Religiöse Sondergemeinschaften, hrsg. von der Forschungsstelle des Evangelischen Bundes in der DDR,Evangelisches Zentralarchiv Berlin, Ausgabe 16, April 1973, S. 15-17.

Vorwort zum Dokument über den Nachruf zu Willy Müller.

Am 8. Januar 1973 verstarb der erste offizielle Herausgeber der Zeitschrift „Christliche Verantwortung“ (CV), Willy Müller. Manfred Gebhard, ebenfalls ein Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wie Müller selbst, verfasste daraufhin einen Nachruf über Müller, der wortwörtlich in den von der Konfessionskundlichen Arbeits- und Forschungswerk der Evangelischen Kirchen in der DDR herausgegebenen „Religiöse Sondergemeinschaften“1 in der Ausgabe Nr. 16 abgedruckt wurde. Diese Ausgaben waren für den innerkirchlichen Dienstgebrauch bestimmt und dienten zur Information von Pfarreren und anderen Kirchenmitarbeitern. Daraus ist der unten abgedruckte Nachruf Gebhards entnommen.

War die Beziehung zwischen ihm und Müller zu Müllers Lebzeiten in Feindschaft ausgeartet, so lobte er Müller jetzt als einen Mann dessen Weg von „Geradlinigkeit“ gekennzeichnet war und der sich nicht durch angebliche Verleumdungen der Wachtturm-Gesellschaft (WTG), er sei bloß ein Werkzeug der Stasi, hat einschüchtern lassen. Er wäre seinen Weg aus Überzeugung gegangen, unbeirrbar in seiner Persönlichkeit, „Opportunismus war ihm fremd“. Gebhard verweist auf eine Veröffentlichung Müllers in der CV- Ausgabe Nr. 8 in der Müller seine „hingebungsvolle Liebe“ und sein „starkes Vertrauen auf den Herrn“ beteuerte. Dies wurde mit Bibelstellen untermauert, da Müller den Lesern seine eigene Bibelgläubigkeit beweisen wollte, da nur derjenige die Kraft haben könne, gegen die Verleumdungen der WTG anzukommen, der seine „Zuversicht in Jehova“ setze, der „eine große Hilfe ist“. Das „uneigennützige Wirken“ Müllers so Gebhard weiter sollte all den Zeugen Jehovas wie „ein brennender Pfeil im Auge sein“, denen es an Zivilcourage fehle und die zu bequem seien, um gegen die WTG aufzubegehren. Willy Müller sollte ihnen ein Vorbild sein.

Der Nachruf schließt mit dem pathetischen Satz: „Bruder Willy Müllers moralische Integrität möge sein Zeit und Raum überdauerndes Vermächtnis sein!“.

Ein typischer MfS-Auftragsbrief. Politische Botschaften und die Bekämpfung der WTG standen im Vordergrund. Müller spielte als Person eher einen Nebenrolle. Die Leser sollten erkennen, wie eng die "ehrliche" Verbundenheit zwischen den ehemaligen Zeugen Jehovas in der CV sei und dass sich aktive Zeugen Jehovas durch ihre Auflehnung gegen den Staat der DDR selbst unnötige Schwierigkeiten machten und von der WTG zu deren Zwecken  missbraucht würden. Müller hätte dies erkannt und hätte sein Leben deswegen der Bekämpfung der WTG gewidmet,

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1 „Religiöse Sondergemeinschaften“, herausgegeben von der Konfessionskundlichen Forschungsstelle des Evangelischen Bundes in der DDR, Evangelisches Zentralarchiv, Berlin, Ausgabe 16 vom April 1973. Ab dieser Ausgabe wurde die Bezeichnung von „Sektenkundliche Mitteilungen“ (Ausgaben1-15) in „Religiöse Sondergemeinschaften“ umbenannt. Ab der 2. Ausgabe dieser Informationsschrift wurden regelmäßig Berichte aus CV abgedruckt. In der Ausgabe 2 hieß es unter anderem zu CV: „Aus ehemaligen Angehörigen der Sekte hat sich nun eine Studiengruppe Christliche Verantwortung mit Sitz in Gera gebildet, die ihre Aufgabe darin sieht, unter den Zeugen Jehovas für Aufklärung über die Irrlehren und die bedenklichen Praktiken der Wachtturmgesellschaft (im folgenden abgekürzt: WTG) zu sorgen.