chen, was jedoch nur mit dem Eintritt in die FDJ3 und anderer Organisationen wie GST4 und DSF5 möglich gewesen wäre. Da ich jede politische Betätigung ablehnte, führte das zu vielen „Gesprächen“ und einer darauf folgenden intensiven „Beobachtung“ unserer Familie durch die Stasi, wie dies aus den jetzt aufgefundenen Karteikarten sichtbar wurde.

Im Herbst 1953 erhielt ich eine Lehrstelle als Maschinenschlosser in einem Großbetrieb in Penig, der damaligen Peniger Maschinenfabrik. Als einziger von über 220 Lehrlingen in diesem Betrieb beteiligte ich mich nicht an politischen Aktivitäten. So galt ich auch dort von Anfang an als geächtet und musste viele Repressalien erdulden.

Im Jahre 1957 wurde mir gestattet, mit der Bahn eine Reise nach Westdeutschland zu unternehmen. Ich kaufte mir eine Fahrkarte nach Dortmund, um dort am Kongress der Zeugen Jehovas in der Westfalenhalle teilzunehmen. Welch eine Überraschung für mich, als ich bei einem Spaziergang in Dortmund meinen früheren Schulleiter und damaligen Ortsparteisekretär der SED. Karl Linke sah. Wie ich später feststellte, blieb mein Kongressbesuch der Stasi nicht verborgen. Ungeachtet dieser Tatsache waren die Tage in Dortmund ein bleibendes unvergessliches Erlebnis für mich. Nach einem sehr gründlichen Studium der Bibel hatte ich gebetsvoll in meinem Herzen beschlossen, mich Jehova Gott hinzugeben und fortan seinen Willen zu tun. Am 2. August 1957 konnte ich im Stadtbad von Lünen bei Dortmund meine Hingabe an Jehova Gott durch die Wassertaufe symbolisieren. An jenem Tag begann mein Lebensweg als ein getaufter Zeuge Jehovas.

Diesen Weg ließ mich die Stasi zu keiner Zeit unbeobachtet gehen. Überall, ob in der Umgebung unserer Wohnung oder am Arbeitsplatz blieb ich stets im Visier der Stasi. Einer unserer Nachbarn. Werner Herfurth, kam eines Abends zu uns und offenbarte uns, dass er uns „beobachten und alles melden muss“. Er sagte, dass wir uns doch „bitte darauf einstellen“ sollten. Wenn wir heute zurückblicken. können wir sagen, dass wir durch ihn keinen spürbaren Schaden erlitten haben. Dasselbe kann ich auch über die „Beobachtungstätigkeit“ meines langjährigen Arbeitskollegen Herbert Schönfelder sagen, der an unserer Arbeitsstelle über viele Jahre von Informationen über mich und andere Arbeitskollegen jeden Montag früh um 8.00 Uhr in einem besonderen Raum von der Polizei bzw. der Stasi „abgeschöpft“ wurde. Unser sehr gutes kollegiales Verhältnis führte dazu, dass er mich oft über bestimmte Gefahren, die auf mich

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3 Freie Deutsche Jugend, die Jugendorganisation der Staatspartei SF.D.
4 Gesellschaft für Sport und Technik, eine Organisation zur vormilitärischen Ausbildung.
5 Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.