Landgerichtsdirektor Karl Heckler,„Äusserung des Herrn Vorsitzenden des Sondergerichts Darmstadt über `die Internationale Bibelforschervereinigung´“ vom 26. Februar 1937, Staatsarchiv Darmstadt, Abteilung G 24, 1345, S. 1-22.

Vorwort zum unten angeführten 22seitigen Dokument:

Fazit des Landgerichtsdirektors Heckler: „Bei dieser Hartnäckigkeit der Anschauungen kann es für den Staat nur das eine Mittel geben, die Schädlinge solange, als es geht, festzusetzen und während dieser Zeit unschädlich zu machen.“ (S. 22)

Es fällt zunächst auf, dass die Zahl der „Anhänger“ der Zeugen Jehovas in dieser Expertise stark übertrieben wird. Heckler zitiert aus einem Bibelforscherprozess vor dem Sondergericht in Dresden vom 28. Mai 1934 in dem von etwa 50.000 bis 100.000 getauften Bibelforschern (frühere Bezeichnung für Zeugen Jehovas) und von insgegsamt „1.2 Millionen Anhängern“ in Deutschland ausgegangen wird und es angeblich 6.000 bis 7.000 Ortsgruppen der Zeugen Jehovas gäbe. (S 1 f.) In Wirklichkeit kann 1933 von ca. 25.000 Zeugen Jehovas inklusive der nicht getauften Sympathisanten gesprochen werden. Somit eine doch wesentlich kleinere Anzahl.

Beeindruckend dagegen war die tatsächlich abgegebene Literatur dieser wenigen Aktiven in Deutschland in einem Jahr. Heckler nennt 5.600.435 Bücher und Broschüren (Im Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1934 werden aufgezählt: 490.333 Bücher und 4.661.583 Broschüren. Insgesamt sollen zwischen 1919 und April 1933 48.000.000 Bücher und Broschüren in Deutschland verteilt worden sein.). An Abonnenten der Zeitschrift „Goldenes Zeitalter“ (heute als „Der Wachtturm“ bekannt ) nennt Heckler 420.000. Das ist eine sehr hohe Zahl an Abonnenten, wird allerdings in den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas nicht bestätigt.

Die internationale Ausrichtung der Zeugen Jehovas wurde mit großem Misstrauen betrachtet. Die „Reklame“ die von Jehovas Zeugen durchgeführt würde, die „Verbindung von Religion und Reklame“ sei „in großzügigster Weise echt amerikanisch“ und, schreibt Heckler,  „für ein deutsches Gefühl geradezu ekelhaft“. ( S. 2)

Heckler zitiert auch aus einem theologischen Nachschlagewerk der evangelischen Theologen Hermann Gunkel und Leopold Zscharnack1, in der die Zeugen Jehovas „als kapitalistisch organisiert“ beurteilt werden. Es bestehe zudem „die hohe Wahrscheinlichkeit, daß an dem amerikanischen Grundkapital Juden beteiligt sind“.2 Und das wiederum hätte zur Folge, dass deutsche Spendengelder „in das Ausland zur Aufrechterhaltung einer ausländischen Organisation, an der vielleicht in Amerika Juden beteiligt sind“ abfließen würden. (S. 3)

Das war für Heckler durchaus überzeugend, da schon der erste Präsident der Wachtturm-Gesellschaft (WTG ), Russel, und auch der gegenwärtige Präsident, Rutherford, als „uneigennützige Freunde der Juden“ bekannt seien. Die „Judenfreundlichkeit“ der Zeugen Jehovas könnte noch in „unzähligen“ Stellen in den Publikationen der Zeugen Jehovas belegt werden. ( S. 5)

Oberstleutnant a. D. Ulrich Fleischhauer, völkisch-nationaler Herausgeber des antisemitischen „Welt-Dienstes, wird gegen Zeugen Jehovas ins Feld geführt. Fleischhauer hatte in einem 400seitigen Gutachten, die Richtigkeit der „Protokolle der Weisen von Zion“ beweisen wollen. Eine Veröffentlichung, die durch den russischen Geheimdienst gefälscht wurde, um die Juden einer Weltverschwörung zu bezichtigen.3 (S. 5 f.)

Ein weiterer kirchlicher Experte kommt zu Wort. Der frühere Prälat der Hessischen Landeskirche, Dr. Dr. Diehl, führt in einem Gutachten an die Gestapo Darmstadt die „Judenfreundlichkeit“ der Zeugen Jehovas an.4 (S. 6)

Überhaupt sei auch die gesamte Lehre der Zeugen Jehovas jüdisch und es bestehe kein Zweifel darüber, dass Zeugen Jehovas „Vorkämpfer für das Judentum sind“. (S. 6)

Ähnlich konstruiert wird die Verbindung der Zeugen Jehovas zum Kommunismus. Obwohl, nach den Worten Hecklers, in der Literatur der Zeugen Jehovas der Kommunismus verworfen wird, berührten sich diese Anschauungen in vielen Punkten. Es könne somit gesagt werden, dass die Zeugen Jehovas „als Wegbereiter des Kommunismus“ dienen. ( S. 6)

Es werden zahlreiche Zitate aus den Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft (WTG), ohne den Kontext und den Gesamtzusammenhang zu beachten, angeführt und als Belege für die Expertise zusammengestellt.

Recht muss man Heckler allerdings in der folgenden Feststellung geben: „Die Bibelforscher sind […] grundsätzlich jeder starken nationalen Regierung, wie sie im Faschismus und Nationalsozialismus sich darstellt, abgeneigt.“ (S. 8)

Dass in den Publikationen der Zeugen Jehovas auch über den spanischen Bürgerkrieg geschrieben wird und die katholische „korrupte, absolutistische Kirche“ als Kriegstreiber genannt wird, ist für Heckler nicht begreiflich, der den spanischen Bürgerkrieg als einen „Befreiungskampf des nationalen Spaniens gegen den Bolschewismus“ sieht.5 Zeugen Jehovas würden ebenso in „unglaublicher Weise gegen Mussolini“ vorgehen und „die schauerlichsten Geschichten von Folterungen“ berichten.6 Das seien alles bloß Lügen und Propaganda. (S. 8)

Jehovas Zeugen würden den Führer selbst, Adolf Hitler, als „unter der Aufsicht des Teufels“ beschreiben und ihn als seinen Vertreter auf Erden bezeichnen. (S. 9) Sogar als "Gangster" habe man Hitler bezeichnet. (S. 10)

Sie würden eine Gräuelpropaganda gegen das Dritte Reich betreiben, die international ausgelegt ist und unerträglich sei. All die von Jehovas Zeugen berichteten  Misshandlungen, Erschießungen und Gefängnis- und Konzentrationslager-Strafen seien eine Lüge und dienten dazu das Deutsche Reich im Ausland zu diffamieren und zu denunzieren. S. 11 ff.)

Auch für das „ Freimaurerwesen“ würden Zeugen Jehovas eintreten. (S. 14) Und ihre Lehren ähneln denen der Wiedertäufer, die auch die Erwachsenentaufe praktizierten. „Dass die geschichtlichen Wiedertäufer stark kommunistische Tendenzen hatten, ist aus der Geschichte hinreichend bekannt.“ (S. 16) Eine kommunistische Verbindung wollte Heckler somit auch durch Ähnlichkeiten konstruieren und beweisen.

Nationalsozialismus und Zeugen Jehovas stünden diametral gegenüber. Heckler schreibt: „Der Nationalsozialismus verlangt den vollständigen Einsatz der ganzen Persönlichkeit jedes Volksgenossen für Volk und Staat. Genau im Gegensatz hierzu verlangt die Lehre der Ernsten Bibelforscher eine vollständige Zurückhaltung von staatlicher Tätigkeit.“ (S. 16)

Ein weiterer Gegensatz sei: „Der nationalsozialistische Staat beruht auf dem Gedanken der Blutsverbundenheit des Volkes. Die ernsten Bibelforscher kennen eine derartige Blutsverbundenheit nicht.“ Ein Zeuge Jehovas vor Gericht wird mit den Worten zitiert: „Unser Vaterland ist die ganze Welt. Ich bin nur zufällig als Deutscher geboren …“. Aus einer Publikation der Zeugen Jehovas wird zitiert: „Auf der Erde befinden sich zahlreiche Nationen, kleine und grosse, alle Menschen sind aus einem Blut gemacht. Die Regierungen der verschiedenen Nationen schaffen eine eingebildete Linie, die Landesgrenze.“ 7 (S. 19) Dass Jehovas Zeugen sich als Weltbürger sehen und nicht national orientiert sind, konnte Heckler offenbar nicht in sein nationales Weltbild einordnen. Es war ihm, dem Arier, der sich als den besseren Menschen sah, völlig fremd.

Ebenso ist ihm die Verweigerung des Kriegsdienstes durch Zeugen Jehovas völlig unbegreiflich. „Sämtliche Bibelforscher, […] bis auf einzelne Ausnahmen, die als Mitläufer anzusehen sind, verweigern den Kriegsdienst.“ (S. 18) Sogar ein Flugblatt gegen die Kirchen mit den Titel „Anklage gegen die Geistlichkeit“ sei verbreitet worden, in dem „die Pfarrer, zum Teil unter Namensnennung, auf´s heftigste angegriffen“ wurden, sie hätten „die Truppen im Weltkrieg eingesegnet“. ( S. 18) Diese Fakten ließen sich nicht leugnen, doch war das für Heckler die natürliche Art, die Religion mit dem Staat zu verbinden, sie zu Verbündeten zu machen, die sie seit Jahrhunderten auch waren.

Weiter stellt er fest, dass in einem Bulletin der WTG vom 15. März 1934 ausdrücklich über den Missionsdienst gesagt würde, dass der Missionsdienst durchgeführt werden müsse. Man dürfe damit nicht aufhören, auch wenn der Staat dies verlange. Jehovas Zeugen können sich von keinem Staat vorschreiben lassen, mit dem Werk Gottes aufzuhören. Der Staat müsse das respektieren.

All dies könne nur die folgende Konsequenz ergeben: „Bei dieser Hartnäckigkeit der Anschauungen kann es für den Staat nur das eine Mittel geben, die Schädlinge solange, als es geht, festzusetzen und während dieser Zeit unschädlich zu machen.“

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Hermann Gunkel und Leopold Zscharnack, Religion in Geschichte und Gegenwart, Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, 2. Auflage Tübingen 1929.
In der Expertise Hecklers wird der Vorname Gunkels fälschlicherweise mit Leopold wieder gegeben.
2 Dieser haltlose Vorwurf wurde in der nationalen und nationalsozialistischen Presse immer wieder erhoben. Deshalb sahen sich Jehovas Zeugen immer wieder veranlasst, auf diese Verleugnungen einzugehen. Im Jahrbuch 1934 heißt es diesbezüglich: „ Es ist von unseren Feinden fälschlich behauptet worden, daß wir in unserer Tätigkeit von den Juden finanziell unterstützt werden. Dies ist absolut unwahr, denn bis zur gegenwärtigen Stunde ist auch nicht das geringste an Beiträgen oder finanzieller Unterstützung für unser Werk von Juden geleistet worden. Wir sind treue Nachfolger Jesu Christi. Und glauben an ihn als den Heiland der Welt. Die Juden dagegen verwerfen Jesus Christus völlig und leugnen absolut, daß er der Welt Heiland ist, der von Gott zum Nutzen der Menschen gesandt wurde. Schon allein diese Tatsache sollte genügender Beweis dafür sein, daß wir von den Juden nicht unterstützt werden. Und daß die Anschuldigungen gegen uns in böser Absicht vorgebracht worden und falsch sind und nur von Satan, unserem großen Feinde, herrühren können.“ Jahrbuch Zeugen Jehovas 1934, S. 91f.
3 Zum Antisemiten Fleischhauer siehe Detlev Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium, Oldenbourg Verlag, München 1997, S. 275 f. "Für Fleischhauer waren die Zeugen Jehovas nichts anderes als eine Kampforganisation ´im Dienste Judas´, die sich lediglich äußerlich als christliche Gemeinschaft getarnt habe." ebd. S. 276.
4 Es ist nicht feststellbar, wann dieses von Heckler genannte Gutachten Diehls angefertigt wurde. Diehl wurde vom neu gewählten Landesbischof Dr. Dietrich aufgrund innerkirchlicher Querelen am 8. Februar 1934 auf Dauer beurlaubt. Da Heckler vom „früheren“ Prälaten Diehl spricht, wird das Gutachten nach seiner Beurlaubung im Auftrag der Gestapo Darmstadt erstellt worden sein.
5 In seinem Vorwort schreibt Karlheinz Deschner, dass „die katholische Kirche sämtliche faschistische Staaten von ihren Anfängen an systematisch unterstützt hat und somit entscheidend mitschuldig wurde am Tode von sechzig Millionen Menschen“. Karlheinz Deschner: Mit Gott und den Faschisten. Der Vatikan im Bunde mit Mussolini, Franco, Hitler und Pavelic, Ahrimann Verlag, Freiburg, 2012. Aussagekräftig schreibt Deschner: „Die spanische Kirche, auf deren Betreiben vor dem ersten Weltkrieg Tausende von Menschen in den Gefängnissen nach mittelalterlichen Methoden noch gefoltert und Hunderte erschossen wurden, hatte als Verbündete der Besitzenden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an Einfluss auf das Volk verloren. Um 1920 waren über zwei Drittel aller Spanier keine praktizierenden Katholiken mehr.“ Ebd. S. 35 f. Wie die katholische Kirche dabei vorging, um die Macht in Spanien wieder zu erlangen, wird in den Kapiteln eindrucksvoll beschrieben.
6 Ebd. S. 6 ff.: Beginn der Zusammenarbeit von Vatikan und Faschismus. „Und da Mussolini ohne vatikanische Hilfe sein Ziel kaum erreichen konnte, […] kollaborierte der Duce mit der Kurie“. Ebd. S. 9. Mussolini hob schon bald die Presse- und Versammlungsfreiheit auf. Er brachte als Dank für seine Unterstützung durch die Kirche die  „Kruzifixe in die Schulsäle zurück“ und führte den Religionsunterricht an den Schulen wieder ein, ließ die kirchlichen Prozessionen beschützen und gab die beschlagnahmten Kirchen und Klöster wieder frei. Durch die Lateranverträge zwischen dem faschistischen Italien und dem Vatikan im Jahre 1929 wurde der Katholizismus zur Staatsreligion. Antikirchliche Bücher, Zeitungen und Filme wurden verboten, Kritik und Beleidigung des Katholizismus wurden unter Strafe gestellt. Ebd. S. 13 ff.
7 Regierung, Internationale Bibelforscher-Vereinigung, Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, Magdeburg, 1928, S. 26 f.