lauerten, informierte und einmal hat er mich sogar vor einem geplanten Zugriff der Volkspolizei gewarnt und diesen dadurch verhindert.

Als ich im Jahre 1960 Erna Reinshagen heiratete, hatte ich eine treue Partnerin an meiner Seite. Sie war mir stets eine große Hilfe und unterstützte mich, wo sie nur konnte. Persönlich konnten wir verspüren, dass sich nach dem Bau der Berliner Mauer zwar die Methoden der Stasi geändert hatten, jedoch nicht ihre Ziele, die darin bestanden, die Organisation der Zeugen Jehovas zu zersetzen und zu zerschlagen. Dazu war der Stasi jedes Mittel recht. So erhielt ich in jener Zeit regelmäßig mit der Post Briefe von Willy Müller6 aus Gera. Nachdem ich festgestellt hatte, welchem Zweck diese Briefe und auch die uns später zugesandten „CV-Zeitschriften“7 dienten, wurde entweder von uns gegenüber der Post die Annahme dieser Sendungen verweigert, oder die Briefe wurden nach Erhalt ungelesen vernichtet. Weder bei mir und meiner Familie noch in unserem Freundeskreis konnte die Stasi mit dieser Methode ihr Ziel erreichen.

Eine besondere Konfrontation mit der Stasi erlebten wir nach der Geburt unseres Sohnes Michael. Im Krankenhaus Rochlitz wurde bei ihm eine Neugeborenengelbsucht festgestellt. Als einzige Therapie hatte der dort tätige Kinderarzt einen Blutaustausch angeordnet, wozu Michael in das Krankenhaus Rabenstein bei Chemnitz verlegt wurde. Da wir einem solchen Blutaustausch aus Gewissensgründen nicht zustimmen konnten, baten wir um alternative Behandlungsmethoden, die uns von diesem Arzt verweigert wurden. In einem Gespräch mit ihm stellte er mir gegenüber heraus, dass er als katholischer Christ unseren Standpunkt nicht verstehen kann und er „schon die notwendigen Schritte für das Wohl des Kindes“ eingeleitet hätte. Diese „Schritte“ bestanden außer der Verlegung in das Rabensteiner Krankenhaus auch darin, über den Rat des Kreises Geithain und das Kreisgericht Geithain einen Sorgerechtsentzug zu erwirken.

Es gab zu jener Zeit jedoch auch Ärzte, die für unseren biblisch fundamentierten Standpunkt in der Blutfrage Verständnis zeigten und uns unterstützten. Dazu gehörte ein Gynäkologe aus Rochlitz, der bei der Verlegung unseres Sohnes in das Rabensteiner Krankenhaus eine Mitteilung beigefügt hatte, dass wir als Zeugen Jehovas eine Therapie unter Verwendung von Fremdblut aus Gewissensgründen ablehnten. Diese Mitteilung war für die Rabensteiner Oberärztin

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6 Willy Müller war von 1959 bis 1970 inoffizieller Mitarbeiter der Stasi unter dem Decknamen „IM Rolf“.
7 Die Zeitschrift „CV - Christliche Verantwortung“ wurde ab November 1965 unter dem Namen von Willy Müller unter direkter Anleitung und Regie von Offizieren der Stasi herausgegeben. Mitarbeiter waren u.a. die IM „Wilhelm" alias Dieter Pape, „Kurt Berg“ alias Manfred Gebhard und „Stromer“ alias Erich Kohlheim.