Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Waldemar Hirch: Wissenschaftliche Darstellung der "Zersetzung" in Abschlussarbeiten der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 74-82:


Oberleutnant Alexander Koepke: "Erfahrung zur Anwendung von Maßnahmen der Zersetzung bei der Bearbeitung Operativer Vorgänge" VVS Nr. 735/80, Abschluss der Arbeit am 18. Dezember 1980, 62 Seiten.


Die Grundlagen der Arbeit von Koepke bildete die Auswertung verschiedener abgeschlossener operativer Vorgänge der Jahre 1975 bis 1980. Mittlere und leitende "Funktionäre" der Zeugen Jehovas aus dem Bereich der Bezirksverwaltung Potsdam wären in diesen OV "bearbeitet" worden. Um die Analyse effektiver zu gestalten, wurde ein "Analysenprogramm" erstellt und sowohl operative Materialien als auch IM-Akten einer Analyse unterworfen.

Der Sinn der Zersetzungsmaßnahmen wurde klar definiert (S. 6):

  • "staatsfeindliche Aktivitäten im Keim ersticken;
  • die illegale Sekte mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen;
  • den Einfluss der WTG-Zentrale als Träger der PID zu unterbinden;
  • den Funktionärsapparat der illegalen Leitung in der DDR als Handlanger des Imperialismus bloßzustellen."

Es müsse hierbei beachtet werden, dass es sich bei Jehovas Zeugen um "religiös-fanatische Menschen handelt" und dass die Zersetzungsmaßnahmen durch "das Primat der Politik im sozialistischen Strafrecht" und die Konspiration der Zeugen Jehovas bestimmt würden. Deshalb würde keine Bestrafung nach den §§ 1863 und 106 StGB mehr erfolgen. Die verdeckte Arbeit des MfS wäre notwendig, denn "gegen eine Organisation, die offiziell nicht besteht, kann nicht offiziell vorgegangen werden, sie muss von innen her zersetzt werden" (S. 6).

Diese Begründung war mehr als fadenscheinig, denn natürlich konnte gegen eine verbotene Organisation auch offiziell vorgegangen werden. Ganz offenbar wollte man dies nicht tun, da man keine "Märtyrer" schaffen wollte. Man wollte nach außen nicht als Staat gelten, der seinen Bürgern eine sozialistische Gesinnung aufzwingt. Nach außen sollte das Bild einer Demokratie vermittelt werden, mit Bürgern, die sich frei entscheiden konnten. Eine weitere Begrün-

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63 § 218 (Fassung vom 28.6.1979): Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidrigerziele (1) Wer eine Vereinigung oder Organisation bildet oder gründet oder einen sonstigen Zusammenschluss von Personen herbeiführt, fördert oder in sonstiger Weise unterstützt oder darin tätig wird, um gesetzwidrige Ziele zu verfolgen, wird, sofern nicht nach anderen Bestimmungen eine schwerere Strafe vorgesehen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, Verurteilung auf Bewährung, mit Haftstrafe oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Rädelsführer werden mit Freiheitsstrafe von einem bis zu acht Jahren bestraft. (3) Der Versuch ist strafbar.


düng war darin zu finden, dass Jehovas Zeugen in der DDR nach Auffassung Koepkes der Öffentlichkeit nicht bekannt wären, auch ihr Verbot aus dem Jahre 1950 nicht. Das sollte auch so bleiben. Unbeabsichtigtes Interesse der Bevölkerung sollte durch Maßnahmen des MfS nicht hervorgerufen werden. Das wäre nur im Interesse der Zeugen Jehovas.

Auch Koepke führte die vom MfS geschaffene Oppositionsgruppe "Christliche Verantwortung" an und stellte sie als ein wirksames Instrument in den Händen des MfS dar, mit dem zielgerichtet gearbeitet werde. Mit diesem Instrument könne erreicht werden, dass "sich die Sekte mit ihren eigenen Problemen beschäftigen" müsse (S. 9). Gleichzeitig würde an der "politisch-ideologischen Rückgewinnung feindlich-negativer Kräfte" gearbeitet werden.

Einzelne Auswirkungen dieser Gruppe werden in dieser Arbeit beschrieben.

Eine interessante Information Koepkes war, dass seit zehn Jahren, somit seit Beginn der 70er Jahre, "Koordinierungsvereinbarungen mit anderen operativen Diensteinheiten" bestünden (S. 9). In den letzten sechs Jahren würde man sich dabei auf die Zersetzung konzentrieren. Alle operativen Maßnahmen seien darauf ausgerichtet worden, "wie mögliche Ergebnisse zersetzend und mit hohem gesellschaftlichen und politisch-operativen Nutzen erreicht und angewandt werden können" (S. 9).

Fallbeispiele

Koepke ging auf Beispiele für langfristige Zersetzungsmaßnahmen ein.

Bereits 1974 sei bekannt gewesen, dass der "Funktionär" Meier (Name, Orte usw. von Koepke geändert, d.A.) eine "Anlaufstelle"64 für Kuriere aus Westberlin hatte. Durch IM konnte diese "Anlaufstelle" identifiziert werden. In Verbindung mit der Polizei wurden "offiziell verwertbare Informationen erarbeitet".

Mit einem Zeugen Jehovas aus unmittelbarer Nähe der "Anlaufstelle" wurde vom MfS ein reger Scheinkontakt aufgenommen, um den Verdacht des Verrats auf ihn und vom eigentlichen IM abzulenken. In der Abschlussphase des OV wurde dem zum Schein kontaktierten Zeugen Jehovas offiziell der Dank des MfS beim Rat der Gemeinde ausgesprochen und durch IM bekanntgemacht. Gleichzeitig wurde Meier die Dekonspiration seiner "Anlaufstelle" eröffnet.

Daraufhin war Meier gezwungen, eine andere "Anlaufstelle" zu suchen. Seine Wahl fiel auf den eingesetzten IM, der sich über längere Zeit als zuverlässig

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64 Anlaufstelle hieß, dass ein Zeuge Jehovas als Anlaufstelle diente und die Literatur in Verwahrung nahm.


und geeignet präsentieren konnte. Nach der Literaturübergabe wurde das Material bei ihm beschlagnahmt, ohne dass ein Verdacht auf ihn fiel. Auf diese Weise konnte auch der Kurier aus Westberlin endlich identifiziert werden. Dieser wurde ab sofort im OV "Container" (ab 1976) observiert.

Da die zwei "Anlaufstellen" Meiers nicht mehr genutzt werden konnten, wich Meier nach Cottbus aus. Da aber der Kurier aus Westberlin dem MfS bekannt war, wartete man dort nur auf die Gelegenheit, ihn bei erneuter Einreise in die DDR in Cottbus bei "seiner neuen Anlaufstelle" zu überraschen und zu verhaften, was 1977 geschah.

Daraufhin wurde ein erneutes Gespräch mit Meier geführt und ihm wurde in diesem "Zersetzungsgespräch" seine "organisierte Unfähigkeit nachgewiesen" (S. 14).

Doch Meier ließ sich offenbar nicht völlig verunsichern. Am Ende des Berichts wurde über ihn gesagt, er sei "auch heute noch ein bekanntes Bindeglied der illegalen Sekte in der DDR und ins NSW" (S. 15). Weitere Maßnahmen wären geplant. Dass Koepke die Grenzen des MfS bewusst waren, ging aus seiner Aussage hervor, dass es nicht gelingen wird "Meier aus der bekannten Funktion zu verdrängen" (S. 15).

Eine solche Aussage nach 5 Jahren der Zersetzung sprach für sich. Hier war es dem MfS ganz offensichtlich nicht möglich durch die Konspiration der Zeugen Jehovas zu stoßen.

Es hätte festgestellt werden können, dass durch die fünfjährige Konzentration auf Meier "eine Verlagerung der illegalen Aktivität auf die OPK-Person Zentrum'" erfolgt sei. Hier würde "für die nächsten Jahre" eine "Zersetzungskonzeption" bestehen. Es gäbe hier auch eine bessere IM-Basis. Doch stehe man hier am Anfang.

Ein weiteres Ergebnis der Zersetzungsmaßnahmen wurde im Rückgang der "Haus-zu-Haus-Werbungen" genannt, da Angst vor dem Eingreifen durch die DVP unter den Zeugen Jehovas vorherrsche. Vorläufiges Resümee des Verfassers (S. 17): "Auch so wird durch Verunsicherung der Einfluss der Sekte zurückgedrängt."

Einige Aussagen des Verfassers enthalten eine starke Überbewertung der MfS-Erfolge.

Zum Beispiel wurden einem "Gesprächspartner" der Zeugen Jehovas während eines Zersetzungsgesprächs bestimmte Fakten aus dem OV "Container" genannt. Ebenfalls wurden in diesem Gespräch Fakten aus anderen OV genannt. Als Ergebnis schreibt Koepke: "Die Reaktion allein beim Gespräch seitens des


ZJ zeigte, dass empfindliche Stellen getroffen wurden. Jahrelange, mühsame Kleinarbeit der illegalen Leitung der Sekte war zunichte gemacht."

Die "Reaktion" des Betreffenden, wie diese auch immer ausgesehen hatte, sollte offenbar als Beweis für die Wirkung einer MfS-Maßnahme gelten. Diese dürftige Argumentation in Verbindung mit der euphorischen Grundhaltung des Verfassers spiegelte nicht die Realität wieder. Hier wurden eher eigene "Leistungen" belobigt und Erfolge größer demonstriert, als sie in Wirklichkeit waren. Dies macht Sinn, wenn man bedenkt, dass Koepke an den genannten OVs beteiligt war.

Ein weiterer interessanter Fall wird als OV "Satan" angeführt. Verschiedene staatliche Stellen arbeiteten eng zusammen, um den tatsächlichen oder fiktiven Nachweis zu führen, dass eine bestimmte Person in betrügerische Machenschaften verstrickt war. Dies sollte nach außen hin auf gesetzlicher Grundlage geschehen. Deshalb wurde der Polizei schriftlich eine "anonyme Anzeige" mit der Aufforderung geschickt, zu einem bestimmten Termin bei einer bestimmten Person zuzugreifen.

Dieser Brief war so formuliert worden, als ob ihn ein Patient des in der Anzeige beschuldigten Heilpraktikers geschrieben hätte. Die Details für diesen Brief stützten sich auf die Aussagen von 2 IM. Mit dieser Anzeige beschäftigten sich 8 Wochen lang die DVP, der Kreisstaatsanwalt, der Bezirksarzt und das Kreisgericht der dortigen Stadt. Der Vorwurf lautete auf Steuerbetrug.

Da der angeklagte Zeuge Jehovas durch seine Tätigkeit im Heilberuf über ausgedehnte Verbindungen zu anderen Zeugen Jehovas in der DDR verfügte, war seine Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren und drei Monaten mit anschließendem fünfjährigem Tätigkeitsverbot sowie einer hohen Geldstrafe ein Fall, der für viel Aufsehen sorgte.

Als Anlage III fügte Koepke einen Zeitungsbericht aus der "Volkswacht" vom 15. April 1980 bei, der mit "Ein 'bescheidener' Bürger" überschrieben war. Ein typisches Beispiel von Rufmord durch die gleichgeschaltete DDR-Presse. Das Vokabular des Berichts erinnert an die Wortwahl, die bei den Schauprozessen der 50er Jahre üblich war. Wollte man in der Öffentlichkeit die Feinde des DDR-Systems diskreditieren, verfiel man in die für totalitäre Systeme so typische Sprache der Demagogie. Es hieß dort, dass beim Angeklagten "hinter der Miene eines Biedermannes verbrecherische Gewinnsucht und hinter vorgetäuschter Nächstenliebe nur der eigene Vorteil gesucht wurde". Schon in der Vergangenheit seien beim Angeklagten Unstimmigkeiten bei der Steuer festgestellt worden. In den Jahren von 1974 bis 1978 hätte er seine Steuer derart "frisiert" dass eine Steuerminderung von 125.586,00 Mark entstanden wäre.


Was hätte man mit diesem Geld alles in dem sozialistischen Staat machen können. 240 Rentner hätten ein Jahr lang täglich ein Mittagessen erhalten können. Die Feriengestaltung für alle Kinder des gesamten Kreises wäre für ein Jahr sichergestellt gewesen. Oder für 135 Familien hätte für zwei Jahre Mietzuschuss gezahlt werden können. Der Angeklagte hätte zwar seine Umwelt mit "großen Sprüchen zu beeindrucken" gewusst, hätte sich aber nicht an seine eigenen Worte gehalten. Man ließ kein gutes Haar an dem Verurteilten.

Auch die MfS-Zeitschrift CV griff diesen Fall auf und verlegte eine Sonderausgabe, den "Sonderdienst Nr. l", der in einer Auflage von 5.000 Exemplaren erschien und an die Haushalte der Zeugen Jehovas geschickt wurde.65 Der Artikel in CV war reine Heuchelei. Eine Krokodilsträne folgte der nächsten, was typisch für dieses Blatt war. Der Bericht begann sogleich mit gespielter Empörung und dem Versuch der Aufwiegelung: "Liebe Brüder und Schwestern! … Wie lange schweigt ihr noch zu …? … Warum konnte … solange die Zeugen schädigen?" Angeblich an CV eingesandte Leserzuschriften werden wiedergegeben, die die Empörung auch unter Zeugen Jehovas verdeutlichen sollen. Einige Beispiele sollen das zeigen: "Bei Bruder … wirkte nicht alles hygienisch und ordentlich. Ob Unsauberkeit zu seiner Behandlungsmethode gehörte? Geholfen hat er mir nicht." "Schwester B.: Jetzt hörte ich von einer Schwester im Vogtland, dass man den … eingesperrt hat. Sie glauben gar nicht wie mich das freut. Er gab sich zwar als Bruder aus, mir als Rentnerin aber nahm er trotzdem 15,- Mark ab und der Glaube an die versprochene Besserung meines Leidens (leberkrank) hat auch nur ihn reich gemacht. … Mir scheinen jetzt viele Wahrheiten aus CV, die ich bisher bezweifelte, richtig zu sein." "Liebe Brüder! … Es tut uns doch sehr weh, dass Bruder … diese Verbrechen auf sich geladen hat. Er hat auf unsere Kosten gelebt und unser Geld in einem Umfang angenommen, der völlig unserem Glauben widerspricht … alle haben vorher gewusst, dass Bruder … den Staat betrügt. … Wir haben hier einmal nachgerechnet, es sind ja noch viel mehr Steuerschulden, die er erwirtschaftet hat. … Ich verstehe nicht warum die Gesellschaft in Wiesbaden so ruhig sein kann! … Ich glaube die Strafe und die Rückzahlung sind für Bruder … eine Kleinigkeit. Er hat Häuser an der CSSR-Grenze, die er verdeckt gekauft hat. Das ist alles bares Geld. Der lacht uns alle aus …"

Ein besonders interessanter "Brief" enthält die Forderung nach dem Gemeinschaftsentzug. "Verantwortungsvolle Brüder" würden das fordern. "Er hat viele betrogen. Brüder, die wir kennen, haben gesagt, dass es sich keiner traut, ihm die Gemeinschaft zu entziehen." Es sollte soviel Unruhe wie irgend möglich

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65 Dies war dem MfS aber noch nicht genug. Selbst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18. April 1980 erschien eine Notiz zu dem Fall.


erzeugt werden. Der Heilpraktiker sollte einen Gemeinschaftsentzug erhalten und damit aus den Reihen der ZJ ausgegliedert werden.

Das Angriffsziel war nur vordergründig der Angeklagte. Die Wachtturmgesellschaft, als leitendes Organ der Religionsgemeinschaft, sollte in Misskredit gebracht werden. Ebenso die Gemeinde-Ältesten, die nichts unternehmen würden. Deshalb hieß es weiter: "Wenn uns … betrogen hat, warum soll uns dann nicht auch die WTG betrügen?" "Und der Sturz des … ist ja auch nicht der erste und sicher nicht der letzte kriminelle Fall der sich so moralisch und glaubensfest gebärdenden WTG. Hat wirklich keiner der Verantwortlichen der WTG, keiner der Ältesten hier etwas von dem Betrug an tausenden und abertausenden gemerkt? Viele haben es gewusst. …" "Warum schweigt Wiesbaden dazu? Was für ein Spiel wird hier getrieben? Hat … nicht nur für sich abkassiert, sondern illegal auch Geld nach Wiesbaden befördert? Sollte er das vielleicht sogar? Hat er gleich dabei die Gelegenheit genutzt und alles in die eigene Tasche geschoben? … Von Gewissen kann man bei … nicht sprechen. Aber hat eine Gesellschaft, die all das zulässt, ein Gewissen? … ,CV wird sich gemäß 2. Kor. 13:8 auch weiter für die Wahrheit einsetzen."

Dies ist ein Fall an dem man sehr gut die Zusammenarbeit der verschiedenen staatlichen Stellen und der DDR-Medien sehen kann, die unter Leitung und Lenkung des MfS standen.

Koepke war jedoch bereit, zuzugeben, dass es auch Misserfolge gegeben habe. Er macht die wesentliche Aussage, dass, wenn eine Bearbeitung ohne IM erfolgte, der "Erfolg von vornherein in Frage gestellt war" (S. 22).66

Im folgenden beschrieb Koepke weitere Methoden der Zersetzung bei Zeugen Jehovas. Diese sei spezifisch, da "die religiös-fanatische Bindung der Mitglieder an die WTG blind gegenüber äußeren Argumenten macht" (S. 24).

Das aufgebaute konspirative Netz von Verbindungen funktioniere so, dass jeder Beteiligte nur das wisse, was er unbedingt wissen müsse, um seiner speziellen Aufgabe nachkommen zu können.

Durch den Versand von anonymen und pseudonymen Briefen an bestimmte Zielpersonen, die Fragen, Verdächtigungen etc. enthielten, die sich durch offiziell belegbare Fakten aus bestimmten OV sowie aus inoffiziellen Angaben

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66 Ohne das Heer von IM wäre die Arbeit des MfS kaum möglich gewesen. Auf diese Tatsache muss immer wieder aufmerksam gemacht werden, um der Gefahr der Verharmlosung der IM-Tätigkeit vorzubeugen. Ohne die Denunzianten und die Inoffiziellen Mitarbeiter wäre das DDR-System nicht in der Weise aufrechtzuerhalten gewesen. Sie waren eine wichtige Stütze dieses intoleranten Systems.


und Verdächtigungen aus OPK zusammensetzten, wären die angeschriebenen Personen gezwungen, sich mit den Verdächtigungen auseinanderzusetzen.

Man müsse bedenken, dass durch Dekonspiration oder Verunsicherung eines Verbindungsnetzes schon bald ein neues Verbindungsnetz aufgebaut würde. Dies sei dann noch nicht bekannt und zunächst nicht zu kontrollieren.

Vorladungen beim Rat der Gemeinde oder das Aufsuchen am Arbeitsplatz hätten sich bewährt. So würde auch außerhalb der Zeugen Jehovas bekannt, dass gegen die Person etwas vorliegen müsse. Es könnten zusätzlich auch Gerüchte über diese Person in Umlauf gebracht werden.

Eine weitere wirksame Methode sei es, bestimmte Mitglieder der Zeugen Jehovas mit dem MfS in Verbindung zu bringen. Solche Verdächtigungen müssen geschürt werden, indem vermehrt Kontakte zwischen dem MfS und verschiedenen "Funktionären" nach außen hin sichtbar würden. Kontakte zwischen dem MfS und Mitgliedern der Zeugen Jehovas würden grundsätzlich negativ gewertet und mit Argwohn betrachtet.

Doch sei klar, dass die tatsächlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen nur schwer zu überprüfen und zu dokumentieren seien. Auch IM hätten nur einen "stark eingeschränkten Überblick".

Das Erzeugen und Ausnutzen von Rivalitäten durch IM unter Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder könne ebenso nur schwer dokumentiert werden, da Probleme dieser Art intern "ausgewertet" würden, d.h. nur ein kleiner Kreis beschäftige sich mit diesen Problemen und spreche nicht offen darüber.

In einem weiteren Fallbeispiel berichtete Koepke, dass durch zwei OVs offenbar geworden wäre, dass ein Kurier "sehr gesprächig und strebsam" sei. Mehrere IM bestätigten dies. Diese Gesprächigkeit wurde für das MfS zum Gesprächsthema. In "15 Gesprächen mit Sektenmitgliedern" wurde dies zu einem Problem aufgewertet. Innerhalb von zwei Jahren hätte dann über IM erarbeitet werden können, dass der genannte Kurier nicht mehr als Kurier eingesetzt würde, da er ein "Quatschkopf" sei. Die IM gaben an, dass man innerhalb der Glaubensgemeinschaft dachte, dass das MfS nur durch die Gesprächigkeit des Kuriers "wahrscheinlich alles erfahren" habe.

Einen andere Möglichkeit der Zersetzung wäre, bestimmte "Funktionäre" zum Wohnortwechsel zu veranlassen, indem man sie durch das Zusammenwirken mit staatlichen Stellen und dem Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern permanenten Kontrollen aussetze. Dies würde in diesem bestimmten Ort "umfangreiche Konsequenzen für die Organisation der illegalen Sekte nach sich ziehen" (S. 29).


Gerüchte, die in der Glaubensgemeinschaft kursierten, könnten gemäß Koepke vom MfS stärker ausgewertet werden. Hier könnte man eingreifen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich und seine Quellen zu lenken. Die Möglichkeiten, die sich durch vermutete oder tatsächliche Vergehen einzelner Mitglieder eröffnen, sollten besser genutzt werden, da sich hier ein weites Betätigungsfeld eröffne.

Am wirksamsten hätten sich nicht angemeldete Besuche des MfS auf der Arbeitsstelle des Betroffenen und die kurzfristige Vorladung beim Rat der Gemeinde bewährt. Hier wäre eine Vorbereitung auf dieses Gespräch kaum möglich. Auch außerhalb der Zeugen Jehovas würde bekannt werden, dass gegen diese Person etwas vorliege und die Möglichkeit könnte genutzt werden, durch Streuen von Gerüchten über diese Person ihr in der Öffentlichkeit zu schaden.

Von Vorteil wäre es auch, wenn mehrere Zeugen Jehovas gleichzeitig zum VPKA geladen würden. Hier könnte man versuchen, durch psychologische Varianten, wie z.B. besonderes Bevorzugen einer Person, eine Person bleibt länger als die anderen etc., die Vorgeladenen gegenseitig zu verunsichern und Misstrauen zu erzeugen.

Besonderen Wert sollte man auf Informationen aus dem Ostbüro in Wiesbaden legen. Hier ließe sich die Wirksamkeit der MfS-Maßnahmen am ehesten herausfinden und mögliche Gegenstrategien in Erfahrung bringen.

Um Jehovas Zeugen nicht in eine "Märtyrerrolle" hineinzudrängen, sollte nicht der Glaube der Zeugen Jehovas, sondern nur ein konkret verletzter Straftatbestand oder eine Ordnungswidrigkeit staatliche Maßnahmen nach sich ziehen. Deshalb sollten offizielle sowie inoffizielle Informationen herangezogen werden und "taktisch klug" verwendet werden.

Das hieße:

  • "Diese Art der Einschätzung der Ausgangsmaterialien setzt einen konkreten Überblick über den betroffenen Bereich sowie umfassende Kenntnisse über die illegale Sekte voraus.
  • Aufklärung der Umstände der Straftat, der Ordnungswidrigkeit, des Vorsatzes sowie des betroffenen Personenkreises.
  • Klärung der Frage, wie ein Eingreifen berechtigter staatlicher Organe legendiert und realisiert werden kann. Kalkulation aller Umstände sowie Suche nach Möglichkeiten, direkte Maßnahmen des MfS zeitgemäß zu realisieren.
  • Überprüfung der sekteninternen Regeln auf ihre Verletzung hin, hier ist das Eingreifen staatlicher Organe nicht möglich.

  • Von der konspirativen Handhabung jeder Information hängt ab, inwieweit überhaupt das MfS oder staatliche Organe oder beide abgestimmt eingreifen können."

Diese Vorarbeit müsse das MfS leisten, um staatliches Eingreifen zu ermöglichen. Was das MfS selbst mit den "erarbeiteten" Informationen zusätzlich unternehme, läge allein im Verantwortungsbereich des MfS.

Besonderer Kritikpunkt bildete für Koepke das Fehlen von IM bei manchen Zersetzungsmaßnahmen. So schrieb er, dass erst ein Jahr nach Abschluss des OV "Duo" - hier ging es um Kuriertätigkeit - eine Reaktion sichtbar wurde: "die bekannten Zielpersonen benutzen keine VW-Kleinbusse mehr zur Einreise in die DDR".

Eine Information, die zeigt, dass die MfS-Arbeit nicht überschätzt werden darf. Das war auch Koepke durchaus bewusst. Er schrieb zum Schluss seiner Arbeit:

"Da bisher mangelhaft, sollten Auswirkungen von Maßnahmen der Zersetzung verstärkt für gezielte Maßnahmen der Kontaktierung von ZJ genutzt werden. Das sollte auch im Plan verankert werden."

Nach 30 Jahren MfS-Arbeit gegen Zeugen Jehovas lag das Ziel der Unterminierung und Beseitigung der Religionsgemeinschaft noch in weiter Ferne.