Gabriele Yonan (Hrsg.): Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000.
[Abschrift eines Dokuments, Seite 185-190]

Der Bericht über eine kirchliche Tagung zur Information über Jehovas Zeugen, der vom damaligen Vorsitzenden der „Christlichen Verantwortung“ (CV), Willy Müller, aufgezeichnet und an seinen Führungs-Offizier übergeben wurde, gibt brisante Details dieser Tagung wieder. Recht schnell wurden Vorbehalte vom Auditorium gegen den Referenten, Manfred Gebhard, laut. Die anwesenden Pfarrer erkannten, dass hier nicht lediglich eine Privatperson zum Auditorium sprach, sondern jemand der im Auftrag einer staatlichen Instanz argumentierte. Das hielt die Mitarbeiter der evangelischen Kirche und ebenso den Vorsitzenden der "Sektenkundlichen Mitteilungen", Dr. Reinhold Pietz, aber nicht davon zurück CV als Informationsquelle zu nutzen und die darin enthaltenen „Informationen“ zu verbreiten. Ebenso wurde die angeblich von Manfred Gebhard erstellte „Dokumentation“, die ein Jahr nach dieser Tagung über Jehovas Zeugen erschien, auch in kirchlichen Kreisen intensiv genutzt.

Manfred Gebhard gilt in manchen Kreisen immer noch als Zeugen Jehovas Experte, der, obwohl von Beruf Fliesenleger, sogar auf medizinischen Informationsseiten mit seinen Ansichten vertreten ist. So beispielsweise auf der Informationsseite der "Transfusionspraxis", die Ihre Mitgliedschaft beim Berufsverband Deutscher Transfusionsmediziner (BDT e.V.) und Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin & Immunhämatologie angibt. Es ist unbegreiflich, wie selbst westdeutsche Mediziner die "Forschungen" des früheren MfS-Schergen Gebhard öffentlich verbreiten. Unter "Jehovas Zeugen und Transfusionen: verschiedene Beiträge" werden zwei Veröffentlichungen auf die Webseite gestellt: http://www.transfusionspraxis.eu/node/16

Welche Interessen mögen wohl dahinter stecken, wenn selbst heutzutage, Mediziner wie beispielsweise der im Impressum der Transfusionspraxis genannte Dr. Petershofen, auf Manfred Gebhards "Wissen" über Blutverweigerung verweisen müssen? Soll da etwa Stimmung gemacht werden? Egal mit welchem Verbündeten?


Dok. 81 Tonbandabschrift, erhalten: Teichmann – BStU, vertrauliche Dienstsache, Reg.-Nr. Gera 3375/60, Archiv-Nr. 269/70, Bd. VIII

14.4.1969

Am 25.3.1969 bekam ich einen Brief aus Potsdam von den Sektenkundlichen Mitteilungen in der DDR, daß dort eine Tagung stattfindet vom 10. bis 13. April 1969. In diesem Brief war die Einladung und gleichzeitig das Programm für diese Tagung enthalten. Bei Durchsicht des Programms stelle ich am Schluß fest, daß dort stand, daß ein Vortrag gehalten wird von Manfred Gebhard, Berlin, als Herausgeber der "Christlichen Verantwortung". Dies schlug bei mir wie eine Bombe ein, denn mir war nichts davon bekannt, daß Manfred Gebhard Herausgeber der "Christlichen Verantwortung" sei. Ich habe sofort die Zentralstelle Potsdam angerufen, bekam auch schnell Verbindung und teilte ihnen mit, daß hier ein Irrtum unterlaufen sein muß, oder wie es möglich sei, daß in dem Programm Manfred Gebhard als Herausgeber der "Christlichen Verantwortung" eingesetzt worden ist. Die Sekretärin war am Telefon, und sie teilte mit, daß diese Mitteilung ihr sehr peinlich sei, denn sie habe wohl das Programm geschrieben, aber diese Unterlagen hätte sie von dem Leiter, Herrn Dr. [...] erhalten, und da hätte es so drin gestanden, daß Manfred Gebhard der Herausgeber sei. Es gibt jetzt nur noch eine Möglichkeit, da alle Programme verschickt sind und nicht mehr abgeändert werden können, daß bei der Begrüßungsansprache dann am 10. April 1969 diese Sache richtiggestellt werden müßte.

Nach dieser Mitteilung aus Potsdam habe ich dann am 25.3. noch einen Brief geschrieben nach Berlin an Herrn Dr. [...] und darauf bekam ich bereits am 27.3.1969 eine Antwort mit folgender Mitteilung:

"Sehr geehrter, lieber Herr Müller!

Haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihren Brief vom 25. März. Schon ehe er gestern eintraf, hatte ich die Absicht, Sie anzuschreiben, weil ich von Frau [...]/Potsdam fernmündlich davon in Kenntnis gesetzt wurde, daß Sie nicht unerheblichen Anstoß an der Bezeichnung von Herrn Gebhard als Herausgeber der "Christlichen Verantwortung" genommen haben, die sich versehentlich in das Tagungsprogramm unserer Sektenkundlichen Informationstagung eingeschlichen hat.

In der Tat: Das ist ein arges Mißgeschick. Mir fiel das Versehen natürlich sofort auf, als mir unser Hauptgeschäftsführer, Herr [...], die vervielfältigte Einladung zuschickte. Aber da war es eben schon zu spät! Herr [...] war von mir auf Herrn Gebhard aufmerksam gemacht worden und hatte mit ihm auch inzwischen schon einen Briefwechsel, kennt ihn aber bis zum Augenblick nicht persönlich. Ich meinerseits habe Herrn Gebhard nie als Herausgeber der "Christlichen Verantwortung" bezeichnet, sondern wußte um seine nur gelegentliche Mitarbeit. Die Erklärung besteht vermutlich in folgendem: Herr Gebhard benutzt einen Stempel "Christliche Verantwortung" 1054 Berlin, Schließfach 38". Durch diesen Stempel – das werden Sie zugeben – kann bei einem nicht Orientierten sehr schnell der Eindruck entstehen, man habe in Herrn Gebhard den Herausgeber der Zeitschrift vor sich.

Im übrigen darf ich Ihnen aber sagen, daß Herr Gebhard selber erschrocken war, als er die Einladung mit dieser irrtümlichen Bezeichnung zugesandt bekam. Er schrieb mir unter dem Datum des 16.2 wörtlich: "Der offizielle Herausgeber ist und bleibt Herr Willy Müller in Gera, der, schon bevor die erste gedruckte Ausgabe von ‚Christlicher Verantwortung‘ erschien, zehn Jahre lang einen Aufklärungsbriefversand durchführte ... Auch bitte ich, daß Sie meine Annahme Ihrer Einladung im wesentlichen als persönliche Entscheidung auffassen."

So denke ich, lieber Herr Müller, daß die Angelegenheit aus der Welt geschafft ist und auf keiner Seite ein ungutes Gefühl hinterlassen muß. Das Versehen von Herrn [...] ist erklärlich und beruht nicht auf einer böswilligen Fehlinformation.

Daß die kommende Tagung uns unter Umständen die Möglichkeit einer persönlichen Begegnung eröffnen wird, freut mich sehr. Bis zu diesem erhofften Kennenlernen bin ich wieder mit freundschaftlichen Grüßen Ihr gez. [...]"

Beiliegend eine Abschrift der Einladung und des Programms, welches die Überschrift hat "Die besseren Christen". Ich möchte hier gleich sagen, daß im Laufe der Tagung gesagt wurde, daß es weder in ihren Reihen noch in anderen Reihen bessere Christen gäbe, sondern die müßten sich erst herausbilden.

Ich bin natürlich auf Grund der vorhergegangenen Vorgänge nach Potsdam gefahren, um dort die Sache zu beobachten und mit den Herren dort persönlich zu sprechen. Die Aufnahme war dort sehr freundlich. Es bekam jeder ein schönes Bett zur Verfügung, und zwar im Bibelhaus selbst, wo auch die Tagung stattfand. Die Verpflegung war auch sehr gut und reichlich. Bei der Eröffnung am Donnerstag ist in der Begrüßungsansprache leider der betreffende Referent, der diese Tagung leiten sollte, nicht anwesend gewesen, da er plötzlich ins Krankenhaus mußte wegen einer Magenoperation, und es war ein Vertreter da, ein Pfarrer im Ruhegehalt, mit Namen [...], der dann diese Tagung leitete, natürlich von diesen Vorgängen, die ich mit Herrn [...] und den anderen besprochen hatte, nichts wußte, so daß eine Richtigstellung des Programms hier nicht stattgefunden hat, was auch nicht groß von Bedeutung war, da an diesem Tage nur eine allgemeine Aussprache stattgefunden hat.

Am Freitag war dann Herr [...] anwesend, und ich habe mir früh gleich Herrn [...] vorgenommen und mit ihm eine Besprechung geführt, und wir kamen dann zu dem Ergebnis, daß der Fehler daran liegt, daß dieser Stempel in Berlin geführt wird, woraus ohne weiteres die Annahme bestehen könnte, daß Gebhard der Leiter von "Christliche Verantwortung" ist, und er gab mir den guten Rat, was ich natürlich auch angenommen habe und begrüße, daß der Stempel entweder abgeschafft oder abgeändert werden muß, damit man nicht den Eindruck bekommt, daß Gebhard der Verantwortliche ist für "Christliche Verantwortung". Ich denke, daß hier eine Lösung getroffen werden muß von uns aus, damit weitere Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten vermieden werden, denn was ich dann im weiteren, gerade was "Christliche Verantwortung" betrifft, erleben mußte, war mir sehr peinlich, und ich habe viele Schwierigkeiten gehabt, um das alles wieder in das richtige Gleis zu bringen, besonders dann am letzten Tag, am Sonntagvormittag. Ich will auf die anderen Vorträge nicht weiter eingehen, sondern nur auf das, was die Zeugen Jehovas betrifft. Am Sonnabend hielt Herr Dr. [Pietz] einen allgemeinen Vortrag über die Zeugen. Er bat mich vorher, daß ich am Schluß seiner Ausführungen Richtigstellungen, Ergänzungen usw. doch gleich bei der ersten Wortmeldung vornehmen möchte, damit dieses gleich von Anfang an einen richtigen Lauf nimmt. Die Ausführungen von Herrn Dr. [Pietz] waren aber sehr wenig zu ergänzen. Es wurden nur 6 Fragen aufgeworfen am Schluß seines Vortrages, und auf diese Fragen habe ich dann geantwortet. Die weitere Diskussion ergab, daß man mit den Ausführungen danach zufrieden war und auch das richtige Verständnis gefunden hatte. Es wurde bei dem Programm eine Verlegung vorgenommen aus dienstlichen Gründen, denn es waren da einige Pfarrer dabei, die hatten am anderen Tag dienstliche Verpflichtungen, und deswegen wurde der Vortrag von Herrn Pietz etwas später gelegt, als er eigentlich vorgesehen war, und es folgte dann anschließend an diesen Vortrag der Vortrag von Manfred Gebhard. Manfred Gebhard traf mittags ein in Potsdam, und es ist doch dann üblich, daß in christlichen Kreisen beim Mittagessen ein Gebet gesprochen wird, so auch hier. Die ganzen Teilnehmer standen dann am Tisch mit gefalteten Händen und etwas gebeugten Hauptes, wie es eben erforderlich ist. Hier war schon das erste, was für sich peinlich war und auch für das Weitere sehr hinderlich war, d. h. man den Eindruck in eine Sphäre brachte, die nicht angebracht war, und zwar war es das Verhalten beim Gebet von Manfred Gebhard. Die ganze Teilnehmerschaft stand mit gefalteten Händen. Manfred Gebhard machte als Gast dieser Gemeinschaft eine ganz schlechte Ausnahme, indem er sich hinstellte mit den Händen auf dem Rücken, dem Gesicht nach oben und überhaupt vollkommen teilnahmslos an diesem Gebet, was nicht lang war, etwa von einer Minute. Daran nahmen die Pfarrer, welche in seiner Nähe waren, Anstoß. Als das Mittagessen vorbei war, ist einer von den Pfarrern, der ihm gegenüber saß, herangegangen und hat ihn zur Rechenschaft gezogen, insofern, daß es kein Benehmen eines Gastes ist, innerhalb einer christlichen Versammlung sich beim Gebet so zu benehmen, daß man die Hände auf dem Rücken hält und das Haupt nach oben hebt. Es bezeugt dies, daß man hier vollkommen teilnahmslos ist an dieser Sache, was in ihren Kreisen als ernst aufgefaßt wird, dieses Gebet, und man es hier durch dieses Verhalten und Benehmen in einen Mißkredit bringt, was natürlich Anstoß erregt.

Ich habe diese Unterredung nicht gehört, aber der betreffende Pfarrer ist dann auch zu mir gekommen und sagte mir, Herr Müller, haben Sie lauter solche Mitarbeiter in Ihren Kreisen, die sich innerhalb einer christlichen Gemeinschaft so benehmen? Ich frug ihn, wieso, ich wußte nicht, um was es sich handelt, denn ich hatte diesen Vorgang von mir aus nicht beobachtet, da ich ja nicht angenommen habe, daß so etwas passieren konnte, denn ich war ja auch nicht dort, um Manfred Gebhard zu beobachten, sondern, in diese ganze Sache einen Einblick zu erhalten. Er sagte mir, wie er dort gestanden hat usw., und ich sagte ihm dann, daß mir das sehr peinlich ist und ich das nicht erwartet hätte, sonst hätte ich ihn schon vorher darauf aufmerksam gemacht, wie er sich zu verhalten hat. Ich habe aber vorausgesetzt, daß er das wohl wissen müßte, wenn er jahrelang den Zeugen angehört hat, so müßte er das von sich aus wissen, wie er sich hier zu verhalten hat. Besonders noch vor einem solchen Auditorium, die ja alle gebildete Leute sind und eine gewisse Schulung hinter sich haben und man mit solchem Benehmen natürlich sehr viel Anstoß erregen kann, was mir leider sehr peinlich war, und dieses hier nun zu verwischen, ist nicht so einfach. Dieses war nun von Anfang an gleich eine Pleite für das Kommende.

Als es soweit war, daß er mit seinem Vortrag beginnen sollte, stellte der Leiter an ihn die Frage, wie lange er sprechen wollte. Ich betone, daß ich dieses nicht gehört habe, sondern mir es erst am Sonntag mitgeteilt wurde. Da antwortete Manfred Gebhard, daß sein Vortrag zwei Stunden dauert. Darauf hat ihm der Leiter erwidert, nun, das ist doch nicht möglich. Unsere ganzen Redner, die haben hier eine ¾ Stunde gesprochen und ¼ Stunde dann Diskussion gehabt. Sie wollen zwei Stunden reden, das ist unmöglich, zumal wir ja schon ziemlich vorangeschritten sind in der Zeit, und ich möchte Sie bitten, Ihren Vortrag zu kürzen. Darauf hat Manfred Gebhard geantwortet, daß das nicht möglich sei, er müsse diesen Vortrag so halten, wie er niedergeschrieben ist. Darauf hat der Leiter gesagt, nun, wenn das solange dauert und Sie das nicht ändern können, so kann ich Ihnen jetzt schon von vornherein sagen, daß dieser Vortrag keinen Erfolg haben wird, denn das Interesse wird dann mit der Länge dieses Vortrages natürlich erlahmen. Ich weiß nicht, über was Sie sprechen wollen, aber es ist kaum möglich, daß Sie dann noch eine aufmerksame Zuhörerschaft finden. Daraufhin hat Gebhard gesagt, vielleicht kann ich etwas herausnehmen, aber ich weiß noch nicht was. Der Leiter sagte, sehen Sie mal zu, daß Sie in 1½ Stunden fertig sind. Ich denke, da habe ich Ihnen schon eine ganz große Vergünstigung eingeräumt. Gebhard sagte, ja, wir wollen mal sehen. Das war natürlich auch wieder nicht schön, denn der Leiter hat das alles am Sonntag dann in meinem Beisein und mit anderen Pfarrern, die dort irgendwelche führenden Stellungen bekleideten, durchgesprochen und erwähnt. Ich wurde dann gebeten, dazu Stellung zu nehmen. Nun möchte ich auf seinen Vortrag zurückkommen. Er bat den Leiter, daß er bei seinem Vortrag sitzen könne. Alle Redner, die während der Tagung gesprochen haben, standen während ihres Vortrages. Der Leiter hat ihm aber erlaubt, daß er sich setzen könne. Es waren bei ihm keine Gründe vorhanden, die das bedingten, Krankheit usw. Warum er sitzen wollte, weiß ich nicht, vielleicht, um seinen Vortrag besser abzulesen, denn er hat kaum sein Gesicht erhoben, sonst hätte er ja den Faden verloren. Es war nicht schön und hat natürlich keinen guten Eindruck hinterlassen. Während des Vortrages trat nun folgendes zutage: Bei allen anderen Vorträgen wurden von den Teilnehmern eifrig Notizen gemacht. Ein jeder hatte einen Block vor sich liegen und schrieb sich wichtige Punkte auf. Bei Manfred Gebhard hat kaum einer geschrieben. Das war schon schlecht. Je weiter der Vortrag voranschritt, je [desto] geringer wurde die Teilnahme. Man sah den einzelnen an, wie sie sich langweilten, sie gähnten, sie lachten, sie schüttelten mit dem Kopf. Es zeigte sich, daß man sich diesen Vortrag irgendwelches Interesse anhörte, sich das Ende herbeisehnte, was aber nicht kam, sondern immer neue Blätter wurden herausgenommen, und das ging immer weiter. Einzelne nickten mir zu, daß ich etwas unternehmen sollte, um diese Sache abzubrechen, was natürlich nicht möglich war. Die Situation, die hier zutage trat, war wieder sehr peinlich, besonders auch wieder für mich. Als der Vortrag beendet war, taten alle tief aufatmen, das war das Zeichen, daß sie alle froh waren, daß es vorbei war, und in taktvoller Weise gab man einen schwachen Beifall. Bei der Diskussion war es so, daß sich nur ein einzelner meldete. Ich habe dann noch einige Punkte angeschnitten, einige Fragen gestellt, aber auch nur kurz, da die Zeit schon sehr fortgeschritten war und gar kein Interesse dafür vorhanden war. Die Tagung wurde dann geschlossen. Manfred Gebhard ist dann mit dem Leiter, Herrn Dr. [Pietz] zum Bahnhof mit dem Auto gefahren. Wir hatten keine Gelegenheit, uns noch darüber zu unterhalten.

Als wir nach dem Abendgebet dann noch ein bißchen beisammen saßen, da hieß es schon, also Herr Müller, morgen haben Sie einen schweren Tag, Sie müssen uns über vieles Rede und Antwort geben. Ich hatte das schon so erwartet, und so kam es auch, daß am nächsten Tag früh die Pfarrer schon dastanden, d. h. nicht alle, es kamen auch noch später welche, und wir uns an eine Tischrunde setzten, und dann gingen die Fragen los über diesen Vortrag. Es ist hier besonders aufgefallen, daß das Thema, der Vortrag lautete "Ist die Wachtturmgesellschaft eine Neue-Welt-Gesellschaft?", überhaupt nicht zur Aussprache gekommen ist, sondern ganz andere Dinge unterbreitet worden sind, die nur ganz nebensächlich zum Thema Bezug hatten. Die weiteren Fragen dazu waren nun folgende: Was ist Ihre Meinung, wir haben das Empfinden, daß dieser Vortrag nicht das Produkt von Manfred Gebhard ist. Es müssen hier andere dahinter stehen, welche diesen Vortrag ihm ausgearbeitet haben, den Eindruck haben wir alle. Ich habe geantwortet, das weiß ich nicht, der Manfred Gebhard hat mir darüber nichts gesagt. Ich kannte das Thema nicht eher, als bis ich das Programm bekommen habe, und mit mir ist darüber nicht gesprochen worden. Ich kann also darüber keine Auskunft geben. Ein anderer sagte dann, wenn ich mir den Vortrag so richtig durchdenke und überlege, so kann ich bald sagen, daß das von einem Funktionär gesprochen worden ist, der hier irgendwie eine Neuerung in Religionsdingen einführen wollte, denn mit den Anführungen von Legenden usw. der modernen Religion als solche, die teils gut, teils schlecht ist, kann man doch nicht hier so einen Vortrag halten. Denn es ist doch so, wir sind doch nun in dieser Beziehung auch unterrichtet über neue Religion, oder was da irgendwie vorgeht, und wenn man hier von einem jungen Menschen solche Dinge vorgehalten bekommt, so ist das doch nicht taktvoll gehandelt.

Bei dieser Aussprache sind dann noch so einige andere Punkte mit zutage getreten, welche nicht besonders wesentlich sind. Ich war manchmal in sehr schwierigen Situationen, daß ich kaum wußte, was ich den Leuten nun antworten sollte. Ich sagte dann am Schluß, meine Herren, wir müssen das der Jugend von Gebhard zugute halten, denn er hat ja nicht soviel Erfahrung, er wird auch noch nicht vor so einem Gremium gesprochen haben, so daß er vielleicht dieses oder jenes nicht weiß, wie man sich hier zu verhalten hat. Ich bedaure besonders, daß er Sie als Theologen sozusagen beleidigt hat, indem er Ihnen vorwarf, daß Sie als Theologen auf der Tradition stehengeblieben sind. Ich möchte bitten, daß Sie dieses nicht so ernst nehmen. Darauf gab man mir zur Antwort, Herr Müller, darüber lachen wir nur, denn was kann uns so ein junger Mann schon vorhalten und erzählen. Machen Sie sich darüber keine Gedanken, darüber gehen wir lächelnd hinweg. Am Ende dieser Aussprache gaben sie mir dann die Hand und sagten, Herr Müller, wir sehen ein, Sie haben keine Schuld daran, und wir werden weiter miteinander arbeiten, soweit es möglich ist, und wir freuen uns, daß Sie hier gewesen sind usw. Das war dann der Abschluß dieser Unterredung.

Ich möchte jetzt ganz dringend bitten, wenn solche Dinge wieder eintreten sollten, daß ich dann vorher mit diesem Vortrag oder von Dingen, die zutage treten, in Kenntnis gesetzt werde, damit ich mein Verhalten danach einstellen kann bzw. von Anfang an schon Verbesserungen durchführen kann, denn es ist peinlich für mich als Verantwortlichem der "Christlichen Verantwortung", in eine solche Situation gebracht zu werden. Deshalb freue ich mich, daß ich doch hingefahren bin und die Sache wieder ins rechte Gleis bringen konnte. Wäre das nicht gewesen, so wäre ein ganz schlechter Eindruck von CV entstanden und vielleicht kaum wieder gutzumachen gewesen. So konnte ich das gleich zur rechten Zeit noch tun.

Aus all diesen Vorkommnissen sollten wir lernen. Es ist äußerst schlecht, wenn man bei solchen Tagungen dann nach 10-jähriger Arbeit sieht, wie das in einer Zeit von 1½ Stunden alles vernichtet werden kann. Das sollte allen zu denken geben. Man will doch nicht, wenn nun ein 10-jähriges Werk soweit gediehen ist, was heute schon führende Kreise der Kirche anerkennen und hier eine gewisse Wertschätzung zeigen, daß man dieses dann mit solchen Dingen zerstört. Ich muß mich da ganz entschieden verwehren, daß solche Dinge ohne mein Wissen aufgebaut werden.

Es muß, wenn wir schon eine gedeihliche Zusammenarbeit durchführen wollen, doch alles über mich laufen, sonst kommen wir dorthin, daß ich am Ende überhaupt nicht mehr weiß, wo soll ich meine Kräfte oder mein Wissen einsetzen. Ich tappe dann doch vollkommen im Dunkeln. Wenn ich nun nicht dort gewesen wäre, hätte ich ja gar nicht gewußt, um was es sich handelt, wenn mich mal einer angeschrieben hätte. Auch bei dem Stempel muß irgendwie etwas gemacht werden, daß diese Mißverständnisse nicht mehr aufkommen können, sondern es muß klipp und klar gezeigt werden, alle Dinge, die von irgendwelcher Bedeutung sind, müssen über Gera laufen.