der Gemeinschaft (S. 19). Gerade diese Forderung nach "Exkommunikation" sollten aber die IM bei Bekanntwerden von bestimmten Verstößen fordern, um als besonders linientreu zu gelten.

Sie sollten auf Sanktionen bestehen und möglichst versuchen, Vergebung zu verhindern. So hätte das MfS wieder einen Fall vorzuweisen, in dem es bei Zeugen Jehovas zu harten Sanktionen gekommen sei und es gäbe einen aktiven Zeugen Jehovas weniger.

Die Auseinandersetzung in den Gruppen sollte geschürt werden und sie sollten sich hauptsächlich mit ihren internen Problemen beschäftigen. Dann hätten sie für die Missionsarbeit keine Zeit und keine Motivation mehr. Misstrauen und gegenseitige Verdächtigungen sollten in die Gruppen hineingebracht werden.

Für die operativen Mitarbeiter und die IM wäre die wesentliche Aufgabe (S. 25), "die existierenden Oppositionsgruppen zu erhalten, zu stabilisieren und zu festigen. Dabei geht es vor allem darum, jedem Mitglied dieser Bewegung die Richtigkeit ihrer Trennung von der Wachtturmgesellschaft zu verdeutlichen und diesen Erkenntnisprozess zu unterstützen. Vom operativen Mitarbeiter als auch von IM ist dieser Umdenkungsprozess ständig zu beachten und zu analysieren, damit einheitliche konzeptionelle Auffassungen zum Vorgehen gegen die Wachtturmgesellschaft bestehen. Entsprechend des Bewusstseinsstandes ist die ablehnende Haltung gegen die Organisation - individuell und abhängig von der Motivation - zielstrebig zu vertiefen."

Als Schulungsmaterial galt besonders das Buch "Die Zeugen Jehovas", welches 1970 in der DDR erschien. Als Autor wurde offiziell Manfred Gebhard genannt, der aber in Wirklichkeit nur ein Strohmann war, da die wirklichen Hintermänner nicht in Erscheinung treten durften.42

Die angeblichen oder tatsächlichen Oppositionsgruppen hätten ohne das MfS als Motivator, Geldgeber, Agitator und Seelenfänger keine Chance auf Dauerhaftigkeit gehabt. Das MfS war der Kitt, der die einzelnen ehemaligen Zeugen Jehovas unter einem Dach vereinte, überhaupt erst eine Oppositionsbewegung in der DDR erschuf und ihnen das Gefühl gab, in einem großen, sinnvollen, sozialistischen Werk, der Zerstörung der "imperialistischen WTG", beteiligt zu sein. Dabei musste das MfS aber ein beständiges Augenmerk auf die einzelnen Mitglieder richten, damit diese ihm nicht wieder entglitten. Schließlich hatte man zur Gewinnung dieser Mitglieder viel Zeit und Mühe verwandt und sie

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42 Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, bearbeitet und herausgegeben von Manfred Gebhard, Urania-Verlag, Leipzig/Jena/Berlin, 1970. Lizenzausgabe für die BRD und Westberlin, Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr, 1971. Vgl. W. Hirch, "Erarbeitung einer .Dokumentation' über Jehovas Zeugen als MfS-Auftragswerk", in: Gabriele Yonan (Hrsg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000.