Zeugen Jehovas in der Deutschen Demokratischen Republik Header 

Jehovas Zeugen, die durch Wehrdienstverweigerung, religiösen Aktivismus und politische Neutralität auffielen, waren 40 Jahre lang Ziel der Bekämpfung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Neben der geheimdienstlichen Arbeit unter Zuhilfenahme der Justiz und Polizei baute das MfS eine pseudo-religiöse Gegengemeinschaft, die sogenannte "Christliche Verantwortung" (CV), auf. Ziel war es, ein nationales und internationales Anti-Zeugen Jehovas Netzwerk zu errichten. Durch Desinformation sollte die Wahrnehmung der Öffentlichkeit in Ost und West nachhaltig negativ gegen die Religionsgemeinschaft beeinflusst werden.

Um einen schnellen Einstieg in die vorliegenden Arbeiten zu erhalten, werden hier fünf Leitsätze vorgestellt. Auf diese Weise kann der interessierte Leser einen Überblick erhalten, der ihm hilft wesentliche Merkmale der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas in der ehemaligen DDR auszumachen.

 

Leitsatz 1:

40 Jahre Deutsche Demokratische Republik zeichneten sich durch permanent betriebene Verfolgungsmaßnahmen gegen Zeugen Jehovas aus.

  1. Die Strukturen des totalitären Staates lassen sich durch die permanent betriebenen Verfolgungsmaßnahmen detailliert konstruieren und exemplarisch demonstrieren. Über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten hatte der staatliche Unterdrückungsapparat, bestehend aus MfS, Justiz, Volkspolizei und unter Zuhilfenahme von gesellschaftlichen Kontrollinstanzen, eine Religionsgemeinschaft als "Staatsfeinde" betrachtet und behandelt. Das MfS hatte als Repressionsapparat der SED hier eindeutig die Führung inne.
  2. Nach dem zweiten Weltkrieg waren Jehovas Zeugen als Opfer des Faschismus in allen besetzten Zonen anerkannt worden. Am 22. September 1945 erfolgte die Eintragung als Religionsgemeinschaft in das Vereinsregister des Amtsgerichts Magdeburg. Eine Zeit intensiver missionarischer Tätigkeit begann. Mit Beginn des Kalten Krieges wurde die Religionsgemeinschaft in die Auseinandersetzungen der beiden Blöcke hineingezogen.
  3. Bereits vor der offiziellen Gründung der DDR beschloss das Politbüro der SED einen ganzen Maßnahmekatalog zur Ausgrenzung der Glaubensgemeinschaft.

    Das staatlich verordnete Verbot vom 31. August 1950 legte die Basis zur Kriminalisierung der Glaubensgemeinschaft und bot eine Handhabe für die intensiv einsetzenden Verfolgungsmaßnahmen. Es wurde umgehend eine Verleumdungskampagne durch die gleichgeschalteten Medien der DDR in Gang gesetzt, um das Verbot zu rechtfertigen. Offizielle Anerkennung der Zeugen Jehovas als Religionsgemeinschaft erfolgte in der DDR erst am 14. März 1990.
  4. Wie die Schauprozesse vom Oktober 1950 belegen, gehörten Zeugen Jehovas zu den ersten Opfern der kommunistischen Terrorjustiz.

    Der Schauprozess vom 3./4. Oktober 1950 diente als Vorgabe und Richtlinie für untergeordnete Gerichte. Urteilsbegründung: Zeugen Jehovas würden "Kriegs- und Boykotthetze" betreiben, sowie Spionagetätigkeit für den amerikanischen Imperialismus verrichten.

    Bis zum Jahre 1961 wurden mehr als 3.000 Zeugen Jehovas in der DDR verhaftet. Ca. 2.200 wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Bis zum Ende der DDR waren insgesamt etwa 5.000 Gläubige, nach 1961 hauptsächlich wegen Wehrdienstverweigerung, inhaftiert worden.
  5. In der DDR verweigerten Jehovas Zeugen, bis auf wenige Ausnahmen, sowohl den Wehrdienst als auch den Dienst als Bausoldaten (Totalverweigerung). Ca. 3.000 Zeugen Jehovas wurden deswegen zu Haftstrafen zwischen 18 bis 22 Monaten verurteilt.
  6. Aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit mussten Jehovas Zeugen schulische und berufliche Nachteile in Kauf nehmen. Zur Erweiterten Oberstufe (EOS) wurden sie nicht zugelassen und hatten keine Möglichkeit, an einer Hochschule zu studieren.

 

Leitsatz 2:

Sofort nach Gründung des MfS gerieten Jehovas Zeugen ins Visier des Geheimdienstes. Im Sinne eines Axioms wurde das erstellte Feindbild über die Glaubensgemeinschaft durch das MfS über vier Jahrzehnte weitervermittelt.

  1. Zu Beginn der fünfziger Jahre standen die Identifizierung, Verhaftung und Verurteilung von führenden Gläubigen im Vordergrund der MfS-Arbeit. Ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre lag der Schwerpunkt der MfS-Arbeit immer mehr auf den "Zersetzungsmaßnahmen".

    Das lag zum einen daran, dass die Verurteilten nach der Strafverbüßung innerhalb der Glaubensgemeinschaft stark aufgewertet wurden, eine Vorbildfunktion besonders für junge Gläubige einnahmen und die frei werdenden Aufgaben innerhalb der Gemeinde relativ schnell von anderen Gläubigen übernommen wurden. Zum anderen lag es an den "Publikationsorganen des Klassenfeindes", die eine "zügellose Hetze" gegen die DDR "inszeniert" hätten.
  2. Waren die operativen Vorgänge (OV) durch das MfS zunächst angelegt worden, um die führenden Leute nach Erarbeitung von Beweisen durch Haftstrafen aus dem Weg zu räumen, wurden die operativen Vorgänge ab Mitte der fünfziger Jahre hauptsächlich aus dem Grund durchgeführt, um möglichst viele Informationen über die Vorgänge innerhalb der Gemeinschaft, die Mitglieder selbst, sowie die Literatureinfuhr zu erhalten, um die Aktivitäten der Gläubigen umfassend zu blockieren und schon im Vorfeld zu verhindern.

    Hierzu sollten Inoffizielle Mitarbeiter (IM) entweder in den Kreis der Gläubigen eingeschleust werden oder direkt aus der Glaubensgemeinschaft heraus gewonnen werden.
  3. Die Aufgaben und Ziele der MfS-Zersetzungsarbeit bestanden in der Hauptsache in folgenden Punkten:
    • Durchsetzung des Verbots, um eine Öffentlichkeitswirksamkeit der Mission zu verhindern.
    • Kenntlichmachung aller Zeugen Jehovas, im besonderen aber der leitenden Personen.
    • Eindringen in die Konspiration der Glaubensgemeinschaft, unter Zuhilfenahme von IM.
    • Konfiszierung der im Land befindlichen Literatur bzw. Verhinderung der Einschleusung der Literatur.
    • Disziplinierungsmaßnahmen in Form von Ordnungsstrafen, Disziplinierungsgesprächen und Störmaßnahmen.
    • Aufbau einer vom MfS erschaffenen und gesteuerten Opposition in Form der "Christlichen Verantwortung" (CV).
    • Informationskampagnen durch die "Christliche Verantwortung" in den Kirchen und Religionsgemeinschaften im In- und Ausland.
    • Manipulierte Gegenarbeit mit Splittergruppen wie der "Allgemeinen Bibellehrvereinigung" (ABL) oder der "Freien Christengemeinde" (FC) durch das MfS und durch Mitglieder von CV.

 

Leitsatz 3:

Gründung des Vereins "Christliche Verantwortung" durch das MfS erfolgte zwecks Zersetzung der Glaubensgemeinschaft.

  1. Der Verein "Christliche Verantwortung" mit der gleichlautenden Zeitschrift wurde zu einer der Hauptinstrumente der "Zersetzung" ausgebaut.

    1959 begann die Zusammenarbeit des in Haft unter Druck gewonnenen Zeugen Jehovas Willy Müller. Seine Aufgabe bestand zunächst darin, mit verschiedenen seiner Mitgläubigen Kontakt aufzunehmen, sie von der religiösen und politischen Irrlehre der Zeugen Jehovas zu überzeugen, vom MfS erarbeitete Briefe mit biblischen Argumenten zu untermauern und einen Briefversand aufzubauen. Da dies auf Dauer keinen Erfolg hatte, wurde 1965 die Zeitschrift "Christliche Verantwortung" mit einem gleichlautenden Verein gegründet. Auf diese Weise sollte eine wachsende Opposition aufgebaut werden, die die Wachtturmgesellschaft (WTG) als williges Instrument des US-Imperialismus darstellen sollte, die Hetze gegen das kommunistische "Friedenslager" betreibe. Dies würde dem christlichen Glauben schaden, da ‘christliche Verantwortung’ auch darin bestünde, mit dem Staat zusammenzuarbeiten und Aufbauarbeit zu leisten. Jeder solle sich in der Verantwortung fühlen, den sozialistischen Staat zu unterstützen, dürfe sich hier nicht entziehen und die richtige politische Einstellung als Christ in der sozialistischen Gesellschaft entwickeln. Verteilung des Blattes erfolgte durch Versand an Haushalte der Zeugen Jehovas, aber auch an Gläubige und Theologen anderer christlicher Konfessionen.
  2. Die Arbeit des MfS erfolgte hauptsächlich national. Aber auch international wurde Kontakt zu verschiedenen Kirchen und ehemaligen Zeugen Jehovas hergestellt, um sie in den Zersetzungsprozess einzuspannen. Ziel war "eine Weckung, Stärkung und Aktivierung aller Oppositionspersonen und Oppositionsgruppen". Kontakte bestanden beispielsweise zu:
    • "Sektenkundliche Mitteilungen", ein von der Konfessionskundlichen Forschungsstelle der Evangelischen Kirchen in der DDR für den innerkirchlichen Dienstgebrauch bestimmtes Informationsblatt, das seine Informationen über Jehovas Zeugen in der Hauptsache über die Zeitschrift "Christliche Verantwortung" bezog.
    • "Christliche Mission für Zeugen Jehovas", eine vom ehemaligen Zeugen Jehovas William Schnell in den USA gegründeter Verein.
    • "Katholisches Informationsbüro Glaubensgemeinschaften", eine von Günther Pape, Bruder des hauptamtlichen IME Dieter Pape ("Wilhelm"), geleitete Einrichtung zur "Bekämpfung der ZJ in der BRD, Österreich, Italien und unter den Gastarbeitern".
    • Teilnahme Dieter Papes an "religiösen Weltkonferenzen" als CV-Vertreter (beispielsweise in Moskau 1977), finanziert vom Staatssekretariat für Kirchenfragen (StfK).
  3. Die "Christliche Verantwortung" wurde im Laufe der Jahre zu einem anerkannten Oppositionsblatt. Die Mitglieder des Vereins wurden beispielsweise zu kirchlichen Tagungen eingeladen, um als anerkannte Experten zum Thema Zeugen Jehovas zu referieren. Nach außen hin trat das StfK als einziger Geldgeber auf.

 

Leitsatz 4:

Buchpublikationen im Auftrag des MfS

  1. Sowohl das 1961 in der DDR herausgegebene Buch "Ich war ein Zeuge Jehovas" (Autor: Günther Pape, Bearbeiter und Gestalter der DDR-Ausgabe war Dieter Pape), als auch "Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft" (‘Autor’: Manfred Gebhard) waren MfS-Konzeptionen. Hauptverfasser beider DDR-Ausgaben war eindeutig Dieter Pape (IME "Wilhelm"). Gemeinsam mit anderen MfS-Agenten (Manfred Gebhard u.a.) hatte er an der Erarbeitung der "Dokumentation" gearbeitet.
  2. Das Ziel bestand in einer völligen Diskreditierung der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) und ihrer Führungspersonen, besonders in Westdeutschland. Einige hätten als Gestapokollaborateure ihre eigenen Glaubensbrüder in Gestapohaft verraten und somit Verhaftung und Tod mitzuverantworten. Die WTG würde im "Sold des Imperialismus" stehen und "psychologische Kriegsführung" betreiben. Die Zusammenarbeit zwischen US-State-Department wurde ebenso unterstellt wie eine Zusammenarbeit mit dem "Großkapital". Auch hier wurde ein Kapitel dem Thema "Der Christ und seine soziale Verantwortung" gewidmet.

    Auflage der "Dokumentation" – etwa 20.000 Exemplare. Davon gingen 3.000 Stück als Lizenzausgabe in die BRD. Die Verbreitung in der BRD wurde vom MfS "unter dem politischen Aspekt der Verbreitung unseres Gedankenguts in Westdeutschland" gesehen und subventioniert.

 

Leitsatz 5:

Einbeziehung auch von Splittergruppen der Zeugen Jehovas, um sie als alternative Glaubensgemeinschaften den Zeugen Jehovas anzubieten.

Jehovas Zeugen könnten in diesen Gemeinschaften ihren Glauben durchaus frei ausleben, wenn sie bereit wären, sich von den Glaubenslehren zu trennen, die zu einer Konfrontation mit dem Staat geführt hatten. Diese Punkte waren jedoch zu gewichtig, als das eine tatsächliche Alternative hätte geboten werden können. Sie betrafen beispielsweise die Wehrdienstfrage, die Wahlverweigerung, den heimlich durchgeführten Missionsdienst.

Die Splittergruppen waren für Jehovas Zeugen wenig attraktiv und konnten keinesfalls überzeugen. Sämtliche Splittergruppen hatten im Laufe der Jahre einen starken Mitgliederschwund aufgrund von Überalterung und Sterbefällen zu verzeichnen. Die Zahl durch die Aufnahme konvertierter Zeugen Jehovas zu erhöhen hatte keinen Erfolg.

Die Splittergruppen "Allgemeine Bibellehrvereinigung" (ABL, ab 1957 Vereinigung Freistehender Christen, (VFC)), "Bund freier Christengemeinden" (BfC) und "Freie Christengemeinde" (FC) wurden schnell vom MfS unterwandert und in die theologische Arbeit gegen Zeugen Jehovas eingespannt. Lediglich der VFC begann sich Mitte der sechziger Jahre aus diesem Verhältnis zu lösen und brach seine Verbindung zum MfS ab.