Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Martin Jahn

Einleitung

Waldemar Hirch untersucht in diesem Buch die wissenschaftliche Darstellung der „Zersetzung“ an den Zeugen Jehovas in der ehemaligen DDR in Abschlussarbeiten an der Juristischen Hochschule (JHS) Potsdam. Die JHS galt über Jahrzehnte als Kaderschmiede des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. In diesen Abschlussarbeiten wird die Vorgehens weise des MfS, allgemein auch Stasi genannt, offen dargelegt und dadurch ein bezeichnendes Licht hinter die Kulissen eines totalitären Staates geworfen, der längst nur noch zu einem Kapitel unserer Geschichte geworden ist.

Es ist sehr aufschlussreich, in einer solchen Abschlussarbeit zu lesen, mit welchen Methoden und Maßnahmen die Stasi ausgezogen war, Jehovas Zeugen als Staatsfeinde zu diffamieren und ihren Glauben zu zersetzen. Dabei war ihnen fast jedes Mittel recht, um ihre Ziele zu erreichen. Besonders deutlich wurde mir das in der von Hauptmann Joachim Riedel an der JHS Potsdam geschriebenen Abschlussarbeit1 vor Augen geführt, die sich mit Stasi-Maßnahmen gegen Jehovas Zeugen im Raum Zwickau - Penig - Rochlitz während des Jahres 1979/1980 beschäftigt, von denen ich persönlich sehr stark betroffen war. Wenn man mit solchen Dokumenten konfrontiert wird, drängt sich natürlich die Frage auf, warum die Stasi in einer solchen Weise gegen Jehovas Zeugen vorging.

Jehovas Zeugen sind seit über 100 Jahren in Deutschland aktiv und gehören zur Geschichte unseres Landes. Bereits während der NS-Zeit mussten sie harte Verfolgung über sich ergehen lassen, die für mehr als 1.500 von ihnen den Tod bedeutete. Adolf Hitler und seine Helfer hatten sich darangemacht, Jehovas Zeugen auszurotten, doch im Jahre 1945 waren Jehovas Zeugen als Gruppe immer noch da - ganz im Gegensatz zu ihren früheren Peinigern. Doch nur wenige Jahre später fand die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Gebiet der ehemaligen DDR eine erschreckende Fortsetzung, bei der die Stasi eine Schlüsselrolle spielte. Es wird eine Hilfe sein, die Geschichte der Verfolgung

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1 JHS Potsdam, Lehrgang: 7. FFSL, Geheime Verschlusssache JHS Nr. 135/80, Autor: Hauptmann Joachim Riedel, MfS-BV Karl-Marx-Stadt, Abt. XX, vom 30.11.1980. Thema der Abschlussarbeit: „Die Verallgemeinerung von Erfahrungen aus der operativen Bearbeitung von Funktionären der verbotenen Organisation ,Zeugen Jehovas4 in OV, insbesondere der Durchführung von Maßnahmen der Zersetzung, Verunsicherung und Differenzierung44.


der Zeugen Jehovas nicht zu vergessen und besonders zur Aufklärung junger Menschen beitragen, die diese Zeit persönlich nicht erlebt haben.

Jehovas Zeugen fühlten sich in der DDR erneut einem Regime ausgesetzt, das ihnen nicht gestattete, ihre religiöse Überzeugung zu praktizieren. Obwohl in der Verfassung der DDR die Glaubensfreiheit festgeschrieben war, wurde sie doch von den Machthabern der DDR und ihrem Werkzeug in Form der Stasi mit Füßen getreten. Da ich während der vier Jahrzehnte der Existenz der DDR stets als Zeuge Jehovas tätig war und über viele Jahre innerhalb der Organisation der Zeugen Jehovas in Sachsen Verantwortung getragen habe, spürte ich und auch meine Familie diese Verfolgung in vielfältiger Weise. Wenn ich auf die vergangenen sechs Jahrzehnte meines Lebens zurückblicke, kommen mir viele persönliche Erlebnisse in Erinnerung.

Als Vierjähriger musste ich verkraften, dass mein Vater im Krieg auf der Krim sein Leben verlor und meine Mutter zur Witwe wurde. Über ein Jahr später erlebte ich, wie abgemagerte Männer und Frauen in unserer Nachbarschaft aus Hitlers Konzentrationslagern nach Hause kamen. Trotz ihres körperlich schwachen Zustandes waren sie glücklich und freudig, weil sie ihren Glauben an ihren Gott Jehova bewahrt und das menschenverachtende Nazisystem erhobenen Hauptes überlebt hatten. Ihr biblisch gestützter Glaube an eine bessere Welt unter Gottes Königreich bot meiner Mutter und mir eine echte Hoffnung, und so studierten wir die Bibel und wurden Zeugen Jehovas.

Jehovas Zeugen waren der Führung der SED2 jedoch ein Dorn im Auge. Bereits im Sommer 1949, noch vor Gründung der DDR, beschloss das Politbüro der SED die Durchführung bestimmter Maßnahmen gegen die Zeugen Jehovas. Am 30. August 1950 fand eine landesweite Verhaftungsaktion statt, die viele Zeugen Jehovas hinter Gitter brachte. Zu den Verhafteten gehörten viele, die erst 1945 aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern der Nazis nach Hause gekommen waren. Erst einen Tag später verfasste der damalige Innenminister der DDR, Steinhoff, ein Schreiben an das Magdeburger Zweigbüro der Zeugen Jehovas, in dem er das Verbot der Tätigkeit unserer Religionsgemeinschaft mitteilte.

Nach der Veröffentlichung des Verbots in den Medien erlebte ich in der Schule enormen Druck seitens der Lehrer und auch starken Spott durch einzelne Mitschüler. Bald sollte uns das Leben als Zeugen Jehovas auch zu persönlichen Erfahrungen mit der Stasi verhelfen. Da ich in der Schule sehr gute Leistungen brachte, sollte ich ab 1952 eine höhere Schule mit dem Abitur als Ziel besu-

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2 Sozialistische Einheitspartei Deutschlands.


chen, was jedoch nur mit dem Eintritt in die FDJ3 und anderer Organisationen wie GST4 und DSF5 möglich gewesen wäre. Da ich jede politische Betätigung ablehnte, führte das zu vielen „Gesprächen“ und einer darauf folgenden intensiven „Beobachtung“ unserer Familie durch die Stasi, wie dies aus den jetzt aufgefundenen Karteikarten sichtbar wurde.

Im Herbst 1953 erhielt ich eine Lehrstelle als Maschinenschlosser in einem Großbetrieb in Penig, der damaligen Peniger Maschinenfabrik. Als einziger von über 220 Lehrlingen in diesem Betrieb beteiligte ich mich nicht an politischen Aktivitäten. So galt ich auch dort von Anfang an als geächtet und musste viele Repressalien erdulden.

Im Jahre 1957 wurde mir gestattet, mit der Bahn eine Reise nach Westdeutschland zu unternehmen. Ich kaufte mir eine Fahrkarte nach Dortmund, um dort am Kongress der Zeugen Jehovas in der Westfalenhalle teilzunehmen. Welch eine Überraschung für mich, als ich bei einem Spaziergang in Dortmund meinen früheren Schulleiter und damaligen Ortsparteisekretär der SED. Karl Linke sah. Wie ich später feststellte, blieb mein Kongressbesuch der Stasi nicht verborgen. Ungeachtet dieser Tatsache waren die Tage in Dortmund ein bleibendes unvergessliches Erlebnis für mich. Nach einem sehr gründlichen Studium der Bibel hatte ich gebetsvoll in meinem Herzen beschlossen, mich Jehova Gott hinzugeben und fortan seinen Willen zu tun. Am 2. August 1957 konnte ich im Stadtbad von Lünen bei Dortmund meine Hingabe an Jehova Gott durch die Wassertaufe symbolisieren. An jenem Tag begann mein Lebensweg als ein getaufter Zeuge Jehovas.

Diesen Weg ließ mich die Stasi zu keiner Zeit unbeobachtet gehen. Überall, ob in der Umgebung unserer Wohnung oder am Arbeitsplatz blieb ich stets im Visier der Stasi. Einer unserer Nachbarn. Werner Herfurth, kam eines Abends zu uns und offenbarte uns, dass er uns „beobachten und alles melden muss“. Er sagte, dass wir uns doch „bitte darauf einstellen“ sollten. Wenn wir heute zurückblicken. können wir sagen, dass wir durch ihn keinen spürbaren Schaden erlitten haben. Dasselbe kann ich auch über die „Beobachtungstätigkeit“ meines langjährigen Arbeitskollegen Herbert Schönfelder sagen, der an unserer Arbeitsstelle über viele Jahre von Informationen über mich und andere Arbeitskollegen jeden Montag früh um 8.00 Uhr in einem besonderen Raum von der Polizei bzw. der Stasi „abgeschöpft“ wurde. Unser sehr gutes kollegiales Verhältnis führte dazu, dass er mich oft über bestimmte Gefahren, die auf mich

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3 Freie Deutsche Jugend, die Jugendorganisation der Staatspartei SF.D.
4 Gesellschaft für Sport und Technik, eine Organisation zur vormilitärischen Ausbildung.
5 Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.


lauerten, informierte und einmal hat er mich sogar vor einem geplanten Zugriff der Volkspolizei gewarnt und diesen dadurch verhindert.

Als ich im Jahre 1960 Erna Reinshagen heiratete, hatte ich eine treue Partnerin an meiner Seite. Sie war mir stets eine große Hilfe und unterstützte mich, wo sie nur konnte. Persönlich konnten wir verspüren, dass sich nach dem Bau der Berliner Mauer zwar die Methoden der Stasi geändert hatten, jedoch nicht ihre Ziele, die darin bestanden, die Organisation der Zeugen Jehovas zu zersetzen und zu zerschlagen. Dazu war der Stasi jedes Mittel recht. So erhielt ich in jener Zeit regelmäßig mit der Post Briefe von Willy Müller6 aus Gera. Nachdem ich festgestellt hatte, welchem Zweck diese Briefe und auch die uns später zugesandten „CV-Zeitschriften“7 dienten, wurde entweder von uns gegenüber der Post die Annahme dieser Sendungen verweigert, oder die Briefe wurden nach Erhalt ungelesen vernichtet. Weder bei mir und meiner Familie noch in unserem Freundeskreis konnte die Stasi mit dieser Methode ihr Ziel erreichen.

Eine besondere Konfrontation mit der Stasi erlebten wir nach der Geburt unseres Sohnes Michael. Im Krankenhaus Rochlitz wurde bei ihm eine Neugeborenengelbsucht festgestellt. Als einzige Therapie hatte der dort tätige Kinderarzt einen Blutaustausch angeordnet, wozu Michael in das Krankenhaus Rabenstein bei Chemnitz verlegt wurde. Da wir einem solchen Blutaustausch aus Gewissensgründen nicht zustimmen konnten, baten wir um alternative Behandlungsmethoden, die uns von diesem Arzt verweigert wurden. In einem Gespräch mit ihm stellte er mir gegenüber heraus, dass er als katholischer Christ unseren Standpunkt nicht verstehen kann und er „schon die notwendigen Schritte für das Wohl des Kindes“ eingeleitet hätte. Diese „Schritte“ bestanden außer der Verlegung in das Rabensteiner Krankenhaus auch darin, über den Rat des Kreises Geithain und das Kreisgericht Geithain einen Sorgerechtsentzug zu erwirken.

Es gab zu jener Zeit jedoch auch Ärzte, die für unseren biblisch fundamentierten Standpunkt in der Blutfrage Verständnis zeigten und uns unterstützten. Dazu gehörte ein Gynäkologe aus Rochlitz, der bei der Verlegung unseres Sohnes in das Rabensteiner Krankenhaus eine Mitteilung beigefügt hatte, dass wir als Zeugen Jehovas eine Therapie unter Verwendung von Fremdblut aus Gewissensgründen ablehnten. Diese Mitteilung war für die Rabensteiner Oberärztin

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6 Willy Müller war von 1959 bis 1970 inoffizieller Mitarbeiter der Stasi unter dem Decknamen „IM Rolf“.
7 Die Zeitschrift „CV - Christliche Verantwortung“ wurde ab November 1965 unter dem Namen von Willy Müller unter direkter Anleitung und Regie von Offizieren der Stasi herausgegeben. Mitarbeiter waren u.a. die IM „Wilhelm" alias Dieter Pape, „Kurt Berg“ alias Manfred Gebhard und „Stromer“ alias Erich Kohlheim.


Anlass, keine Bluttransfusion durchzuführen, sondern alternative Behandlungsmethoden zu wählen, die in der Verabreichnung eines Eisenproduktes in Tropfenform und in Bestrahlung bestanden. Der in diesem Krankenhaus bereits fernschriftlich vorliegende Sorgerechtsentzug erlangte keine Bedeutung, da sich die Blutwerte unseres Sohnes stündlich besserten und die Gelbsucht bald überwunden war.

In dieser Situation, zwei Tage nach der Geburt unseres Sohnes, wurde die Stasi aktiv. Zunächst wollten sie mich zu Hause erreichen, was nicht gelang, da ich an diesem Tag etwas länger in meiner Arbeitsstelle war. Im Gemeindeamt unseres Heimatortes warteten sie nun auf mich, und als ich mit dem Motorrad kam, wurde ich von der Straße weg in das Gemeindeamt gebracht. Dort sollte ich mürbe gemacht werden. Sie drohten mir damit, falls durch die Verweigerung der Blutübertragung unserem Sohn Schaden entsteht oder er sogar stirbt, würden sie mich hinter Gitter bringen. Sie wollten einen Präzedenzfall schaffen. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war die deutliche Besserung des Gesundheitszustandes unseres Sohnes. Das führte dann dazu, dass sie mich nach ca. 4 Stunden intensiver „Bearbeitung“ nach Hause fahren ließen.

Ungeachtet der ständigen Drohungen der Stasi, die uns durch Stasi-Mitarbeiter und ihre Helfershelfer überbracht wurden, trafen wir uns regelmäßig in unserer Wohnung im kleinen Kreis, um unsere Bibelstudien durchzuführen. Freudig nutzten wir auch jede Gelegenheit, anderen die gute Botschaft von Gottes Königreich bekanntzumachen. Diese Tätigkeit konnte nicht verborgen bleiben und so kam es hin und wieder zu Konfrontationen mit der Stasi oder der Polizei. Manchmal gab es auch Gelegenheiten, sich im größeren Kreis mit anderen Zeugen Jehovas zu treffen. Hochzeitsfeiern und andere Familienfeste waren dazu willkommene Anlässe. Auch bei Trauerfeiern gab es die Gelegenheit, viele unserer Glaubensbrüder und -Schwestern zu sehen. Da Trauerfeiern öffentlich sind, führte es dazu, dass die Stasi manchmal auch bei solchen Anlässen präsent war. So erlebte ich es am 17.12.1977. als ich in Penig (Sachsen) bei einer Trauerfeier für eine verstorbene Glaubensschwester die Ansprache hielt. Unter den mehr als 150 Trauergästen waren auch Stasi-Mitarbeiter anwesend. Sie schrieben einen ausführlichen Bericht über die äußeren Umstände, die Anwesenden und über mich. Alle Hauptpunkte der Ansprache wurden genau notiert. Danach erfolgte bei der Stasi-Kreisdirektion (KD) Rochlitz die Auswertung. Dazu wurde auch die Einschätzung des SED-Parteisekretärs meiner Arbeitsstelle eingeholt.8 Mit der handschriftlichen Empfehlung der Stasi-Offiziere

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8 Im Stasi-Dokument der KD Rochlitz vom 22.12.1977, unterzeichnet von Oberleutnant Wolfram, heißt cs dazu: „Laut Einschätzung des APO-Sekretärs („Abteilungspartciorganisations“-Sekretärs) Genossen Steinbach ist der Jahn ein sehr guter Arbeiter und hat auf Grund seines ausgezeichneten Fachwissens hohes Ansehen unter seinen Kollegen. Er ist aktiv an der Neuererbewegung beteiligt.


Decker, Zschämisch und Riedel, „Jahn nach OWG9 abzustrafen“, ging dieses Dokument zu den Stasi-Bezirksverwaltungen nach Chemnitz und Leipzig.10 Ich habe natürlich über diese Vorgänge damals nichts gehört und erst durch die mir von der Gauck-Behörde übergebenen Dokumente darüber Kenntnis erlangt.

Im Jahre 1979 sollte ich die Zersetzungsmethoden der Stasi auf eine besondere Weise erleben. Zu jener Zeit führte ich im Bereich Chemnitz - Zwickau Schulungen für leitende Prediger der Zeugen Jehovas durch (Königreichsdienstschule). Bei der Vorbereitung einer solchen Schule am 24.11.1979 in Zwickau, an der sieben Glaubensbrüder teilnahmen, hatte uns die Stasi eine Falle gestellt11 und uns alle acht verhaftet. Nach einem über viele Stunden dauernden Verhör im Volkspolizeikreisamt Zwickau, zu dem die hauptverantwortlichen Stasi-Offiziere des MfS HA XX/4 angereist waren, wurden uns hohe Ordnungsstrafen auferlegt (4 x 500,00 Mark und 4 x 1.000,00 Mark).12 Diese Vorgänge in Zwickau ließen uns deutlich erkennen, dass Verrat im Spiel war, doch wir mussten sehr lange warten, um die Verräter zu identifizieren.

Unter den vielen bei der Gauck-Behörde lagernden Dokumenten findet sich ein Ordner mit dem Titel „Abteilung XX - Nr. XX 593 - Königreichsdienstschule der Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt13 - 1979-1980“. Durch diese Dokumente werden die Vorgänge und Hintergründe des Jahres 1979 offengelegt. Daraus ist ersichtlich, dass es der Stasi gelungen war, zwei leitende Prediger der Zeugen Jehovas aus Zwickau zur Mitarbeit als inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu verpflichten und zu Zersetzungs- und Liquidierungsmaßnahmen einzu-

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Jahn hat ein ausgeprägtes Redetalent und nutzt diesen Vorteil geschickt aus, um unter seinen Arbeitskollegen für die Sekte ZJ zu werben. Über diesbezügliche Erfolge ist bisher jedoch nichts bekannt.“

9 Ordnungswidrigkeitengesetz, nach dem Geldstrafen bis zu 1.000 Mark verhängt werden konnten.
10 Die Stasi musste in zwei BV Akten über mich führen. Einmal in Leipzig, da mein Wohnort Niedersteinbach damals zum Bezirk Leipzig gehörte. Außerdem wurden diese Akten auch in Karl- Marx-Stadt angelegt, da meine Arbeitsstelle in Penig zum Bezirk Karl-Marx-Sladt gehörte und sich auch die meisten meiner Aktivitäten als Zeuge Jehovas in diesem Bezirk abspielten.
11 In enger Zusammenarbeit der BV Karl-Marx-Stadt mit der HA XX/4 wurde der Einsatz der Stasi minutiös geplant.
12 In der Ordnungsstrafverfügung, die ich erhalten habe, war folgendes zu lesen: „Sic haben am 24.11.1979 eine Ordnungswidrigkeit begangen, indem Sie sich vorsätzlich an einem Zusammenschluss der verbotenen Organisation Zeugen Jehovas zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele beteiligten. - Ordnungswidrigkeit nach §§ 16 (la) und (2) der Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen vom 6.11.1975. Es wird daher gegen Sie als Ordnungsstrafmaßnahme (GBL. 1. Nr. 44, S. 723) eine Ordnungsstrafe von 1.000,00 (Eintausend) Mark festgesetzt. Begründung: Aufgrund der Art und Schwere der Rechtsverletzung ist der Ausspruch einer Ordnungsstrafe erforderlich.“
13 Karl-Marx-Stadt - heute wieder Chemnitz in Sachsen.


setzen. Die IM „Günther“14 und IM „Quermann“15 wurden im Jahre 1979 gezielt benutzt, um die Königreichsdienstschule „aufzuklären“, damit diese dann durch das MfS „zerschlagen und liquidiert“ werden konnte.16

Diese Königreichsdienstschule bestand aus zwei Teilen. Zunächst fand jeweils eine Besprechung statt, bei der die vorgesehenen Teilnehmer schriftliche Unterlagen erhielten. Diese Unterlagen dienten als Grundlage für eine gute Vorbereitung des Unterrichtsstoffes für die eigentliche Schule, die nach einigen Wochen an einem Wochenende stattfand. Während der IM „Günther“ bereits an einer solchen Schulung im August/September 1979 im Raum Rochlitz teilnahm, sollte der IM „Quermann“ im November/Dezember eine solche Schulung im Raum Zwickau erhalten.

Der IM „Günther“ berichtete dem MfS ausführlich über die Vorbereitungsbesprechung zu dieser Schule, an der er im Juli 1979 teilnahm. Er übergab dabei der Stasi alle schriftlichen Unterlagen, die er erhalten hatte. Auch nannte er den Termin, an dem die eigentliche Schule stattfinden sollte, nur den Ort konnte er nicht nennen, da diesen Ort keiner der Teilnehmer vorher erfahren hat. Stasi- Offizier Riedel17 empfahl, die Liquidierung der Schule im September im Beisein des IM „Günther“ sei nicht angebracht, da der IM „Günther“ „erst im August eine Nichtrentnerreise in die BRD18 durchführte und es könnte dadurch der Verdacht entstehen, dass der IM mit dem MfS zusammenarbeitet“. Bei dieser BRD-Reise hatte der IM „Günther“ einen wichtigen Auftrag des MfS auf dem Gebiet der BRD auszuführen, für den er vom MfS 200,00 Mark finanzielle Unterstützung erhielt.

So wurde der IM „Günther“ zwei Tage vor der Schule nochmals durch seinen Führungsoffizier Joachim Riedel genau instruiert, auf was er zu achten hat und welche Angaben die Stasi von ihm benötigt.19 Der IM „Günther“ nahm dann an dieser Schulung teil, machte jedoch einen auffallend nervösen Eindruck, den er

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14 Vgl. S. 68, Anm. 53.
15 Vgl. S. 70, Anm. 56.
16 Weitere Einzelheiten über diese MfS-Aktion sind auch in der Abschlussarbeit von Hauptmann Joachim Riedel zu finden. Vgl. S. 66 ff.
17 Joachim Riedel gehörte gemeinsam mit den Stasi-Offizieren Rolf Uksa, Karl-Heinz Decker. Geralf Damisch und Uwe Vorberg viele Jahre zu der Stasi-Truppe, die sich speziell mit Jehovas Zeugen im Bezirk Karl-Marx-Stadt „beschäftigte“.
18 Der TM „Günther“ war Invalidenrentner, daher hatte er die Möglichkeit zu Besuchsreisen in die BRD.
19 Der IM sollte u.a. auf folgendes genau achten: Kennzeichen des ihn abholenden PKW, Namensschilder, markante Merkmale des Gebäudes, in dem die Schule durchgeführt wird, was ist in der Umgebung zu sehen, welche Gerätschaften usw. kann er erkennen, welche Straßennamen oder Firmenzeichen kann er während der Fahrt mit dem PKW erkennen.


mit gesundheitlichen Problemen begründete. Was seine Berichterstattung an die Stasi betrifft, so war er äußerst genau und achtete auf winzige Einzelheiten, die zur Identifizierung des Ortes und der Teilnehmer20 führen sollte. Die vom IM genannten genauen Einzelheiten der Wegbeschreibung der Anfahrt bzw. des Fußweges zum Treffort sowie von Gebäuden. Gartenzäunen und Einzelheiten der Gartenbepflanzung am Ort machten es der Stasi möglich, innerhalb weniger Tage den Ort der Schule zu identifizieren.

Der IM „Günther“ hatte auch nach seiner Teilnahme an der Schule wichtige Aufgaben für die Stasi zu erfüllen, um die Zerschlagung der Schule bestens vorzubereiten. Da die Stasi annahm, dass diese Schule immer am gleichen Ort stattfindet, konzentrierte sich der Einsatz der Stasi und des IM „Günther“ auf den Kreis Rochlitz. In einem von den Stasi-Offizieren der BV Karl-Marx-Stadt, Joachim Riedel und Heinz Engelhardt21 verfassten Maßnahmeplan22 wurden dazu konkrete Festlegungen getroffen. Zum Beispiel sollte bei Zerschlagung der Schule „jeder Anwesende entsprechend dem Gesetz zur Bekämpfung von Ordnungswidrigkeiten mit 1.000,00 Mark Geldstrafe belegt“ werden und gegen mich ein Ermittlungsverfahren nach § 218 StGB der DDR („Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele“) eingeleitet werden.

Anfang November 1979 wurde eine weitere Schulung im Raum Zwickau geplant, an der auch IM „Quermann“ teilnehmen sollte. Da der IM „Günther“ diese Schule bereits besucht hatte, wurde er bei der genauen Vorbereitung nicht mit einbezogen. Der Stasi entging jedoch nichts, da jetzt der IM „Quermann“ der Verbindungsmann „vor Ort“ war. So konnte die Stasi den Zugriff am 24. November 1979 bestens vorbereiten. Es wurden Vorschläge durch die Stasi- Offiziere gemacht, die dann im von Generalmajor Siegfried Gehlert23 bestätigten Maßnahmeplan24 ihre Konkretisierung erfuhren.

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20 Die Teilnehmer trugen während dieser Schulung aus Sicherheitsgründen einen Decknamen. Dadurch war es dem IM nicht möglich, die Namen der Teilnehmer der Stasi bekanntzugeben.
21 Major Heinz Engelhardt, geb. 09.02.1944, begann seine Stasi-Karriere 1962 bei der BV Karl- Marx-Stadt. Von 1968 bis 1974 absolvierte er ein Fernstudium an der JHS Potsdam-Eiche. Ab 1976 war er Leiter der Abteilung XX bei der BV Karl-Marx-Stadt. Kurze Zeit nach den „Zwickauer Ereignissen“ wurde er zum Oberstleutnant befördert. Engelhardt wurde 1986 nach Frankfurt/ Oder versetzt und war ab 1987 als Generalmajor Leiter der BV Frankfurt/Oder. Von Dezember 1989 bis Januar 1990 war er Leiter des Amtes für Verfassungsschutz der DDR. Engelhardts Nachfolger als Leiter der Abteilung XX bei der BV Karl-Marx-Stadt wurde der Stasi-Offizier Peter Eichler, der zum Oberstleutnant befördert wurde.
22 Maßnahmeplan vom 12.10.1979 zum OV „Thurm“ - Reg.-Nr. XIV 864/62 - „Königreichsdienstschule“ im Kreis Rochlitz.
23 Siegfried Gehlert, geb. 19.07.1925, begann seine Stasi-Laufbahn 1950 in Auc/Erzg.. Über die Stationen Auerbach und Schwarzenberg kam er 1954 nach Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Von 1958 bis 1989 war er Leiter der BV Karl-Marx-Stadt. Von 1960 bis 1965 absolvierte er ein Fernstudium


Mit einem Großaufgebot aus ihren Abteilungen VIII, IX und XX rückte die Stasi an, um uns festzunehmen, abzutransportieren und zu verhören. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, wurde auch der IM „Quermann“ mit festgenommen, verhört und später ebenfalls zu 1.000,00 Mark Geldstrafe verurteilt.25 Bei dieser Aktion wurde auch mein PKW „Trabant“ durch die Stasi gründlich durchsucht und „präpariert“, was sich später zeigen sollte.26

Der Leiter der BV Karl-Marx-Stadt, Generalmajor Gehlert, schrieb am 27.11.1979 eine Erfolgsmeldung über die Zerschlagung einer „konspirativ organisierten und gesetzwidrigen Zusammenkunft von Funktionären der illegalen Sekte der Zeugen Jehovas am 24.11.1979 in Zwickau“ an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, Siegfried Lorenz.27 Durch dieses Schreiben wird die enge Verflechtung von Partei und Stasi deutlich sichtbar.

In enger Absprache mit der HA XX/428 führten Stasi-Offiziere in den nächsten zwei Wochen „Differenzierungsgespräche“ mit verschiedenen verantwortlichen Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt, mit dem Ziel, uns einzuschüchtern und einzuengen. Doch dieser Plan der Stasi war zum Scheitern verurteilt.29

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an der JHS Potsdam-Eiche. Dort promovierte er 1973 zum Dr. jur. Im Jahre 1987 wurde er zum Generalleutnannt befördert.
24 Maßnahmeplan vom 22.11.1979 zur Liquidierung der im OV „Thurm“ - Reg.-Nr. XIV 864/62 pol.-op. bearbeiteten „Königreichsdienstschule“ der verbotenen Organisation „Zeugen Jehova“.
25 Wie aus der in Anm. 1 genannten Abschlussarbeit hervorgeht, wurde der IM vom MfS so instruiert, dass er sich bei der Vernehmung so verhalten soll, dass der MfS-Vernehmer nichts von der inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS erfährt. Er wurde also „echt vernommen“ und dann auch abgestraft.
26 Bei späteren Fahrten konnte ich stets ein „Begleitfahrzeug“ feststellen. Nachdem ich diese konsequente Überwachung verspürt hatte, erlaubte ich mir manche „Testfahrten“ auch über Feldwege. Es war „beruhigend“, auch in unwegsamen Gelände nie allein zu sein. Als meine Tochter mit ihrer Freundin und deren Bruder mit diesem Pkw im April 1986 eine Fahrt nach Prag unternahmen, wurde sie am Grenzkonntrollpunkt Reitzenhain im Erzgebirge „gründlichst kontrolliert“, wozu auch das Zerlegen des Fahrzeugs gehörte.
27 Streng vertrauliche Information des MfS. BV Karl-Marx-Stadt Nr. 551/79 - Gen. Lorenz
28 Die MfS-HA XX befasste sich mit u.a. mit Kunst, Kultur und Untergrundtätigkeit und stand seit 1964 unter der Leitung von Generalleutnant Paul Kienberg, geb. am 15.10.1926. Kienberg wurde 1949 Angehöriger der Deutschen Volkspolizei. 1950 ging er zur Stasi, von 1963-1968 absolvierte er ein Fernstudium an der JHS in Potsdam-Eiche. Als Leiter der HA XX/4, die sich mit Kirchen und Religionsgemeinschaften befasste, war bis 1989 Oberst Wiegand tätig. Zu den Stasi-Offizieren, die sich besonders mit Jehovas Zeugen beschäftigten, gehörte u.a. Major Oskar Herbrich. Herbrich und Wiegand waren nach dem Ende des MfS weiter beim neugegründeten „Amt für Nationale Sicherheit“ tätig.
29 Die in Anm. 1 genannte Abschlussarbeit berichtet ausführlich über die „Liquidierung der Unterweisung der Königreichsdienstschule“. Riedel hat in dieser Arbeit die aufgeführten Klar- und Decknamen abgeändert. So schreibt er am Schluss seiner Arbeit, dass „durch die durchgeführten


Die Tatsache, dass uns der oder die Verräter zu jenem Zeitpunkt namentlich nicht bekannt waren, schränkte unsere Tätigkeit in keiner Weise ein, gebot uns aber, weiter sehr vorsichtig zu sein. Das zahlte sich bei einer weiteren Schulung der leitenden Prediger aus Zwickau im Winter 1983/1984 aus, an der auch der IM „Quermann“ teilnehmen sollte. Die vorbereitende Besprechung fand an einem Ort in der Nähe von Penig (Sachsen) statt. Während dieser Besprechung erwähnte ich ganz bewusst, dass wir uns zu dem geplanten Termin „hier“ wieder sehen werden, obwohl wir einen anderen Ort vorgesehen hatten. Der IM „Quermann“ war daraufhin sehr fleißig und notierte alle Einzelheiten über das Gebäude, die Bewohner, die vorhandenen Haustiere und er fertigte sogar Skizzen über Straßen und Wege in der Umgebung des Hauses und Skizzen von der Gesichtsform der Hausbewohner an. Jetzt hatte die Stasi in den nächsten Wochen Gelegenheit, das Haus und die Bewohner zu identifizieren, was ihnen auch gelungen ist. So bereitete die Stasi einen neuen Zugriff am geplanten Termin vor, der jedoch ausfiel. Die Fahrzeuge, die die Teilnehmer aus Zwickau transportierten, fuhren an den von uns geplanten anderen Ort. Dort konnte die Schule in Ruhe durchgeführt werden, während sich die Stasi-Leute an dem vom IM „Quermann“ genannten Ort kalte Füße holten.

Die MfS-BV Karl-Marx-Stadt legte 1985 den operativen Vorgang (OV) „Buch“30 an. Aus einem von Generalmajor Gehlert bestätigten Maßnahmeplan vom 1.4.1986 geht hervor, dass im OV „Buch“ die „überörtlichen Funktionäre der verbotenen Organisation ZJ bearbeitet“ werden. Erstes Ziel war dabei die Aufklärung über „noch nicht personifizierte Funktionäre“ der Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Weitere Schweipunkte waren die „Aufklärung der Königreichsdienstschulen, deren Veranstaltungsorte sowie der Teilnehmer“. Die Auswirkungen dieses Maßnahmeplanes konnte ich immer wieder persönlich verspüren.

Im Jahre 1987 legte die Stasi eine weitere, direkt auf mich bezogene Akte an.31 Dazu wurden die Karteikarten zu meiner Frau ergänzt und für unsere drei Kinder Stasi-Unterlagen angelegt. Unser Sohn erhielt in der Schule Langenleuba- Oberhain (bei Penig) Besuch von einem Stasi-Mitarbeiter, der mit ihm Gespräche über unsere Familie, unsere Postverbindungen und unsere Verwandten in

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Maßnahmen die Konspiration der beiden IM „Konrad“ (alias IM „Günther“) und IM „Kreutzer“ (alias IM „Quermann“) vollkommen gewahrt blieb. ... Durch diese ... Maßnahmen konnten seitens des MfS konkrete Maßnahmen der Überprüfung der beiden IM ... auf Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit vorgenommen werden, und ihr Verhältnis zum MfS festigte sich noch mehr.“
30 OV „Buch“ wurde als Teilvorgang 17 zum zentralen operativen Vorgang (ZOV) „Sumpf unter der Reg.-Nr. XIV 3075/85 angelegt.
31 Reg.-Nr. XX - 742, „Abteilung XX - Überwachung des Kreisdieners der Zeugen Jehovas Martin Jahn aus Niedersteinbach“.


der BRD führen wollte. Am 8.4.1987 kamen zwei Stasi-Offiziere zu mir an meine Arbeitsstelle im VEB Getriebewerk Penig, um eine „Disziplinierungsmaßnahme“32 durchzuführen. In einem Dokument vom 19. Mai 1987 schreibt Oberstleutnant Eichler als Leiter der Abteilung XX in der BV Karl-Marx-Stadt an die BV Leipzig, dass „die Bearbeitung des Kreisaufsehers Jahn“ künftig gemeinsam zwischen Karl-Marx-Stadt und Leipzig „koordiniert werden sollte“. So blieb ich selbst und meine Familie stets im Visier der Stasi.

Die Stasi nutzte alle verfügbaren Informationsmöglichkeiten aus. Ein Beispiel dafür ist der IM „Balduin“.33 Am 26.6.1981 schreibt er nach den sogenannten „Volkswahlen“ einen Bericht an die Stasi von „Feststellungen über erhöhte Aktivitäten der Zeugen Jehova in Niedersteinbach“. Er schreibt, dass „die Aktivitäten vor der Wahl bei dieser Sekte recht angestiegen waren. Es gab regelmäßig 2 mal wöchentlich Zusammenkünfte aller Mitglieder der Gemeinde. In der Zwischenzeit wurden oft fremde Fahrzeuge bei Martin Jahn gesehen. Noch am 12. und 13. Juni wurde durch zwei fremde Bürger im Ort intensive Werbetätigkeit festgestellt worden. Bei manchen Bürgern hielten sie sich über eine Stunde auf und waren sehr hartnäckig in ihrer Argumentation. Die Sekte trifft sich regelmäßig mindestens 1 mal in der Woche. Mittelpunkt ist Jahn, Martin, welcher auch als Prediger dieser Sekte in mehreren Orten auftritt. Von hier aus gehen alle Aktivitäten der gesamten Arbeit und dort ist auch Umschaltstation für alles was in dieser Sekte geschieht.“ Unterschrieben hat er diesen Bericht mit „Balduin“ und seinem Klarnamen-Kurzzeichen „Gö“. „Balduin“ war in seiner Arbeit für die Stasi sehr rege. So teilte der IM „Balduin“ dem Unterleutnant Spranger von der KD Geithain am 6. Februar 1984 mit, dass Jahn „Einreisen aus der BRD“ hat und „dadurch schriftliches Material für seine Sektentätigkeit“ erhält. Er „schöpfte“ auch Informationen von der Postzustellerin ab und vermeldete der Stasi, ich würde „zahlreiche Pakete aus dem NSW34“ erhalten. Außerdem benutzte der IM „Balduin“ seinen Bruder, der im Nachbarhaus von mir wohnt, um Pkw-Kennzeichen von meinen Besuchern zu notieren und „Personenbewegungen“ zu überwachen. Interessant an den Berichten von „Balduin“ ist, dass er zwar sehr „fleißig“ war, jedoch nahm er es mit der wahrheitsgemäßen „Berichterstattung“ nicht so genau und verkaufte der Stasi manche von ihm erfundene Story.

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32 Disziplinierungsmaßnahmen waren in erster Linie Gespräche, in denen die Stasi eine Mischung zwischen Drohungen und Akzeptanz verbreitete. Ziel war es stets, die aufgesuchten oder auch zu sich bestellten Zeugen Jehovas massiv einzuschüchtern.
33 IM „Balduin“ wurde von der BStU als Gottfried Götze (geb. 13.01.1942 in Chemnitz) identifiziert. Götze war viele Jahre Bürgermeister in meinem Heimatort Niedersteinbach.
34 Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet, Sammelbegriff in der DDR-Amtssprache für die BRD und andere westliche Staaten.


Wenn ich heute auf mein bisheriges Leben zurückblicke, muss ich sagen: Wir haben als Familie während der vier Jahrzehnte DDR manche direkte und auch indirekte Aktion der Stasi erleben müssen. Ob es die Verweigerung einer höheren Schulbildung war, Intrigen am Arbeitsplatz, Berufsverbote, konspirative Hausdurchsuchungen,35 zersetzendes Schriftgut von CV, Schikanen an unseren Kindern, Disziplinierungsgespräche durch das MfS, Verhaftung und Geldstrafen - der Stasi war jedes Mittel recht. Und diese Anfeindungen durch die Stasi gingen weiter, bis das skrupellose Überwachungssystem im Jahre 1990 zusammenbrach. Viele der von Waldemar Hirch in seiner Darstellung über „Abschlussarbeiten an der Juristischen Hochschule Potsdam*4 aufgezeigten Methoden und Praktiken der Stasi haben wir selbst erlebt und verspürt.

Die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen. Selbst ein „allmächtiger und allgegenwärtiger“ Machtapparat wie die Stasi war nicht in der Lage, die DDR am Leben zu erhalten. Die DDR und ihre Stasi sind selbst zur Geschichte geworden. Zu bedauern sind die Menschen, die ihr Vertrauen in dieses System gesetzt hatten. Das feste Vertrauen in unseren Gott Jehova gab uns als Zeugen Jehovas die Kraft und den Mut, auch diese Zeit der Verfolgung siegreich zu überleben.

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35 Konspirative Hausdurchsuchungen wurden in gesicherter Abwesenheit aller Hausbewohner in der Form durchgeführt, dass alles in der Wohnung bzw. im Haus durchsucht und fotografisch dokumentiert wurde. Bei der Durchsuchung wurde peinlichst genau darauf geachtet, dass alles wieder an seinem Platz gelegt wurde, damit die von der Durchsuchung Betroffenen nichts merken sollten. Manchmal war nur der Duft eines Deodorants oder ein fremder Körpergeruch ein Zeichen dafür, dass die Stasi „wieder da war“.