Jehovas Zeugen in der Zeit des Nationalsozialismus

Weg in die Illegalität

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, am 30. Januar 1933, dachten die Zeugen Jehovas zunächst noch, daß zumindest die rechtsstaatliche Struktur in Deutschland erhalten bliebe. Sie sahen auch weiterhin nicht im Staat ihren wirklichen Gegner, sondern in den Großkirchen, die man beschuldigte, mit dem Staat zu eng zusammenzuarbeiten und sich für die Auflösung der Bibelforschergemeinschaft stark zu machen.31

Der Staat war auch weiterhin, nach ihrem Verständnis von Römer 13:1 32, eine Einrichtung, der man „Gehorsam“ schuldete. Wenn die Regierung jedoch von verschiedenen Seiten falsch über die Bibelforscher aufgeklärt würde, wäre es kein Wunder, wenn diese Regierung sich gegen Jehovas Zeugen wende. Vor diesem Hintergrund sah man zunächst die Verbote der eigenen Religionsgemeinschaft, die in verschieden Ländern ausgesprochen wurden. So wurden am 19. April 1933 durch den Staatskommissar für das Polizeiwesen in Hessen alle Versammlungen der Zeugen Jehovas und all ihre Tätigkeiten, insbesondere die Verteilung von Druckschriften, verboten.33 Bereits am 13. April 1933 war ein solches Verbot in Bayern ausgesprochen worden, am 18. April in Sachsen, am 26. April in Thüringen und am 15. Mai in Baden. Die anderen deutschen Länder folgten kurze Zeit später. In Württemberg dagegen kam es erst am 1. Februar 1934 zum Verbot.34 Als Grundlage galt die am 28. Februar 1933 erlassene sogenannte Reichstagsbrandverordnung, die hauptsächlich zur Unterdrückung politischer Unruhen gedacht war. Zu dieser Zeit war die Zahl der aktiven Gläubigen in Deutschland auf etwa 20.000 gestiegen.35 Die Zahl der Gedächtnismahlbesucher lag am 9. April 1933 bei 25.000.(36) Zwischen dem 21. und 24. August 1933 kam es in der Fabrikhalle der WTG

in Magdeburg zur Beschlagnahme sämtlicher Bücher und Bibeln mit einem Gesamtgewicht von etwa 65 Tonnen. Diese wurden auf 25 Lastwagen verfrachtet und am Stadtrand von Magdeburg verbrannt.37 Dennoch verfolgte der deutsche Zweig der WTG zunächst weiterhin den Verhandlungsweg. Man war bemüht, durch Aufklärung über die eigenen Ziele der neuen Regierung ein positives Bild zu vermitteln. Im Herbst 1934 schien sich diese Strategie sogar teilweise auszuzahlen. Am 13. September 1934 erging ein Erlaß des preußischen Innenministeriums, der besagte, daß „das Vermögen der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung einschließlich ihrer sämtlichen Organisationen freizugeben“ sei und daß „der Druck und der Vertrieb von Bibeln und sonstiger unbedenklicher Schriften“ nicht behindert werden dürfe. Aber dieser Erlaß sagte weiterhin, daß „jede weitere Betätigung der Ernsten Bibelforscher, wie die Lehr- und Versammlungsfreiheit sowie die Herstellung und der Vertrieb von Traktaten, Flugschriften, Werbezetteln usw., nach wie vor unterbleiben“ müsse.38 Zu diesem Zeitpunkt waren die Zeugen Jehovas als Gesamtheit nicht mehr bereit, ihre Verkündigung auf Dauer behindern zu lassen oder sogar einzustellen. Die Zentrale der WTG in Brooklyn beschloß für den 7. Oktober 1934, trotz des bestehenden Verbotes, das Predigtwerk organisiert wieder in Gang zu setzen und somit den Verhandlungsweg zu verlassen.
Am 7. Oktober sandte jede Versammlung der Zeugen Jehovas in Deutschland eine Erklärung an Regierungsvertreter des Reiches, die unter anderem aussagte:

Im vergangenen Jahr haben Sie im Widerspruch zu Gottes Gesetz und in Verletzung unserer Rechte uns verboten, uns als Zeugen Jehovas zu versammeln, um Gottes Wort zu erforschen, ihn anzubeten und ihm zu dienen. ... Es besteht ein direkter Widerspruch zwischen Ihrem Gesetz und Gottes Gesetz. Wir folgen dem Rat der treuen Apostel und müssen ‚Gott mehr gehorchen als den Menschen‘, und das werden wir auch tun.39

Zugleich wurden Tausende von Telegrammen von ausländischen Zeugen Jehovas an die Reichsregierung geschickt, um ihre Verbindung zu ihren deutschen Glaubensbrüdern zu demonstrieren. Der Text der Telegramme beinhaltete die Aussage:

Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen weiterhin zu verfolgen, sonst wird Gott Sie und ihre nationale Partei vernichten.40

 

Ausdehnung der Verfolgungsaktionen des Staates

Der Staat reagierte mit Zwangsmaßnahmen und Verhaftungen. Am 23. Januar 1935 wurde vom Preußischen Innenministerium ein Runderlaß herausgegeben, der die Dienstentfernung von Jehovas Zeugen aus dem Staatsdienst und der privaten Industrie zur Folge hatte. Die Zusammenarbeit zwischen Arbeitsministerium, Justizministerium, Innenministerium und der Gestapo funktionierte und bedeutete die wirtschaftliche Entrechtung der Zeugen Jehovas.41 1936/37 kam es zu Massenverhaftungen von Zeugen Jehovas, in deren Verlauf zahlreiche ihrer führenden Personen festgenommen und verurteilt wurden. Schon in den Jahren zuvor waren Zeugen Jehovas wegen Nichteinhaltens der Predigt- und Literaturabgabe-Verbote vor die Sondergerichte gekommen und waren zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt worden.42 Sondergerichte galten als eine Form der politischen Schnelljustiz, die im Interesse des Staates die öffentliche Ordnung gewährleisten sollte.43 Hier ging es jedoch nur bedingt um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, sondern vielmehr darum, abweichende Haltungen durch Bestrafung zu unterbinden und zu disziplinieren. Der individuelle Ausschluß aus der „Volksgemeinschaft“, wegen Verweigerung der totalen Loyalität, sollte geahndet werden. Die völkische Zusammengehörigkeit sollte erzwungen werden, notfalls mit Gewalt. So lag die Begründung für die Einstufung der Zeugen Jehovas als „staatsfeindlich“ auch darin, daß sie den „Heil Hitler“-Gruß verweigerten und statt dessen „Guten Tag“ sagten.44 Die Gestapo Darmstadt45 leitete deshalb unter anderem folgende Anklagepunkte an das Sondergericht in Darmstadt weiter, die die „Staatsfeindlichkeit“ beweisen sollten:

Der Gruß ‚Heil Hitler‘ wird von den Bibelforschern abgelehnt, weil nach der Bibel ‚das Heil‘ allein von Jehova kommt. ... Der Eid auf den Führer wird von ihnen nicht geleistet. ... Da nach der Lehre der Bibelforscher alles, was Menschenantlitz hat, gleich ist, lehnen sie die Rassegesetzgebung des nationalsozialistischen Staates ab“.46

Ebenso lehnten sie ab, zur Wahl zur gehen.47 Die allumfassende Unterordnung, die der nationalsozialistische Staat verlangte, die die Zeugen Jehovas aber nicht zu leisten bereit waren, mußte zwangsläufig zu einer Konfrontation führen, deren Lösung für den
nationalsozialistischen Staat nur in der buchstäblichen Liquidierung der Zeugen Jehovas liegen konnte. Im Februar 1937 hatte der Darmstädter Landgerichtsdirektor Heckler, der zugleich Richter am Sondergericht Darmstadt war, über die Zeugen Jehovas geschrieben:

Bei dieser Hartnäckigkeit der Anschauungen kann es für den Staat nur daseine Mittel geben, die Schädlinge solange, als es geht, festzusetzen und während dieser Zeit unschädlich zu machen.48

Nach Verbüßung der Haftstrafe wurde der Gestapa-Erlaß vom 22. April 1937 angewandt, der besagte, daß nach Verbüßung der Haft alle Zeugen Jehovas, die sich weiterhin zu ihrem Glauben bekannten, grundsätzlich in Schutzhaft genommen werden sollten.49 Während der Schutzhaft wurde ihre Einweisung in ein Konzentrationslager vorbereitet und vollzogen. Ab diesem Jahr spielte das Strafmaß der Gerichte somit für die Verurteilten nur noch eine untergeordnete Rolle. Über diesen Erlaß wurden alle wichtigen Stellen informiert. So informierte beispielsweise die Gestapostelle in München das Polizeipräsidium, die Polizeidirektion, die Bezirksämter, die Stadtkommissare, die Kreisregierungen, die Oberbürgermeister und Bürgermeister, die Grenzkommissariate und Grenzdienststellen am 19. Mai 1937 50 Die Einlieferung der Zeugen Jehovas in die Konzentrationslager war somit auf relativ breiter Ebene bekannt. Durch diese staatlichen Maßnahmen ließen Jehovas Zeugen aber nicht von ihrer Missionstätigkeit ab. Sie organisierten immer wieder neue Aktionen. So wurde zum Beispiel am 20. Juni 1937 landesweit zwischen 12.00 Uhr und 13.00 Uhr ein „Offener Brief“ als doppelseitiges Flugblatt in der Auflage von 69.000 Stück heimlich an die Haushalte in Deutschland verteilt. In diesem „Offenen Brief“ wurden die unmenschlichen Verfolgungspraktiken und „die Inquisitionsmethoden“ der Gestapo sowie die Zustände in den Konzentrationslagern und Gefängnissen offen beschrieben.51 Man wollte den deutschen Bürgern begreiflich machen, was in Deutschland vor sich ging. Dies sorgte, besonders bei der Gestapo, die offenbar mit so viel Hartnäckigkeit nicht gerechnet hatte, für großen Aufruhr und für verstärkte Maßnahmen, die Zeugen Jehovas und ihr Missionswerk endgültig zu beseitigen. Durch eine weitere große Verhaftungswelle im Herbst 1937 konnte die Gestapo die organisierte Tätigkeit der Zeugen Jehovas auch weitgehend zum Erliegen bringen. Dennoch war es den Zeugen Jehovas möglich, Literatur nach Deutschland zu schmuggeln und zumindest die eigenen Leute teilweise zu versorgen. Einige Literatur wurde sogar in die Konzentrationslager hineingebracht.52

 

Verweigerung des Wehrdienstes

Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935 hatte sich die Situation zusätzlich verschärft. Die Gestapo in Darmstadt schrieb 1936 in einer Anklageschrift gegen Zeugen Jehovas:

Da in der Bibel steht: ‚Du sollst nicht töten‘, lehnen die Bibelforscher jeden Wehrdienst ab, leisten der Aufforderung zur Musterung keine Folge und versuchen, andere Wehrpflichtige zur Verweigerung des Wehrdienstes zu veranlassen. Es sind sogar Fälle bekannt, in denen sie sich weigerten, am Bau von Kasernen mitzuarbeiten, da diese dazu bestimmt seien, Soldaten Unterkunft zu geben und diese Soldaten später einmal gegen den Feind kämpfen und also töten müßten53. War diese Haltung zum Wehrdienst schon vor dem Krieg nicht ungefährlich, wurde dies seit Kriegsbeginn zu einer echten Herausforderung an die religiöse Überzeugung, da jetzt auf die Verweigerung des Wehrdienstes die Todesstrafe stand.54 Der erste zum Tode verurteilte Kriegsdienstverweigerer war ein Zeuge Jehovas. Der neununddreißigjährige August Dickmann aus Dinslaken wurde am 15. September 1939 von einem Erschießungskommando im Konzentrationslager Sachsenhausen hingerichtet.55 Im Laufe des Krieges wurden etwa 250 Zeugen Jehovas wegen Kriegsdienstverweigerung bzw. Wehrkraftzersetzung mit dem Tod bestraft.56 Die Zeugen Jehovas waren die einzige religiöse Gruppe, „welche während der NS-Zeit die Kriegsdienstverweigerung propagierte und praktizierte“.57

 

Ausmaß der Verfolgung

Insgesamt waren etwa 10.000 Zeugen Jehovas von den Verfolgungsmaßnahmen betroffen, somit etwa die Hälfte der deutschen Zeugen Jehovas insgesamt. Inhaftiert waren etwa 6.000 Personen, davon kamen 2.000 in Konzentrationslager. Etwa 1.500 Zeugen Jehovas wurden von den Nationalsozialisten auf die eine oder andere Weise ermordet.58 Weitere Tausende hatten durch Wegnahme ihrer Kinder, Verlust des Arbeitsplatzes, Streichung der Rentenzahlungen und andere Verfolgungsmaßnahmen unter dem Regime zu leiden. Insgesamt verloren 1.687 Zeugen Jehovas ihre Arbeitsstelle, 284 wurde ihr Geschäft enteignet, 457 erhielten Berufsverbot, 735 verloren ihre Wohnung, 826 Rentnern wurde die Rentenzahlung entzogen und, was besonders perfide und für ein solches System symptomatisch war, 860 Kinder wurden ihren Elternentzogen, da diese ihre Kinder nicht im nationalsozialistischen Geist erziehen würden.59

Jehovas Zeugen haben für ihre religiöse Überzeugung und das Handeln nach ihrem Gewissen einen hohen Preis bezahlt. Der überwiegende Teil hat dennoch seine Überzeugung und seinen Glauben bewahrt.

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31 Am 20. April 1933 hatte der evangelische Pfarrer Otto in einer Rundfunkansprache zum Geburtstag Hitlers erklärt: „Die Evangelische Deutsche Kirche des Staates Sachsen hat sich bewußt auf den Boden der neugeschaffenen Tatsachen gestellt und wird in engster Zusammenarbeit mit den politischen Führern unseres Volkes versuchen, in dem Volksganzen nun aufs neue die Kräfte des alten Evangeliums von Jesus Christus zugänglich zu machen.
Als ersten Erfolg bei dieser Zusammenarbeit dürfen wir verbuchen, daß am heutigen Tag für das Gebiet Sachsen die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher und ihre Unterorganisationen verboten worden sind. Ja, welch eine Wendung durch Gottes Führung! Bis hierher hat uns Gott geholfen.“ Zeitung: Oschatzer Gemeinnützige vom 21. April 1933. Siehe hierzu auch das Thema „Einvernehmen zwischen Staat und Kirchen“ in : Detlef Garbe, Zwischen Widerstand, a. a. O., S. 96 ff.

32 Vgl. Kapitel in vorliegender Arbeit: Staats- und Neutralitätsverständnis der ZJ.

33 Das Verbot zur Verbreitung religiöser Literatur durch Zeugen Jehovas wurde ab dem 30. Januar 1936 auch auf die Verbreitung von Bibeln ausgeweitet. Man wollte verhindern, daß Jehovas Zeugen überhaupt religiöse Gespräche führen. Dies war in Verbindung mit der Verbreitung der Bibeln möglich. Vom preußischen Innenministerium war am 30.1.1936 ein Rundschreiben an die Landesregierungen ergangen, in dem es auszugsweise hieß:
Ich ersuche, in Zukunft gegen den Vertrieb von Bibeln, sowie von anderen an sich einwandfreien religiösen Schriften durch frühere Mitglieder der verbotenen Internationalen Bibelforscher- Vereinigung polizeilich vorzugehen.“ „Runderlaß des Reichs- und Preußischen Innenministeriums, Berlin, 30. Januar 1936, betr: Verbot des Vertriebs von Bibeln“, abgedruckt aus: Sybil Milton, Die Zeugen Jehovas und die historische Dokumentation, S. 160-176, hier 161, in: Hans Hesse, (Hrsg.), „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, Bremen 1998.

35 Das Jahrbuch 1974 der Zeugen Jehovas führt an, daß im Jahr 1932 die Zahl der Gedächtnismahlbesucher in Deutschland bei 14.453 lag und das sich im selben Jahr 12.484 am besonderen Missionswerk beteiligten. Die genaue Zahl der Gläubigen, die an der Missionswoche vom 8.- 16. April 1933 teilnahmen, lag bei 19.268 Personen und war somit sprunghaft gestiegen. Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, a. a. O., S. 110 f.

42 So wird in einem Verfahren gegen den Zeugen Jehovas Johannes Degen aus Lorsch berichtet, daß er bereits „vom 30.8.33-26.9.1933 wegen staatsfeindlichen Verhaltens im Konzentrationslager in Osthofen war“. Akten aus: Staatsarchiv Darmstadt, G 27/574, Geheimes Staatspolizeiamt Darmstadt, vom 15. Oktober 1936, „Strafsache gegen den Steinhauer Adam Heim aus Zwingenberg und andere wegen Vergehens gegen die Verordnung vom 28. 2. 1933“. Derselbe Angeklagte erhielt bereits im März 1935 eine vierwöchige Haftstrafe. Bei seiner dritten Verurteilung war er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Anschließend wurde er in ein Konzentrationslager überwiesen. Urteil vom 30. November 1936. Insgesamt wurden bei diesem Prozeß 17 Bibelforscher angeklagt. In der Begründung der Strafsache heißt es:
Die Internationale Bibelforschervereinigung, in Wirklichkeit nur eine religiös getarnte jüdisch-kommunistische Vereinigung, will über den Weg der Zertrümmerung des Christentums das jüdische Weltreich und den jüdischen Missionsgedanken unter dem Deckmantel religiöser Verheißungen und Prophezeiungen verwirklichen.“ Ebd.
Ein ähnlicher Fall wird im Aufsatz „Aus der Vergessenheit geholt: Der Fall Hans Gärtner“ geschildert. Gärtner wurde nach zwei verbüßten Verurteilungen (17. Juni 1935 zu einem Monat Haft, am 13. August 1936 zu 6 Monaten Haft) am 14. Juni 1937 in SA-Schutzhaft genommen und in das Konzentrationslager Dachau überführt. Hier starb er am 26. April 1940 im Alter von 33 Jahren. Angela Nerlich/Wolfram Slupina, Aus der Vergessenheit geholt: Der Fall Hans Gärtner, in: Hans Hesse (Hrsg.): „Am mutigsten waren immer...“, a. a. O., S. 177-241.

43 Vor das Sondergericht Darmstadt waren, (soweit es sich überhaupt noch rekonstruieren läßt, da 1944 bei einer Brandnacht in Darmstadt eine nicht genau verifizierbare Anzahl Akten verbrannt worden sind) 102 Zeugen Jehovas gekommen. W. Hirch: Untersuchung der NS-Sondergerichtsbarkeit anhand der Heimtückefälle im Raum Darmstadt, Magisterarbeit, Darmstadt, 1988. Rekonstruktion für die Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ in Darmstadt vom 18.- 23. Mai 1998.
Vor dem Freiberger Sondergericht in Sachsen wird von einer wesentlich höheren Zahl von Bibelforschern vor dem Sondergericht gesprochen. Allein im Jahre 1935 wurde gegen 178 Bibelforschern ein Gerichtsverfahren eröffnet, das waren 21% sämtlicher vor diesem Gericht geführten Prozesse dieses Jahres. Manfred Zeidler, Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, Vortrag über „Die NS-Justiz und die Zeugen Jehovas - am Beispiel des Sondergerichts Freiberg von 1933 bis 1940, gehalten am 16.12.1997 zur Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung -Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“.

44 Vgl. Franz Zürcher, Kreuzzug gegen das Christentum, Europa-Verlag, Zürich/New York 1938. Zürcher beschreibt die Folgen, die das Nichtbeachten des Grußzwangs nach sich ziehen konnte. Das Arbeitsgericht Osnabrück z. B. hatte am 30. Juli 1935 geurteilt, daß derjenige, der den Gruß nicht leistete, wegen „beharrlicher Verweigerung der nach dem Arbeitsvertrag obliegenden Pflichten“ zu entlassen sei. Ebd., S. 88. Ein weiterer Fall:
Weil ich mich dieses Grußes nicht bediente, wurde ich nach 25jähriger treuer Dienstzeit als Krankenpfleger fristlos entlassen.“ Oder: „Weil ich in meiner Dienststelle den Hitlergruß verweigerte und sonstige politische Forderungen nicht zu erfüllen bereit war, wurde ich in Schutzhaft genommen, aus meiner Dienststelle, in der ich 23 Jahre tätig war, fristlos und ohne irgendwelche Entschädigung entlassen und ins Konzentrationlager gebracht.“ Ebd., S. 88 f.

45 Vgl. Michael Stolle, „Betrifft: Ernste Bibelforscher“ Zeugen Jehovas im Visier der badischen Gestapo, in: Hubert Roser (Hrsg.) Widerstand als Bekenntnis. Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg, UVK Universitätsverlag Konstanz 1999.

47 Welche besonderen Probleme es schon in der Anfangszeit mit der Wahlverweigerung nach sich zog, beschreibt der Zeitzeuge Martin Seifert: „Sechsmal erschien die SA in unserem Hause, um uns zur Wahl zu bewegen, jedoch vergebens. Den nächsten Tag bestellte sie mich in die Geschäftsstelle der NSDAP. Dort kam es zu meinem ersten Zusammenstoß mit den Nazis. Ich verteidigte mich mit der Bibel. Der Ortsgruppenleiter schätzte mich als einen Idealisten ein, anders ein Unterführer, der ausfallend wurde. Als ich mich dagegen verwahrte, brüllte er los: ‚Ich hau Dir ein paar in die Fresse, daß Du hinter den Ofen fliegst. Dich Burschen müßte ich im KZ unter meine Finger haben.‘ Später erschien auch Bruder Schubert. Wieder wurde dieser gräßliche Mensch gemein. ‚Was machen wir nun mit euch‘, sprach er, ‚am besten wir schaffen euch in eine Irrenanstalt und hauen euch jeden Tag mit dem Gummiknüppel durch, da werdet ihr schon gescheit werden.‘ Schließlich konnte ich wieder nach Hause gehen. Br. Sch. dagegen nahm man und stellte ihn auf einen bereitstehenden Tafelwagen, welchen zwei Pferde zogen. Rings um den Wagen saß die SA mit brennenden Fackeln. Vor dem Gefährt lief ein Ausschreier her und um den Wagen eine große Kinderschar. Nun ging es los: Zuerst trat der Trompeter in Aktion, um die Menschen aufmerksam zu machen. Dann rief der Ausschreier: ‚Was ist der, der nicht gewählt hat.‘ Die instruierte Kinderschar antwortete: ‚Ein Lump, ein Vaterlandsverräter!‘ Wieder brüllte der Schreier: ‚Wo gehört der hin?‘ Die Kinder riefen.: ‚Nach Colditz, ins Konzentrationslager!‘So ging die Fahrt durch die ganze Stadt. ... Am nächsten Tag sollten meine zwei Schwestern und ich an die Reihe kommen, aber die Stadt war so empört, daß die Nazis es aufgeben mußten. ... Dafür versuchte die SA noch, mich in eine Irrenanstalt zu bringen. Ich wurde zum Kreisarzt bestellt, der mich fragte, ob ich Symptome eines Geisteskranken hätte. Als ich ihn aufklärte über das Vorgefallene - er war den vorhergehenden Tag abwesend gewesen - ließ er mich, genauso betroffen wie die anderen Leute, wieder gehen.“ Bericht von Martin Hermann Seyfert, geb. am 18.9.1902. Kopien des Berichts im Besitz des Verfassers.

48 Staatsarchiv Darmstadt, G 24/1345, „Äußerung des Herrn Vorsitzenden des Sondergerichts Darmstadt über ‚Die Internationale Bibelforschervereinigung‘ “ vom 26. Februar 1937.
51 Franz Zürcher, Kreuzzug gegen das Christentum, a. a. O., S. 194. Siehe auch die Filmdokumentation: Fürchtet euch nicht. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime. Hergestellt von Stefanie Krug und Fritz Poppenberg. Drei-Linden- Media Filmgesellschaft Berlin. Unterstützt von United States Holocaust Memorial Museum. Gefördert von der Kulturellen Filmförderung in Niedersachsen.

57 „Jehovas Zeugen verweigern sich Hitlers Kriegen 1939-1945“, Rede von Priv.-Doz. Dr. Wolfram Wette, Universität Freiburg, anläßlich der Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ vom 25. April 1998 in Freiburg i.Br. Wie Wette ausführte, gab es dagegen in den Kirchen lediglich 12 katholische und 4 protestantische Verweigerer. Diese hätten auch keinen Rückhalt in ihren Kirchen gehabt.Zum Thema Kriegsdienstverweigerung durch Zeugen Jehovas siehe auch: Antje Zeiger, Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Sachsenhausen, in: Hans Hesse (Hrsg.), „Am mutigsten waren immer“, a. a. O., S. 76-101, hier S. 76 ff.

59 Jahrbuch der ZJ 1974, a. a. O., S. 212. Vgl. Detlef Garbe, Zwischen Widerstand, a. a. O., S. 194ff, „Sorgerechtsentziehungen“ Nach Garbe lassen sich in der Beurteilung der Verfolgung der Zeugen Jehovas fünf besondere Kriterien herauskristallisieren:„

  1. Die Zeugen Jehovas zählen zu den ersten Vefolgtengruppen.
  2. Keine andere Religionsgemeinschaft hat mit einer vergleichbaren Geschlossenheit und Unbeugsamkeit dem nationalsozialistischen Anpassungsdruck widerstanden.
  3. In den Konzentrationslagern, in denen die Zeugen Jehovas in den Vorkriegsjahren fünf bis zehn Prozent aller Häftlinge stellten - in einzelnen KZs (Fuhlsbüttel, Lichtenburg, Moringen) stellten sie sogar zeitweilig die stärkste Häftlingsgruppe - bildeten sie als einzige Weltanschauungsgemeinschaft eine eigene Häftlingskategorie, die gesondert mit dem ‚lila Winkel‘ gekennzeichnet war. Dies deutet auf ihre in vielerlei Hinsicht besondere Stellung innerhalb der KZ-Lagerordnung hin.
  4. Unter den im Zweiten Weltkrieg wehrmachtgerichtlich abgeurteilten Kriegsdienstverweigerern stellten sie mit Abstand die größte Zahl.
  5. Sie wurden von allen religiös-weltanschaulichen Gruppen - nach den Angehörigen des jüdischen Glaubens - am härtesten vom NS-Regime verfolgt.

Detlef Garbe, Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im nationalsozialistischen Deutschland - Ein Überblick, in: Widerstand aus christlicher Überzeugung, Dokumentation einer Tagung, S. 24, Kreismuseum Wewelsburg, Fritz Bauer Institut, Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Essen 1998.

[Seite 45 (in der gedruckten Ausgabe)]

I. 3. 0. Das Staats-, Neutralitäts- und Glaubensverständnis der Zeugen Jehovas

I. 3. 1. Missionstätigkeit und Glaubensansichten

Die Missionstätigkeit spielte bei der Zugehörigkeit zu Jehovas Zeugen schon immer eine tragende Rolle. Ein passives, nur dem Namen nach zugehöriges Mitglied wird aufgrund eines aktiven Glaubensverständnisses nicht als Zeuge Jehovas für die interne Statistik gezählt. Die Erwachsenentaufe, der Missionsdienst, das Einhalten der christlichen Gebote und die Teilnahme am Gemeindegeschehen sind Kriterien für die Zugehörigkeit als Zeuge Jehovas.

Es gibt keine Kleinkindertaufe, da nach Auffassung der Zeugen Jehovas, ein wichtiges Kriterium für die Taufe, die persönliche bewußte Entscheidung und der Entschluß, Christ sein zu wollen, ist. Es werden keine Mitgliedsbeiträge erhoben. Die entstehenden Kosten werden durch freiwillige Spenden gedeckt. Seit Beginn der 90er Jahre wird auch die Literatur in Deutschland kostenfrei abgegeben. Jehovas Zeugen fühlen sich als "ideelle Gemeinschaft", die durch ihren gemeinsamen Glauben verbunden ist.84 Sie gehören zu den chiliastischen Gemeinschaften85, das heißt, sie erwarten das in der Johannes-Offenbarung angekündigte tausendjährige Friedensreich Christi. Die Auswirkungen dieses messianischen Reiches werden zur Herstellung der menschlichen Vollkommenheit führen und Tod, Krankheit, Haß und Elend für immer beseitigen.86 Menschen, die verstarben, werden auferweckt und die Möglichkeit erhalten, in diesem Reich zur physischen und psychischen Vollkommenheit geführt zu werden. Vor der Aufrichtung des Friedensreiches wird Gott in das Geschehen der Menschheit eingreifen und eine "Reinigung" der Erde ("Ende der Welt", "Harmagedon") von allem Bösen veranlassen.87

[Seite 46 (in der gedruckten Ausgabe)]

Insofern ist die Lehre vom Ende der Welt und die darauf folgende Umgestaltung der Erde in ein Paradies ein wesentlicher Glaubensbestandteil. Dieses grundlegende Ereignis erwarten Jehovas Zeugen nicht in ferner, sondern in mittelbarer Zukunft. Die Gewißheit, in den "letzten Tagen" zu leben, und die feste Überzeugung, den wahren Glauben gefunden zu haben, prägt ihren Glaubenseifer.88 Bei der Missionstätigkeit werden Menschen deshalb zur Umkehr zu Gott aufgefordert, um ebenfalls in dieses Friedensreich zu kommen.

Anders als in den christlichen Kirchen glauben Jehovas Zeugen nicht daran, daß die "guten Menschen" in den Himmel kommen, alle "schlechten Menschen" in die Hölle. Für sie ist der Tod ein Zustand der Nichtexistenz. Die Seele ist sterblich. Nur durch eine Auferstehung der Toten durch Gott können Menschen wieder zum Leben kommen. Diejenigen die Gott von den Toten "auferweckt", werden gemeinsam mit denen, die "Harmagedon" überleben, die Erde in ein Paradies umgestalten. Es werden nur diejenigen auferstehen, die Gott gedient haben, bzw. solche, die noch keine Gelegenheit hatten ihn kennenzulernen und sich deshalb nicht zu ihm bekennen konnten. In "Harmagedon" der universellen Entscheidungsschlacht wird Gott (Jehova) den Teufel mitsamt allem Übel auf dieser Erde, böse Menschen, aber auch alle Regierungen und falsche Religionen vernichten.

Eine begrenzte Zahl von 144.000 auserwählten Christen soll in den Himmel kommen und dort gemeinsam mit Christus, dem Sohn Gottes, für 1.000 Jahre über die Erde regieren. Menschen werden während dieser eintausend Jahre dauernden Herrschaft in den Zustand der Vollkommenheit gebracht.

Die Missionstätigkeit und überhaupt jede Tätigkeit in der Gemeinschaft ist freiwillig und erfolgt aus Nächstenliebe. Aber auch aus dem Verständnis heraus in den letzten Tagen dieser Welt zu leben und Menschen zu retten.

[Seite 47 (in der gedruckten Ausgabe)]

Es gibt verschiedene Methoden des Missionsdienstes. Da wäre zum einen der "Haus-zu-Haus" Dienst zu nennen. Auf diesem Weg werden im Laufe der Zeit sehr viele Menschen angesprochen, da systematisch alle Gebiete einer Stadt oder eines Landkreises bearbeitet werden. Eine weitere Predigtdienstmethode ist der "Straßendienst". Hierbei werden Gespräche geführt und die neuesten Publikationen öffentlich angeboten. Das "informelle Zeugnisgeben" wiederum sagt aus, daß zu allen günstigen Gelegenheiten die Möglichkeit genutzt werden sollte, über die biblische Botschaft zu sprechen. Ist Interesse an weiteren biblischen Gesprächen vorhanden, können "Rückbesuche" durchgeführt werden, das heißt, es werden weitere Termine für biblische Gespräche vereinbart. Daraus kann ein "Heimbibelstudium" entstehen, bei dem eine systematische Bibelbetrachtung durchgeführt wird. Als Resultat einer solchen Bibelbetrachtung, die etwa ein bis drei Jahre in Anspruch nimmt, kann der Studierende die Taufe erwägen, d. h. die Entscheidung treffen, ein Zeuge Jehovas zu werden.

Die meisten Zeugen Jehovas sind nicht hauptamtlich in der Religionsgemeinschaft tätig. Sie üben ihre Missionstätigkeit in ihrer Freizeit aus. Im Durchschnitt stehen die Prediger etwa 8-10 Stunden pro Monat im Verkündigungsdienst. Hinzu kommen drei Zusammenkünfte pro Woche in der Gemeinde. Bei diesen Zusammenkünften wird an einem Tag, meist am Sonntag, ein öffentlicher Vortrag (50 Minuten) gehalten und ein Bibelstudium anhand der Zeitschrift "Der Wachtturm" (1 Stunde) mit Zuhörerbeteiligung durchgeführt. An einem weiteren Abend findet die "Theokratische Predigtdienstschule" (50 Minuten) und die "Dienstzusammenkunft" (50 Minuten) statt. Hier findet eine kontinuierliche Weiterbildung der Verkündiger im Missionsdienst statt. Weiterhin gibt es das "Versammlungsbuchstudium" (1 Stunde). In einem kleinen Kreis von 5 bis 15 Personen wird eine biblische Publikation behandelt.

Eine Versammlung oder Gemeinde besteht aus etwa 50 bis 150 Personen. Unter den Predigern zeichnen sich besonders diejenigen aus, die vermehrten Predigtdienst durchführen. Sie werden Pioniere und Hilfspioniere genannt. Sie verpflichten sich, 70 (bis 1999 - 90, bis 1977 - 100) Stunden bzw. 50 (bis 1999 - 60, bis 1977 - 75) Stunden pro Monat im Verkündigungsdienst tätig zu sein. Sie haben hiervon keinerlei materielle Vorteile, sondern sehen diesen Dienst als ihre

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persönliche Aufgabe an, der sie sich freiwillig, als Dienst für Gott und dem Nächsten, widmen wollen.

Jehovas Zeugen werden nicht in Laien und Geistliche unterteilt. Sie sind alle Prediger. Dennoch gibt es verschiedene Kompetenzen und Aufgabenverteilungen. Letztendlich treffen die Versammlungsältesten die Entscheidungen, die die Versammlung betreffen. Diese Entscheidungen sollten mit den Vorgaben der Bibel übereinstimmen. Ihnen zur Seite gestellt sind die Dienstamtgehilfen, die Hilfsaufgaben verrichten, z. B. für die Verteilung der Zeitschriften und Bücher an die einzelnen Verkündiger verantwortlich sind oder den Ordnungsplan einer Versammlung organisieren. Auch sie haben eine Vorbildfunktion. Bei Verstößen gegen christliche Grundsätze behält sich die geistlige Führung der jeweiligen Gemeinde Disziplinarmaßnahmen vor. Diese können bis zum formalen Ausschluss führen.

Jede Versammlung wird im Turnus eines halben Jahres von einem hauptamtlichen "Kreisaufseher" besucht, der im Auftrag der Wachtturmgesellschaft zu den einzelnen Versammlungen kommt, Vorträge hält, den Missionsdienst unterstützt und die Versammlungen in allen Angelegenheiten berät. Ihm übergeordnet ist der "Bezirksaufseher", der für einen Bezirk verantwortlich ist. Ein solcher Bezirk besteht aus etwa 20 Kreisen. Er wiederum untersteht dem "Zweigkomitee" eines Landes, das sich aus mehreren Personen zusammensetzt. Dieses Zweigkomitee wird im regelmäßigen Turnus von einem "Zonenaufseher" besucht, der die direkte Verbindung zum obersten Leitungsgremium der Zeugen Jehovas, der "leitenden Körperschaft", unterhält. Die "leitende Körperschaft", besteht aus etwa 11-18 Männern. Dieses Gremium ist unter anderem für die Bibelauslegung verantwortlich.

Das Zweigbüro eines Landes kann aus einigen wenigen, aber auch aus hunderten von Mitarbeitern bestehen (Zweigbüro für Deutschland in Selters/Taunus hat ca. 1.100 Mitarbeiter). Alle erhalten ein Taschengeld in gleicher Höhe, sowie freie Unterkunft und Verpflegung, unabhängig von der Art ihrer Tätigkeit.

Dreimal im Jahr werden Kongresse durchgeführt. Es findet ein "Tagessonderkongreß" statt, ein zweitägiger "Kreiskongreß" und jeweils im Sommer ein "Bezirkskongreß". Beim Kreis- und Tagessonderkongreß werden die Versammlungen eines Kreises 2eingeladen. Zum größeren Bezirkskongreß kommen die Versammlungen der

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verschiedenen Kreise, die einen Bezirk bilden.89 Auf diesen Kongressen werden biblische Vorträge gehalten, Schulungen durchgeführt und kleine Theatersstücke aufgeführt, um die Gläubigen in ihren Aktivitäten zu motivieren.

Die Rechtsform der Zeugen Jehovas ist [bei Abfassung des Manuskripts] nach dem Vereinsrecht § 21 BGB (Nichtwirtschaftlicher Verein) geregelt.

Grenzen des Gehorsams oder ist die Staatsloyalität grenzenlos?

Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet.90

Wie, wenn ein Fürst Unrecht hätte, ist ihm sein Volk auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein. Denn gegen das Recht gebührt niemand zu tun; sondern man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apostelgeschichte 5, 29).91

Der Bibelvers aus dem Römerbrief des Paulus und die oben zitierten Worte Martin Luthers kennzeichnen das Verhaltensmuster der Zeugen Jehovas gegenüber dem Staat. Der Gehorsam, der dem Staat (der weltlichen Obrigkeit) geschuldet wird, ist nie absolut, sondern immer auf die Gesetze Gottes hin zu überprüfen. Der Staat ist somit nicht die einzige Autorität, der sich ein Christ zu fügen hat. Sollten die Anweisungen eines Staates mit den Anweisungen Gottes, die in der Bibel niedergeschrieben wurden, kollidieren, tritt der Loyalitätsanspruch des Staates hinter die Gesetze Gottes zurück. Die Autorität Gottes ist der des Staates übergeordnet.

So wie das Bundesrecht Landesrecht aufheben oder einschränken kann, ihm somit übergeordnet ist, so hat das Gesetz Gottes für einen Christen Priorität. Es ist die höchste Autorität im Leben eines Zeugen Jehovas.

Jehovas Zeugen achten die Gesetze eines Landes und sind gesetzestreu. Grundsätzlich haben sie durchaus ein positives Staatsverständnis, da sie die Aussage des Paulus ernst nehmen, daß Regierungen von Gott „angeordnet“ sind. Diese bestehen, ihrer Überzeugung nach, mit Gottes Zulassung.

Deshalb nehmen sie sich nicht das Recht heraus, gegen einen Staat oder seine Repräsentanten vorzugehen oder an deren Sturz teilzunehmen. Allerdings werden sie, wenn ein „Fürst“ sich gegen die Menschen wendet und damit zwangsläufig Gottes Gesetze übertritt, ihm nicht „folgen“.

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Diese „Fürsten“ oder Regierungen sollten erkennen, daß auch sie der höheren Instanz, Gott, untergeordnet sind. In einer offiziellen Stellungnahme zu diesem Punkt heißt es:

Die Unterordnung des Christen unter die Obrigkeit ist eine relative Unterordnung, denn sowohl die Obrigkeit als auch der Christ sind vor Gott, der die Obrigkeit angeordnet hat, verantwortlich“.

Die Aussage in der vom Evangelisten Lukas verfaßten Apostelgeschichte 5:29, daß Christen den Gesetzen Gottes mehr gehorchen müssen als den Befehlen von Menschen (auch wenn diese staatliche Autorität haben), wird von Jehovas Zeugen konsequent befolgt und zieht sich durch ihre gesamte Geschichte. Das hat dazu geführt, daß sie besonders von diktatorischen Regimen verfolgt und mißhandelt wurden, da diese Regime nicht bereit waren, ihre Haltung zu respektieren.

Obwohl die Haltung der Zeugen Jehovas in diesen politischen Systemen unter den Begriff „Widerstand“ fällt, da sie einer für sie nicht akzeptablen Anordnung aus

Gewissensgründen „widerstehen“, und den vom Staat durch deren Repräsentanten geäußerten Befehlen in Ausnahmefällen nicht gehorchen, kann der Widerstand der Zeugen Jehovas nur bedingt unter den Begriff „politischer Widerstand“ subsumiert werden. Ihr Widerstand wird von dem Anspruch getragen, Gott nicht ungehorsam zu sein, seine Gebote nicht zu übertreten. Hierin ist auch die Ursache für ihre politische Abstinenz zu sehen. Ihre christlich motivierte „politische Neutralität“ , die in „jedem

Land der Erde“ beachtet wird, basiert auf der Überzeugung, nicht zwei „Herrschern“ gleichzeitig völlig untertan sein zu können.93 Da sie aber bereits Gott gegenüber verpflichtet sind, ist es nicht möglich, eine zweite völlige Unterordnung einzugehen. Wie Jesus sich ausdrückte, kann man nicht ein Diener zweier Herren sein. Somit kann der Gehorsam der Zeugen Jehovas unter den Staat immer nur „relativ“ sein.94

Der Begriff Neutralität wird von Zeugen Jehovas wie folgt definiert:

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Die Haltung von Personen, die einem Streit zwischen zwei oder mehr Parteien fernbleiben bzw. keine der streitenden Parteien unterstützen. Sowohl die alte als auch die neuere Geschichte zeigt, daß wahre Christen überall und unter allen Umständen bemüht waren, sich gegenüber den Auseinandersetzungen zwischen Parteien dieser Welt absolut neutral zu verhalten. Sie hindern andere nicht, an patriotischen Zeremonien teilzunehmen, Kriegsdienst zu leisten, einer politischen Partei beizutreten, für ein politisches Amt zu kandidieren oder zur Wahl zu gehen. Sie selbst jedoch beten allein Jehova, den Gott der Bibel, an; sie haben sich ihm rückhaltlos hingegeben und unterstützen sein Königreich voll und ganz.95

Sie „zahlen Cäsars Dinge Cäsar zurück, Gottes Dinge aber Gott“, wie es im Markus-Evangelium heißt. Aus diesem Grund waren sie nicht bereit während des „Dritten Reiches“ in die NS-Organisationen einzutreten, den „Deutschen Gruß“ zu entbieten, an Aufmärschen teilzunehmen oder den Wehrdienst auszuführen.96

In der DDR wurden sie wegen ihrer Haltung verboten und verfolgt. Auch hier waren Jehovas Zeugen nicht in den sozialistischen Massenorganisationen zu finden, verweigerten den Wehrdienst und gingen nicht

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zur Wahl97. Sie wurden wegen der nicht völligen Unterordnung unter den Staat als „staatsfeindlich“ geächtet. Man handelte in der DDR nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, oder wer nicht sozialistisch ist, der muß unser Feind sein.

Das war in der DDR nicht wesentlich anders als im „Dritten Reich“. Zwar waren die Auswirkungen nicht vergleichbar, zumal in den siebziger und achziger Jahren keine offene Verfolgung mehr in der DDR stattfand, aber das Prinzip der Unterdrückung Andersdenkender, gleichgültig, ob politisch oder religiös bedingt, hatte sich nicht grundsätzlich geändert.98

Doch Jehovas Zeugen ließen sich ihre Predigttätigkeit, zu der sie von Christus, nach Matthäus Kapitel 28, Verse 19, 20, verpflichtet wurden,

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nicht von einem weltlichen Staat verbieten.99 Hier traf wieder der Grundsatz Gott mehr zu gehorchen als den Menschen zu. Dies betraf alle mit der Predigttätigkeit und dem Gottesdienst verbundenen Aspekte. So wurde trotz des Verbots illegal Literatur eingeführt, es wurden Versammlungen abgehalten, die für den Druck der Literatur und für Versammlungsangelegenheiten benötigten Spendengelder eingesammelt und der öffentliche Predigtdienst durchgeführt. Für diese ihnen übertragene christliche Aufgabe nahmen sie auch Haft- oder Geldstrafen in Kauf.

Auch in freiheitlichen, demokratischen Ländern werden die politischen Ansichten der Zeugen Jehovas mit Argwohn betrachtet. Zwar ist hier das Grundrecht der Glaubensfreiheit gegeben und Jehovas Zeugen sind dankbar für die uneingeschränkte Möglichkeit, ihren Glauben praktizieren zu können, doch was auf Mißverständnisse stößt, ist auch hier die Verweigerung des vollen Einsatzes für den Staat. Dies drückt sich z. B. in ihrer Gewissensentscheidung aus, nicht an politischen Wahlen teilzunehmen, einen Fahnengruß oder -eid zu leisten oder sich in politische Ämter wählen zu lassen.100 Auch hier spielt die „Unterwerfung“ unter Gott eine entscheidende Rolle. Im Lexikon „Einsichten über die Heilige Schrift“ wird unter dem Begriff „Obrigkeitliche Gewalten“ zu diesem Punkt gesagt:

Da die Regierungen wertvolle Dienste leisten, indem sie für Schutz und Sicherheit sowie die materielle Wohlfahrt ihrer Bürger sorgen, haben sie das Recht, als Gegenleistung für ihre Dienste Steuern und Abgaben zu verlangen. Sie können als ‚Gottes öffentliche Diener“ bezeichnet werden, weil sie nutzbringende Dienste leisten. (Röm.: 13:6, 7).‘ ... Wenn eine Regierung ihren Aufgaben in der rechten Weise nachkommt, ziehen oft alle Nutzen daraus. Zu diesen Aufgaben gehören die Aufrechterhaltung eines Rechtssystems, das dafür da ist, daß Personen zu ihrem Recht kommen, ferner Schutz vor Verbrechern, vor Pöbelaktionen usw.101

Dennoch denken die Zeugen Jehovas eher universalistisch und ihre Glaubensbrüder sind ihnen in jedem Land der Erde ebenso teuer wie im eigenen. Sie unterstützen den Staat auch durch das Zahlen von Steuernund das Einhalten der Gesetze, sind friedfertig und dankbar für den Staat

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als Ordnungsmacht 102. Allerdings sind sie in erster Linie ein persönliches Verhältnis mit Gott eingegangen, haben die Wahl ihres Herrschers oderihrer Regierung bereits getroffen und warten auf deren Etablierung. Sie haben sich somit das Königreich oder das Reich Gottes „erwählt“. Deshalbfühlen sie sich auch eher als „Fremdlinge“ in dieser Welt und handeln nach dem von Christus genannten Grundsatz, „kein Teil der Welt zu sein“ 103. Diese grundsätzliche Ansicht der „Fremdlingschaft“ kommt in den Aussagen des Bibelschreibers Petrus zum Tragen und das kennzeichnet die Ansichten der Zeugen Jehovas:

„Meine Freunde, ihr seid Gäste und Fremde in dieser Welt. Deshalb mahneich euch: Gebt euren Leidenschaften nicht nach, die euer inneres Leben in Gefahr bringen. Euer Verhalten unter den Ungläubigen muß einwandfrei sein. Sie, die euch alles mögliche Böse nachsagen, sollen eure guten Taten sehen können. Vielleicht wird ihnen Gott dadurch die Augen öffnen, so daß sie ihm die Ehre geben. Fügt euch dem Herrn zuliebe jeder menschlichen Ordnung. Gehorcht dem Kaiser, der an höchster Stelle steht. Gehorcht auch seinen Vertretern, die von ihm eingesetzt worden sind, um die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu loben. Gott will, daß ihr das dumme Gerede der unverständigen Menschen durch eure guten Taten zum Schweigen bringt. Durch Christus seid ihr frei; aber benutzt eure Freiheit nicht, um unrechtes Handeln damit zu rechtfertigen. Denkt vielmehr daran, daß ihr eure Freiheit als Menschen habt, über deren Leben Gott verfügt. Achtet alle Menschen. Liebt eure Glaubensbrüder. Fürchtet Gott und ehrt den Kaiser.“104

Jehovas Zeugen sind aus diesem oben zitierten Grund dem Staat nichtfeindlich gesinnt, sondern, ganz im Gegenteil, auf ein gutes Verhältnis mit dem Staat bedacht. Sie sind keine Revolutionäre. Hier kommt der Grundsatz der Neutralität zum Ausdruck. Man will sich als „Fremdling“ oder „Gesandter“ nicht in die politischen und militärischen Auseinandersetzungen dieser Welt hineinziehen lassen. Trotz der Nichteinmischung in die politischen Angelegenheiten eines Landes fühlen sich Jehovas Zeugen durchaus verantwortlich dafür, öffentlich die Untaten eines Unrechtsstaates bloßzustellen. So wurden in der Literatur der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus

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immer wieder die Verbrechen der Nazis angeprangert und weltweit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. existiert eine Sammlung aller Artikel und Hinweise, die in den Zeitschriften „Der Wachtturm“ und „Erwachet“ der Zeugen Jehovas über die in der Zeit des Nationalsozialismus registrierten Verbrechen und Vergehen veröffentlicht wurden. Über das Thema „Antisemitismus“ wurde allein in diesen beiden Zeitschriften 145mal berichtet, über ungerechtfertigte Verhaftungen und Folter durch die Nazis in den Zeitschriften und Jahrbüchern der Zeugen Jehovas 62mal, die Konzentrationlager und die dortigen Haftbedingungen 63mal, die aktive Unterstützung des Nationalsozialismus durch Kirchenvertreter 30mal und über die aktive Beteiligung von Kirchenvertretern an der Verfolgung der Zeugen Jehovas immerhin noch 24mal. 105In dem von Zeugen Jehovas herausgegebenen Buch „Kreuzzug gegen das Christentum“ aus dem Jahre 1938 wurden die Verhandlungsmethoden und Verbrechen der Nazis detailliert aufgeführt und vorwiegend im deutschen und französischen Sprachraum verbreitet. 106

Das heißt, der Neutralitätsgedanke führt bei Zeugen Jehovas nicht so weit, daß sie bei von einem Staat begangenem Unrecht wegschauen. Der Vorwurf, der Jehovas Zeugen im SED-Staat besonders von seiten des MfS gemacht wurde, war, daß sie in negativer Form über den Kommunismus berichten und somit ihre politische Neutralität verletzen würden. 107

Dieser Vorwurf ist deshalb falsch, weil sich Jehovas Zeugen die Freiheit der Aufklärung und der freien Meinungsäußerung vorbehalten, ohne damit ihre Neutralität zu verletzen. Diese Freiheiten haben sich Jehovas Zeugen genommen, besonders wenn religiöse Interessen betroffen waren. Die Einstellung zur Neutralität darf schließlich nicht so weit führen, daß man bei Unrecht die Augen verschließt und die in Diktaturen in Not geratenen eigenen Glaubensbrüder übersieht. So wurde z. B. im Jahre 1956 auf von Jehovas Zeugen abgehaltenen Bezirkskongressen eine Petition vorgelesen, die über die „erbärmliche Behandlung der Zeugen Jehovas in Rußland“ unterrichtete. 108 Diese Petition war an Nikolai A. Bulganin, den damaligen Ministerpräsidenten der UdSSR, gerichtet worden. In dieser Petition stand, daß man durch Heimkehrer und durch verschiedene Presseartikel über die

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Lage der Zeugen Jehovas unterrichtet sei, mit Jehovas Zeugen würde in menschenunwürdiger Weise umgegangen, eine ganze Anzahl Menschen sei schon durch Unterernährung in Sibirien gestorben. Diese menschenunwürdige Behandlung müsse ein Ende nehmen. Man machte sogar den Vorschlag, daß sich Vertreter der Zeugen Jehovas mit Vertretern der russischen Regierung zusammensetzen könnten, um zu besprechen, wie es im Rahmen des Machbaren möglich wäre, die Lage der russischen Zeugen Jehovas zu erleichtern. In der Zwischenzeit könnten sie nicht mehr tun, „als die Welt über die in russischen Gefängnissen, Straflagern und Deportationszentren weilenden Zeugen Jehovas zu unterrichten, da wir es ihnen als unseren Freunden und Glaubensbrüdern schuldig sind, die Welt über ihre Lage aufzuklären“ 109. Über diese Petition wurde allein in den USA in 1.500 Zeitungen berichtet. 110

Wehrdienstverweigerung der Zeugen Jehovas in der DDR

Ab dem Frühjahr 1952 hatte in der Tätigkeit der FDJ die Werbung für die militärische Aufrüstung einen hohen Stellenwert erhalten. Im August 1952 war die „Gesellschaft für Sport und Technik“ gegründet

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worden, die maßgeblich an der vormilitärischen Ausbildung Jugendlicher beteiligt war. Die ebenfalls im Sommer 1952 gegründete Organisation „Dienst für Deutschland“ war eine paramilitärische Truppe, der bis zu 100.000 Jugendliche angehören sollten und die zur Aufgabe hatte, die Infrastruktur für einen möglichen Einsatz der Streitkräfte auszubauen.111 Nach Abschluß des Vertrages zwischen der DDR und der Sowjetunion am 20. September1955, durch den die DDR ein souveräner Staat wurde, war auch deren Aufgabe, zur militärischen Sicherung des Kommunismus beizutragen, festgelegt.112 Nachdem die „versteckte Aufrüstung“, auch durch die Existenzder verfügbaren Kasernierten Volkspolizei (KVP), bereits im vollen Gange war, wurde am 18. Januar 1956 das Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums für Verteidigung beschlossen.113Diesem Gesetz folgte am 24. Januar 1962 das von der Volkskammer beschlossene „Gesetz über die Allgemeine Wehrpflicht“. Ab diesem Zeitpunkt wurde natürlich auch von Zeugen Jehovas verlangt, den Wehrdienst zu leisten. Schon in den Jahren zuvor versuchte man, Druck auf junge Zeugen Jehovas auszuüben, um sie zu veranlassen, zur Kasernierten Volkspolizei zu gehen.114

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Durch die „Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der Deutschen Demokratischen Republik über die Aufstellung von Baueinheiten im Bereich des Ministeriums für Nationale Verteidigung“ wurde die Möglichkeit zum Ersatzdienst als sogenannte „Bausoldaten“ geschaffen. Doch auch dieser Dienst kam für Jehovas Zeugen nicht in Betracht. Die Gründe für die ablehnende Haltung waren für sie in der Anordnung selbst zu lesen. Dort hieß es, daß zu den Aufgaben der Baueinheiten der „Ausbau von Verteidigungs- und sonstigen militärischen Anlagen“ gehöre. Der Einsatz erfolge „durch den Minister für Nationale Verteidigung oder die von ihm dazu Beauftragten“. Die Bausoldaten brauchten zwar keinen Fahneneid zu leisten, doch wurden sie zu einem „Gelöbnis“ an die DDR- verpflichtet.115 Weitere Forderungen an die Bausoldaten waren beispielsweise die Absolvierung einer „staatspolitischen Schulung“, ebenso eine Schulung über „gesetzliche und militärische Bestimmungen“. Auch erhielten sie eine

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„Exerzierausbildung ohne Waffe“. Die Vorgesetzten der Bausoldaten waren „bewährte Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere“ der NVA. Die Rekruten mußten sich für die Verteidigung der DDR einsetzen und unterstanden direkt dem Verteidigungsministerium.

Die Wehrdienstverweigerung durch die Zeugen Jehovas führte regelmäßig zur Bestrafung mit Gefängnishaft. Die übliche Strafhöhe lag zwischen 18 und 22 Monaten.116 Bis zum August 1962 waren 31 Zeugen Jehovas wegen Militärdienstverweigerung verhaftet worden.117) Im November 1964 war es zu einer Verhaftungswelle

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gekommen, bei der 142 Zeugen Jehovas wegen ihrer Verweigerungshaltung inhaftiert und zwangsweise beim Gleisbau eingesetzt wurden.118Dies muß im Zusammenhang mit der Einführung der Bausoldateneinheiten im September 1964 gesehen werden. Eine Totalverweigerung war spätestens ab diesem Zeitpunkt für die DDRFührung völlig inakzeptabel. Im Jahre 1967 gab es, nach internen Informationen des MfS, 700 Zeugen Jehovas, die als Wehrdienstverweigerer in der DDR registriert waren.119 Insgesamt wurden zwischen Juli 1964 und dem 31. Dezember 1974 etwa 1.000 Zeugen Jehovas wegen Verweigerung des Wehrdienstes inhaftiert.120 Seit Beginn der 80er Jahre wurde eine durchgehende Strafhöhe von 18 Monaten ausgesprochen.

Daß die Totalverweigerung immer wieder zu großen Gewissenskonflikten bei den Einberufenen geführt hat, geht aus einem Einberufungsbescheid aus dem Jahre 1984 hervor:

Seit 13.06.1984 laufen in den WKK die Einberufungsüberprüfungen für Wehrpflichtige, die im Juli/August/ September 1984 gezogen werden undwo bekannt ist, daß sie aus ‚ZJ-Elternhäusern‘ stammen. ... Bisher wurden alle 26 Jugendliche[n] befragt, darunter die 10 Jugendlichen, die für 03. 07. 84 vorgesehen sind. In den Gesprächen erklärten sich 18 Jugendliche bereit, ihrer Wehrpflicht nachzukommen, darunter die 10 Juli-Kandidaten, die alle aus ‚ZJ-Elternhäusern‘ stammen“.121

Doch schon am am 5. Juli 1984 wurde über diese 10 Juli-Kandidaten geschrieben:

Nach Auskunft der NVA sind alle 10 Personen, die am 3.7.84 einberufen werden sollten, am festgelegten Ort erschienen und haben den Wehrdienst total verweigert. Es handelt sich um ‚Zeugen Jehovas‘. Sie wurden der Staatsanwaltschaft übergeben.122

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Daß nicht alle jungen Zeugen Jehovas, durch den psychischen Druck der Einberufung und aus Angst vor den zu erwartenden Konsequenzen, sogleich ihrer eigentlichen Überzeugung folgten und den Wehrdienst verweigerten, sondern zunächst ihre Bereitschaft signalisierten, Wehrdienst zu leisten, ist nicht unverständlich. Doch offensichtlich änderten sie relativ schnell ihre Haltung, nachdem sie die Einberufungsüberprüfung hinter sich hatten. In Verbindung mit ihrem Elternhaus, durch Gespräche mit anderen Gläubigen und durch eigenes Nachsinnen, nahmen sie wieder ihre ablehnende Haltung zum Wehrdienst ein. Dies wird in einer Information deutlich, in der das MfS zu den Einberufungen für 1984 Stellung nimmt. Dort heißt es:

Wie bereits vorinformiert, werden ab Monat Juli solche Bürger zum Wehrdienst einberufen, die bisher jede Form dieser staatsbürgerlichen Pflicht verweigerten. Hier handelt es sich vorrangig um ‚Zeugen Jehovas‘. Am 13. Juni 1984 erfolgt für sie die Einberufungsüberprüfung. Dann werden im Monat Juli 10, im August 20 und im September 30 dieser Wehrpflichtigen einberufen. Es ist damit zu rechnen, daß es bei allen zu einer gerichtlichen Reaktion und Verurteilung kommen wird.123

Die Wehrkreiskommandanturen hatte im Laufe der Jahrzehnte genügend Erfahrungen mit Jehovas Zeugen gesammelt, um zu wissen, daß zumindest für den größten Teil der Zeugen Jehovas ein Wehrdienst, ob mit oder ohne Waffe, nicht in Frage kam. Es gab aber auch jugendliche Zeugen Jehovas, die nicht total verweigerten und sogar bereit waren, den Wehrdienst zu leisten. Als Gründe für die Ableistung des Wehrdienstes wurden von ihnen genannt:

Keine geistige Bindung zum Elternhaus“, „Familiengründung, bzw. Eheschließung mit ‚Nicht-ZJ‘“, „durch eigene Erkenntnisse = Ablehnung der Glaubensdoktrin“, „eigene bzw. Entwicklung der Ehefrau und Stellung im gesellschaftlichen Leben und Arbeitskollektiv“ und „Weiterbildung“.124

Der Dienst als Bausoldat wurde ebenfalls von einigen jugendlichen Zeugen Jehovas geleistet.125 Auch hier haben ähnliche Gründe

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eine Rolle gespielt. Der Einberufungsbefehl wurde oft erst ausgesprochen, wenn die jungen Zeugen Jehovas schon verheiratet und das/die erste/n Kind/er geboren war/en. In dieser Situation fiel es dann besonders schwer, dem Einberufungsbefehl nicht nachzukommen und statt dessen eine Gefängnisstrafe zu verbüßen. In einer Aufstellung über die in den Strafanstalten der DDR wegen Wehrdienstverweigerung inhaftierten Zeugen Jehovas vom 1. Oktober 1985 wurde festgestellt, daß insgesamt 42 Zeugen Jehovas wegen dieses Deliktes in Gefängnissen einsaßen. Die meisten Inhaftierten befanden sich in Bitterfeld (11), Frankfurt/Oder (9) und Dresden (8). Die Höhe der Strafen war mit durchgängig einem Jahr und 8 Monaten ausgewiesen.126 Die Haftstrafen endeten im allgemeinen Mitte 1986. Ab dieser Zeit wurden keine Zeugen Jehovas mehr wegen

Wehrdienstverweigerung in der DDR inhaftiert. Bei schon im Vorfeld bekannten Fällen der totalen Wehrdienstverweigerung erfolgten meist keine Einberufungen mehr. Bei eingeleiteten Strafverfahren wegen Wehrdienstverweigerung sollte „weitgehende Großzügigkeit im Strafmaß angewandt“ werden. Bei Einberufungsverfügungen, denen nicht Folge geleistet wurde, reagierte der Staat nicht mehr. Dennoch gab es offiziell grundsätzlich weiterhin „keine Möglichkeit zur Totalverweigerung“.127

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Fußnoten:

84 Detlef Garbe, Zwischen Widerstand..., a.a.O., S. 59, Fußn. 63.
85 Vgl. Gabriele Yonan, Jehovas Zeugen Opfer unter..., a.a.O., S. 10ff.
86 Vgl. Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert, WTG, Selters/Ts. 1989, S. 12ff. Vgl. Die Bibel, Offenbarung, Kapitel 21, Verse 1-5.
87 Einsichten über die Heilige Schrift, Bd. 1: A-J, WTG, Selters/Ts. 1990, Begriff: Har-Magedon, S. 1059.
88 Zu den religiösen Unterschieden zwischen Zeugen Jehovas und den anderen christlichen Konfessionen, siehe: Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, Jehovas Zeugen im zwanzigsten Jahrhundert, Selters/Ts. 1989, S. 13. Beispielsweise werden hier genannt: "Der Name Gottes ist Jehova", Dreieinigkeitslehre ist nicht biblisch fundiert,die Seele ist nicht unsterblich, "Auferstehung ist Hoffnung für die Toten", Blut darf weder als Nahrung noch zu medizinischen Zwecken verwendet werden, Interkonfessionalismus wird abgelehnt.
89 Vgl. Organisiert unseren Dienst durchführen, WTG, Selters/Ts. 1983.
90 Römer 13, Vers 1, Die Heilige Schrift, Brockhaus-Verlag, 1957. Vgl. Neue-Weltübersetzung der Heiligen Schrift, WTG, Selters/Ts. 1989: „Jede Seele sei den obrigkeitlichen Gewalten untertan, denn es gibt keine Gewalt außer durch Gott. Die bestehenden Gewalten stehen in ihren relativen Stellungen als von Gott angeordnet.“
91 Martin Luther, Von weltlicher Obrigkeit, zitiert aus: Joachim Perels, „Uns demgemäß verhalten“, erschienen in: Lutherische Monatshefte, 4/98, S. 27
92 Anerkennungsverfahren der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Deutschland, WTG, Selters/Ts 1997, Kapitel: Selbstdarstellung einer Religionsgemeinschaft, S. 115- 123, hier S. 116 f. Zwischen 1929 und 1962 vertraten Jehovas Zeugen die Sichtweise, daß die „obrigkeitlichen Gewalten“ sich direkt auf Gott und seinen Sohn und nicht auf die weltlichen Regierungen beziehen würden. Diese Lehrmeinung wurde 1962 korrigiert. Grundsätzlich war jedoch auch zwischen 1929 und 1962 die Einstellung der Zeugen Jehovas gegenüber dem Staat nicht anders als nach der korrigierten Auffassung. So heißt es in einer Ausgabe des „Wachtturm“ vom 1. Oktober 1950: „Soll ein Christ dem Gesetz des Landes, in dem er wohnt, gehorchen? Jawohl, es sei denn das Gesetz des Landes laufe dem Gesetze Gottes direkt zuwider.“ „Der Wachtturm“, vom 1.10.1950, Gehorsam gegen Gott oder Menschen?, S. 299.
93 „Jehovas Zeugen Menschen aus der Nachbarschaft. Wer sind sie?“ S. 16, WachtturmBibel- und Traktatgesellschaft, Selters/Ts. 1995.
94 „Der Wachtturm“, Die Ansicht des Christen über die obrigkeitlichen Gewalten, 1.11.1990, 10 ff. Siehe auch: „Unsere relative Unterordnung unter die obrigkeitlichen Gewalten“ Ebd., S. 23 ff.
95 „Unterredungen anhand der Schriften“, Wachtturm Bibel-und Traktatgesellschaft (Hrsg.), Selters /Ts. 1990, S. 315.
96 Vgl. Detlef Garbe, Zwischen Widerstand, a. a. O., „Kriegsdienstverweigerung durch Zeugen Jehovas“, S. 352 ff.
97 In einem Beobachtungsbericht über die Wahlverweigerung eine Zeugen Jehovas hieß es: Als ... [Name geschwärzt] von Wahlhelfern aufgefordert wurde, seiner Wahlpflicht nachzukommen, entgegnete er, daß in der DDR eine Demokratie besteht und wenn er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen will, so wird er freiwillig und von alleine gehen.“

BStU Berlin, MfS HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 8990, Bl. 269, Aktenvermerk im Beobachtungsbericht vom 11.9.1965 über Wahlverweigerung. Bei den Wahlen am 10. Oktober 1965 beteiligte sich die beobachtete Person wieder nicht an der Wahl. Darüber hieß es: „Dreimal wurden Wahlhelfer zu seiner Wohnung geschickt, die ihn nie zu Hause antrafen. Das gleiche trifft auf den Wohnungsnachbar von ...[Name geschwärzt] zu, der eng mit ... [Name geschwärzt] verkehrt.“ Ebd., Bl. 271. Die einfachste Methode war, am Wahltag nicht zu Hause zu sein, um den zwanghaften Aufforderungen, sich „demokatisch“ zu verhalten, aus dem Weg zu gehen. Die Nichtbeteiligung an den Wahlen hatte keine besonderen Konsequenzen. Das Wahlverhalten wurde in das ohnehin als „politisch-ideologische Diversion“ (PID) bezeichnete Verhalten der Zeugen Jehovas mit eingereiht und wurde bis zum Ende der DDR argwöhnisch beobachtet.

So wurden 1989 in einer „aktuellen Lageerscheinung“ als gesellschaftsfeindliche Praxis der Zeugen Jehovas unter anderem angeführt: „Kampf gegen die staatliche Bündnispolitik im Hinblick auf Christen, Behinderung, bzw. Verhinderung sozialistischer Bewußtseinsbildung schon bei Kindern und Jugendlichen, Kampf gegen die Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Verweigerung von Wehr- und Wehrersatzdienst, Kampf gegen die Teilnahme an Wahlen, Volksabstimmungen u. a. demokratischen Entscheidungen, Verleumdung des Friedenskampfes.“ BStU ASt Magdeburg, MfS Abt. XX/4, AKG 87, Bl. 199, „Aktuelle Lageerscheinungen des Wirksamwerdens innerer, feindlicher oppositioneller und anderer negativer Kräfte in personellen Zusammenschlüssen und Freizeitkonzentrationen im Verantwortungsbereich unter Beachtung der Lage im Bezirk Magdeburg“, Kreisdienststelle Oschersleben an die SEDKreisleitung vom 2. 8. 1989. Im selben Bericht heißt es: „Alle bekannten ‚Zeugen Jehova[s]‘ traten bei den Kommunalwahlen 1989 als Nichtwähler in Erscheinung.“ Ebd., Bl. 200. Allerdings wurden Zeugen Jehovas, die gewählt hatten, vom MfS besonders observiert. Als Anweisung galt: „Die Fachabteilungen der Bezirksverwaltungen sind orientiert, ‚ZJ‘, die an der Wahl teilnehmen, operativ in Erfahrung zu bringen und in geeigneter konspirativer Weise diese Feststellungen zur weiteren Forcierung des Zersetzungsprozesses auszuwerten.“ BStU Berlin, MfS HA XX/4, Archiv Nr. 951, Bl. 84, „Aus der Konspiration der Organisation ‚Zeugen Jehova[s]‘ (ZJ) zu den Wahlen am 08.06.1986“ vom 29. Mai 1986. Das MfS kannte die religiös Sichtweise der Zeugen Jehovas zu gut, als daß sie nicht gewußt hätten, daß die Teilnahme an Wahlen kein gruppenkonformes Verhalten darstellte, daß durch dieses Verhalten jemand zeigte, daß er nicht mehr ganz hinter den Anschauungen der Religionsgemeinschaft stand und womöglich bereit war, noch weiter zu gehen. Schließlich hatte das MfS mit dem Wissen um die Nichtbeteiligung auch ein Druckmittel in der Hand, da der Beteiligte sein Wahlverhalten der Gemeinschaft wahrscheinlich nicht offenbart hatte.

111 Vgl. Ulrich Mählert, „Die gesamte junge Generation für den Sozialismus begeistern“. Zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend, S. 73 ff., in: Jürgen Weber (Hrsg.), DER SED-STAAT: Neues über eine vergangene Diktatur, München 1994.
112 Geschichte der Deutschen Volkspolizei 1945-61, MdI (Hrsg.), S. 360, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1979. Vgl. B. Thoss (Hrsg.) Volksarmee schaffen - ohne Geschrei! Studien zu den Anfängen einer „verdeckten Aufrüstung“ in der SBZ/DDR 1947- 1952, München 1994. Vgl. Gerhard Wettig, Bereitschaft zu Einheit in Freiheit? Die sowjetische Deutschland-Politik 1945-1955, München 1999.
113 Hermann Weber: DDR Grundriß der Geschichte 1945-1990, S. 82 f., Hannover 1991. Vgl. D. Staritz, Geschichte der DDR 1949-1985, Frankfurt/M. 1985, Erw. Neuausgabe 1996.
114 Der Zeitzeuge Werner Geyer aus Ober-Ramstadt berichtete beispielsweise: „1952 sollte ich für die Kasernierte Volkspolizei geworben werden, was ich entschieden ablehnte. Zwei Wochen später - im September 1952 - wurde ich dann verhaftet und zur Stasi nach Leipzig- Leutsch gebracht.“ Bericht W. Geyer, wohnhaft in Ober-Ramstadt, vom 7. Juni 1998, der aufgrund seiner Tätigkeit als Zeuge Jehovas zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und 5 Jahre Haft verbüßte. Aufzeichnung im Besitz des Verfassers.
115 Im Gelöbnis der Bausoldaten hieß es :

ICH GELOBE
Der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und meine Kraft für die Erhöhung ihrer Verteidigungsbereitschaft einzusetzen.

ICH GELOBE:
Als Angehöriger der Baueinheiten durch gute Arbeitsleistung aktiv dazu beizutragen, daß die Nationale Volksarmee an der Seite der Sowjetarmee und den Armeen der mit uns verbündeten sozialistischen Länder den sozialistischen Staat gegen alle Feinde verteidigen und den Sieg erringen kann.

ICH GELOBE:
Ehrlich, tapfer, diszipliniert und wachsam zu sein, den Vorgesetzten unbedingt Gehorsam zu leisten, ihre Befehle mit aller Entschlossenheit zu erfüllen und die militärischen und staatlichen Geheimnisse immer streng zu wahren.

ICH GELOBE:
Gewissenhaft die zur Erfüllung meiner Aufgaben erforderlichen Kenntnisse zu erwerben, die gesetzlichen und militärischen Bestimmungen zu erfüllen und überall die Ehre unserer Republik und meiner Einheit zu wahren.

Gelöbnis entnommen aus: „Auf dem Weg zur gemeinsamen humanistischen Verantwortung. Eine Sammlung kirchenpolitischer Dokumente 1945 bis 1966 unter Berücksichtigung von Dokumenten aus dem Zeitraum 1933 bis 1945.“ Abdruck der Anordnung S. 417 ff., „Die Zusammenstellung dieses Bandes nahm ein Kollektiv vor, dem u. a. Dr. Horst Dohle, Dr. Klaus Drobisch, Dr. Eberhard Hüttner und Günter Wirth angehörten“, Union Verlag Berlin, 1967, vom 7. September 1964.

116 Diese Strafhöhe wird durch die Aussagen verschiedener Zeitzeugen belegt. So gab beispielsweise Wolfgang Wegner aus Schwerin, der mit 11 weiteren Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung im Jahre 1973 in Strafhaft kam, in einer schriftlichen Stellungnahme zu seiner Wehrdienstverweigerung zu Protokoll, daß die Haftstrafen zwischen 20 und 22 Monaten betrugen. „Bericht und Erfahrungen aus der Zeit der Inhaftierung von Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung 1973-1975 im Strafvollzug Bielkenhagen und Franzeshöhe Stralsund.“ Interview mit dem Kreisaufseher der Zeugen Jehovas, Frank Meerwald, vom 10. April 1998. Interview im Besitz des Verfassers. Im Protokoll eines inhaftierten Zeugen Jehovas aus dem Jahre 1968 heißt es, daß er vom Standpunkt des Gesetzes es durchaus einsah, daß eine Strafe erfolgen müsse.

Sein Standpunkt bliebe aber, daß man „Gott mehr gehorchen“ müsse als Menschen. Seine Strafhöhe wurde vom Militärgericht Halle auf 20 Monate festgelegt. BStU Berlin, HA XX/4, AVSV 185/70, Bd. I, Bl. 10 f. Interessant ist in dieser Akte zu lesen, daß verschiedene IM auf den Verurteilten angesetzt waren, um zu beobachten, ob er in Strafhaft versuchen würde, seinen Glauben weiterzuverbreiten. Bl. 5, 7, 8,44, 53, 54, 55.

Der Zeuge Jehovas Eckhard Albrecht aus Neubrandenburg erhielt 21 Monate Haft wegen Wehrdienstverweigerung. Er berichtete auch, daß im „Straflager Thale“, in dem er einsaß, „innerhalb einer Woche 28 Brüder“ ihre Gefängnishaft antraten. Auf Grund einer Amnestie vom Oktober 1972 wurde er bereits nach 9 Monaten Haft entlassen. Eckhard Albrecht, „Gefängnisstrafe wegen Wehrdienstverweigerung“, Interview mit dem Kreisaufseher der Zeugen Jehovas, Frank Meerwald, vom 22. Mai 1998. Interview im Besitz des Verfassers. Der Zeuge Jehovas Helmut Peters aus Neubrandenburg, der schon vor seinem Entschluß, ein Zeuge Jehovas zu werden, seinen Wehrdienst ableistete, sollte im Jahre 1970 zum Reservistendienst eingezogen werden. Da er sich weigerte, den achtwöchigen Reservistendienst zu verrichten und ebenso den Bausoldatendienst ablehnte, erhielt er 8 Monate Haft. Helmut Peters, Gefängnisstrafe wegen Verweigerung des Reservistendienstes, Interview mit dem Kreisaufseher der Zeugen Jehovas, Frank Meerwald, vom 27. Mai 1998. Interview im Besitz des Verfassers.

117 Jahrbuch der ZJ 1963, WTG, Wiesbaden 1963, S. 296.
118 Gabriele Yonan, Jehovas Zeugen Opfer unter zwei deutschen Diktaturen 1933-1945 1949-1989, Berlin 1999, 1. Auflage, 1999, S. 95 f.
119 BStU Berlin, HA XX/4, Nr. 932, Bl. 46, „Begründung der Veröffentlichung eines Buches gegen die aktive feindliche Tätigkeit der Sekte ‚Zeugen Jehovas‘ in der DDR“, 7.11.1968.
120 Bernd Eisenfeld, Kriegsdienstverweigerung in der DDR - ein Friedensdienst? Genesis, Befragung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/M. 1978, S. 72.
121 „BStU Berlin,HA XX/4, Archiv-Nr. 3118, Bl. 1, Einberufung 1984 vom 19.6.1984.
122 Ebd., Bl. 3, „Information an den Gen. Staatssekretär“ vom 3.7.1984.
123 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 667, Bl. 187, „Information an den Staatssekretär vom 1.6.1984
124 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 3118, Bl. 1, „Einberufung 1984“ vom 19.6.1984.
125 Eisenfeld nennt die Zahl von neun Zeugen Jehovas, die in den ersten Durchgängen in den 60er Jahren den Bausoldatendienst durchführten. Dies entspreche 2% der Gesamtzahl der einberufenen Zeugen Jehovas. Vgl Bernd Eisenfeld, Kriegsdienstverweigerung in der DDR - ein Friedensdienst? Genesis, Befragung, Analyse, Dokumente, Frankfurt/M., 1978.
126 BStU Berlin, HA XX/4, Archiv-Nr. 667, Bl. 226, „‘Zeugen Jehova[s]‘ die im StVE der DDR z. Z. inhaftiert sind“ vom 1.10.1985.
127 BStU Berlin,HA XX/4, Archiv-Nr. 3118, Bl. 9 ff., „Abt. II Zum Wehrdienst- Ersatzdienstverweigerung“ vom 6.12.1985. BStU ASt Schwerin, MfS Archiv-Nr. 16, Bl. 4.

Vgl. Hans-Hermann Dirksen, „Keine Gnade den Feinden der Republik“. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR 1945-1990, S. 749 ff., Dirksen geht hier recht ausführlich auf die Strafverfolgung wegen Wehrdienstverweigerung bei Zeugen Jehovas ein.

[Seite 162 (in der gedruckten Ausgabe)]

III. 2. 8. Aufgaben und Ziele der MfS-"Zersetzungsarbeit"

Die Aufgaben und Ziele des MfS konzentrierten sich im besonderen auf folgende Punkte, die die "Zersetzungsarbeit" gegen die Zeugen Jehovas dominierten:

  1. Verhinderung der Öffentlichkeitswirksamkeit der Glaubensgemeinschaft durch die Durchsetzung des Verbots des Missionsdienstes und des Abhaltens von Bibelstudiengruppen.
  2. Kenntlichmachung besonders der "Funktionäre", Kuriere und der Organisationsstruktur, sowohl in der DDR als auch in der BRD.
  3. Kenntlichmachung aller Zeugen Jehovas in der DDR und auch der Teilnehmer (Interessierten) der von Jehovas Zeugen durchgeführten Bibelstudienkurse.
  4. Eindringen in die Konspiration der Zeugen Jehovas durch Observierung, Befragung und dem Einsatz von IM.
  5. Werbung von Zeugen Jehovas als IM.
  6. Verhinderung der Einschleusung der religiösen Literatur der Zeugen Jehovas.
  7. Ausfindigmachung und Konfiszierung der schon im Land befindlichen Literatur, besonders der Literaturdepots und der Vervielfältigungsgeräte.
  8. [Seite 163 (in der gedruckten Ausgabe )]

  9. Finanzielle Bestrafung und Disziplinierung durch hohe Ordnungsstrafverfügungen und Beschlagnahmung gefundener Spendengelder.
  10. "Zersetzungsmaßnahmen" durch künstlich geschaffene und gesteuerte Opposition in Form der "Christlichen Verantwortung" (CV).
  11. Informationskampagnen durch das MfS-Organ "Christliche Verantwortung" in den Kirchen und Religionsgemeinschaften.
  12. Weltweite Zusammenarbeit mit ebenfalls von Geheimdiensten gesteuerten Anti-Kult-Gruppen (z. B. Polen) sowie Nutzung und Beeinflussung tatsächlicher Opposition.
  13. Manipulierte Gegenarbeit mit Splittergruppen der Zeugen Jehovas, wie z. B. der "Allgemeinen Bibellehrvereinigung" (ABL) oder der "Freien Christengemeinde" (FC).

 

Neben den Operativvorgängen [OV] auf Landesebene, für die die HA XX/4 verantwortlich war, wurden auf Bezirks- und Kreisebene ebenfalls zahlreiche Operativvorgänge bearbeitet. So wurde von der Kreisdienststelle Bad Doberan im Jahre 1974 "ein voller Erfolg" gemeldet. Dort konnten aufgrund des OV "Zeuge" bei einem Gebietsdiener durch Observierung und IM-Berichte am 9. September 1974 zahlreiche Literatur, einige Vervielfältigungsgeräte, Berichte aus 22 Bibelstudiengruppen, neueste Anweisungen aus der Zentrale in Wiesbaden und Spendengelder konfisziert werden.410 Beteiligt an dieser Aktion war ein IM, der sich nach zweijährigem Bibelkursus den Zeugen Jehovas angeschlossen hatte und in das geheime Literaturdepot eingeweiht worden war. Den Abschluß der Aktion bildeten Ordnungsstrafverfügungen gegen mehrere Personen, die durch den Stellvertreter des Inneren des Kreises Bad Doberan verfügt wurden. Dem Abschluß der Aktion war eine "gründliche Beratung" mit dem Kreisstaatsanwalt, dem Stellvertreter des Vorsitzenden für Inneres des Kreises und MfS-Offizieren vorausgegangen. Hierbei wurden die [Seite 164 (in der gedruckten Ausgabe )] "entschädigungslose Einziehung" der beschlagnahmten Gegenstände und die vorher abgesprochenen Ordnungsstrafen" festgelegt.411 In diesem Fall wurde ein fingiertes Ermittlungsverfahren genutzt, um eine legale Hausdurchsuchung durchführen zu können. Eine Anzeige wegen Diebstahls gegen "Unbekannt" vom Betrieb des Observierten wurde hierbei genutzt. Natürlich wurde kein Diebesgut bei der Hausdurchsuchung gefunden. Aber man fand "zufällig" Literatur der Zeugen Jehovas. Dieser angebliche "Zufallsfund" schützte die eingesetzten IM, da die Durchsuchung ja aus erklärbaren Gründen erfolgte.412 Trotz des Erfolges mußte das MfS immer wieder die Feststellung machen, daß die Erfolge nicht von langer Dauer waren. So wurde in der Einschätzung der Aktion schon am 5. Dezember 1974 festgestellt:

"Inzwischen hat sich die Arbeit in den einzelnen Studiengruppen wieder weitgehend stabilisiert. Auch das Studienmaterial (Wachtturm und Erwachet), im Original oder fotokopiert, ist wieder ausreichend vorhanden. Die eingesetzten IM konnten feststellen, daß die ZJ in Auswirkung der Aktion bemüht sind, ihre Konspiration zu erhöhen. [...] Die gegenwärtigen Aktivitäten der 'Zeugen Jehovas' zeigen, daß die Funktionäre der Sekte den gegen sie geführten Schlag im Kreisgebiet relativ schnell überwunden und praktische Schlußfolgerungen, die sich in einer Erhöhung ihrer Wachsamkeit ausdrücken, gezogen haben. Diese Reaktionen der ZJ ziehen vor allem negative Auswirkungen in Bezug auf die komplizierter werdende IM-Arbeit in diesem Bereich nach sich."413

Die Schlußfolgerung war, man müsse noch aktiver werden, die Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Stellen, gesellschaftlichen Kräften, Parteiorganisationen und Betriebsleitungen in den Betrieben, in denen "positiv zu beeinflussende ZJ-Mitglieder arbeiten", intensivieren. Besonderes Augenmerk sollte auch auf jugendliche [Seite 164 (in der gedruckten Ausgabe )] Zeugen Jehovas gelegt werden sowie auf solche, die noch nicht lange Zeit Zeugen Jehovas waren, um hier besonders an "einer ideologischen Umkehr" mit dem Ziel des Aufbaus einer "progressiven ZJ-Gruppe" zu arbeiten und diese "auf CV (Christliche Verantwortung) zu orientieren".414

Anhand der durchgeführten operativen Vorgänge und mit weiterem Material wurden Informationsveranstaltungen und Ausstellungen für MfS-Offiziere durchgeführt. So hieß eine 1975 in Rostock durchgeführte Veranstaltung: "Die Zurückdrängung der WTG [Wachtturm-Gesellschaft] - Aufgabe aller Partei-, Staats- und Sicherheitsorgane."415

Bei dieser Ausstellung wurden konfiszierte Materialien vorgestellt und über Geschichte und Vorgehensweise der Zeugen Jehovas in der DDR referiert. Die WTG wurde als ein "Instrument des Klassengegners" dargestellt. Die "Zersetzungsarbeit" wäre die effektivste Methode, gegen die Zeugen Jehovas vorzugehen. Die "operative Arbeit" wäre die Grundlage dieses Vorgehens. Das Erstaunliche war, daß auf dieser Schulung bei der Zusammenfassung gesagt wurde, daß trotz einiger besonderer Erfolge, wie in Bad Doberan und Grimmen, in den anderen Kreisen des Bezirks "von einem relativ niedrigen Stand in der Bekämpfung der WTG" auszugehen sei.416 Erstaunlich war auch, daß sich das Bild des MfS über die WTG in keiner Weise verändert hatte. Die WTG wurde immer noch als Verbündete des amerikanischen und internationalen Großkapitals dargestellt, deren Interessen sie vertrete. Daran sollte sich bis zum Ende der DDR nichts ändern.417 Noch 1986 war ein Auskunftsbüro in Aachen/BRD unter [Seite 166 (in der gedruckten Ausgabe )] einer Legende eingeschaltet worden, um die Zentrale in Brooklyn/New York bezüglich der wirtschaftlichen Geschäftsmethoden auszukundschaften. Das Ergebnis erbrachte lediglich die Bestätigung, daß es sich um eine "Gemeinnützige Gesellschaft" handeln würde und daß die verantwortlichen Männer der WTG, Frederick W. Franz (Präsident), M. H. Larson (Vizepräsident), L. A. Swingle (Sekretär und Schatzmeister) und L. K. Greenlees (Assistent Finanzen) "in geschäftlicher und privater Hinsicht eine günstige Beurteilung" erhielten.418 Auskunftsberichte wurden über alle führenden Männer in der Zentrale in Selters/T. erstellt.419

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410 BStU Berlin, MfS HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 1029, Bl. 2 ff., Kreisdienststelle Bad Doberan, "Einschätzung des Ablaufs und der Ergebnisse der am 9.9.1974 im Stadtgebiet Bad Doberan durchgeführten Zersetzungsaktion gegen die in der DDR verbotene Sekte 'Zeugen Jehovas'" vom 5.12.1974.
411 Ebd., Bl. 6.
412 Mußten keine IM vor Dekonspiration geschützt werden, wurden Hausdurchsuchungen wegen des Verdachts der Herstellung und Verbreitung von "Schund- und Schmutzliteratur nach § 146 StGB" vorgenommen. Dies war bei den "Zersetzungsmaßnahmen" in Grimmen der Fall. Ebd., Bl. 46 ff., "Zersetzungsmaßnahmen - ZJ - KD Grimmen".
413 BStU Berlin, MfS HA XX/4, Zentralarchiv, Nr. 1029, Bl. 8 f., Kreisdienststelle Bad Doberan, "Einschätzung des Ablaufs und der Ergebnisse der am 9.9.1974 im Stadtgebiet Bad Doberan durchgeführten Zersetzungsaktion gegen die in der DDR verbotene Sekte 'Zeugen Jehovas'" vom 5.12.1974.
414 Ebd., Bl. 10 f.
415 Ebd. Bl. 20, "Dokumentation über die Ergebnisse der Bekämpfung der WTG im Bezirk Rostock."
416 Ebd., Bl. 40.
417 Noch in einer 1988 an der Humboldt-Universität in Ostberlin erstellten Dissertation wurde behauptet, daß die "Propaganda und die Aktivitäten" der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas sich politisch "zunehmend in Strategien US-amerikanischer Außenpolitik" einordne. Schon im Jahre 1933 wäre "ein Bekenntnis zur faschistischen Religions- und Kirchenpolitik" abgelegt worden. Zudem hätte die "totale Vereinnahmung durch die WTG" bei den Anhängern eine "soziale Deformation zur Folge". Die Autoren hatten in ihrer Dissertation lediglich die bestehenden Vorurteile kopiert und als wissenschaftliches Ergebnis in ihre Arbeit aufgenommen. Dieter Münz / Harald Wachowitz, Theoretische und praktische Schlußfolgerungen der empirischen Untersuchungen der Beziehungen von Kirchen und Religionsgemeinschaften in der DDR zur sozialistischen Gesellschaft, Berlin, Humboldt-Universität, Dissertation 1988, S. 312-317. Wie schnell solche Urteile revidiert werden können, konnte man in einer Information der Rechtsabteilung des Innenministeriums vom Januar 1990 lesen, bei der der Minister für Innere Angelegenheiten, Lothar Ahrendt, angefragt hatte, um Informationen über das bestehende Verbot bei Jehovas Zeugen zu erhalten. Statt eine "soziale Deformation" festzustellen, wurde hier davon gesprochen, daß "die Anhänger der Zeugen Jehovas ehrliche, fleißige und pflichtbewußte Bürger in unserer Gesellschaft" wären. BArch Berlin, DO 4, 1546, Abt. Rechtsfragen an den Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats für Kirchenfragen, Herrn Lothar de Maizierè, vom 15.1.1990.
418 BStU Berlin, MfS HA XX/4, Archiv-Nr. 951, Bl. 171 f., Auskunft über WTG, vom 14.1.1986.
419 Vgl. Auskunftsbericht über W. Pohl (Zweigkomitee [der Zeugen Jehovas] BRD), BStU Berlin, MfS XX/4, Archiv-Nr, 79, Bl. 18 f. Vgl. Ted Jaracz (Glied der leitenden Körperschaft [der Zeugen Jehovas], Brooklyn). Ebd. Bl. 20.

Die Online-Version enthält nur eine Auswahl von Fußnoten.)

[Seite 228 (in der gedruckten Ausgabe )]

Exkurs: "Ich war Zeuge Jehovas", VEB Deutscher Zentralverlag, Berlin 1961. Autor: Günther Pape?

Im Jahre 1961 war in beiden deutschen Staaten das Buch "Ich war Zeuge Jehovas" erschienen. Als Autor trat in der BRD, wie auch in der DDR, Günther [Günter] Pape auf; sein Bruder, Dieter Pape, wurde lediglich als Bearbeiter und Gestalter des Buches in der DDR bezeichnet. Ein Vergleich der zwei Ausgaben des Buches zeigt jedoch schnell, daß lediglich im ersten Kapitel der beiden Publikationen eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden ist. Die weiteren Kapitel differieren so weit, daß man von zwei verschiedenen Büchern sprechen muß. Der Inhalt zeigt, daß ein und dasselbe Thema von zwei verschiedenen Autoren behandelt wurde. In einem Bericht über ein Treffen D. [Dieter] Papes mit seinem Führungsoffizier, Unterleutnant Kuschel, hieß es entlarvend:

"Da er [Dieter Pape] das korrigierte Manuskript seines Buches ´Ich war Zeuge Jehovas´ vom Verlag erhalten hatte, bat er um einen Vergleich mit den von ihm ausgearbeiteten und vom MfS verschickten Schriften."1

[Seite 229 (in der gedruckten Ausgabe )]

In einem weiteren Bericht hieß es über die Arbeit Dieter Papes:
"Er hat über sein nun endlich erschienenes Buch über die ZJ einen intensiven Briefverkehr begonnen, vor allem mit seinem Bruder. Dieser Schriftwechsel gab uns Einblicke in die katholische Zersetzungsarbeit gegen die ZJ.

Das in der DDR erschienene Buch „Ich war Zeuge Jehovas“ wurde nicht von Günther Pape, sondern von seinem Bruder Dieter Pape geschrieben. Lediglich das Gerüst des Buches ist von D. [Dieter] Pape verwendet worden. Dieter Pape war somit ebenfalls eigenständiger Autor, sollte jedoch nicht als Autor auftreten, ganz offenbar, um seine intensive Verbindung zum MfS [Ministerium für Staatssicherheit, "Stasi"] nicht herauszustellen. Im Jahre 1961 war es auch gar nicht möglich, die Erlaubnis zu einer Buchveröffentlichung über ein solches Thema als DDR-Autor zu erhalten, ohne mit dem MfS zu kollaborieren. D. [Dieter] Pape hatte die Möglichkeit, sämtliche verbotene Literatur der Zeugen Jehovas in der DDR einzusehen und diese in sein Buch einzuarbeiten.

Die Zusammenarbeit mit dem MfS mußte zudem unentdeckt bleiben, da keinerlei Rückschlüsse auf eine eventuelle Verbindung zwischen MfS und katholischer Kirche über die Personalunion der Pape-Brüder gezogen werden sollten. Dass allerdings eine Zusammenarbeit der beiden Brüder gegen Jehovas Zeugen seit Jahren intensiv praktiziert wurde ist nur zu offensichtlich.2 Das Buch von G. [Günther] Pape erhielt erst am 23. August 1961 die kirchliche Druckerlaubnis in der BRD und erschien im selben Jahr beim Verlag Winfried-Werk in Augsburg (in weiteren Ausgaben im katholischen Pattloch-Verlag, Augsburg). Aber schon am 12. Mai 1960 hatte Müller davon gesprochen, daß er gehört habe, daß Dieter Pape "eine größere Abhandlung in Buchform gegen die ´ZJ´ ´Ich war Zeuge Jehovas´ mit staatlicher Einwilligung der DDR-Regierung“ veröffentlichen wolle und daß er, Müller, die Aussagen dieses Buches gern in seinen Briefen verwenden würde.

[Seite 230 (in der gedruckten Ausgabe )]

Beim Treffen mit Teichmann am 16. August 1961 wurde D. [Dieter] Papes Buch ebenfalls erwähnt. Müller hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits gelesen und urteilte darüber, daß es gerade auf den letzten Seiten "sehr weltlich gehalten" sei. Das Buch von Günther Pape erhielt Müller erst im Juli 1962 von G. [Günther] Pape zugeschickt und urteilte darüber, daß es "bedeutend besser als das Buch seines Bruders sei". Nur das Abschlußkapitel des Buches von G. [Günther] Pape "Auf dem Weg zur Kirche" wirke "auf JZ abstoßend, so daß von vornherein dieses Buch abgelehnt wird". Dieter Pape hätte ihm aber erklärt, dieses Kapitel hätte sein Bruder schreiben müssen, da die Finanzierung dieses Buches von den Jesuiten übernommen wurde, und um die Druckgenehmigung zu erhalten, hätte sein Bruder dieses Kapitel einbauen müssen. Nachdem die aufgelegten Bücher vergriffen waren, hätte Günther Pape diesen Schritt zurück in die Kirche zunächst aber doch nicht getan.3

D. [Dieter] Pape war ein wichtiger Faktor in der MfS-"Zersetzungsarbeit". Nicht umsonst erhielt D. Pape bereits im Jahre 1960 ein Gehalt von 800,00 Mark monatlich ausbezahlt.4 Seine Frau, die zwar offiziell auf der Gehaltsliste des MdI [Ministerium des Innern] stand, wurde ebenfalls vom MfS mit 450,00 Mark besoldet. Diese Gehälter wurden nur bei besonderen Leistungen gezahlt. Einige Jahre später sollte ein weiteres, hauptsächlich von D. [Dieter] Pape geschriebenes Buch veröffentlicht werden. Auch hier sollte D. Pape im verborgenen bleiben.5

Die Autorenschaft des 1961 im ostdeutschen Zentralverlag erschienenen Buches war somit eine weitere Täuschung und Teil der kontinuierlich betriebenen Zersetzungsarbeit [gegen Jehovas Zeugen] in Ost und West.

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1 BStU Berlin, A-185/85, Bl. 69, Bericht von Kuschel über Treff mit D. Pape vom 14.1.1961. Mit diesen vom MfS verschickten Schriften waren Vorwürfe wegen angeblicher Gestapokollaboration des Leiters des deutschen Zweiges der WTG von 1945-1955, Erich Frost, gemeint. Diese wurden von D. Pape ausgearbeitet und vom MfS von Westberlin aus an die WTG geschickt. Vgl. W. Hirch, Operativer Vorgang "Winter". "Zersetzungsmaßnahmen" des Ministeriums für Staatssicherheit gegen den Zweigdiener der Zeugen Jehovas, Erich Frost, verbunden mit einem Mißbrauch westdeutscher Medien, in: Kirchliche Zeitgeschichte (KGZ), Internationale Halbjahresschrift für Theologie und Geschichtswissenschaft, 1/1999, S. 225-239.
2 Es wird sehr deutlich, dass Günther Pape über die Kollaboration seines Bruders Bescheid wusste. Schließlich hatte er auch schon Bekanntschaft mit dem MfS gemacht und wußte, dass ohne das MfS keine Zersetzungarbeit gegen Jehovas Zeugen möglich war. Vgl. A. Gursky, Zwischen Aufklärung und Zersetzung..., S. 89. Hier wird davon berichtet, daß, laut G. Pape, er nur "knapp einem Entführungs- und Erpressungsversuch" durch das MfS entgehen konnte.
3 G. Pape konvertierte erst 1963 zur katholischen Kirche. Vgl. Gerhard Besier, „Kreuzzug als Familienunternehmen. Bekehrung in der DDR: Wie die Papes über die Zeugen Jehovas aufklären“, „Die Welt“, Ausgabe vom 26.1.1999, S. 13.
4 BStU Berlin, A-185/85, Bl. 79, Einschätzung und Arbeit des GI „Wilhelm“ vom 16.9.1961. BStU Berlin, MfS 16935/60, „Institut Wandlitz“ Bd. I, Bl. 78 vom 20.11.1975.
5 Siehe hier Kapitel IV. 3. 6.: „Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft“. Entstehungsgeschichte eines speziell für die „Zersetzungsarbeit“ geschriebenen Buches.

Konspirative Zusammenarbeit der Gebrüder Dieter und Günther Pape gegen die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas

Inoffizielle Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR und dem Jesuiten-Orden  (1) der katholischen Kirche über die Gebrüder Pape

  1. Einleitung
  2. Buchherausgabe 1961: "Ich war Zeuge Jehovas"
  3. Treffen der beiden Gebrüder Pape 1982 in Berlin zur weiteren Koordination ihrer Abwehrmassnahmen gegen die Religionsgemeinschaft.
  4. Schlussbetrachtung
  5. Zusammenfassung

a. Einleitung

Es ist erstaunlich, dass die beiden Brüder Dieter und Günther Pape in ihrem jahrzehntelangen Bemühen die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas zu diskreditieren nicht nachgelassen hatten. Dies wirkt weniger spektakulär, wenn man bedenkt, dass sie sich durch ihre Arbeit eine Einkommensquelle schaffen konnten, die nicht so schnell zu versiegen drohte und - im Falle der katholischen Einkommensquelle - heute noch sprudelt.

Dieter Pape (IME "Wilhelm") hatte sich bereits am 27. Juli 1956 dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der ehemaligen DDR verpflichtet. Seine ihm zugewiesene Aufgabe bestand darin, mit allen Mitteln gegen Zeugen Jehovas vorzugehen. Er verpflichtete sich in der DDR schriftlich diese heimtückische Arbeit "ehrlich und gewissenhaft zum Wohl unserer Regierung durchzuführen". ( 2)

In der Tat hat er seine ihm übertragenen Aufgaben zuverlässig und voller Eifer ausgeführt und stieg innerhalb weniger Jahre zu einem gutbezahlten hauptamtlichen Geheimdienstmitarbeiter auf, dem eine hohe Verantwortung in der Zersetzungsarbeit des MfS übertragen wurde. ( 3)

Dieter Pape, Jahrgang 1928, hatte sich zunächst von 1945 bis 1948 hauptamtlich im Missionsdienst der Zeugen Jehovas engagiert. Er hatte auch in den folgenden Jahren verantwortliche Aufgaben in seiner Heimatgemeinde ausgeführt und war wegen seines religiösen Engagements in der DDR verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Während der Haft hatte er sich von seinem Glauben völlig losgesagt und sich in den Dienst des MfS gestellt. Aus diesem Grund wurde er bereits nach vier Jahren Haft entlassen und begann sogleich seine neue Tätigkeit, die in der rigorosen Bekämpfung seiner ehemaligen Glaubensbrüder bestand. Er war zu einem Verräter geworden und scheute nicht davor zurück seine ehemaligen Glaubensbrüder und -schwestern, zu denen auch seine damals noch lebende Mutter gehörte, mit aller Vehemenz zu verfolgen.

Günther Pape, Jahrgang 1927, hatte sich ebenfalls über Jahre im Missionsdienst engagiert. Noch vor der offiziellen Gründung der DDR im Jahre 1949 flüchtete er in die Bundesrepublik, da er im Osten Deutschlands keine Zukunft für sich sah. In der BRD war er zunächst in einigen Gemeinden der Zeugen Jehovas aktiv, doch ließ sein Engagement immer mehr nach. Im Jahre 1957 wurde er schließlich wegen "sittenwidrige[n] Geschäftsgebaren[s]", d.h. wegen wirtschaftlicher Schädigung diverser Firmen und Betrug, aus der Religionsgemeinschaft ausgeschlossen. ( 4)

b. Buchherausgabe 1961: "Ich war Zeuge Jehovas"

Ein gemeinsames Buchprojekt der beiden Brüder gegen die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas gegen Ende der 50er Jahre wurde von ihnen konsequent verfolgt. Doch da die Geldgeber hinter diesem Buchprojekt - auf westlicher Seite der Jesuiten-Orden der katholische Kirche und auf östlicher Seite das Ministerium für Staatssicherheit - ihre eigenen Wünsche massiv äußerten, wurde das gemeinsame Buchprojekt schließlich einer weitgehenden Änderung unterzogen. Die Intention dieser bedeutenden Drahtzieher war so unterschiedlich, dass ein gemeinsames Buchprojekt scheitern musste. Während von seiten der Jesuiten unter anderem darauf Wert gelegt wurde, "dass Gott das Haupt aller Dinge ist und die kath. Kirche die allein wahre Kirche sei", und das Thema Zeugen Jehovas und Politik weitgehend herausgelassen werden sollte, wollte man von seiten des MfS die politische Dimension der Verweigerungshaltung der Zeugen Jehovas zum sozialistischen Staat besonders beleuchten und keinesfalls die katholische Kirche hervorheben. ( 5)

Gleich zu Beginn des Bucheprojektes war von katholischer Seite offensichtlich große Euphorie vorhanden. Günther Pape schrieb an seinen Bruder über die kirchliche Reaktion zur geplanten Buchherausgabe:

"Nun noch etwas was Dich bestimmt interessieren wird. Ich habe mich mit kirchlichen Stellen in Verbindung gesetzt und sie einmal um eine Stellungnahme von seiten der Kirche gebeten. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie überrascht und wie interessiert diese Kreise sind. Wir möchten uns beeilen, daß dieses Werk so schnell als möglich fertig wird. Wenn wir die Hälfte im Manuskript vorlegen können, bekommen wir jede finanzielle Unterstützung, die wir brauchen. Sie haben mir sogar schon einen Verlag namhaft gemacht, der das mir drucken wird und gefragt, ob wir auch damit einverstanden sind, daß dieses Werk in alle Sprachen übersetzt wird. [...] Ich soll aber jeden Dienstag zu einem mir genannten Pfarrer kommen und ihn unterrichten, wie unser Vorhaben voranschreitet." ( 6)

Dieter Pape bekam daraufhin vom MfS den Auftrag bei seinem Bruder "den Enfluss, den die kath. Kirche auf die Ausarbeitung geltend machen will, zurückzudrängen". ( 7)

Nachdem die beiden Brüder im März 1959 ihre Ausarbeitung fertiggestellt hatten, stellte Leutnant Seltmann, der für Dieter Pape zuständige MfS-Führungsoffizier fest:

"Ein Mangel bei der Ausarbeitung besteht darin, dass man immer die Möglichkeit, daß es eine Gott gibt, durchblicken lässt. Dies liegt nicht etwa daran, dass die beiden Verfasser noch an die Existenz eines Gottes glauben (beide lehnen Glauben und Gott ab), sondern es resultiert darin, dass der Bruder von "Wilhelm" nur in der Lage ist, mit Unterstützung der kath. Kirche diese Schrift in Westdeutschland zu verbreiten". ( 8)

Zudem wurde die Bindung Günther Papes zur katholischen Kirche enger, da ihm eine Ausbildung durch die Jesuiten angeboten wurde. Seinem Bruder Dieter hatte Günther stolz mitgeteilt: "Man hat die Absicht mich ausbilden zu lassen. Vor allem will man mich weiter zur Bekämpfung der Sekten einsetzen". ( 9)

Günther Pape wurde der konkrete Vorschlag gemacht ganz für die katholische Kirche tätig zu werden, indem er Vorträge in verschiedenen Städten Westdeutschlands halten und Traktate und andere Veröffentlichung gegen Zeugen Jehovas veröffentlichen solle. Das erinnert doch sehr an die Arbeit Dieter Papes in der DDR, der in ähnlicher Weise, aber mit anderem Arbeitgeber, seinen Kampf gegen die Religionsgemeinschaft in der DDR führte.

Der permanente Versuch Dieter Papes von seinem Bruder umfassend über die Abwehrarbeit der katholischen Kirche informiert zu werden scheiterte letztlich, da Günther sich schon zu sehr an die katholische Kirche gebunden hatte und er zudem "die Jesuiten als gefährlich" einschätzte und seine Sicherheit nicht völlig gewährleistet sah, sollte er zuviel Insiderwissen preisgeben. ( 10) Das Gehalt Günther Papes betrug in dieser Zeit seiner Ausbildung seitens der katholischen Kirche 200,- DM inklusive Wohnung und "einige Naturalien". ( 11)

Von seiten des MfS wiederum wurde konkret die Überlegung angestellt, Günther Pape anzuwerben, um ihn direkt in ihre Dienste zu stellen. Er sollte nicht nur gegen Zeugen Jehovas vorgehen, sondern - so die Meinung des MfS - seine käuflichen Dienste auch gegen die katholische Kirche einsetzen. ( 12) Das MfS hatte gute Gründe über eine engere Zusammenarbeit nachzudenken. Schließlich hatte Günther Pape eine hohe Kooperationsbereitschaft gezeigt, indem er die ihm bekannten Zeugen-Jehovas-Gemeinden und die ihm bekannten Gemeindevorsteher an seinen Bruder preisgegeben hatte. Auch hatte er in Erfahrung gebracht welche Zeugen-Jehovas-Gemeinden als Auffangstationen für die sogenannten Ostflüchtlinge verantwortlich waren und dies sogleich seinem Bruder Dieter verraten. ( 13) Er muss gewußt haben, dass sein Bruder dies nicht lediglich für seine privaten Zwecke nutzen, sondern dass er diese Informationen an die dafür verantwortlichen staatlichen Stellen weitergegeben würde. Auch hatte er Informationen über die katholische Kirche übermittelt. ( 14) Deshalb kam man beim MfS zu der Überlegung, man könne ihn damit beauftragen, in das Berchmannskolleg, einer Philosophischen Hochschule des Jesuiten-Ordens in Pullach bei München, zu gelangen und von dort aus dem MfS zu berichten. Soweit kam es aber offenbar nicht, da Günther Pape durch seine Bekanntschaft zu Professor Ernst Haensli, einem Jesuiten-Pater aus dem Berchmannskolleg, alle Unterstützung - sowohl finanzieller als auch juristischer Natur - erwarten und für sich sichern konnte. ( 15) Günther Pape bekam immer mehr Angst "zwischen zwei Feuern" zu stehen. ( 16) Er musste sich entscheiden. ( 17) Dies hat er offensichtlich zugunsten des im Westen mächtigeren Kampfesgenossen, der katholischen Kirche, getan.

In der BRD war durch die Kontakte der Jesuiten schnell ein katholischer Verlag gefunden, der die Buchherausgabe vornehmen wollte. Es war der Verlag Winfried-Werk in Augsburg. In der DDR gestaltete sich die Suche schwieriger. Der katholische St. Bennoverlag in Leipzig war zwar interessiert, doch wie Dieter Pape von dort mitgeteilt bekam, sähe man hier wenig Chancen diese Buchprojekt durchzubekommen. Vielmehr war man der Ansicht, dass, wenn er dies in der DDR dennoch fertigbringen könnte, "dies das achte Weltwunder" wäre. ( 18)Zudem erhielt er die Antwort, dass man kirchlicherseits in der DDR nichts gegen Zeugen Jehovas unternehmen brauche, "da ja der Staat ihnen die Arbeit abnimmt". ( 19)

Schon wenige Wochen später berichtete Dieter was er von seinem Bruder aus dem Westen erfahren hatte:

"In Westdeutschland hat man auch von seiten der kath. Kirche verlangt, daß Buch nochmals umzuschreiben und eine stärkere kath. Tendenz hineinzubringen." ( 20)

Der Vorgesetzte des Jesuiten- Paters Haensli bestand auf einem Buch mit "rein katholischem Einschlag". ( 21)

Es wurde die dezidierte Forderung gestellt, dass Günther Pape die katholische Kirche als einzig wahre Kirche darstellen und er eine antikommunistische Haltung propagieren solle. ( 22) Dies lehnte Günther Pape vorerst ab. So kam es, dass das Buchprojekt zunächst auf Eis gelegt wurde und die katholische Kirche sich der Veröffentlichung eines anderen Buchprojektes widmete. Es war das Buch von Wilhelm Schnell, einem ehemaligen Wachtturm-Mitarbeiter aus der Zentrale der Zeugen Jehovas in New York. ( 23)

Das geplante Buch Günther Papes wurde in Westdeutschland verlegt, nachdem die Forderungen der katholischen Kirche erfüllt wurden. Dies war in etwa zeitgleich mit der Ostausgabe des Buches, bei der als Autor zwar ebenfalls Günther Pape genannt wurde, der tatsächliche Autor aber Dieter Pape war. ( 24) Dieter Pape war in der Ostausgabe lediglich als Bearbeiter und Gestalter in Erscheinung getreten. Der Zeitpunkt der Herausgabe der ostdeutschen MfS-Version spielte offensichtlich mittlerweile nur noch eine untergeordnete Rolle. Die ursprünglich geplante Vorgehensweise des MfS hatte zwar nach eigenen Angaben wie folgt gelautet,

"Um diese Arbeit zu verwischen, wäre es weiterhin von Bedeutung, dieses Buch zuerst in Westdeutschland, eben über diesen Jesuitenpater erscheinen zu lassen und dann durch einen Vertrag mit einem Verlag der DDR es ebenfalls zu verlegen", ( 25)

doch sollte das Buch in der DDR ohnehin besonders den eigenen "Genossen bei Treffs und Aussprachen mit Zeugen Jehovas Argumentationen in die Hand geben" und war nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt, so dass das MfS nicht länger auf die Buchherausgabe verzichten wollte. ( 26)

Beide Ausgaben erschienen im Jahre 1961. ( 27)

Die Verbindung der beiden Brüder Dieter und Günther Pape riss über die folgenden Jahrzehnte nie wirklich ab. Zwar gab es aus verschiedenen Gründen Jahre unterschiedlicher Kommunikationsintensität, doch wollten sowohl die beiden Brüder, als auch ihre beiden Geldgeber, weiterhin, möglichst unauffällig, voneinander profitieren.

c. Treffen der beiden Gebrüder Pape 1982 in Berlin zur weiteren Koordination ihrer Arbeit

Eine interessante und entlarvende Aufzeichnung über einen Besuch Günther Papes in Berlin bei seinem Bruder Dieter, vom 31. Juli bis zum 7. August 1982, soll dies transparent machen. Über diesen Besuch wurde vom MfS ein Bericht erstellt, in dem die gemeinsamen Gespräche und Ziele der Brüder Pape aufgezeichnet sind. ( 28)

Beide waren von der Wirksamkeit ihrer Tätigkeit völlig überzeugt. So prahlten sie, dass seit der "gemeinsamen" Buchherausgabe im Jahre 1961 es in Europa "keine wirksameren und bedeutsameren Kontrahenten gegen die WTG [Wachtturm-, Bibel- und Traktatgesellschaft der Zeugen Jehovas e.V., die rechtliche Körperschaft der Religionsgemeinschaft, d.A.]" gäbe als sie selbst. Günthers Bücher wären in verschiedene Sprachen übersetzt worden, er sei international als Referent tätig "und ansonsten mit allen wesentlichen Aktionen der kath. Kirche gegen die WTG befasst und das unter offiziellem Status im Schematismus seiner Diözese". ( 29)

Günther teilte seinem Bruder mit, es sei von katholischen Experten nachgewiesen worden, dass der Verfasser des Buches "Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft" aus dem Jahre 1970, Dieter Pape sein müsse. ( 30) Nach der Konfrontation mit diesem Wissen hatte Dieter ihm zumindest seine Mitarbeit gestanden.

Mittlerweile würde auch in der BRD an diesem Buch kein "Sektenexperte" mehr vorbeigehen. Es sei in "einschlägigen kirchlichen Kreisen" auch kein Geheimnis, dass Dieter Pape "in bedeutsamen Maße an CV [Zeitschrift und Verein: "Christliche Verantwortung", d. A.] beteiligt ist". ( 31)

Wenn Günther Pape "mit Material der verschiedensten Art CV helfe, so mache er das mit Zustimmung des kath. Sektenreferats seiner Diözese". ( 32)

Er, Günther, wiederum nutze die Veröffentlichungen aus der CV-Zeitschrift und dem "Blaubuch" (so der inoffizielle Name des Buches "Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation ...") auf seinen kirchlichen Veranstaltungen, um über Jehovas Zeugen aufzuklären. ( 33) Ebenfalls hätte er diese Veröffentlichungen beispielsweise bei "Exerzitien für Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr" (aus dem Wehrbereich 5 Baden-Württemberg mit ca. 50-60 Teiln.), als politische Ferientagungen über Katholizismus und Gesellschaft" verwendet. ( 34)

Auch bei Beratungen von Geistlichen und Religionslehrern würde selbstverständlich CV und das Blaubuch herangezogen.

Von Günther Pape wurde vorgetragen, dass es für die künftige Zusammenarbeit gut wäre, "wenn seine Beziehungen zu CV von der bisherigen privaten Ebene auf eine offizielle Ebene gehoben würde" ( 35), damit er offiziell mit CV korrespondierten könne. Von seiten seines Bruders Dieter gab es hierzu keine Einwände bis auf einen Punkt: "Wenn CV akzeptiert wird, wie es ist, es wird ja für den Osten gemacht, hier sind andere Verhältnisse, dann kann auch offiziell als CV korrespondiert werden." ( 36) Da Günther für eine Begründung in seiner Diözese den genauen Beruf seine Bruders wissen wollte, brachte ihm Dieter "seine Universitätspapiere zur Einsicht", auf denen er als Diplomhistoriker ausgewiesen war. ( 37)

Günter Pape äußerte sich seinem Bruder gegenüber, er habe schon des öfteren versucht die WTG "zu Gerichtsprozessen gegen ihn zu zwingen, indem er die WTG-Arbeit wiederholt als öffentlichen Betrug bezeichnet habe u.a.m.". ( 38) Doch bisher würden keine Prozesse gegen ihn angestrengt. Er, Günther, "scheue keine Gerichtsprozesse gegen die WTG. Er habe kirchlich jede anwaltliche Unterstützung". ( 39) Mit einem "mächtigen Partner" wie der Kirche könne man sich auf jeden Streit einlassen.

Zum Abschluss des Besuches versprach Günther seinem Bruder regelmäßig die Zeitschriften "Wachtturm" und "Erwachet" in das CV-Büro zu senden. Er wolle "jede gewünschte Literaturhilfe" leisten. ( 40) Ein geäußertes Fernziel war es gemeinsam erneut ein Werk über Jehovas Zeugen zu schaffen, "ein Standardwerk, über die gesellschaftliche Bedeutung der WTG im Weltmaßstab, in Ost und West". ( 41)

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Erwähnenswert ist noch, dass Günther seinem Bruder als Geschenk verschiedene Buchveröffentlichungen der WTG sowie 750 Blatt Kopierpapier zur Unterstützung für das CV -Büro mitgebracht hatte.

d. Schlussbetrachtung

Auch aus diesen Aufzeichnungen ist sichtbar geworden, dass die bis heute geäußerten Aussagen Günther Papes und seines Sohnes Klaus-Dieter Pape, aber auch anderer am Geschehen Beteiligter, sie hätten bis zum Jahr 1996 nichts von der Zusammenarbeit Dieter Papes mit dem MfS gewußt, sie hätten auch nicht gewußt, dass CV ein reines Stasi-Blatt sei, nicht den Tatsachen entspricht. Hier ist ein Lügengebäude errichtet worden, das dem gemeinsamen Interesse derjenigen dient, die das Ansehen der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas weiterhin diskreditieren möchten.

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der nicht weiter durch das MfS finanzierten Zeitschrift CV war die Zeitschriftenherausgabe zunächst eingestellt worden. Die Vereinsmitglieder und CV-Autoren waren sehr schnell in der Versenkung verschwunden. 1993 wurde der Titel der Zeitschrift lediglich in "Aus christlicher Verantwortung" umbenannt. Der Verein "Christliche Dienste e.V. - Verein für Aufklärung und Information über Zeugen Jehovas" mit Sitz in Tübingen, unter der Regie des Pape-Trios Günther, Dieter und Klaus-Dieter, übernahm das Blatt, dass über viele Jahre in der DDR von Dieter Pape dominiert worden war. Klaus-Dieter Pape, katholischer Diplom-Theologe und ebenfalls im Dienst der katholischen Kirche aktiv, führt die Tätigkeit seines Vaters und seines Onkels weiter. Er hat sozusagen deren Nachfolge angetreten und ist ebenfalls publizistisch gegen Zeugen Jehovas tätig.Bereits in der ersten Ausgabe "Aus christlicher Verantwortung" durfte Dieter Pape seine infame Arbeit fortsetzen.

Es ist nicht glaubhaft, dass Dieter Pape, wie von Klaus-Dieter verbreitet wird, ihm und seinem Vater Günther, erst 1996 seine MfS-Vergangenheit bekannte, nachdem dessen Vergangenheit langsam ohnehin öffentlich ruchbar wurde. ( 42) Es war doch mehr als offensichtlich, dass Dieter Pape und die anderen CV-Beteiligten nur in Verbindung mit dem MfS ihre "Zersetzungs"-Arbeit in der sozialistischen Diktatur so offen und dauerhaft hatten verrichten können.

Die am Projekt CV direkt oder indirekt Beteiligten in Ost und West leugnen ihr Wissen über die Zusammenhänge beharrlich. Schließlich seien sie doch nur an objektiver Aufklärung über Jehovas Zeugen interessiert gewesen. Zutreffender scheint jedoch, dass auch hier das bekannte Rechtfertigungsprinzip "Der Zweck heiligt das Mittel" zur Anwendung kommt.

e. Zusammenfassung

Der Zweck der gnadenlosen Bekämpfung von seiten des MfS gegen Jehovas Zeugen war, sie zu der "richtigen" politischen Einstellung eines Christen in der sozialistischen Gesellschaft zu zwingen. Sie sollten sich den politischen Vorgaben in der DDR nicht verweigern, sondern am Aufbau des Sozialismus tatkräftig mitarbeiten. Sie sollten sich sozusagen im Sozialismus einrichten und den Staat unterstützen. Ihnen kam ein Renegat wie Dieter Pape gerade recht, der sich gegen Bezahlung in den Dienst des MfS stellte, und der an die vorderste Front gestellt wurde.

Der Zweck der Bekämpfung der Zeugen Jehovas durch die Jesuiten bestand darin, Jehovas Zeugen wieder auf den "richtigen" Weg zu bringen. Sie sollten in den "Schoß der Kirche" zurückkehren, zumindest aber ihre offensive Missionstätigkeit einstellen. Jehovas Zeugen wurden als Häretiker (Ketzer) betrachtet, die sich der Ausbreitung und Befestigung der universalen katholischen Kirche in den Weg stellten. Da Häretiker nicht mehr von der katholischen Inquisition an die staatlichen Behörden zur Aburteilung überstellt werden können, scheint die Methode der Desinformation und Diskreditierung in diesen Kreisen durchaus ein übliches Verfahren im Kampf um die Vorherrschaft des Glaubens zu sein. Ihnen kam ein Renegat wie Günther Pape gerade recht, der sich gegen Bezahlung in den Dienst der katholischen Kirche stellte, und der an die vorderste Front gestellt wurde.

Waldemar Hirch
August / Dezember 2005

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 . Societas Jesu. 1534 gegründeter katholischer Orden, der sich seit dem 16. Jahrhundert in Europa ausbreitete und ein wirksames Instrument der Gegenreformation war.
Die wesentlichen Aufgaben, denen sich der Orden verschrieben hatte, waren die Zurückdrängung des Protestantismus, die Ketzerausrottung und die Bekämpfung des gesellschaftlichen Fortschritts mit dem Ziel der Ausbreitung und Befestigung der katholischen Religion. Die gegenreformatorische und reaktionäre politische Betätigung betrieb der Orden nach dem Prinzip: "Der Zweck heiligt das Mittel". Menschenführung durch Missbrauch des Beichtgeheimnisses, Königsmord, Spionage, Kindesunterschiebung, Massenhinrichtungen durch die Inquisition und kriegerische Gewaltakte - alles wurde je nach Bedarf und Situation angewandt, wenn man damit die Macht katholischer Monarchen erhalten zu können glaubte oder eigene Interessen durchsetzen wollte.
Wegen permanenter politischer Einflußnahme zugunsten der katholischen Kirche auf den Staat war der Orden in Deutschland von 1872 bis 1917 verboten. In der Schweizer Verfassung von 1848 gab es einen "Jesuitenartikel", der nicht nur den Orden selbst, sondern allen Jesuiten jede Tätigkeit in Staat und Kirche untersagte. Dieser Artikel wurde erst 1973 wieder aufgehoben.
Die Jesuiten sind in einer militärisch-straffen Organisation zusammengefasst. Zu den üblichen Ordensgelübden kommt bei den Jesuiten der unbedingte Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten und besonders dem Papst hinzu. Die Jesuiten werden von einem Jesuitengeneral (wegen seiner Machtfülle auch "schwarzer" Papst genannt), dem vier Generalassistenten zur Seite stehen, von Rom aus geführt.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, P, A-185/85, Bd. 4, Verpflichtung Dieter Papes vom 25.7.1956, Blatt 191.

 . Vgl. Waldemar Hirch, Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit, Frankfurt/M. 2003, S. 293 ff.

 . Vgl. Gerhard Besier, Kreuzzug als Familienunternehmen. Bekehrung in der DDR: Wie die Papes über die Zeugen Jehovas aufklären, Artikel erschienen in "Die Welt" vom 26.01.1999.
Vgl.: André Gursky, Zwischen Aufklärung und Zersetzung. Zum Einfluss des MfS auf die Zeugen Jehovas in der DDR am Beispiel der Brüder Pape. Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, Bd. 27, Magdeburg 2003, S. 36-41. Hier ist auch ein Rechtfertigungsversuch Papes enthalten, der nicht überzeugen kann.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, A-185/85, Bd. II, Treffbericht mit "Wilhelm" vom 10.1.1959, Blatt 42 f.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, A-185/85, Bd. I, Abschrift eines Briefes Günther Papes an seinen Bruder Dieter vom 14.5.1958, Bl. 269.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, A-185/85, Bd. II, Treffbericht mit "Wilhelm" vom 10.1.1959, Bl. 43.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 23.3.1959, Bl. 48.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 30.4.1959, Bl. 60.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 18.6.1959, Bl. 68.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 24.6.1959, Bl. 75.

 . Ebd., Bericht über den Stand der Herausgabe des Buches gegen die "Zeugen Jehova" in Westdeutschland vom 31.10.1959, Bl. 129.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 24.6.1959, Bl. 78 f.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 16.11.1959, Bl. 133. Hier heißt es z. B., dass Dieter Pape von seinem Bruder einige Briefe erhalten habe, in denen Günther Pape "etwas offener über seine Verbindungen zu Pater Haensli" schreiben würde.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 23.3.1959, Bl. 49.

 . Nach eigenen Aussagen Günther Papes wollte das MfS ihn bei einem Besuch in Berlin zu einer Mitarbeit zwingen. Zu einem mit seinem Bruder Dieter und Mitarbeitern des Staatssekretariats für Kultur vereinbarten Treffen wurde er offenbar vom Geheimdienst verschleppt, verhört und unter Druck gesetzt. Er wurde beschuldigt für den BND (Bundesnachrichtendienst) zu arbeiten. Nach seinen eigenen Angaben habe er sich seinerzeit mit allem Nachdruck gegen diese Unterstellungen gewehrt (ebd., André Gursky, Zwischen Aufklärung und Zersetzung, S. 100, Fußnote 114). Dies wirkte auf die Mitarbeiter des MfS nicht unbedingt glaubwürdig, hatten sie doch in den Verhaltensweisen für Ihre eigenen Mitarbeiter klare Verhaltensregeln festgelegt. Dieter Pape beispielsweise wurde die Instruktion gegeben, sollte er im Westen zu einer Zusammenarbeit mit dem MfS verdächtigt werden, sollte er sich auf folgende Weise zur Wehr setzen: "Direkte Vorwürfe in Richtung einer Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit lehnen Sie energisch und bestimmt ab, wobei Sie sich weitere Beschuldigungen verbieten." BStU Berlin, Zentralarchiv, P, A-185/85, Bd. 4, Auftrag des MfS an Dieter Pape, Bl. 194.
Günther Pape erklärte dem Geheimdienst, dass maßgebliche Leute in der BRD von seinem Besuch in der DDR wüßten. Nach dieser von ihm berichteten Erfahrung sah er sich wohl darin bestätigt, tatsächlich "zwischen zwei Feuern" zu sitzen. Wieder zu Hause angekommen unterrichtete er sofort den Jesuiten-Pater Haensli, der auch umgehend seine eigenen guten Kontakte zum BND (mit Sitz wie die jesuitische Hochschule ebenfalls in Pullach bei München) nutzte und über die ihm berichtete Entführung Günther Papes den westdeutschen Geheimdienst informierte.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, A-185/85, Bd. II, Treffbericht mit "Wilhelm" vom 16.11.1959, Bl. 133.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 24.6.1959, Bl. 80.

 . Ebd., Bl. 80.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 15.8.1959, Bl. 94.

 . Den Jesuiten wurde vom MfS vorgehalten, sie wollten - ähnlich wie bereits im Zeitalter der Gegenreformation - in den sozialistischen Ländern eine Kulturrevolution betreiben und den Kommunismus beseitigen. Sie hätten bereits nach der Oktoberrevolution einen eigenen Spionageapparat aufgebaut, der gegen die Länder des sozialistischen Lagers eingesetzt würde. Zentren dieses jesuitischen Geheimapparates seien das der Ostkirchenkongregation angegliederte "Orientalische Institut" (Pontificio Istituto Orientale), sowie das " Kollegium für Russland" (Das Päpstliche "Collegium Russicum"). Beide Institutionen würden Agenten für den Geheimdienst im sozialistischen Lager ausbilden und eng mit dem US-Geheimdienst kooperieren. In diesen beiden Zentren würden alle Fäden der jesuitischen Spionage und Diversion zusammenlaufen. Beide Institute unterstünden direkt dem Ordensgeneralat in Rom.
Vgl. hierzu: Wegweiser zum Atheismus, Vom Jenseits zum Diesseits, Hrsg.: Günter Heyden, Karl A. Mollnau; Horst Ullrich, (Mitarb.: Rudi Bellmann u. a.), S. 95-104: Jesuiten,Urania-Verlag, Leipzig / Jena Bd. 1, 1969. Zur Geschichte der Jesuiten, siehe auch: Hans-Jürgen Wolf, Sünden der Kirche, EFB-Verlag, Erlensee 1995.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, A-185/85, Bd. II, Treffbericht mit "Wilhelm" vom 18.3.1960, Bl. 171.

 . Wilhelm Schnell, Falsche Zeugen stehen wider mich. 30 Jahre Sklave des Wachtturms, Konstanz 1959.

 . Vgl. Waldemar Hirch, Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur …, Frankfurt/M. 2003, S. 228 ff.

 . BStU Berlin, Zentralarchiv, A-185/85, Bd. II, Treffbericht mit "Wilhelm" vom 18.12.1958, Bl. 41.

 . Ebd., Treffbericht mit "Wilhelm" vom 18.3.1960, Bl. 174.

 . Günther Pape, Ich war Zeuge Jehovas, VEB Deutscher Zentralverlag, Berlin 1961. Bearbeitet und gestaltet von Dieter Pape mit Genehmigung des Autors. Günther Pape, Ich war Zeugen Jehovas, Verlag Winfried-Werk Augsburg, 1961.

 . BStU Berlin, AIM, MfS 14219/60 "Wilhelm", 3292/91, Beifügung Bd. 5, Aufzeichnung vom 18.8.1982, Wesentliche Gesprächsthemen und Bemerkungen, Bl. 95-105, 117.

 . Ebd., Bl. 96.

 . Manfred Gebhard (Hrsg.), Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, Urania-Verlag Leipzig / Jena / Berlin 1970, Lizenzausgabe Verlag Hubert Freistühler, Schwerte/Ruhr 1971.
BStU Berlin, AIM, MfS 14219/60 "Wilhelm", 3292/91, Beifügung Bd. 5, Aufzeichnung vom 18.8.1982, Wesentliche Gesprächsthemen und Bemerkungen, Bl. 96.

 . Ebd., Bl. 97. Mit diesen "kirchlichen Kreisen" hat Günther Pape ganz offensichtlich die Jesuiten und die sogenannten "Sektenexperten" der Kirche gemeint.

 . Ebd.

 . Ebd.

 . Ebd. Unter Exerzitien bzw. geistlichen Übungen versteht man Zeiten, in denen sich Einzelne oder Gruppen intensiv und mehr als für sie selbst üblich dem Gebet und der Besinnung widmen. Exerzitien zu begleiten, gehört auch noch heute zu den wichtigsten Tätigkeitsfeldern des Jesuitenordens. Diese Exerzitien wurden offenbar auch gleichzeitig zur "Aufklärung" über andere Religionsgemeinschaften benutzt.

 . Ebd., Bl. 99.

 . Ebd.

 . Ebd.

 . Ebd., Bl. 104.

 . Ebd., Bl. 105.

 . Ebd., Bl. 105.

 . Ebd.

 . Vgl. die Ausführungen Klaus-Dieter Papes in: BERLINER DIALOG 18-19, 3/4-1999 - Epiphanias 2000.

[Index zum Buch "Observierung und Unterdrückung"]
[
Index zu "Zersetzung einer Religionsgemeinschaft"]
[
weitere Veröffentlichungen]
[
Stellungnahmen]

www.neuegeschichte.de

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Neues auf der Website

 

Aufsatz erschienen in der Halbjahres-Zeitschrift „Religion-Staat-Gesellschaft“: www.religion-staat-gesellschaft.de

 

Waldemar Hirch:

"Inoffizielle Zusammenarbeit der Brüder Dieter und Günther Pape mit der Stasi und den Jesuiten gegen Zeugen Jehovas“

 

Festzustellen ist, dass die beiden Brüder Dieter und Günther Pape in ihrem jahrzehntelangen Bemühen, die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas zu diskreditieren, nicht nachgelassen hatten. Dies wirkt weniger spektakulär, wenn man erfährt, dass sie sich durch ihre Arbeit eine Einkommensquelle schaffen konnten, die nicht so schnell zu versiegen drohte und auf Dauer ausgelegt war.

Aufsatz als pdf-Dokument

(die Seiten 278-280 des Aufsatzes sind nur im Original nachzulesen)