten werden sollte, welch totalitäres System bei den Zeugen Jehovas herrschen würde, Zwang und Sanktionen würden angewandt, "bis hin zur 'Exkommunikation' bei Verstößen gegen die Regeln"

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41 Entnommen aus "Christliche Verantwortung", Ausgabe Nr. 9, S. l, Gera, Mai 1967.


der Gemeinschaft (S. 19). Gerade diese Forderung nach "Exkommunikation" sollten aber die IM bei Bekanntwerden von bestimmten Verstößen fordern, um als besonders linientreu zu gelten.

Sie sollten auf Sanktionen bestehen und möglichst versuchen, Vergebung zu verhindern. So hätte das MfS wieder einen Fall vorzuweisen, in dem es bei Zeugen Jehovas zu harten Sanktionen gekommen sei und es gäbe einen aktiven Zeugen Jehovas weniger.

Die Auseinandersetzung in den Gruppen sollte geschürt werden und sie sollten sich hauptsächlich mit ihren internen Problemen beschäftigen. Dann hätten sie für die Missionsarbeit keine Zeit und keine Motivation mehr. Misstrauen und gegenseitige Verdächtigungen sollten in die Gruppen hineingebracht werden.

Für die operativen Mitarbeiter und die IM wäre die wesentliche Aufgabe (S. 25), "die existierenden Oppositionsgruppen zu erhalten, zu stabilisieren und zu festigen. Dabei geht es vor allem darum, jedem Mitglied dieser Bewegung die Richtigkeit ihrer Trennung von der Wachtturmgesellschaft zu verdeutlichen und diesen Erkenntnisprozess zu unterstützen. Vom operativen Mitarbeiter als auch von IM ist dieser Umdenkungsprozess ständig zu beachten und zu analysieren, damit einheitliche konzeptionelle Auffassungen zum Vorgehen gegen die Wachtturmgesellschaft bestehen. Entsprechend des Bewusstseinsstandes ist die ablehnende Haltung gegen die Organisation - individuell und abhängig von der Motivation - zielstrebig zu vertiefen."

Als Schulungsmaterial galt besonders das Buch "Die Zeugen Jehovas", welches 1970 in der DDR erschien. Als Autor wurde offiziell Manfred Gebhard genannt, der aber in Wirklichkeit nur ein Strohmann war, da die wirklichen Hintermänner nicht in Erscheinung treten durften.42

Die angeblichen oder tatsächlichen Oppositionsgruppen hätten ohne das MfS als Motivator, Geldgeber, Agitator und Seelenfänger keine Chance auf Dauerhaftigkeit gehabt. Das MfS war der Kitt, der die einzelnen ehemaligen Zeugen Jehovas unter einem Dach vereinte, überhaupt erst eine Oppositionsbewegung in der DDR erschuf und ihnen das Gefühl gab, in einem großen, sinnvollen, sozialistischen Werk, der Zerstörung der "imperialistischen WTG", beteiligt zu sein. Dabei musste das MfS aber ein beständiges Augenmerk auf die einzelnen Mitglieder richten, damit diese ihm nicht wieder entglitten. Schließlich hatte man zur Gewinnung dieser Mitglieder viel Zeit und Mühe verwandt und sie

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42 Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, bearbeitet und herausgegeben von Manfred Gebhard, Urania-Verlag, Leipzig/Jena/Berlin, 1970. Lizenzausgabe für die BRD und Westberlin, Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr, 1971. Vgl. W. Hirch, "Erarbeitung einer .Dokumentation' über Jehovas Zeugen als MfS-Auftragswerk", in: Gabriele Yonan (Hrsg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000.


aufgebaut, hatte die WTG als "Reserve des Imperialismus" präsentiert, als Klassenfeind, den es erbittert zu bekämpfen galt.

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