Zersetzung einer Religionsgemeinschaft.
Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und in Polen.

Zusammenfassung

In den hier untersuchten Abschlussarbeiten der MfS-Geheimdienstjuristen, erstellt an der Juristischen Hochschule Potsdam, wird das System der geheimpolizeilichen Arbeit des MfS sichtbar.

Nach außen hin sollte möglichst wenig Aufsehen erregt werden. Tatsächlich aber versuchte das MfS jeglichen Widerstand schnell und in Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Stellen bis zum Äußersten zu bekämpfen.

Die offenen Darstellungen in den Abschlussarbeiten zeigen das Ausmaß und die Intensität mit der die Geheimdienstmitarbeiter ans Werk gingen. Sie hatten keinerlei Skrupel bei der Wahl ihrer Methoden. Überall wo sie "politisch-ideologische Diversion" vermuteten, wurde die "Zersetzungs"-Maschinerie in Gang gesetzt. Ohne Gewissensbisse wurden Existenzen zerstört.

Jehovas Zeugen, die durch Wehrdienstverweigerung, religiösen Aktionismus und politische Neutralität auffielen, waren 40 Jahre lang Ziel der Bekämpfungsaktionen des MfS.

Die mehr oder weniger wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den "Zersetzungsmaßnahmen" gegen Zeugen Jehovas ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen und zeigt das wahre, kalte und grausame Gesicht der SED-Diktatur in der ehemaligen DDR.

Umso mehr erstaunt es, dass die zum Teil sehr ausgeklügelten Maßnahmen des MfS der Religionsgemeinschaft nicht auf Dauer schaden konnten. Am Ende der SED-Diktatur lebten mehr Zeugen Jehovas in der DDR als bei Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit im Februar 1950.

Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Waldemar Hirch:
Wissenschaftliche Darstellung der "Zersetzung" [der Zeugen Jehovas] in Abschlussarbeiten der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 18-22:


Die wissenschaftliche Darstellung der „Zersetzung" in Abschlussarbeiten an der Juristischen Hochschule Potsdam Entstehungsgeschichte und Auftrag der Juristischen Hochschule Potsdam


Am 8. Februar 1950 war das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geschaffen worden, deren Mitarbeiter sich zunächst hauptsächlich aus der Deutschen Volkspolizei, hier speziell aus den Kommissariaten 5, K5 genannt, rekrutierten. Zunächst war dieses neu geschaffene Ministerium kein großes Gebilde und setzte sich aus bewährten Kadern zusammen. Die im Ministerium des Innern bestehende Hauptabteilung "Ausbildung", die für Schulung und Ausbildung der Polizei- und Sicherheitskräfte zuständig war, wurde teilweise hier integriert.

Es wurden eigene Ausbildungsstätten geschaffen, von denen die am 16. Juni 1951 durch den Generalsekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, in Anwesenheit Wilhelm Zaissers, des ersten Ministers für Staatssicherheit, eröffnete "Schule des Ministeriums für Staatssicherheit" in Potsdam-Eiche von besonderer Bedeutung war. Das Ziel dieser Schule hatte Zaisser unter anderem damit erklärt, dass den Kadern ein politisches Grundwissen vermittelt werden sollte. Die Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin sollte ihnen zur Handlungsanleitung werden. Die hohe Schule der operativen Arbeit sollte gelehrt werden.1

Einen wissenschaftlichen oder akademischen Anspruch konnte man zunächst nicht erwarten. Aus Mangel an Lehrpersonal wurden zunächst nur einjährige Kurse angeboten. Dies änderte sich zunächst auch nicht, als die Schule im Jahre 1953 in die "Schule des Staatssekretariats für Staatssicherheit" umbenannt wurde. Der Ausbruch des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 wurde dem Versagen der Sicherheitsorgane angelastet. Innerparteiliche Machtkämpfe hatten zum Sturz Wilhelm Zaissers geführt und gleichzeitig zu einer Neustrukturierung des gesamten Apparates.

Von den 60 im Zeitraum von 1953 bis 1955 tätigen Lehrern hatte der überwiegende Teil eine Berufsausbildung einschließlich Berufsschulabschluss. Sie hatten einen Lehrgang an der Schule des MfS besucht und hatten nach Ab-

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1 Günter Förster, Die Juristische Hochschule des MfS, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Abteilung Bildung und Forschung, Berlin 1996, S. 27 f.


schluss dieses Lehrgangs ihre Tätigkeit als Lehrkraft an dieser Schule aufgenommen. Nachfolger Zaissers wurde Ernst Wollweber, der die Schule 1955 in die "Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit" umwandelte.2 Die Bezeichnung als Hochschule war nicht korrekt, denn es konnten zunächst keine akademischen Grade verliehen werden und die Schule wurde erst allmählich in eine Hochschule umgewandelt. Es wurde bis 1963 der Lehrstuhl "Juristische Ausbildung", die Arbeitsgruppe Kriminalistik sowie die Institute für Marxismus-Leninismus, Recht und Spezialdisziplin geschaffen.3

Seit 1963 konnten Diplome verliehen werden. Ab Juni 1965 erhielt die Hochschule die Bezeichnung "Juristische Hochschule Potsdam".4 Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, resümierte bei seiner Festrede zur Verleihung des Status einer Juristischen Hochschule 1965: "Bei Eröffnung der Schule besaßen nur wenige Lehrkräfte eine abgeschlossene Hochschulausbildung. … In den vergangenen Jahren haben 56 Prozent des Lehrkörpers ein Hochschulstudium absolviert. Die übrigen Lehrer studieren gegenwärtig an verschiedenen Universitäten und Hochschulen und legen im wesentlichen noch in diesem Jahr ihre Examen ab. … Die nächste Etappe der Qualifizierung sieht vor, dass sich ein bedeutender Teil des Lehrkörpers auf die Promotion vorbereitet. Bis zum nächsten Jahr soll ein Drittel der Lehrer den akademischen Grad eines Doktors erworben haben."5

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2 Umbenennung am 17. Oktober 1955 zunächst in die "Hochschule des Staatssekretariats für Staatssicherheit". Ab dem 24.11.1955, nachdem das SfS erneut zu einem eigenständigen Ministerium geworden war, erfolgte auch die Umbenennung der Hochschule. Vgl. Dietrich Fischer, Die 'Juristische Hochschule Potsdam'. 'Kaderschmiede' des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit, in: Deutschland Archiv 12/1990, S. 1891-1894.
3 Förster, Die Juristische Hochschule Potsdam, aaO., S. 4. Was in den ersten Jahren der Hochschule unter Spezialdisziplin verstanden wurde, ist aus den bisher vorhandenen Dokumenten nicht zu ersehen. Doch dürfte sich dies nicht wesentlich von den Lerninhalten unterschieden haben, die in der "Sektion Politisch-operative Spezialdisziplin" vermittelt wurden. Diese wurden zwar im Laufe der Jahre stark erweitert, die Intention der Spezialdisziplin dürfte die gleiche geblieben sein. Im Jahre 1988/89 wurden unter anderem Lehrstühle für "Grundprozesse der politisch-operativen Arbeit", "Spionage", "Politisch und ideologische Diversionstätigkeit (PID), Politische Untergrundtätigkeit (PUT)" und "Grundfragen der Arbeit im und nach dem Operationsgebiet" genannt. Ebd., S. 10.
4 Dies war die Bezeichnung nach außen, die interne Bezeichnung lautete von 1976-1989 "Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit". Förster, Juristische Hochschule, a.a.O., S. 5.
5 Referat Mielkes zur Festveranstaltung anlässlich der Verleihung des Status einer Hochschule für die juristische Ausbildung in Potsdam-Eiche am 29.6.1965; BStU, ZA, ZAIG 4706, Bl. 6 f., zitiert in: Jens Gieseke, Doktoren der Tschekistik. Die Promovenden der 'Juristischen Hochschule' des MfS, BStU, Abteilung Bildung und Forschung, Berlin 1994, S. 4.


Am 18. Juni 1968 wurde der Hochschule, mit Wirkung vom 1. Mai 1968 offiziell das Promotionsrecht verliehen. Der akademische Grad des Dr. jur. (Promotion A) konnte nun erworben werden. Ab dem 1. Juni 1981 erhielt die JHS auch das Recht zur Verleihung des akademischen Grades Dr. sc. jur. (Dr. scientiae juris - Promotion B).6

Die Qualität der Ausbildung war ähnlich wie an den anderen Hochschulen der DDR anzusetzen. Es war allerdings nicht das Ziel, eine juristische Laufbahn als Rechtsanwalt, Staatsanwalt oder Richter einzuschlagen, sondern eine Arbeit als verantwortlicher Offizier im MfS. Alle Arbeiten der Hochschule waren den Geheimhaltungsregeln eines Geheimdienstes unterworfen, woraus ersichtlich wird, dass man nicht die gleichen Voraussetzungen wie an einer öffentlichen Universität erwarten konnte.

Nicht wesentlich anders war es bei der Juristischen Fachschule des MfS, die der Juristischen Hochschule Potsdam angegliedert war. Am 19. Juni 1970 wurde sie vom Minister für Hoch- und Fachschulwesen gegründet und am 4. November 1970 von Erich Mielke eröffnet. Eine mehrjährige Ausbildung sollte die bis dahin abgehaltenen einjährigen Lehrgänge für Sachbearbeiter und Hauptsachbearbeiter ablösen, da sie den komplizierter gewordenen Anforderungen an eine politisch-operative Arbeit nicht mehr genügten. Es war möglich, ein Fachschuldirekt- oder ein Fachschulfernstudium zu absolvieren. Der Abschluss der 10. Klasse der polytechnischen Oberschule und der Abschluss der Offiziersausbildung im MfS waren notwendig. Zugangsvoraussetzung war auch, dass sich die Kandidaten schon "im Dienste der Organe des MfS" bewährt hatten.7

Für Fachschüler und für Studenten war gemäß der Präambel zur "Studienordnung" der JHS das politisch-ideologische Ziel der Ausbildung: "An der Hochschule des MfS werden Offiziershörer auf der Grundlage der Beschlüsse der Partei, insbesondere des Programms und des Status der SED sowie der dienstlichen Bestimmungen und Weisungen des Ministers für Staatssicherheit im Prozess der kommunistischen Erziehung und praxisbezogenen tschekistischen Ausbildung zu mittleren leitenden Kadern entwickelt, die jeden Auftrag der Partei- und Staatsführung und die Befehle und Weisungen des Ministers für Staatssicherheit unter allen Lagebedingungen diszipliniert, mit hoher Einsatzbereitschaft und Sachkenntnis durchsetzen."8

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6 Förster, Juristische Hochschule, a.a.O., S. 6.
7 Ebd., S. 14.
8 Ebd., S. 17.


Das Fachschulstudium wurde in den Bereichen Rechtswissenschaft und Staatswissenschaft in 15 Spezialisierungen angeboten. Die Ausbildung in Rechtswissenschaft, die zum Abschluss des Fachschuljuristen führte, enthielt die Fächer Marxismus-Leninismus, Arbeiterbewegung, Staat und Recht und Strafrecht in der Grundlagenbildung. In der Fachausbildung wurden die Themen Arbeit mit IM, Psychologie, Kriminalistik und Bearbeitung operativer Vorgänge abgearbeitet.

Wie bei der juristischen Hochschulausbildung an der JHS war auch bei der Fachschulausbildung die Arbeit auf geheimdienstliche Tätigkeit konzentriert. Nur etwa 20 Prozent der Lehrinhalte waren juristischer Art.9

Anders war es beim Lehrgang Staatswissenschaft. Hier war der Schwerpunkt auf Wirtschaft und Verwaltung konzentriert. Zwar hatte man in der Grundlagenausbildung auch Marxismus-Leninismus und Recht, aber in der Fachausbildung waren die eigentlichen Schwerpunkte: Volkswirtschaft, Finanzwesen, Wirtschaftsrecht, Territorialökonomie etc.

Bis zum Jahre 1984 hatten 6.343 Offiziershörer das Fachschulstudium abgeschlossen. Zu diesen kommen noch 1.065 Offiziershörer, die in Abendstudienlehrgängen und 299 die in Einjahreslehrgängen den Abschluss an der Fachschule erreichten. Nach 1984 liegen keine Zahlen mehr vor. Hochrechnungen ergeben die Gesamtzahl von ca. 10.000 Absolventen des Fachschulstudiums.

Wieviele dieser Arbeiten sich mit den "Zeugen Jehovas" beschäftigten, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Bis zu dem Zeitpunkt der vorliegenden Arbeit konnte die Gauck-Behörde in Berlin acht Fachschulabschlussarbeiten und eine Hausarbeit zu diesem Thema ausfindig machen.

Die Auswertung der vorhandenen Abschlussarbeiten ermöglicht uns einen intensiven Einblick, wie das Ministerium für Staatssicherheit in der Schulung ihrer Kader vorging, um die Zersetzungsmaßnahmen gegen die in der DDR verbotene Glaubensgemeinschaft "Zeugen Jehovas" zu realisieren und zu perfektionieren.

Zudem ist auch eine Hausarbeit mit folgendem Titel verfasst worden: "Erkenntnisse und Erfahrungen zur Durchführung wirksamer operativer Maßnahmen gegen die Tätigkeit der in der DDR verbotenen Organisation ,Zeugen Jehova' (Wachtturmgesellschaft) zur Bekämpfung ihrer staatsfeindlichen Tätigkeit." VVS Nr. 901/75, der Abschluss der Arbeit wird nicht genannt, er ist aber aufgrund der VVS Nr. auf Ende 1975 bis Anfang 1976 zu legen, 62 Seiten, Autoren: Major Gerfried Wenzlawski, Hauptmann H.-Jochen Kleinow. Diese

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9 Ebd., S. 15.


Arbeit wird im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht behandelt werden, da die vorhandenen Fachschulabschlussarbeiten ausreichen, um sich ein Bild von der Vorgehensweise der angehenden Fachschuljuristen zu machen.

Von den 4.500 Diplomarbeiten, die im Zentralarchiv vorhanden sind,10 behandelte keine das Thema Zeugen Jehovas.

Von den 178 Dissertationen an der JHS befasste sich lediglich eine Arbeit überhaupt mit der Hauptabteilung XX, die sich ja in der Hauptsache mit der sogenannten Untergrundtätigkeit, der Politisch-ideologischen Diversion (PID), auseinandersetzte. Dagegen beschäftigen sich fast 40 Titel mit dem Thema "Westen - Bundesrepublik - Grenze - Imperialismus (bezogen auf die Bundesrepublik)".11 Weitere Schwerpunktthemen sind Inoffizielle Mitarbeiter, die Wirtschaft, historische und zeitgeschichtliche Themen und auch die JHS selbst.

Alle Fachschulabschlussarbeiten waren "Vertrauliche Verschlusssachen" (VVS). Die Geheimhaltung sollte gewährleistet sein. Nichts sollte nach außen dringen. Nach der Geheimhaltungsordnung über die Gewährung der Geheimhaltung, Sicherung und Ordnung in der Arbeit mit Unterrichtsmaterialien der VVS- und Dokumentenstellenarbeit an der Hochschule des MfS vom November 1986 wurde die VVS wie folgt definiert: "Geheimnisse, die Aufschluss über Teilgebiete der politisch-operativen Arbeit abhandeln oder andere inhaltlich geheimzuhaltende Probleme beinhalten, die einem konkret zu bestimmenden Personenkreis von Mitarbeitern zur Kenntnis gelangen sollen".12

Die Arbeit Nr. 4 erhielt den Vermerk, dass sie gesperrt war. Sie durfte nur mit besonderer Genehmigung ausgeliehen werden. Sie enthielt Informationen über die vom MfS geschaffene Oppositionsbewegung „Christliche Verantwortung".

Die Fachschulabschlussarbeiten hatten gemeinsam, dass hier keine Juristen im herkömmlichen Sinne am Werk waren, sondern speziell in der Praxis ausgebildete Geheimdienstjuristen, die in "Zersetzungsmaßnahmen" geübt waren und aus ihrer Praxis sprachen. Die von ihnen beschriebene Arbeit war somit für sie keinesfalls lediglich Theorie. Gerade das macht diese Arbeiten so interessant, da die Vorgehensweise offen dargelegt wird. Die MfS-Offiziere beschrieben ihre Arbeitsweise, die zeigt, dass sie keine Skrupel hatten, andersdenkende Menschen, die ihre christliche Religion ausleben wollten, mit allen dem MfS zur Verfügung stehenden Mitteln zu "liquidieren".

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10 Günter Förster, Die Dissertationen an der Juristischen Hochschule' des MfS. Eine annotierte Bibiographie, BStU, Abt. Bildung und Forschung, 2. Auflage, Berlin 1997, S. 18, Fußn. 61.
11 Ebd., S. 47.
12 Ebd., S. 38.

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Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Waldemar Hirch: Wissenschaftliche Darstellung der "Zersetzung" in Abschlussarbeiten der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 74-82:


Oberleutnant Alexander Koepke: "Erfahrung zur Anwendung von Maßnahmen der Zersetzung bei der Bearbeitung Operativer Vorgänge" VVS Nr. 735/80, Abschluss der Arbeit am 18. Dezember 1980, 62 Seiten.


Die Grundlagen der Arbeit von Koepke bildete die Auswertung verschiedener abgeschlossener operativer Vorgänge der Jahre 1975 bis 1980. Mittlere und leitende "Funktionäre" der Zeugen Jehovas aus dem Bereich der Bezirksverwaltung Potsdam wären in diesen OV "bearbeitet" worden. Um die Analyse effektiver zu gestalten, wurde ein "Analysenprogramm" erstellt und sowohl operative Materialien als auch IM-Akten einer Analyse unterworfen.

Der Sinn der Zersetzungsmaßnahmen wurde klar definiert (S. 6):

  • "staatsfeindliche Aktivitäten im Keim ersticken;
  • die illegale Sekte mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen;
  • den Einfluss der WTG-Zentrale als Träger der PID zu unterbinden;
  • den Funktionärsapparat der illegalen Leitung in der DDR als Handlanger des Imperialismus bloßzustellen."

Es müsse hierbei beachtet werden, dass es sich bei Jehovas Zeugen um "religiös-fanatische Menschen handelt" und dass die Zersetzungsmaßnahmen durch "das Primat der Politik im sozialistischen Strafrecht" und die Konspiration der Zeugen Jehovas bestimmt würden. Deshalb würde keine Bestrafung nach den §§ 1863 und 106 StGB mehr erfolgen. Die verdeckte Arbeit des MfS wäre notwendig, denn "gegen eine Organisation, die offiziell nicht besteht, kann nicht offiziell vorgegangen werden, sie muss von innen her zersetzt werden" (S. 6).

Diese Begründung war mehr als fadenscheinig, denn natürlich konnte gegen eine verbotene Organisation auch offiziell vorgegangen werden. Ganz offenbar wollte man dies nicht tun, da man keine "Märtyrer" schaffen wollte. Man wollte nach außen nicht als Staat gelten, der seinen Bürgern eine sozialistische Gesinnung aufzwingt. Nach außen sollte das Bild einer Demokratie vermittelt werden, mit Bürgern, die sich frei entscheiden konnten. Eine weitere Begrün-

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63 § 218 (Fassung vom 28.6.1979): Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidrigerziele (1) Wer eine Vereinigung oder Organisation bildet oder gründet oder einen sonstigen Zusammenschluss von Personen herbeiführt, fördert oder in sonstiger Weise unterstützt oder darin tätig wird, um gesetzwidrige Ziele zu verfolgen, wird, sofern nicht nach anderen Bestimmungen eine schwerere Strafe vorgesehen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, Verurteilung auf Bewährung, mit Haftstrafe oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Rädelsführer werden mit Freiheitsstrafe von einem bis zu acht Jahren bestraft. (3) Der Versuch ist strafbar.


düng war darin zu finden, dass Jehovas Zeugen in der DDR nach Auffassung Koepkes der Öffentlichkeit nicht bekannt wären, auch ihr Verbot aus dem Jahre 1950 nicht. Das sollte auch so bleiben. Unbeabsichtigtes Interesse der Bevölkerung sollte durch Maßnahmen des MfS nicht hervorgerufen werden. Das wäre nur im Interesse der Zeugen Jehovas.

Auch Koepke führte die vom MfS geschaffene Oppositionsgruppe "Christliche Verantwortung" an und stellte sie als ein wirksames Instrument in den Händen des MfS dar, mit dem zielgerichtet gearbeitet werde. Mit diesem Instrument könne erreicht werden, dass "sich die Sekte mit ihren eigenen Problemen beschäftigen" müsse (S. 9). Gleichzeitig würde an der "politisch-ideologischen Rückgewinnung feindlich-negativer Kräfte" gearbeitet werden.

Einzelne Auswirkungen dieser Gruppe werden in dieser Arbeit beschrieben.

Eine interessante Information Koepkes war, dass seit zehn Jahren, somit seit Beginn der 70er Jahre, "Koordinierungsvereinbarungen mit anderen operativen Diensteinheiten" bestünden (S. 9). In den letzten sechs Jahren würde man sich dabei auf die Zersetzung konzentrieren. Alle operativen Maßnahmen seien darauf ausgerichtet worden, "wie mögliche Ergebnisse zersetzend und mit hohem gesellschaftlichen und politisch-operativen Nutzen erreicht und angewandt werden können" (S. 9).

Fallbeispiele

Koepke ging auf Beispiele für langfristige Zersetzungsmaßnahmen ein.

Bereits 1974 sei bekannt gewesen, dass der "Funktionär" Meier (Name, Orte usw. von Koepke geändert, d.A.) eine "Anlaufstelle"64 für Kuriere aus Westberlin hatte. Durch IM konnte diese "Anlaufstelle" identifiziert werden. In Verbindung mit der Polizei wurden "offiziell verwertbare Informationen erarbeitet".

Mit einem Zeugen Jehovas aus unmittelbarer Nähe der "Anlaufstelle" wurde vom MfS ein reger Scheinkontakt aufgenommen, um den Verdacht des Verrats auf ihn und vom eigentlichen IM abzulenken. In der Abschlussphase des OV wurde dem zum Schein kontaktierten Zeugen Jehovas offiziell der Dank des MfS beim Rat der Gemeinde ausgesprochen und durch IM bekanntgemacht. Gleichzeitig wurde Meier die Dekonspiration seiner "Anlaufstelle" eröffnet.

Daraufhin war Meier gezwungen, eine andere "Anlaufstelle" zu suchen. Seine Wahl fiel auf den eingesetzten IM, der sich über längere Zeit als zuverlässig

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64 Anlaufstelle hieß, dass ein Zeuge Jehovas als Anlaufstelle diente und die Literatur in Verwahrung nahm.


und geeignet präsentieren konnte. Nach der Literaturübergabe wurde das Material bei ihm beschlagnahmt, ohne dass ein Verdacht auf ihn fiel. Auf diese Weise konnte auch der Kurier aus Westberlin endlich identifiziert werden. Dieser wurde ab sofort im OV "Container" (ab 1976) observiert.

Da die zwei "Anlaufstellen" Meiers nicht mehr genutzt werden konnten, wich Meier nach Cottbus aus. Da aber der Kurier aus Westberlin dem MfS bekannt war, wartete man dort nur auf die Gelegenheit, ihn bei erneuter Einreise in die DDR in Cottbus bei "seiner neuen Anlaufstelle" zu überraschen und zu verhaften, was 1977 geschah.

Daraufhin wurde ein erneutes Gespräch mit Meier geführt und ihm wurde in diesem "Zersetzungsgespräch" seine "organisierte Unfähigkeit nachgewiesen" (S. 14).

Doch Meier ließ sich offenbar nicht völlig verunsichern. Am Ende des Berichts wurde über ihn gesagt, er sei "auch heute noch ein bekanntes Bindeglied der illegalen Sekte in der DDR und ins NSW" (S. 15). Weitere Maßnahmen wären geplant. Dass Koepke die Grenzen des MfS bewusst waren, ging aus seiner Aussage hervor, dass es nicht gelingen wird "Meier aus der bekannten Funktion zu verdrängen" (S. 15).

Eine solche Aussage nach 5 Jahren der Zersetzung sprach für sich. Hier war es dem MfS ganz offensichtlich nicht möglich durch die Konspiration der Zeugen Jehovas zu stoßen.

Es hätte festgestellt werden können, dass durch die fünfjährige Konzentration auf Meier "eine Verlagerung der illegalen Aktivität auf die OPK-Person Zentrum'" erfolgt sei. Hier würde "für die nächsten Jahre" eine "Zersetzungskonzeption" bestehen. Es gäbe hier auch eine bessere IM-Basis. Doch stehe man hier am Anfang.

Ein weiteres Ergebnis der Zersetzungsmaßnahmen wurde im Rückgang der "Haus-zu-Haus-Werbungen" genannt, da Angst vor dem Eingreifen durch die DVP unter den Zeugen Jehovas vorherrsche. Vorläufiges Resümee des Verfassers (S. 17): "Auch so wird durch Verunsicherung der Einfluss der Sekte zurückgedrängt."

Einige Aussagen des Verfassers enthalten eine starke Überbewertung der MfS-Erfolge.

Zum Beispiel wurden einem "Gesprächspartner" der Zeugen Jehovas während eines Zersetzungsgesprächs bestimmte Fakten aus dem OV "Container" genannt. Ebenfalls wurden in diesem Gespräch Fakten aus anderen OV genannt. Als Ergebnis schreibt Koepke: "Die Reaktion allein beim Gespräch seitens des


ZJ zeigte, dass empfindliche Stellen getroffen wurden. Jahrelange, mühsame Kleinarbeit der illegalen Leitung der Sekte war zunichte gemacht."

Die "Reaktion" des Betreffenden, wie diese auch immer ausgesehen hatte, sollte offenbar als Beweis für die Wirkung einer MfS-Maßnahme gelten. Diese dürftige Argumentation in Verbindung mit der euphorischen Grundhaltung des Verfassers spiegelte nicht die Realität wieder. Hier wurden eher eigene "Leistungen" belobigt und Erfolge größer demonstriert, als sie in Wirklichkeit waren. Dies macht Sinn, wenn man bedenkt, dass Koepke an den genannten OVs beteiligt war.

Ein weiterer interessanter Fall wird als OV "Satan" angeführt. Verschiedene staatliche Stellen arbeiteten eng zusammen, um den tatsächlichen oder fiktiven Nachweis zu führen, dass eine bestimmte Person in betrügerische Machenschaften verstrickt war. Dies sollte nach außen hin auf gesetzlicher Grundlage geschehen. Deshalb wurde der Polizei schriftlich eine "anonyme Anzeige" mit der Aufforderung geschickt, zu einem bestimmten Termin bei einer bestimmten Person zuzugreifen.

Dieser Brief war so formuliert worden, als ob ihn ein Patient des in der Anzeige beschuldigten Heilpraktikers geschrieben hätte. Die Details für diesen Brief stützten sich auf die Aussagen von 2 IM. Mit dieser Anzeige beschäftigten sich 8 Wochen lang die DVP, der Kreisstaatsanwalt, der Bezirksarzt und das Kreisgericht der dortigen Stadt. Der Vorwurf lautete auf Steuerbetrug.

Da der angeklagte Zeuge Jehovas durch seine Tätigkeit im Heilberuf über ausgedehnte Verbindungen zu anderen Zeugen Jehovas in der DDR verfügte, war seine Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von 2 Jahren und drei Monaten mit anschließendem fünfjährigem Tätigkeitsverbot sowie einer hohen Geldstrafe ein Fall, der für viel Aufsehen sorgte.

Als Anlage III fügte Koepke einen Zeitungsbericht aus der "Volkswacht" vom 15. April 1980 bei, der mit "Ein 'bescheidener' Bürger" überschrieben war. Ein typisches Beispiel von Rufmord durch die gleichgeschaltete DDR-Presse. Das Vokabular des Berichts erinnert an die Wortwahl, die bei den Schauprozessen der 50er Jahre üblich war. Wollte man in der Öffentlichkeit die Feinde des DDR-Systems diskreditieren, verfiel man in die für totalitäre Systeme so typische Sprache der Demagogie. Es hieß dort, dass beim Angeklagten "hinter der Miene eines Biedermannes verbrecherische Gewinnsucht und hinter vorgetäuschter Nächstenliebe nur der eigene Vorteil gesucht wurde". Schon in der Vergangenheit seien beim Angeklagten Unstimmigkeiten bei der Steuer festgestellt worden. In den Jahren von 1974 bis 1978 hätte er seine Steuer derart "frisiert" dass eine Steuerminderung von 125.586,00 Mark entstanden wäre.


Was hätte man mit diesem Geld alles in dem sozialistischen Staat machen können. 240 Rentner hätten ein Jahr lang täglich ein Mittagessen erhalten können. Die Feriengestaltung für alle Kinder des gesamten Kreises wäre für ein Jahr sichergestellt gewesen. Oder für 135 Familien hätte für zwei Jahre Mietzuschuss gezahlt werden können. Der Angeklagte hätte zwar seine Umwelt mit "großen Sprüchen zu beeindrucken" gewusst, hätte sich aber nicht an seine eigenen Worte gehalten. Man ließ kein gutes Haar an dem Verurteilten.

Auch die MfS-Zeitschrift CV griff diesen Fall auf und verlegte eine Sonderausgabe, den "Sonderdienst Nr. l", der in einer Auflage von 5.000 Exemplaren erschien und an die Haushalte der Zeugen Jehovas geschickt wurde.65 Der Artikel in CV war reine Heuchelei. Eine Krokodilsträne folgte der nächsten, was typisch für dieses Blatt war. Der Bericht begann sogleich mit gespielter Empörung und dem Versuch der Aufwiegelung: "Liebe Brüder und Schwestern! … Wie lange schweigt ihr noch zu …? … Warum konnte … solange die Zeugen schädigen?" Angeblich an CV eingesandte Leserzuschriften werden wiedergegeben, die die Empörung auch unter Zeugen Jehovas verdeutlichen sollen. Einige Beispiele sollen das zeigen: "Bei Bruder … wirkte nicht alles hygienisch und ordentlich. Ob Unsauberkeit zu seiner Behandlungsmethode gehörte? Geholfen hat er mir nicht." "Schwester B.: Jetzt hörte ich von einer Schwester im Vogtland, dass man den … eingesperrt hat. Sie glauben gar nicht wie mich das freut. Er gab sich zwar als Bruder aus, mir als Rentnerin aber nahm er trotzdem 15,- Mark ab und der Glaube an die versprochene Besserung meines Leidens (leberkrank) hat auch nur ihn reich gemacht. … Mir scheinen jetzt viele Wahrheiten aus CV, die ich bisher bezweifelte, richtig zu sein." "Liebe Brüder! … Es tut uns doch sehr weh, dass Bruder … diese Verbrechen auf sich geladen hat. Er hat auf unsere Kosten gelebt und unser Geld in einem Umfang angenommen, der völlig unserem Glauben widerspricht … alle haben vorher gewusst, dass Bruder … den Staat betrügt. … Wir haben hier einmal nachgerechnet, es sind ja noch viel mehr Steuerschulden, die er erwirtschaftet hat. … Ich verstehe nicht warum die Gesellschaft in Wiesbaden so ruhig sein kann! … Ich glaube die Strafe und die Rückzahlung sind für Bruder … eine Kleinigkeit. Er hat Häuser an der CSSR-Grenze, die er verdeckt gekauft hat. Das ist alles bares Geld. Der lacht uns alle aus …"

Ein besonders interessanter "Brief" enthält die Forderung nach dem Gemeinschaftsentzug. "Verantwortungsvolle Brüder" würden das fordern. "Er hat viele betrogen. Brüder, die wir kennen, haben gesagt, dass es sich keiner traut, ihm die Gemeinschaft zu entziehen." Es sollte soviel Unruhe wie irgend möglich

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65 Dies war dem MfS aber noch nicht genug. Selbst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18. April 1980 erschien eine Notiz zu dem Fall.


erzeugt werden. Der Heilpraktiker sollte einen Gemeinschaftsentzug erhalten und damit aus den Reihen der ZJ ausgegliedert werden.

Das Angriffsziel war nur vordergründig der Angeklagte. Die Wachtturmgesellschaft, als leitendes Organ der Religionsgemeinschaft, sollte in Misskredit gebracht werden. Ebenso die Gemeinde-Ältesten, die nichts unternehmen würden. Deshalb hieß es weiter: "Wenn uns … betrogen hat, warum soll uns dann nicht auch die WTG betrügen?" "Und der Sturz des … ist ja auch nicht der erste und sicher nicht der letzte kriminelle Fall der sich so moralisch und glaubensfest gebärdenden WTG. Hat wirklich keiner der Verantwortlichen der WTG, keiner der Ältesten hier etwas von dem Betrug an tausenden und abertausenden gemerkt? Viele haben es gewusst. …" "Warum schweigt Wiesbaden dazu? Was für ein Spiel wird hier getrieben? Hat … nicht nur für sich abkassiert, sondern illegal auch Geld nach Wiesbaden befördert? Sollte er das vielleicht sogar? Hat er gleich dabei die Gelegenheit genutzt und alles in die eigene Tasche geschoben? … Von Gewissen kann man bei … nicht sprechen. Aber hat eine Gesellschaft, die all das zulässt, ein Gewissen? … ,CV wird sich gemäß 2. Kor. 13:8 auch weiter für die Wahrheit einsetzen."

Dies ist ein Fall an dem man sehr gut die Zusammenarbeit der verschiedenen staatlichen Stellen und der DDR-Medien sehen kann, die unter Leitung und Lenkung des MfS standen.

Koepke war jedoch bereit, zuzugeben, dass es auch Misserfolge gegeben habe. Er macht die wesentliche Aussage, dass, wenn eine Bearbeitung ohne IM erfolgte, der "Erfolg von vornherein in Frage gestellt war" (S. 22).66

Im folgenden beschrieb Koepke weitere Methoden der Zersetzung bei Zeugen Jehovas. Diese sei spezifisch, da "die religiös-fanatische Bindung der Mitglieder an die WTG blind gegenüber äußeren Argumenten macht" (S. 24).

Das aufgebaute konspirative Netz von Verbindungen funktioniere so, dass jeder Beteiligte nur das wisse, was er unbedingt wissen müsse, um seiner speziellen Aufgabe nachkommen zu können.

Durch den Versand von anonymen und pseudonymen Briefen an bestimmte Zielpersonen, die Fragen, Verdächtigungen etc. enthielten, die sich durch offiziell belegbare Fakten aus bestimmten OV sowie aus inoffiziellen Angaben

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66 Ohne das Heer von IM wäre die Arbeit des MfS kaum möglich gewesen. Auf diese Tatsache muss immer wieder aufmerksam gemacht werden, um der Gefahr der Verharmlosung der IM-Tätigkeit vorzubeugen. Ohne die Denunzianten und die Inoffiziellen Mitarbeiter wäre das DDR-System nicht in der Weise aufrechtzuerhalten gewesen. Sie waren eine wichtige Stütze dieses intoleranten Systems.


und Verdächtigungen aus OPK zusammensetzten, wären die angeschriebenen Personen gezwungen, sich mit den Verdächtigungen auseinanderzusetzen.

Man müsse bedenken, dass durch Dekonspiration oder Verunsicherung eines Verbindungsnetzes schon bald ein neues Verbindungsnetz aufgebaut würde. Dies sei dann noch nicht bekannt und zunächst nicht zu kontrollieren.

Vorladungen beim Rat der Gemeinde oder das Aufsuchen am Arbeitsplatz hätten sich bewährt. So würde auch außerhalb der Zeugen Jehovas bekannt, dass gegen die Person etwas vorliegen müsse. Es könnten zusätzlich auch Gerüchte über diese Person in Umlauf gebracht werden.

Eine weitere wirksame Methode sei es, bestimmte Mitglieder der Zeugen Jehovas mit dem MfS in Verbindung zu bringen. Solche Verdächtigungen müssen geschürt werden, indem vermehrt Kontakte zwischen dem MfS und verschiedenen "Funktionären" nach außen hin sichtbar würden. Kontakte zwischen dem MfS und Mitgliedern der Zeugen Jehovas würden grundsätzlich negativ gewertet und mit Argwohn betrachtet.

Doch sei klar, dass die tatsächlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen nur schwer zu überprüfen und zu dokumentieren seien. Auch IM hätten nur einen "stark eingeschränkten Überblick".

Das Erzeugen und Ausnutzen von Rivalitäten durch IM unter Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder könne ebenso nur schwer dokumentiert werden, da Probleme dieser Art intern "ausgewertet" würden, d.h. nur ein kleiner Kreis beschäftige sich mit diesen Problemen und spreche nicht offen darüber.

In einem weiteren Fallbeispiel berichtete Koepke, dass durch zwei OVs offenbar geworden wäre, dass ein Kurier "sehr gesprächig und strebsam" sei. Mehrere IM bestätigten dies. Diese Gesprächigkeit wurde für das MfS zum Gesprächsthema. In "15 Gesprächen mit Sektenmitgliedern" wurde dies zu einem Problem aufgewertet. Innerhalb von zwei Jahren hätte dann über IM erarbeitet werden können, dass der genannte Kurier nicht mehr als Kurier eingesetzt würde, da er ein "Quatschkopf" sei. Die IM gaben an, dass man innerhalb der Glaubensgemeinschaft dachte, dass das MfS nur durch die Gesprächigkeit des Kuriers "wahrscheinlich alles erfahren" habe.

Einen andere Möglichkeit der Zersetzung wäre, bestimmte "Funktionäre" zum Wohnortwechsel zu veranlassen, indem man sie durch das Zusammenwirken mit staatlichen Stellen und dem Einsatz von Inoffiziellen Mitarbeitern permanenten Kontrollen aussetze. Dies würde in diesem bestimmten Ort "umfangreiche Konsequenzen für die Organisation der illegalen Sekte nach sich ziehen" (S. 29).


Gerüchte, die in der Glaubensgemeinschaft kursierten, könnten gemäß Koepke vom MfS stärker ausgewertet werden. Hier könnte man eingreifen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich und seine Quellen zu lenken. Die Möglichkeiten, die sich durch vermutete oder tatsächliche Vergehen einzelner Mitglieder eröffnen, sollten besser genutzt werden, da sich hier ein weites Betätigungsfeld eröffne.

Am wirksamsten hätten sich nicht angemeldete Besuche des MfS auf der Arbeitsstelle des Betroffenen und die kurzfristige Vorladung beim Rat der Gemeinde bewährt. Hier wäre eine Vorbereitung auf dieses Gespräch kaum möglich. Auch außerhalb der Zeugen Jehovas würde bekannt werden, dass gegen diese Person etwas vorliege und die Möglichkeit könnte genutzt werden, durch Streuen von Gerüchten über diese Person ihr in der Öffentlichkeit zu schaden.

Von Vorteil wäre es auch, wenn mehrere Zeugen Jehovas gleichzeitig zum VPKA geladen würden. Hier könnte man versuchen, durch psychologische Varianten, wie z.B. besonderes Bevorzugen einer Person, eine Person bleibt länger als die anderen etc., die Vorgeladenen gegenseitig zu verunsichern und Misstrauen zu erzeugen.

Besonderen Wert sollte man auf Informationen aus dem Ostbüro in Wiesbaden legen. Hier ließe sich die Wirksamkeit der MfS-Maßnahmen am ehesten herausfinden und mögliche Gegenstrategien in Erfahrung bringen.

Um Jehovas Zeugen nicht in eine "Märtyrerrolle" hineinzudrängen, sollte nicht der Glaube der Zeugen Jehovas, sondern nur ein konkret verletzter Straftatbestand oder eine Ordnungswidrigkeit staatliche Maßnahmen nach sich ziehen. Deshalb sollten offizielle sowie inoffizielle Informationen herangezogen werden und "taktisch klug" verwendet werden.

Das hieße:

  • "Diese Art der Einschätzung der Ausgangsmaterialien setzt einen konkreten Überblick über den betroffenen Bereich sowie umfassende Kenntnisse über die illegale Sekte voraus.
  • Aufklärung der Umstände der Straftat, der Ordnungswidrigkeit, des Vorsatzes sowie des betroffenen Personenkreises.
  • Klärung der Frage, wie ein Eingreifen berechtigter staatlicher Organe legendiert und realisiert werden kann. Kalkulation aller Umstände sowie Suche nach Möglichkeiten, direkte Maßnahmen des MfS zeitgemäß zu realisieren.
  • Überprüfung der sekteninternen Regeln auf ihre Verletzung hin, hier ist das Eingreifen staatlicher Organe nicht möglich.

  • Von der konspirativen Handhabung jeder Information hängt ab, inwieweit überhaupt das MfS oder staatliche Organe oder beide abgestimmt eingreifen können."

Diese Vorarbeit müsse das MfS leisten, um staatliches Eingreifen zu ermöglichen. Was das MfS selbst mit den "erarbeiteten" Informationen zusätzlich unternehme, läge allein im Verantwortungsbereich des MfS.

Besonderer Kritikpunkt bildete für Koepke das Fehlen von IM bei manchen Zersetzungsmaßnahmen. So schrieb er, dass erst ein Jahr nach Abschluss des OV "Duo" - hier ging es um Kuriertätigkeit - eine Reaktion sichtbar wurde: "die bekannten Zielpersonen benutzen keine VW-Kleinbusse mehr zur Einreise in die DDR".

Eine Information, die zeigt, dass die MfS-Arbeit nicht überschätzt werden darf. Das war auch Koepke durchaus bewusst. Er schrieb zum Schluss seiner Arbeit:

"Da bisher mangelhaft, sollten Auswirkungen von Maßnahmen der Zersetzung verstärkt für gezielte Maßnahmen der Kontaktierung von ZJ genutzt werden. Das sollte auch im Plan verankert werden."

Nach 30 Jahren MfS-Arbeit gegen Zeugen Jehovas lag das Ziel der Unterminierung und Beseitigung der Religionsgemeinschaft noch in weiter Ferne.

Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Waldemar Hirch:
Wissenschaftliche Darstellung der "Zersetzung" [der Zeugen Jehovas] in Abschlussarbeiten der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), in: ders. (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft - Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und Polen, Niedersteinbach 2001, Seite 47-52:


Oberleutnant Hans-Jürgen Wollenburg: „Der zielgerichtete Einsatz inoffizieller Mitarbeiter zur Entwicklung einer wirksamen Oppositionsbewegung im Rahmen der Zersetzung der auf dem Gebiet der DDR illegal tätigen Wachtturmgesellschaft." VVS Nr. 615/79, Abschluss der Arbeit am 15. Dezember 1978, 39 Seiten.


In der vierten Arbeit wurde über die Zeitschrift "Christliche Verantwortung"36 berichtet Diese war nichts anderes als eine "Zersetzungszeitschrift". Der Sperrvermerk dieser Arbeit begründete sich daraus, dass CV ein streng gehütetes Geheimnis war und strengster Geheimhaltung unterlag. Hier wurde ein politisches Unterdrückungs-System sichtbar, dass im Außenverhältnis Entspannung propagierte, im Innenverhältnis seine Gegner durch die Geheimpolizei brutal unterdrückte.

Diese Arbeit hatte den Aufbau einer Oppositionsbewegung durch IM gegen die WTG zum Hauptthema. Der Autor leitete seine Arbeit zunächst mit politischen Platitüden ein, wie der Aussage, die WTG würde "eine potentielle Reserve des Imperialismus" darstellen. Das Ziel der Arbeit des MfS gegen die Zeugen Jehovas war für ihn klar formuliert (S. 6): "... durch geeignete Mittel und Methoden und dem zielgerichteten Einsatz von inoffiziellen Mitarbeitern die in der DDR illegal tätigen Gruppen und Versammlungen in ihrer Wirksamkeit einzuschränken, sie systematisch zu zersetzen, staatsfeindliche Aktivitäten und kriminelle Handlungen aufzudecken und vorbeugend zu bekämpfen sowie die im Untergrund tätigen Stützpunkte zu liquidieren."

Der Aufbau einer Oppositionsbewegung sei eine Hauptmethode des Zersetzungsprozesses gegen die Zeugen Jehovas. Der Zersetzungsprozess erhalte dadurch eine neue Qualität und Dimension. Vorrangige Aufgabe von CV sollte sein (S. 10):

  • "die theoretische und religiöse Auseinandersetzung mit den Lehren und Dogmen der Wachtturmgesellschaft zur Erzeugung und Vertiefung von Widersprüchen und Oppositionshaltungen bei Zeugen Jehovas;
  • die Einschränkung und vorbeugende Verhinderung von feindlichen Einflüssen und kriminellen Handlungsweisen37durch das Ostbüro;

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36 Vgl. Waldemar Hirch, Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der DDR-Diktatur. Unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Mnisterium für Staatssicherheit, Peter Lang Verlag, Europäische Hochschulschriften, Frf./M. 2003
37 Hierunter verstand man z.B. die Literaturschleusung in die DDR.


  • die Entwicklung und Förderung eines gesellschaftspolitischen positiven Verhaltens von religiös missbrauchten und irregeleiteten Bürgern der DDR zur bzw. in der sozialistischen Gesellschaft;38
  • die Zusammenführung aller in Opposition stehenden Zeugen Jehovas unter dem vorgenannten Aspekt, zur Erhöhung der Wirksamkeit und Ausstrahlungskraft der der Wachtturmgesellschaft entgegenstehenden Bewegung; die Schaffung und Organisierung einer eigenständigen freien Christengemeinde aus ehemaligen Anhängern der Wachtturmgesellschaft, unter Ausschaltung des direkten feindlich-negativen Einflusses39 des Ostbüros."

Diese Art der Zersetzungsmaßnahmen wären nur langfristig möglich und in enger Zusammenarbeit der MfS-Hauptabteilung XX/4 und der Bezirksverwaltungen des MfS. Ein einheitliches und arbeitsteiliges Vorgehen müsse garantiert sein. Dies geht nur mit einem "zielgerichteten, langfristigen und qualifizierten" Einsatz von IM. Sie seien die "Hauptkräfte des Ministeriums für Staatssicherheit" (S. 8). Es gäbe zwei Einsatzrichtung für IM (S. 8): "1. inoffizielle Mitarbeiter in der Konspiration der Wachtturmgesellschaft; 2. inoffizielle Mitarbeiter in der Oppositionsbewegung." Diese sogenannten "Einfluss-IM" sollten "die Oppositionsbewegung organisieren, lenken und leiten oder durch das Ministerium für Staatssicherheit zur Unterstützung dieses Prozesses in diese Bewegung integriert werden" (S. 13).

Eine solche Oppositionsbewegung sei durch die Studiengruppe "Christliche Verantwortung" vorhanden. Er erklärte auch das Zustandekommen der sogenannten "Studiengruppe" (S. 9 f.): "Die Studiengruppe 'CV' und die gleichnamige von ihr herausgegebene Zeitschrift wurde durch die spezifischen Mittel und Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit geschaffen und stellt die legale ideologische und religiöse Basis der Oppositionsbewegung dar. 1977 wurde ein sogenannter 'Arbeitskreis CV' gebildet, dem gegenwärtig 40 ehemalige WTG-Mitglieder angehören, die alle auf dem Territorium der DDR existierenden oppositionellen Gruppen auf der Grundlage einer einheitlichen Konzeption anleiten." CV war vom MfS ins Leben gerufen worden und existierte als ideologisch verbrämter Kampfbund gegen Zeugen Jehovas.40

Der Zweck der Zeitschrift CV wurde wie folgt legendiert: "Christliche Verantwortung leitet an zu rechtem Forschen in der Heiligen Schrift und zu verant-

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38 Sie sollten sich mehr für den Aufbau des Sozialismus einsetzen und auch Wehrdienst leisten.
39 Dafür unter Einschaltung des direkten Einflusses des MfS.
40 1980 wurde die Herausgabe einer weiteren zersetzenden Zeitschrift "Weggefährte" vorgenommen. Deren Aufgabe bestand in der christlichen Neuorientierung der Zeugen Jehovas in der sozialistischen Gesellschaft. Herausgeber war der leitende Prediger der freien Christengemeinde Leipzig, Heinz Bolze.


wortungsbewussten Verhalten als Christ und Bürger. Übereinstimmend damit befasst sich CV mit Verkündigung und Organisation der Wachtturmgesellschaft. CV ist hier die erste Schrift verantwortungsvoller freier Diskussion für alle Versammlungen der WTG und ihrer einzelnen Glieder. Ehemalige möchten ihre Erfahrungen in CV kundtun, um zu helfen."41

Der zu erzielende Erfolg der "Zersetzungsmaßnahmen" läge in der Verantwortung der damit beschäftigten Diensteinheit und der beteiligten operativen Mitarbeiter. Sie hätten zur Aufgabe, Widersprüche "zu schaffen, zu vertiefen und oppositionelle Haltungen bei den Zeugen Jehovas zu erzeugen" (S. 11).

Von entscheidender Bedeutung wäre jedoch, dass "die 'CV-Tätigkeit' von der Wachtturmgesellschaft als auch von in Opposition stehenden Zeugen Jehovas nicht als eine vom Ministerium für Staatssicherheit gelenkte und inspirierte Bewegung erkannt" würde (S. 11).

Über die verschiedenen Diensteinheiten sollte über die Abteilung XX an CV besser zugearbeitet werden. Alle Informationen, die geeignet wären "zersetzend" zu wirken, sollten gesammelt und weitergeben werden, um sie in CV publizistisch zu nutzen.

Beim Großteil der IM, die in die Oppositionsbewegung integriert wurden, handelte es sich um ehemalige oder noch aktive Zeugen Jehovas, die davon überzeugt werden konnten, dass ihr religiöser Glaube von der WTG für politische Zwecke missbraucht wurde.

Besonders sollten die IM wie folgt vorgehen, um die "Zersetzung" zu forcieren (S. 22 f.):

  • "die Erzeugung von ablehnenden Haltungen bei Zeugen Jehovas zum Ostbüro und den angewandten Mitteln und Methoden der illegalen Tätigkeit auf dem Gebiet der DDR;
  • das Erkennen von Personen, die als 'Interessant' für die Wachtturmgesellschaft angesehen und für die Organisation gewonnen werden sollen;
  • ihr konsequentes Auftreten und Fordern von Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinschaft bei erkannten Fehlverhaltensweisen von Zeugen Jehovas, was gleichzeitig ihr Ansehen fördert."

Besonders der letzte Punkt zeigte, mit welchem Gegner Zeugen Jehovas es zu tun hatten. Einige Seiten zuvor hatte Wollenburg empfohlen, dass in der zersetzenden Zeitschrift den Lesern vorgehalten werden sollte, welch totalitäres System bei den Zeugen Jehovas herrschen würde, Zwang und Sanktionen würden angewandt, "bis hin zur 'Exkommunikation' bei Verstößen gegen die Regeln"

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41 Entnommen aus "Christliche Verantwortung", Ausgabe Nr. 9, S. l, Gera, Mai 1967.


der Gemeinschaft (S. 19). Gerade diese Forderung nach "Exkommunikation" sollten aber die IM bei Bekanntwerden von bestimmten Verstößen fordern, um als besonders linientreu zu gelten.

Sie sollten auf Sanktionen bestehen und möglichst versuchen, Vergebung zu verhindern. So hätte das MfS wieder einen Fall vorzuweisen, in dem es bei Zeugen Jehovas zu harten Sanktionen gekommen sei und es gäbe einen aktiven Zeugen Jehovas weniger.

Die Auseinandersetzung in den Gruppen sollte geschürt werden und sie sollten sich hauptsächlich mit ihren internen Problemen beschäftigen. Dann hätten sie für die Missionsarbeit keine Zeit und keine Motivation mehr. Misstrauen und gegenseitige Verdächtigungen sollten in die Gruppen hineingebracht werden.

Für die operativen Mitarbeiter und die IM wäre die wesentliche Aufgabe (S. 25), "die existierenden Oppositionsgruppen zu erhalten, zu stabilisieren und zu festigen. Dabei geht es vor allem darum, jedem Mitglied dieser Bewegung die Richtigkeit ihrer Trennung von der Wachtturmgesellschaft zu verdeutlichen und diesen Erkenntnisprozess zu unterstützen. Vom operativen Mitarbeiter als auch von IM ist dieser Umdenkungsprozess ständig zu beachten und zu analysieren, damit einheitliche konzeptionelle Auffassungen zum Vorgehen gegen die Wachtturmgesellschaft bestehen. Entsprechend des Bewusstseinsstandes ist die ablehnende Haltung gegen die Organisation - individuell und abhängig von der Motivation - zielstrebig zu vertiefen."

Als Schulungsmaterial galt besonders das Buch "Die Zeugen Jehovas", welches 1970 in der DDR erschien. Als Autor wurde offiziell Manfred Gebhard genannt, der aber in Wirklichkeit nur ein Strohmann war, da die wirklichen Hintermänner nicht in Erscheinung treten durften.42

Die angeblichen oder tatsächlichen Oppositionsgruppen hätten ohne das MfS als Motivator, Geldgeber, Agitator und Seelenfänger keine Chance auf Dauerhaftigkeit gehabt. Das MfS war der Kitt, der die einzelnen ehemaligen Zeugen Jehovas unter einem Dach vereinte, überhaupt erst eine Oppositionsbewegung in der DDR erschuf und ihnen das Gefühl gab, in einem großen, sinnvollen, sozialistischen Werk, der Zerstörung der "imperialistischen WTG", beteiligt zu sein. Dabei musste das MfS aber ein beständiges Augenmerk auf die einzelnen Mitglieder richten, damit diese ihm nicht wieder entglitten. Schließlich hatte man zur Gewinnung dieser Mitglieder viel Zeit und Mühe verwandt und sie

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42 Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, bearbeitet und herausgegeben von Manfred Gebhard, Urania-Verlag, Leipzig/Jena/Berlin, 1970. Lizenzausgabe für die BRD und Westberlin, Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr, 1971. Vgl. W. Hirch, "Erarbeitung einer .Dokumentation' über Jehovas Zeugen als MfS-Auftragswerk", in: Gabriele Yonan (Hrsg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000.


aufgebaut, hatte die WTG als "Reserve des Imperialismus" präsentiert, als Klassenfeind, den es erbittert zu bekämpfen galt.

[…]

Zersetzung einer Religionsgemeinschaft

Martin Jahn

Einleitung

Waldemar Hirch untersucht in diesem Buch die wissenschaftliche Darstellung der „Zersetzung“ an den Zeugen Jehovas in der ehemaligen DDR in Abschlussarbeiten an der Juristischen Hochschule (JHS) Potsdam. Die JHS galt über Jahrzehnte als Kaderschmiede des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. In diesen Abschlussarbeiten wird die Vorgehens weise des MfS, allgemein auch Stasi genannt, offen dargelegt und dadurch ein bezeichnendes Licht hinter die Kulissen eines totalitären Staates geworfen, der längst nur noch zu einem Kapitel unserer Geschichte geworden ist.

Es ist sehr aufschlussreich, in einer solchen Abschlussarbeit zu lesen, mit welchen Methoden und Maßnahmen die Stasi ausgezogen war, Jehovas Zeugen als Staatsfeinde zu diffamieren und ihren Glauben zu zersetzen. Dabei war ihnen fast jedes Mittel recht, um ihre Ziele zu erreichen. Besonders deutlich wurde mir das in der von Hauptmann Joachim Riedel an der JHS Potsdam geschriebenen Abschlussarbeit1 vor Augen geführt, die sich mit Stasi-Maßnahmen gegen Jehovas Zeugen im Raum Zwickau - Penig - Rochlitz während des Jahres 1979/1980 beschäftigt, von denen ich persönlich sehr stark betroffen war. Wenn man mit solchen Dokumenten konfrontiert wird, drängt sich natürlich die Frage auf, warum die Stasi in einer solchen Weise gegen Jehovas Zeugen vorging.

Jehovas Zeugen sind seit über 100 Jahren in Deutschland aktiv und gehören zur Geschichte unseres Landes. Bereits während der NS-Zeit mussten sie harte Verfolgung über sich ergehen lassen, die für mehr als 1.500 von ihnen den Tod bedeutete. Adolf Hitler und seine Helfer hatten sich darangemacht, Jehovas Zeugen auszurotten, doch im Jahre 1945 waren Jehovas Zeugen als Gruppe immer noch da - ganz im Gegensatz zu ihren früheren Peinigern. Doch nur wenige Jahre später fand die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Gebiet der ehemaligen DDR eine erschreckende Fortsetzung, bei der die Stasi eine Schlüsselrolle spielte. Es wird eine Hilfe sein, die Geschichte der Verfolgung

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1 JHS Potsdam, Lehrgang: 7. FFSL, Geheime Verschlusssache JHS Nr. 135/80, Autor: Hauptmann Joachim Riedel, MfS-BV Karl-Marx-Stadt, Abt. XX, vom 30.11.1980. Thema der Abschlussarbeit: „Die Verallgemeinerung von Erfahrungen aus der operativen Bearbeitung von Funktionären der verbotenen Organisation ,Zeugen Jehovas4 in OV, insbesondere der Durchführung von Maßnahmen der Zersetzung, Verunsicherung und Differenzierung44.


der Zeugen Jehovas nicht zu vergessen und besonders zur Aufklärung junger Menschen beitragen, die diese Zeit persönlich nicht erlebt haben.

Jehovas Zeugen fühlten sich in der DDR erneut einem Regime ausgesetzt, das ihnen nicht gestattete, ihre religiöse Überzeugung zu praktizieren. Obwohl in der Verfassung der DDR die Glaubensfreiheit festgeschrieben war, wurde sie doch von den Machthabern der DDR und ihrem Werkzeug in Form der Stasi mit Füßen getreten. Da ich während der vier Jahrzehnte der Existenz der DDR stets als Zeuge Jehovas tätig war und über viele Jahre innerhalb der Organisation der Zeugen Jehovas in Sachsen Verantwortung getragen habe, spürte ich und auch meine Familie diese Verfolgung in vielfältiger Weise. Wenn ich auf die vergangenen sechs Jahrzehnte meines Lebens zurückblicke, kommen mir viele persönliche Erlebnisse in Erinnerung.

Als Vierjähriger musste ich verkraften, dass mein Vater im Krieg auf der Krim sein Leben verlor und meine Mutter zur Witwe wurde. Über ein Jahr später erlebte ich, wie abgemagerte Männer und Frauen in unserer Nachbarschaft aus Hitlers Konzentrationslagern nach Hause kamen. Trotz ihres körperlich schwachen Zustandes waren sie glücklich und freudig, weil sie ihren Glauben an ihren Gott Jehova bewahrt und das menschenverachtende Nazisystem erhobenen Hauptes überlebt hatten. Ihr biblisch gestützter Glaube an eine bessere Welt unter Gottes Königreich bot meiner Mutter und mir eine echte Hoffnung, und so studierten wir die Bibel und wurden Zeugen Jehovas.

Jehovas Zeugen waren der Führung der SED2 jedoch ein Dorn im Auge. Bereits im Sommer 1949, noch vor Gründung der DDR, beschloss das Politbüro der SED die Durchführung bestimmter Maßnahmen gegen die Zeugen Jehovas. Am 30. August 1950 fand eine landesweite Verhaftungsaktion statt, die viele Zeugen Jehovas hinter Gitter brachte. Zu den Verhafteten gehörten viele, die erst 1945 aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern der Nazis nach Hause gekommen waren. Erst einen Tag später verfasste der damalige Innenminister der DDR, Steinhoff, ein Schreiben an das Magdeburger Zweigbüro der Zeugen Jehovas, in dem er das Verbot der Tätigkeit unserer Religionsgemeinschaft mitteilte.

Nach der Veröffentlichung des Verbots in den Medien erlebte ich in der Schule enormen Druck seitens der Lehrer und auch starken Spott durch einzelne Mitschüler. Bald sollte uns das Leben als Zeugen Jehovas auch zu persönlichen Erfahrungen mit der Stasi verhelfen. Da ich in der Schule sehr gute Leistungen brachte, sollte ich ab 1952 eine höhere Schule mit dem Abitur als Ziel besu-

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2 Sozialistische Einheitspartei Deutschlands.


chen, was jedoch nur mit dem Eintritt in die FDJ3 und anderer Organisationen wie GST4 und DSF5 möglich gewesen wäre. Da ich jede politische Betätigung ablehnte, führte das zu vielen „Gesprächen“ und einer darauf folgenden intensiven „Beobachtung“ unserer Familie durch die Stasi, wie dies aus den jetzt aufgefundenen Karteikarten sichtbar wurde.

Im Herbst 1953 erhielt ich eine Lehrstelle als Maschinenschlosser in einem Großbetrieb in Penig, der damaligen Peniger Maschinenfabrik. Als einziger von über 220 Lehrlingen in diesem Betrieb beteiligte ich mich nicht an politischen Aktivitäten. So galt ich auch dort von Anfang an als geächtet und musste viele Repressalien erdulden.

Im Jahre 1957 wurde mir gestattet, mit der Bahn eine Reise nach Westdeutschland zu unternehmen. Ich kaufte mir eine Fahrkarte nach Dortmund, um dort am Kongress der Zeugen Jehovas in der Westfalenhalle teilzunehmen. Welch eine Überraschung für mich, als ich bei einem Spaziergang in Dortmund meinen früheren Schulleiter und damaligen Ortsparteisekretär der SED. Karl Linke sah. Wie ich später feststellte, blieb mein Kongressbesuch der Stasi nicht verborgen. Ungeachtet dieser Tatsache waren die Tage in Dortmund ein bleibendes unvergessliches Erlebnis für mich. Nach einem sehr gründlichen Studium der Bibel hatte ich gebetsvoll in meinem Herzen beschlossen, mich Jehova Gott hinzugeben und fortan seinen Willen zu tun. Am 2. August 1957 konnte ich im Stadtbad von Lünen bei Dortmund meine Hingabe an Jehova Gott durch die Wassertaufe symbolisieren. An jenem Tag begann mein Lebensweg als ein getaufter Zeuge Jehovas.

Diesen Weg ließ mich die Stasi zu keiner Zeit unbeobachtet gehen. Überall, ob in der Umgebung unserer Wohnung oder am Arbeitsplatz blieb ich stets im Visier der Stasi. Einer unserer Nachbarn. Werner Herfurth, kam eines Abends zu uns und offenbarte uns, dass er uns „beobachten und alles melden muss“. Er sagte, dass wir uns doch „bitte darauf einstellen“ sollten. Wenn wir heute zurückblicken. können wir sagen, dass wir durch ihn keinen spürbaren Schaden erlitten haben. Dasselbe kann ich auch über die „Beobachtungstätigkeit“ meines langjährigen Arbeitskollegen Herbert Schönfelder sagen, der an unserer Arbeitsstelle über viele Jahre von Informationen über mich und andere Arbeitskollegen jeden Montag früh um 8.00 Uhr in einem besonderen Raum von der Polizei bzw. der Stasi „abgeschöpft“ wurde. Unser sehr gutes kollegiales Verhältnis führte dazu, dass er mich oft über bestimmte Gefahren, die auf mich

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3 Freie Deutsche Jugend, die Jugendorganisation der Staatspartei SF.D.
4 Gesellschaft für Sport und Technik, eine Organisation zur vormilitärischen Ausbildung.
5 Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.


lauerten, informierte und einmal hat er mich sogar vor einem geplanten Zugriff der Volkspolizei gewarnt und diesen dadurch verhindert.

Als ich im Jahre 1960 Erna Reinshagen heiratete, hatte ich eine treue Partnerin an meiner Seite. Sie war mir stets eine große Hilfe und unterstützte mich, wo sie nur konnte. Persönlich konnten wir verspüren, dass sich nach dem Bau der Berliner Mauer zwar die Methoden der Stasi geändert hatten, jedoch nicht ihre Ziele, die darin bestanden, die Organisation der Zeugen Jehovas zu zersetzen und zu zerschlagen. Dazu war der Stasi jedes Mittel recht. So erhielt ich in jener Zeit regelmäßig mit der Post Briefe von Willy Müller6 aus Gera. Nachdem ich festgestellt hatte, welchem Zweck diese Briefe und auch die uns später zugesandten „CV-Zeitschriften“7 dienten, wurde entweder von uns gegenüber der Post die Annahme dieser Sendungen verweigert, oder die Briefe wurden nach Erhalt ungelesen vernichtet. Weder bei mir und meiner Familie noch in unserem Freundeskreis konnte die Stasi mit dieser Methode ihr Ziel erreichen.

Eine besondere Konfrontation mit der Stasi erlebten wir nach der Geburt unseres Sohnes Michael. Im Krankenhaus Rochlitz wurde bei ihm eine Neugeborenengelbsucht festgestellt. Als einzige Therapie hatte der dort tätige Kinderarzt einen Blutaustausch angeordnet, wozu Michael in das Krankenhaus Rabenstein bei Chemnitz verlegt wurde. Da wir einem solchen Blutaustausch aus Gewissensgründen nicht zustimmen konnten, baten wir um alternative Behandlungsmethoden, die uns von diesem Arzt verweigert wurden. In einem Gespräch mit ihm stellte er mir gegenüber heraus, dass er als katholischer Christ unseren Standpunkt nicht verstehen kann und er „schon die notwendigen Schritte für das Wohl des Kindes“ eingeleitet hätte. Diese „Schritte“ bestanden außer der Verlegung in das Rabensteiner Krankenhaus auch darin, über den Rat des Kreises Geithain und das Kreisgericht Geithain einen Sorgerechtsentzug zu erwirken.

Es gab zu jener Zeit jedoch auch Ärzte, die für unseren biblisch fundamentierten Standpunkt in der Blutfrage Verständnis zeigten und uns unterstützten. Dazu gehörte ein Gynäkologe aus Rochlitz, der bei der Verlegung unseres Sohnes in das Rabensteiner Krankenhaus eine Mitteilung beigefügt hatte, dass wir als Zeugen Jehovas eine Therapie unter Verwendung von Fremdblut aus Gewissensgründen ablehnten. Diese Mitteilung war für die Rabensteiner Oberärztin

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6 Willy Müller war von 1959 bis 1970 inoffizieller Mitarbeiter der Stasi unter dem Decknamen „IM Rolf“.
7 Die Zeitschrift „CV - Christliche Verantwortung“ wurde ab November 1965 unter dem Namen von Willy Müller unter direkter Anleitung und Regie von Offizieren der Stasi herausgegeben. Mitarbeiter waren u.a. die IM „Wilhelm" alias Dieter Pape, „Kurt Berg“ alias Manfred Gebhard und „Stromer“ alias Erich Kohlheim.


Anlass, keine Bluttransfusion durchzuführen, sondern alternative Behandlungsmethoden zu wählen, die in der Verabreichnung eines Eisenproduktes in Tropfenform und in Bestrahlung bestanden. Der in diesem Krankenhaus bereits fernschriftlich vorliegende Sorgerechtsentzug erlangte keine Bedeutung, da sich die Blutwerte unseres Sohnes stündlich besserten und die Gelbsucht bald überwunden war.

In dieser Situation, zwei Tage nach der Geburt unseres Sohnes, wurde die Stasi aktiv. Zunächst wollten sie mich zu Hause erreichen, was nicht gelang, da ich an diesem Tag etwas länger in meiner Arbeitsstelle war. Im Gemeindeamt unseres Heimatortes warteten sie nun auf mich, und als ich mit dem Motorrad kam, wurde ich von der Straße weg in das Gemeindeamt gebracht. Dort sollte ich mürbe gemacht werden. Sie drohten mir damit, falls durch die Verweigerung der Blutübertragung unserem Sohn Schaden entsteht oder er sogar stirbt, würden sie mich hinter Gitter bringen. Sie wollten einen Präzedenzfall schaffen. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, war die deutliche Besserung des Gesundheitszustandes unseres Sohnes. Das führte dann dazu, dass sie mich nach ca. 4 Stunden intensiver „Bearbeitung“ nach Hause fahren ließen.

Ungeachtet der ständigen Drohungen der Stasi, die uns durch Stasi-Mitarbeiter und ihre Helfershelfer überbracht wurden, trafen wir uns regelmäßig in unserer Wohnung im kleinen Kreis, um unsere Bibelstudien durchzuführen. Freudig nutzten wir auch jede Gelegenheit, anderen die gute Botschaft von Gottes Königreich bekanntzumachen. Diese Tätigkeit konnte nicht verborgen bleiben und so kam es hin und wieder zu Konfrontationen mit der Stasi oder der Polizei. Manchmal gab es auch Gelegenheiten, sich im größeren Kreis mit anderen Zeugen Jehovas zu treffen. Hochzeitsfeiern und andere Familienfeste waren dazu willkommene Anlässe. Auch bei Trauerfeiern gab es die Gelegenheit, viele unserer Glaubensbrüder und -Schwestern zu sehen. Da Trauerfeiern öffentlich sind, führte es dazu, dass die Stasi manchmal auch bei solchen Anlässen präsent war. So erlebte ich es am 17.12.1977. als ich in Penig (Sachsen) bei einer Trauerfeier für eine verstorbene Glaubensschwester die Ansprache hielt. Unter den mehr als 150 Trauergästen waren auch Stasi-Mitarbeiter anwesend. Sie schrieben einen ausführlichen Bericht über die äußeren Umstände, die Anwesenden und über mich. Alle Hauptpunkte der Ansprache wurden genau notiert. Danach erfolgte bei der Stasi-Kreisdirektion (KD) Rochlitz die Auswertung. Dazu wurde auch die Einschätzung des SED-Parteisekretärs meiner Arbeitsstelle eingeholt.8 Mit der handschriftlichen Empfehlung der Stasi-Offiziere

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8 Im Stasi-Dokument der KD Rochlitz vom 22.12.1977, unterzeichnet von Oberleutnant Wolfram, heißt cs dazu: „Laut Einschätzung des APO-Sekretärs („Abteilungspartciorganisations“-Sekretärs) Genossen Steinbach ist der Jahn ein sehr guter Arbeiter und hat auf Grund seines ausgezeichneten Fachwissens hohes Ansehen unter seinen Kollegen. Er ist aktiv an der Neuererbewegung beteiligt.


Decker, Zschämisch und Riedel, „Jahn nach OWG9 abzustrafen“, ging dieses Dokument zu den Stasi-Bezirksverwaltungen nach Chemnitz und Leipzig.10 Ich habe natürlich über diese Vorgänge damals nichts gehört und erst durch die mir von der Gauck-Behörde übergebenen Dokumente darüber Kenntnis erlangt.

Im Jahre 1979 sollte ich die Zersetzungsmethoden der Stasi auf eine besondere Weise erleben. Zu jener Zeit führte ich im Bereich Chemnitz - Zwickau Schulungen für leitende Prediger der Zeugen Jehovas durch (Königreichsdienstschule). Bei der Vorbereitung einer solchen Schule am 24.11.1979 in Zwickau, an der sieben Glaubensbrüder teilnahmen, hatte uns die Stasi eine Falle gestellt11 und uns alle acht verhaftet. Nach einem über viele Stunden dauernden Verhör im Volkspolizeikreisamt Zwickau, zu dem die hauptverantwortlichen Stasi-Offiziere des MfS HA XX/4 angereist waren, wurden uns hohe Ordnungsstrafen auferlegt (4 x 500,00 Mark und 4 x 1.000,00 Mark).12 Diese Vorgänge in Zwickau ließen uns deutlich erkennen, dass Verrat im Spiel war, doch wir mussten sehr lange warten, um die Verräter zu identifizieren.

Unter den vielen bei der Gauck-Behörde lagernden Dokumenten findet sich ein Ordner mit dem Titel „Abteilung XX - Nr. XX 593 - Königreichsdienstschule der Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt13 - 1979-1980“. Durch diese Dokumente werden die Vorgänge und Hintergründe des Jahres 1979 offengelegt. Daraus ist ersichtlich, dass es der Stasi gelungen war, zwei leitende Prediger der Zeugen Jehovas aus Zwickau zur Mitarbeit als inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu verpflichten und zu Zersetzungs- und Liquidierungsmaßnahmen einzu-

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Jahn hat ein ausgeprägtes Redetalent und nutzt diesen Vorteil geschickt aus, um unter seinen Arbeitskollegen für die Sekte ZJ zu werben. Über diesbezügliche Erfolge ist bisher jedoch nichts bekannt.“

9 Ordnungswidrigkeitengesetz, nach dem Geldstrafen bis zu 1.000 Mark verhängt werden konnten.
10 Die Stasi musste in zwei BV Akten über mich führen. Einmal in Leipzig, da mein Wohnort Niedersteinbach damals zum Bezirk Leipzig gehörte. Außerdem wurden diese Akten auch in Karl- Marx-Stadt angelegt, da meine Arbeitsstelle in Penig zum Bezirk Karl-Marx-Sladt gehörte und sich auch die meisten meiner Aktivitäten als Zeuge Jehovas in diesem Bezirk abspielten.
11 In enger Zusammenarbeit der BV Karl-Marx-Stadt mit der HA XX/4 wurde der Einsatz der Stasi minutiös geplant.
12 In der Ordnungsstrafverfügung, die ich erhalten habe, war folgendes zu lesen: „Sic haben am 24.11.1979 eine Ordnungswidrigkeit begangen, indem Sie sich vorsätzlich an einem Zusammenschluss der verbotenen Organisation Zeugen Jehovas zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele beteiligten. - Ordnungswidrigkeit nach §§ 16 (la) und (2) der Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen vom 6.11.1975. Es wird daher gegen Sie als Ordnungsstrafmaßnahme (GBL. 1. Nr. 44, S. 723) eine Ordnungsstrafe von 1.000,00 (Eintausend) Mark festgesetzt. Begründung: Aufgrund der Art und Schwere der Rechtsverletzung ist der Ausspruch einer Ordnungsstrafe erforderlich.“
13 Karl-Marx-Stadt - heute wieder Chemnitz in Sachsen.


setzen. Die IM „Günther“14 und IM „Quermann“15 wurden im Jahre 1979 gezielt benutzt, um die Königreichsdienstschule „aufzuklären“, damit diese dann durch das MfS „zerschlagen und liquidiert“ werden konnte.16

Diese Königreichsdienstschule bestand aus zwei Teilen. Zunächst fand jeweils eine Besprechung statt, bei der die vorgesehenen Teilnehmer schriftliche Unterlagen erhielten. Diese Unterlagen dienten als Grundlage für eine gute Vorbereitung des Unterrichtsstoffes für die eigentliche Schule, die nach einigen Wochen an einem Wochenende stattfand. Während der IM „Günther“ bereits an einer solchen Schulung im August/September 1979 im Raum Rochlitz teilnahm, sollte der IM „Quermann“ im November/Dezember eine solche Schulung im Raum Zwickau erhalten.

Der IM „Günther“ berichtete dem MfS ausführlich über die Vorbereitungsbesprechung zu dieser Schule, an der er im Juli 1979 teilnahm. Er übergab dabei der Stasi alle schriftlichen Unterlagen, die er erhalten hatte. Auch nannte er den Termin, an dem die eigentliche Schule stattfinden sollte, nur den Ort konnte er nicht nennen, da diesen Ort keiner der Teilnehmer vorher erfahren hat. Stasi- Offizier Riedel17 empfahl, die Liquidierung der Schule im September im Beisein des IM „Günther“ sei nicht angebracht, da der IM „Günther“ „erst im August eine Nichtrentnerreise in die BRD18 durchführte und es könnte dadurch der Verdacht entstehen, dass der IM mit dem MfS zusammenarbeitet“. Bei dieser BRD-Reise hatte der IM „Günther“ einen wichtigen Auftrag des MfS auf dem Gebiet der BRD auszuführen, für den er vom MfS 200,00 Mark finanzielle Unterstützung erhielt.

So wurde der IM „Günther“ zwei Tage vor der Schule nochmals durch seinen Führungsoffizier Joachim Riedel genau instruiert, auf was er zu achten hat und welche Angaben die Stasi von ihm benötigt.19 Der IM „Günther“ nahm dann an dieser Schulung teil, machte jedoch einen auffallend nervösen Eindruck, den er

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14 Vgl. S. 68, Anm. 53.
15 Vgl. S. 70, Anm. 56.
16 Weitere Einzelheiten über diese MfS-Aktion sind auch in der Abschlussarbeit von Hauptmann Joachim Riedel zu finden. Vgl. S. 66 ff.
17 Joachim Riedel gehörte gemeinsam mit den Stasi-Offizieren Rolf Uksa, Karl-Heinz Decker. Geralf Damisch und Uwe Vorberg viele Jahre zu der Stasi-Truppe, die sich speziell mit Jehovas Zeugen im Bezirk Karl-Marx-Stadt „beschäftigte“.
18 Der TM „Günther“ war Invalidenrentner, daher hatte er die Möglichkeit zu Besuchsreisen in die BRD.
19 Der IM sollte u.a. auf folgendes genau achten: Kennzeichen des ihn abholenden PKW, Namensschilder, markante Merkmale des Gebäudes, in dem die Schule durchgeführt wird, was ist in der Umgebung zu sehen, welche Gerätschaften usw. kann er erkennen, welche Straßennamen oder Firmenzeichen kann er während der Fahrt mit dem PKW erkennen.


mit gesundheitlichen Problemen begründete. Was seine Berichterstattung an die Stasi betrifft, so war er äußerst genau und achtete auf winzige Einzelheiten, die zur Identifizierung des Ortes und der Teilnehmer20 führen sollte. Die vom IM genannten genauen Einzelheiten der Wegbeschreibung der Anfahrt bzw. des Fußweges zum Treffort sowie von Gebäuden. Gartenzäunen und Einzelheiten der Gartenbepflanzung am Ort machten es der Stasi möglich, innerhalb weniger Tage den Ort der Schule zu identifizieren.

Der IM „Günther“ hatte auch nach seiner Teilnahme an der Schule wichtige Aufgaben für die Stasi zu erfüllen, um die Zerschlagung der Schule bestens vorzubereiten. Da die Stasi annahm, dass diese Schule immer am gleichen Ort stattfindet, konzentrierte sich der Einsatz der Stasi und des IM „Günther“ auf den Kreis Rochlitz. In einem von den Stasi-Offizieren der BV Karl-Marx-Stadt, Joachim Riedel und Heinz Engelhardt21 verfassten Maßnahmeplan22 wurden dazu konkrete Festlegungen getroffen. Zum Beispiel sollte bei Zerschlagung der Schule „jeder Anwesende entsprechend dem Gesetz zur Bekämpfung von Ordnungswidrigkeiten mit 1.000,00 Mark Geldstrafe belegt“ werden und gegen mich ein Ermittlungsverfahren nach § 218 StGB der DDR („Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele“) eingeleitet werden.

Anfang November 1979 wurde eine weitere Schulung im Raum Zwickau geplant, an der auch IM „Quermann“ teilnehmen sollte. Da der IM „Günther“ diese Schule bereits besucht hatte, wurde er bei der genauen Vorbereitung nicht mit einbezogen. Der Stasi entging jedoch nichts, da jetzt der IM „Quermann“ der Verbindungsmann „vor Ort“ war. So konnte die Stasi den Zugriff am 24. November 1979 bestens vorbereiten. Es wurden Vorschläge durch die Stasi- Offiziere gemacht, die dann im von Generalmajor Siegfried Gehlert23 bestätigten Maßnahmeplan24 ihre Konkretisierung erfuhren.

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20 Die Teilnehmer trugen während dieser Schulung aus Sicherheitsgründen einen Decknamen. Dadurch war es dem IM nicht möglich, die Namen der Teilnehmer der Stasi bekanntzugeben.
21 Major Heinz Engelhardt, geb. 09.02.1944, begann seine Stasi-Karriere 1962 bei der BV Karl- Marx-Stadt. Von 1968 bis 1974 absolvierte er ein Fernstudium an der JHS Potsdam-Eiche. Ab 1976 war er Leiter der Abteilung XX bei der BV Karl-Marx-Stadt. Kurze Zeit nach den „Zwickauer Ereignissen“ wurde er zum Oberstleutnant befördert. Engelhardt wurde 1986 nach Frankfurt/ Oder versetzt und war ab 1987 als Generalmajor Leiter der BV Frankfurt/Oder. Von Dezember 1989 bis Januar 1990 war er Leiter des Amtes für Verfassungsschutz der DDR. Engelhardts Nachfolger als Leiter der Abteilung XX bei der BV Karl-Marx-Stadt wurde der Stasi-Offizier Peter Eichler, der zum Oberstleutnant befördert wurde.
22 Maßnahmeplan vom 12.10.1979 zum OV „Thurm“ - Reg.-Nr. XIV 864/62 - „Königreichsdienstschule“ im Kreis Rochlitz.
23 Siegfried Gehlert, geb. 19.07.1925, begann seine Stasi-Laufbahn 1950 in Auc/Erzg.. Über die Stationen Auerbach und Schwarzenberg kam er 1954 nach Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Von 1958 bis 1989 war er Leiter der BV Karl-Marx-Stadt. Von 1960 bis 1965 absolvierte er ein Fernstudium


Mit einem Großaufgebot aus ihren Abteilungen VIII, IX und XX rückte die Stasi an, um uns festzunehmen, abzutransportieren und zu verhören. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, wurde auch der IM „Quermann“ mit festgenommen, verhört und später ebenfalls zu 1.000,00 Mark Geldstrafe verurteilt.25 Bei dieser Aktion wurde auch mein PKW „Trabant“ durch die Stasi gründlich durchsucht und „präpariert“, was sich später zeigen sollte.26

Der Leiter der BV Karl-Marx-Stadt, Generalmajor Gehlert, schrieb am 27.11.1979 eine Erfolgsmeldung über die Zerschlagung einer „konspirativ organisierten und gesetzwidrigen Zusammenkunft von Funktionären der illegalen Sekte der Zeugen Jehovas am 24.11.1979 in Zwickau“ an den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, Siegfried Lorenz.27 Durch dieses Schreiben wird die enge Verflechtung von Partei und Stasi deutlich sichtbar.

In enger Absprache mit der HA XX/428 führten Stasi-Offiziere in den nächsten zwei Wochen „Differenzierungsgespräche“ mit verschiedenen verantwortlichen Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt, mit dem Ziel, uns einzuschüchtern und einzuengen. Doch dieser Plan der Stasi war zum Scheitern verurteilt.29

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an der JHS Potsdam-Eiche. Dort promovierte er 1973 zum Dr. jur. Im Jahre 1987 wurde er zum Generalleutnannt befördert.
24 Maßnahmeplan vom 22.11.1979 zur Liquidierung der im OV „Thurm“ - Reg.-Nr. XIV 864/62 pol.-op. bearbeiteten „Königreichsdienstschule“ der verbotenen Organisation „Zeugen Jehova“.
25 Wie aus der in Anm. 1 genannten Abschlussarbeit hervorgeht, wurde der IM vom MfS so instruiert, dass er sich bei der Vernehmung so verhalten soll, dass der MfS-Vernehmer nichts von der inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS erfährt. Er wurde also „echt vernommen“ und dann auch abgestraft.
26 Bei späteren Fahrten konnte ich stets ein „Begleitfahrzeug“ feststellen. Nachdem ich diese konsequente Überwachung verspürt hatte, erlaubte ich mir manche „Testfahrten“ auch über Feldwege. Es war „beruhigend“, auch in unwegsamen Gelände nie allein zu sein. Als meine Tochter mit ihrer Freundin und deren Bruder mit diesem Pkw im April 1986 eine Fahrt nach Prag unternahmen, wurde sie am Grenzkonntrollpunkt Reitzenhain im Erzgebirge „gründlichst kontrolliert“, wozu auch das Zerlegen des Fahrzeugs gehörte.
27 Streng vertrauliche Information des MfS. BV Karl-Marx-Stadt Nr. 551/79 - Gen. Lorenz
28 Die MfS-HA XX befasste sich mit u.a. mit Kunst, Kultur und Untergrundtätigkeit und stand seit 1964 unter der Leitung von Generalleutnant Paul Kienberg, geb. am 15.10.1926. Kienberg wurde 1949 Angehöriger der Deutschen Volkspolizei. 1950 ging er zur Stasi, von 1963-1968 absolvierte er ein Fernstudium an der JHS in Potsdam-Eiche. Als Leiter der HA XX/4, die sich mit Kirchen und Religionsgemeinschaften befasste, war bis 1989 Oberst Wiegand tätig. Zu den Stasi-Offizieren, die sich besonders mit Jehovas Zeugen beschäftigten, gehörte u.a. Major Oskar Herbrich. Herbrich und Wiegand waren nach dem Ende des MfS weiter beim neugegründeten „Amt für Nationale Sicherheit“ tätig.
29 Die in Anm. 1 genannte Abschlussarbeit berichtet ausführlich über die „Liquidierung der Unterweisung der Königreichsdienstschule“. Riedel hat in dieser Arbeit die aufgeführten Klar- und Decknamen abgeändert. So schreibt er am Schluss seiner Arbeit, dass „durch die durchgeführten


Die Tatsache, dass uns der oder die Verräter zu jenem Zeitpunkt namentlich nicht bekannt waren, schränkte unsere Tätigkeit in keiner Weise ein, gebot uns aber, weiter sehr vorsichtig zu sein. Das zahlte sich bei einer weiteren Schulung der leitenden Prediger aus Zwickau im Winter 1983/1984 aus, an der auch der IM „Quermann“ teilnehmen sollte. Die vorbereitende Besprechung fand an einem Ort in der Nähe von Penig (Sachsen) statt. Während dieser Besprechung erwähnte ich ganz bewusst, dass wir uns zu dem geplanten Termin „hier“ wieder sehen werden, obwohl wir einen anderen Ort vorgesehen hatten. Der IM „Quermann“ war daraufhin sehr fleißig und notierte alle Einzelheiten über das Gebäude, die Bewohner, die vorhandenen Haustiere und er fertigte sogar Skizzen über Straßen und Wege in der Umgebung des Hauses und Skizzen von der Gesichtsform der Hausbewohner an. Jetzt hatte die Stasi in den nächsten Wochen Gelegenheit, das Haus und die Bewohner zu identifizieren, was ihnen auch gelungen ist. So bereitete die Stasi einen neuen Zugriff am geplanten Termin vor, der jedoch ausfiel. Die Fahrzeuge, die die Teilnehmer aus Zwickau transportierten, fuhren an den von uns geplanten anderen Ort. Dort konnte die Schule in Ruhe durchgeführt werden, während sich die Stasi-Leute an dem vom IM „Quermann“ genannten Ort kalte Füße holten.

Die MfS-BV Karl-Marx-Stadt legte 1985 den operativen Vorgang (OV) „Buch“30 an. Aus einem von Generalmajor Gehlert bestätigten Maßnahmeplan vom 1.4.1986 geht hervor, dass im OV „Buch“ die „überörtlichen Funktionäre der verbotenen Organisation ZJ bearbeitet“ werden. Erstes Ziel war dabei die Aufklärung über „noch nicht personifizierte Funktionäre“ der Zeugen Jehovas im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Weitere Schweipunkte waren die „Aufklärung der Königreichsdienstschulen, deren Veranstaltungsorte sowie der Teilnehmer“. Die Auswirkungen dieses Maßnahmeplanes konnte ich immer wieder persönlich verspüren.

Im Jahre 1987 legte die Stasi eine weitere, direkt auf mich bezogene Akte an.31 Dazu wurden die Karteikarten zu meiner Frau ergänzt und für unsere drei Kinder Stasi-Unterlagen angelegt. Unser Sohn erhielt in der Schule Langenleuba- Oberhain (bei Penig) Besuch von einem Stasi-Mitarbeiter, der mit ihm Gespräche über unsere Familie, unsere Postverbindungen und unsere Verwandten in

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Maßnahmen die Konspiration der beiden IM „Konrad“ (alias IM „Günther“) und IM „Kreutzer“ (alias IM „Quermann“) vollkommen gewahrt blieb. ... Durch diese ... Maßnahmen konnten seitens des MfS konkrete Maßnahmen der Überprüfung der beiden IM ... auf Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit vorgenommen werden, und ihr Verhältnis zum MfS festigte sich noch mehr.“
30 OV „Buch“ wurde als Teilvorgang 17 zum zentralen operativen Vorgang (ZOV) „Sumpf unter der Reg.-Nr. XIV 3075/85 angelegt.
31 Reg.-Nr. XX - 742, „Abteilung XX - Überwachung des Kreisdieners der Zeugen Jehovas Martin Jahn aus Niedersteinbach“.


der BRD führen wollte. Am 8.4.1987 kamen zwei Stasi-Offiziere zu mir an meine Arbeitsstelle im VEB Getriebewerk Penig, um eine „Disziplinierungsmaßnahme“32 durchzuführen. In einem Dokument vom 19. Mai 1987 schreibt Oberstleutnant Eichler als Leiter der Abteilung XX in der BV Karl-Marx-Stadt an die BV Leipzig, dass „die Bearbeitung des Kreisaufsehers Jahn“ künftig gemeinsam zwischen Karl-Marx-Stadt und Leipzig „koordiniert werden sollte“. So blieb ich selbst und meine Familie stets im Visier der Stasi.

Die Stasi nutzte alle verfügbaren Informationsmöglichkeiten aus. Ein Beispiel dafür ist der IM „Balduin“.33 Am 26.6.1981 schreibt er nach den sogenannten „Volkswahlen“ einen Bericht an die Stasi von „Feststellungen über erhöhte Aktivitäten der Zeugen Jehova in Niedersteinbach“. Er schreibt, dass „die Aktivitäten vor der Wahl bei dieser Sekte recht angestiegen waren. Es gab regelmäßig 2 mal wöchentlich Zusammenkünfte aller Mitglieder der Gemeinde. In der Zwischenzeit wurden oft fremde Fahrzeuge bei Martin Jahn gesehen. Noch am 12. und 13. Juni wurde durch zwei fremde Bürger im Ort intensive Werbetätigkeit festgestellt worden. Bei manchen Bürgern hielten sie sich über eine Stunde auf und waren sehr hartnäckig in ihrer Argumentation. Die Sekte trifft sich regelmäßig mindestens 1 mal in der Woche. Mittelpunkt ist Jahn, Martin, welcher auch als Prediger dieser Sekte in mehreren Orten auftritt. Von hier aus gehen alle Aktivitäten der gesamten Arbeit und dort ist auch Umschaltstation für alles was in dieser Sekte geschieht.“ Unterschrieben hat er diesen Bericht mit „Balduin“ und seinem Klarnamen-Kurzzeichen „Gö“. „Balduin“ war in seiner Arbeit für die Stasi sehr rege. So teilte der IM „Balduin“ dem Unterleutnant Spranger von der KD Geithain am 6. Februar 1984 mit, dass Jahn „Einreisen aus der BRD“ hat und „dadurch schriftliches Material für seine Sektentätigkeit“ erhält. Er „schöpfte“ auch Informationen von der Postzustellerin ab und vermeldete der Stasi, ich würde „zahlreiche Pakete aus dem NSW34“ erhalten. Außerdem benutzte der IM „Balduin“ seinen Bruder, der im Nachbarhaus von mir wohnt, um Pkw-Kennzeichen von meinen Besuchern zu notieren und „Personenbewegungen“ zu überwachen. Interessant an den Berichten von „Balduin“ ist, dass er zwar sehr „fleißig“ war, jedoch nahm er es mit der wahrheitsgemäßen „Berichterstattung“ nicht so genau und verkaufte der Stasi manche von ihm erfundene Story.

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32 Disziplinierungsmaßnahmen waren in erster Linie Gespräche, in denen die Stasi eine Mischung zwischen Drohungen und Akzeptanz verbreitete. Ziel war es stets, die aufgesuchten oder auch zu sich bestellten Zeugen Jehovas massiv einzuschüchtern.
33 IM „Balduin“ wurde von der BStU als Gottfried Götze (geb. 13.01.1942 in Chemnitz) identifiziert. Götze war viele Jahre Bürgermeister in meinem Heimatort Niedersteinbach.
34 Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet, Sammelbegriff in der DDR-Amtssprache für die BRD und andere westliche Staaten.


Wenn ich heute auf mein bisheriges Leben zurückblicke, muss ich sagen: Wir haben als Familie während der vier Jahrzehnte DDR manche direkte und auch indirekte Aktion der Stasi erleben müssen. Ob es die Verweigerung einer höheren Schulbildung war, Intrigen am Arbeitsplatz, Berufsverbote, konspirative Hausdurchsuchungen,35 zersetzendes Schriftgut von CV, Schikanen an unseren Kindern, Disziplinierungsgespräche durch das MfS, Verhaftung und Geldstrafen - der Stasi war jedes Mittel recht. Und diese Anfeindungen durch die Stasi gingen weiter, bis das skrupellose Überwachungssystem im Jahre 1990 zusammenbrach. Viele der von Waldemar Hirch in seiner Darstellung über „Abschlussarbeiten an der Juristischen Hochschule Potsdam*4 aufgezeigten Methoden und Praktiken der Stasi haben wir selbst erlebt und verspürt.

Die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen. Selbst ein „allmächtiger und allgegenwärtiger“ Machtapparat wie die Stasi war nicht in der Lage, die DDR am Leben zu erhalten. Die DDR und ihre Stasi sind selbst zur Geschichte geworden. Zu bedauern sind die Menschen, die ihr Vertrauen in dieses System gesetzt hatten. Das feste Vertrauen in unseren Gott Jehova gab uns als Zeugen Jehovas die Kraft und den Mut, auch diese Zeit der Verfolgung siegreich zu überleben.

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35 Konspirative Hausdurchsuchungen wurden in gesicherter Abwesenheit aller Hausbewohner in der Form durchgeführt, dass alles in der Wohnung bzw. im Haus durchsucht und fotografisch dokumentiert wurde. Bei der Durchsuchung wurde peinlichst genau darauf geachtet, dass alles wieder an seinem Platz gelegt wurde, damit die von der Durchsuchung Betroffenen nichts merken sollten. Manchmal war nur der Duft eines Deodorants oder ein fremder Körpergeruch ein Zeichen dafür, dass die Stasi „wieder da war“.