Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Waldemar Hirch: Wissenschaftliche Darstellung der "Zersetzung" in Abschlussarbeiten der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 74-82:


Oberleutnant Alexander Koepke: "Erfahrung zur Anwendung von Maßnahmen der Zersetzung bei der Bearbeitung Operativer Vorgänge" VVS Nr. 735/80, Abschluss der Arbeit am 18. Dezember 1980, 62 Seiten.


Die Grundlagen der Arbeit von Koepke bildete die Auswertung verschiedener abgeschlossener operativer Vorgänge der Jahre 1975 bis 1980. Mittlere und leitende "Funktionäre" der Zeugen Jehovas aus dem Bereich der Bezirksverwaltung Potsdam wären in diesen OV "bearbeitet" worden. Um die Analyse effektiver zu gestalten, wurde ein "Analysenprogramm" erstellt und sowohl operative Materialien als auch IM-Akten einer Analyse unterworfen.

Der Sinn der Zersetzungsmaßnahmen wurde klar definiert (S. 6):

  • "staatsfeindliche Aktivitäten im Keim ersticken;
  • die illegale Sekte mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen;
  • den Einfluss der WTG-Zentrale als Träger der PID zu unterbinden;
  • den Funktionärsapparat der illegalen Leitung in der DDR als Handlanger des Imperialismus bloßzustellen."

Es müsse hierbei beachtet werden, dass es sich bei Jehovas Zeugen um "religiös-fanatische Menschen handelt" und dass die Zersetzungsmaßnahmen durch "das Primat der Politik im sozialistischen Strafrecht" und die Konspiration der Zeugen Jehovas bestimmt würden. Deshalb würde keine Bestrafung nach den §§ 1863 und 106 StGB mehr erfolgen. Die verdeckte Arbeit des MfS wäre notwendig, denn "gegen eine Organisation, die offiziell nicht besteht, kann nicht offiziell vorgegangen werden, sie muss von innen her zersetzt werden" (S. 6).

Diese Begründung war mehr als fadenscheinig, denn natürlich konnte gegen eine verbotene Organisation auch offiziell vorgegangen werden. Ganz offenbar wollte man dies nicht tun, da man keine "Märtyrer" schaffen wollte. Man wollte nach außen nicht als Staat gelten, der seinen Bürgern eine sozialistische Gesinnung aufzwingt. Nach außen sollte das Bild einer Demokratie vermittelt werden, mit Bürgern, die sich frei entscheiden konnten. Eine weitere Begrün-

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63 § 218 (Fassung vom 28.6.1979): Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidrigerziele (1) Wer eine Vereinigung oder Organisation bildet oder gründet oder einen sonstigen Zusammenschluss von Personen herbeiführt, fördert oder in sonstiger Weise unterstützt oder darin tätig wird, um gesetzwidrige Ziele zu verfolgen, wird, sofern nicht nach anderen Bestimmungen eine schwerere Strafe vorgesehen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, Verurteilung auf Bewährung, mit Haftstrafe oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Rädelsführer werden mit Freiheitsstrafe von einem bis zu acht Jahren bestraft. (3) Der Versuch ist strafbar.