Waldemar Hirch:
Antwort auf die Rezension von Thomas Schmidt, M.A., Theologische Fakultät Leipzig

Seit 1. Dezember 2004 erscheint auf der Internet- Kommunikationsplattform (H-Soz-u-Kult) für die Geschichtswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin die Rezension von Thomas Schmidt über "Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur Unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit."

Wie Schmidt zurecht schreibt, ist in den letzten Jahren "eine beachtliche Reihe von Arbeiten zur Geschichte der Zeugen Jehovas (ZJ) in der DDR" erschienen. Aus diesem Grund war es nicht die Intention des Autors, bereits veröffentlichtes Wissen in seiner Dissertation zu wiederholen, und die Geschichte der Zeugen Jehovas in der DDR wurde lediglich als Überblick aufgenommen. Großen Wert legte der Verfasser dagegen in der Tat auf die "Unterdrückungs- und Verfolgungsmaßnahmen" durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Bereits im Vorwort wird hierzu erklärt, dass die Schilderung des MfS und seines geheimdienstlich gesteuerten Oppositionsorgans "Christliche Verantwortung" (CV) einen großen und wesentlichen Teil dieser Arbeit einnimmt, da "durch die Arbeitsweise von und mit CV ein erhellender Einblick in die außergewöhnlich weitreichenden Aktivitäten des MfS erhältlich" sei (S.14). Dies war bis dato so nicht möglich. Der Titel der Dissertation, wenn er korrekt gelesen wird, läßt darauf schließen, dass den Methoden des MfS gegen Zeugen Jehovas besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird: "Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED-Diktatur, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit." Dem aufmerksamen Leser des Buchtitels verwundert es eigentlich nicht, dass tatsächlich die MfS-Arbeit im Vordergrund steht.

Die Darstellung der "CV" beschäftigt sich nicht, wie Thomas Schmidt zu Unrecht konstatiert, vorwiegend mit den "jeweils leitenden CV-Mitarbeiten, deren Finanzierung und Anleitung durch das MfS und den diversen Versuchen, über die CV Einbrüche [eine etwas ungeschickte Formulierung Schmidts, d.A.] ins Lager der ZJ zu lancieren" (Abs. 7). Neben der grundsätzlichen Arbeitsweise des MfS gegen die Zeugen Jehovas werden vielmehr die nationalen und internationalen Auswirkungen dieser intensiven geheimdienstlichen Arbeit gegen die Religionsgemeinschaft hervorgehoben. Aus diesem Grund werden die vermeintlichen und tatsächlichen Oppositionsgruppen, die Weltanschauungsbeauftragten der Kirchen und einzelne Apostaten anhand persönlicher und dauerhafter Kontakte miteinander impliziert. Eine Diskreditierung par excellence hatte hier stattgefunden. Nicht nur national, sondern auch international sollte den Zeugen Jehovas dadurch geschadet werden, was auch gelang. Insofern ist hier eine "Fülle von Quellen aufgearbeitet worden" wie Schmidt zutreffend bemerkt.

Natürlich sollte eine Rezension vor allem die wesentlichen Ergebnisse einer Forschungsarbeit hervorheben oder zumindest aber zur Kenntnis nehmen - das umgeht Thomas Schmidt allerdings recht lässig. Dagegen äußert er die Meinung, dass "nicht zuletzt die mindestens desinteressierte Haltung weiter Teile der Bevölkerung" die Lage der Zeugen Jehovas in der DDR verschärft haben könnte (Abs.12). Als Begründung gibt Schmidt ein Ereignis aus dem Jahre 1949 in Bischofswerda an. Hier war es aufgrund einer durch SED-Mitglieder durchgeführten Flugblatt-Aktion gegen Zeugen Jehovas zu einer Ausschreitung gegen Angehörige der Glaubensgemeinschaft gekommen. Die Begründung von Thomas Schmidt ist daher nicht ganz nachvollziehbar. Denn nicht die von ihm vermutete desinteressierte Haltung der Bevölkerung hatte die Lage der Zeugen Jehovas verschärft, sondern die zielgerichtete, gemeinsame Arbeit staatlicher DDR-Stellen, besonders aber des MfS.

Unverständlich bleibt ebenso, warum Thomas Schmidt der Meinung ist, "die Stellung des MfS" (Abs. 11) sei bei Hirch diskussionswürdig. Hierzu hätte er, nebenbei bemerkt, die umfassenden Ausführungen des Autors zur Stellung des MfS in dessen Aufsatz"Die Politik des Ministeriums für Staatssicherheit gegenüber den Zeugen Jehovas"aufmerksamer lesen sollen. Erschienen ist der Aufsatz in dem von Schmidt hervorgehobenen Sammelband von Gerhard Besier und Clemens Vollnhals (Hg.), Repression und Selbstbehauptung. Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur, Berlin 2003. In diesem Aufsatz, aber natürlich auch in der besprochenen Dissertation des Autors, wird recht eindeutig ausgesagt, dass das MfS ein wirksames und unverzichtbares Herrschaftsinstrument der SED war. Mit anderen Worten ausgedrückt, das "Schild und Schwert" der Partei, somit der Partei untergeordnet war. Das MfS wurde mit der Führung der "Unterdrückungs- und Verfolgungsmaßnahmen" beauftragt. Aber selbstverständlich waren auch die Justiz und die Volkspolizei in den Kampf gegen politische oder religiös motivierte Gegner eingebunden. Dies geschah aber, wie es für jeden einsichtig sein sollte, nicht in dem überdimensionalen Umfang wie es das MfS aufgrund seiner "Zersetzungsmaßnahmen" zu tun in der Lage war.

Dass es ab der Mitte der 60er Jahre zu keinen weiteren Haftstrafen gegen Zeugen Jehovas kam (außer im Falle von Wehrdienstverweigerern, die bis Mitte der 80er mit Inhaftierungen rechnen mussten), war nicht etwa auf die Einsicht der Justiz zurückzuführen, dass die Zeugen Jehovas doch keine Staatsfeinde waren und nicht ins Gefängnis gehörten. Die veränderte Haltung der Justiz wird vielmehr von einem MfS-Offizier damit erklärt, dass "die Publikumsorgane des Klassenfeindes im großem Maße" die Inhaftierungen der Zeugen Jehovas dazu benutzt hätten, um "eine zügellose Hetze gegen unseren Staat zu inszenieren". Zudem seien die verhafteten Zeugen Jehovas "nach der Strafverbüßung innerhalb der Organisation stark aufgewertet worden". Siehe Heinz Bergner,"Die Erarbeitung geeigneter Anknüpfungspunkte für die Ausarbeitung und Anwendung von Zersetzungsmaßnahmen bei Gruppen mit antizozialistischer Zielsetzung (Am Beispiel der in der DDR illegal tätigen Organisation Zeugen Jehova[s]",JHS-Abschlussarbeit, VVS Nr. 697/75 vom 20.1.1976), in: Waldemar Hirch (Hg.), Zersetzung einer Religionsgemeinschaft. Die geheimdienstliche Bearbeitung der Zeugen Jehovas in der DDR und in Polen, Niedersteinbach 2001, S. 29f.

Aufgrund solcher MfS-Erkenntnisse und der veränderten politischen Lage wurde sowohl die geheimdienstliche als auch die justizielle Vorgehensweise modifiziert. Die Bekämpfung der "politisch-ideologischen Diversion", wie es im MfS-Jargon hieß, war natürlich die konkret von der SED zugewiesene Aufgabe des Ministeriums für Staatsicherheit. Hier hatte das MfS eindeutig die Fäden in der Hand. Dazu gehörte auch die Steuerung der Ordnungsstrafverfügungen (OSV) gegen Zeugen Jehovas. Die Verantwortung für den Erlaß der Ordnungsstrafen trug das MfS (S.167). Die Polizeidienststellen wurden als nach außen hin auftretende Hilfsorgane der MfS-Arbeit angesehen. Sogar die Anzahl der zu verhängenden Ordnungsstrafverfügungen wurde vom MfS festgelegt bzw. nach Größe eines Bezirks zugeordnet. In einem internen Informationsschreiben des MfS heißt es hierzu: "Die Gesamtzahl nicht weiter erhöhen. [...] Konspiration einhalten, ´ZJ´ berichten über OSV an die Feindzentrale [...] Mit den OSV keine Aktion auslösen! Sozialistische Gesetzlichkeit wie bisher einhalten" (abgedruckt auf S.171).

Selbstverständlich bleibt nach dieser Dissertation noch viel Raum für sozial-historische Forschungen. Dazu gehört auch die Erforschung einer recht erstaunlichen Tatsache, die zu folgenden Fragen führt: Warum ist die Anzahl der evangelischen Gläubigen in der DDR, die im Jahre 1946 immerhin 81,6% der Bürger Ostdeutschlands stellten, bis zum Jahre 1989 auf 19,4% abgesunken, wohingegen die Anzahl der Zeugen Jehovas eher gleichgeblieben ist? Warum gewann die CV innerhalb der evangelischen Kirchen der DDR immer mehr an Einfluss, wenngleich das dubiose Unternehmen als staatliches "Oppositionsorgan" gegen Zeugen Jehovas durchschaut werden konnte? Das sollte gerade für jemanden an einer Theologischen Fakultät von Interesse sein.

Waldemar Hirch
23. Dezember 2004

 

Antwort auf Gegenreaktion von Thomas Schmidt (H-Soz-u-Kult, ohne Datum)