Was hätte man mit diesem Geld alles in dem sozialistischen Staat machen können. 240 Rentner hätten ein Jahr lang täglich ein Mittagessen erhalten können. Die Feriengestaltung für alle Kinder des gesamten Kreises wäre für ein Jahr sichergestellt gewesen. Oder für 135 Familien hätte für zwei Jahre Mietzuschuss gezahlt werden können. Der Angeklagte hätte zwar seine Umwelt mit "großen Sprüchen zu beeindrucken" gewusst, hätte sich aber nicht an seine eigenen Worte gehalten. Man ließ kein gutes Haar an dem Verurteilten.

Auch die MfS-Zeitschrift CV griff diesen Fall auf und verlegte eine Sonderausgabe, den "Sonderdienst Nr. l", der in einer Auflage von 5.000 Exemplaren erschien und an die Haushalte der Zeugen Jehovas geschickt wurde.65 Der Artikel in CV war reine Heuchelei. Eine Krokodilsträne folgte der nächsten, was typisch für dieses Blatt war. Der Bericht begann sogleich mit gespielter Empörung und dem Versuch der Aufwiegelung: "Liebe Brüder und Schwestern! … Wie lange schweigt ihr noch zu …? … Warum konnte … solange die Zeugen schädigen?" Angeblich an CV eingesandte Leserzuschriften werden wiedergegeben, die die Empörung auch unter Zeugen Jehovas verdeutlichen sollen. Einige Beispiele sollen das zeigen: "Bei Bruder … wirkte nicht alles hygienisch und ordentlich. Ob Unsauberkeit zu seiner Behandlungsmethode gehörte? Geholfen hat er mir nicht." "Schwester B.: Jetzt hörte ich von einer Schwester im Vogtland, dass man den … eingesperrt hat. Sie glauben gar nicht wie mich das freut. Er gab sich zwar als Bruder aus, mir als Rentnerin aber nahm er trotzdem 15,- Mark ab und der Glaube an die versprochene Besserung meines Leidens (leberkrank) hat auch nur ihn reich gemacht. … Mir scheinen jetzt viele Wahrheiten aus CV, die ich bisher bezweifelte, richtig zu sein." "Liebe Brüder! … Es tut uns doch sehr weh, dass Bruder … diese Verbrechen auf sich geladen hat. Er hat auf unsere Kosten gelebt und unser Geld in einem Umfang angenommen, der völlig unserem Glauben widerspricht … alle haben vorher gewusst, dass Bruder … den Staat betrügt. … Wir haben hier einmal nachgerechnet, es sind ja noch viel mehr Steuerschulden, die er erwirtschaftet hat. … Ich verstehe nicht warum die Gesellschaft in Wiesbaden so ruhig sein kann! … Ich glaube die Strafe und die Rückzahlung sind für Bruder … eine Kleinigkeit. Er hat Häuser an der CSSR-Grenze, die er verdeckt gekauft hat. Das ist alles bares Geld. Der lacht uns alle aus …"

Ein besonders interessanter "Brief" enthält die Forderung nach dem Gemeinschaftsentzug. "Verantwortungsvolle Brüder" würden das fordern. "Er hat viele betrogen. Brüder, die wir kennen, haben gesagt, dass es sich keiner traut, ihm die Gemeinschaft zu entziehen." Es sollte soviel Unruhe wie irgend möglich

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65 Dies war dem MfS aber noch nicht genug. Selbst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18. April 1980 erschien eine Notiz zu dem Fall.