Waldemar Hirch:
Antwort auf Gegenreaktion von Thomas Schmidt auf der Internet- Kommunikationsplattform H-Soz-u-Kult (kein Datum genannt) für die Geschichtswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin:

Schmidts Argument, die nationale und internationale "Zersetzungsarbeit" des MfS durch den ihr unterstehenden Verein "Christliche Verantwortung" (CV) wäre doch gar nicht so wesentlich wie behauptet, kann so nicht stehengelassen werden. Angeblich bis auf "wenige Beispiele für den Schweizerischen Evangelischen Pressedienst [würden] sich keine weiteren internationalen Rezeptionsnachweise" in der Dissertation finden.

Thomas Schmidt scheint zu vergessen, dass die BRD für das MfS eindeutig imperialistisches feindliches Ausland war. Noch hatte keine Wiedervereinigung stattgefunden.

Wieso Thomas Schmidt, der die Information über den "Schweizerischen Evangelischen Pressedienst" auf der S. 375 der Dissertation entnommen hat, nicht erwähnt, dass auf den Seiten 374 f. gleichfalls der westdeutsche "Evangelische Pressedienst" (epd) genannt wird, der doch ebenfalls Inhalte des MfS-Blattes "CV" kritiklos übernommen und abgedruckt hat, ist nicht nachzuvollziehen. Fakt ist: auch in der BRD wurden Inhalte des MfS-Blattes "CV" konkret, aber unüberprüft übernommen.

Dass die Aufgaben des CV-Vereins nicht lediglich auf den Boden der DDR begrenzt waren, ist nicht lediglich im Sinne eines Axioms niedergeschrieben worden, sondern wird durch verschiedene Beispiele belegt. Dass diese Versuche der Manipultation nicht lediglich auf die Kirchen begrenzt waren, ist hoffentlich auch deutlich geworden und braucht nicht wiederholt zu werden.

Im Kapitel IV.2.7 der Dissertation wird der "Aufbau eines internationalen Netzwerks unter Müller" beschrieben. Es wird die Zielrichtung genannt, die für den CV-Verein lautete, ein internationales Netzwerk aufzubauen, um über Jehovas Zeugen "aufzuklären". Auch wenn das ein hochgestecktes Ziel war, sozusagen als Maximalforderung definiert, wurde dies für den CV-Verein als Zielsetzung dezidiert formuliert.

Die nationalen Verbindungen in der DDR vom CV-Verein besonders zur Evangelischen Kirche und zu staatlichen Stellen brauchen hier nicht repetiert zu werden. Dies kann niemand leugnen und dies wird von Thomas Schmidt auch nicht in Frage gestellt. Zu oft wurden Artikel des MfS-Blattes "CV" in den sogenannten "Sektenkundlichen Mitteilungen", einem regelmäßig erscheinenden Informationspapier zum "innerkirchlichen Dienstgebrauch", direkt aus "CV" abgedruckt und CV als Verein, der sich angeblich in aller Aufrichtigkeit mit den Zeugen Jehovas auseinandersetzt, beschrieben (S. 363 ff.).

Dass CV-Mitarbeiter auf kirchlichen Tagungen referieren durften, ist ebenso bekannt und weder zu verharmlosen noch zu leugnen. CV hatte in der Evangelischen Kirche eine Plattform gesucht und gefunden. Hier konnte dieser Verein seine Argemente mit Hilfe des MfS und Teilen der Kirche verbreiten ( S. 367 ff.).

Zum besseren Verständnis und damit nicht im Raum stehen bleibt, lediglich im "Schweizerischen Evangelischen Pressedienst" wären die Ausführungen des MfS-Blattes "CV" abgedruckt und mit Interesse verbreitet worden, muss die Palette der am CV-Verein Interessierten doch noch breiter dargestellt werden.

Eine besonders intensiver Auslandseinsatz fand natürlich in der BRD statt, da hier auch die für die DDR zuständige Zentrale der Zeugen Jehovas war und von hier aus die Wachtturm-Literatur für die Zeugen Jehovas in die DDR koordiniert wurde.

So fand beispielsweise zwischen dem Evangelischen Kirchenrat Kurt Hutten, dem damaligen Leiter der Evanglischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Stuttgart, und Willy Müller, dem ersten Herausgeber des MfS-Blattes "CV", ein reger Informationsaustausch statt (S. 274 f.). Neben der schriftlichen Korrespondenz erhielt Hutten die Zeitschrift "CV" zugesandt. Hutten schrieb an Müller:

"Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die bisherigen Ausgaben der ‘Christlichen Verantwortung’ zugehen ließen, soweit sie noch bei Ihnen vorhanden sind. Das Blatt scheint nicht nur in der DDR, sondern weit darüber hinaus gelesen zu werden. Ich freue mich, dass ihre Arbeit eine solche Weite erreicht hat. [...] Ich interessiere mich sehr für ihr ganzes Unternehmen und bin darum für jede Nachricht dankbar" (zitiert auf S. 275).

Nicht vergessen sollten hier natürlich auch die internationalen Auswirkungen durch das Lancieren von Presseberichten an westdeutsche Zeitschriften. Beispielsweise durch Dieter Pape, dem herausragenden MfS-Schergen, der über Jahrzehnte der einflussreichste Kopf des CV-Vereins war. Er hatte 1961 "zersetzende" Informationen für die Zeitschrift "Der Spiegel" ausgearbeitet und diese über einen anderen geheimen Informanten des MfS in die Redaktion der Zeitschrift lancieren können. (S. 295 f.) Das Meinungsbild in der Öffentlichkeit über Jehovas Zeugen konnte durch den Artikel negativ tangiert werden und hat Auswirkungen bis in die heutige Zeit, besondern bei Apostaten, die, auch gegen besseres Wissen, gern auf den Spiegel-Artikel verweisen. Auch das gehört zu den internationalen Auswirkungen.

Zudem versandte Dieter Pape im Auftrag des MfS an verschiedene Zweigbüros der Wachtturm-Gesellschaft der Zeugen Jehovas und auch an das Hauptbüro in New York Briefe mit verleumderischen Inhalten (S. 295).

Nicht unterschätzt werden darf natürlich auch die Geheimdienstaktion des MfS in Polen, gemeinsam mit dem polnischen Geheimdienst im Jahre 1960. Auch hier kam der bereits erwähnte Dieter Pape in geheimer Mission im Namen seines Auftraggebers MfS in Polen zum Einsatz, um Jehovas Zeugen international zu schwächen (S. 264).

Das vom MfS in Auftrag gegebene Buch "Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft" ist natürlich auch aufgrund der nicht nur national zu verstehenden "Zersetzungsarbeit" in der BRD verbreitet worden. Dies Buch galt sogar als Standardwerk über Jehovas Zeugen und ist vom MfS subventioniert in die BRD verkauft worden. Einige Exemplare wurden auch in die "sozialistischen Bruderländer" versandt (S. 304 ff).

Es muss hier auch nicht wiederholt auf die besondere Beziehung zwischen der MfS-Truppe CV und dem Katholischen Informationsbüro in Haisterkirch, dessen Direktor Günther Pape, der Bruder des IME Dieter Pape, war. Das Katholische Informationsbüro erhielt regelmäßig "CV"-Ausgaben und versorgte den CV-Verein mit seinerseits mit Informationen aus der BRD. Die im "CV"-Blatt enthaltenen Aussagen wurden in die Argumentation des katholischen Büros eingebaut, dass auch für die katholische "Zersetzungsarbeit" in Italien und bei den in der BRD lebenden Gastarbeitern zuständig war ( S. 379 ff.).

Bereits 1962 war vom MfS im "Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit" festgelegt worden, an einer "Weckung, Stärkung und Aktivierung aller Oppositionspersonen und Oppositionsgruppen" im In- und Ausland zu arbeiten (S. 268).

Neben dem Kontakt zu verschiedenen westdeutschen Gruppierungen und den beiden sogenannten Vokskirchen wurde schon früh zu einflussreichen Apostaten auch in den USA Kontakt aufgenommen. So beispielsweise zu William Schnell, dem Verfasser einer bekannten und weit verbreiteten Buchveröffentlichung gegen Zeugen Jehovas. Er hatte in den USA eine "Christliche Mission für Zeugen Jehovas" gegründet und war sehr rege in die Auseinandersetzungen gegen Zeugen Jehovas eingespannt. Seine "offenen Briefe" wurden in zigtausendfacher Form verbreitet. Bei ihm traf Müller auf helle Begeisterung über die Tätigkeit des CV-Vereins. Schnell nutzte die durch das "CV"-Blatt erhaltenen Argumente, ohne sie jemals zu überprüfen oder sich zu fragen, wie denn aus einem sozialistischen Land angeblich objektive Informationen über eine in den USA gegründete und in der DDR verbotene Religionsgemeinschaft zu erhalten sei. Ihm ging es, wie so manchem Apostaten, offenbar lediglich um persönliche Rache.

In seinen euphorisch geschriebenen Briefen schrieb er:

"Alle die eine Pflicht empfinden für die verlorenen Seelen der Zeugen Jehovas haben jetzt eine große Gelegenheit. [...] CHRISTLICHE VERANTWORTUNG in Osteuropa und wir in der freien Welt mit Außenstellen in Westdeutschland, Zentralafrika [auch hier missionierte Schnell gegen Zeugen Jehovas, d. A.] und anderswo können dies tun" (S. 272).

Weitere Werbung für das MfS-Blatt "CV" machte er in einem seiner weiteren Veröffentlichungen: "’Christliche Verantwortung’ ist das offizielle Organ der konvertierten Zeugen Jehovas, die in Osteuropa leben. Veröffentlicht in Gera, Thüringen, nicht weit von der Wartburg Luthers, erhebt es den Ruf nach Freiheit und Befreiung von der Wachtturm-Sklaverei" (S. 272).

In ihm fand das MfS einen äußerst bereitwilligen Multiplikator der MfS-Propaganda. Es ist nicht verifizierbar, inwiefern Schnell Einfluss auf das Ansehen der Zeugen Jehovas in den USA hatte bzw. welchen Einfluss er auch auf die Gegenarbeit der verschiedenen Kirchen in den USA in ihrem Kampf gegen Zeugen Jehovas hatte. Aber das Phänomen, dass den Apostaten oftmals mehr Glauben geschenkt wird als den aktiven Mitgliedern der Gemeinde, ist nicht neu und weltweit zu beobachten. Ihre Argumente werden gern für sich genutzt, um sich selbst als Kirche aufzuwerten und die Konkurrenzgemeinschaften abzuwerten (S. 407, Fußnote).

Völlig unbegreiflich ist, warum Thomas Schmidt die regelmäßige Teilnahme von Vertretern des CV-Vereins an den religiösen Weltfriedenskonferenzen in Moskau keines Wortes würdigt. Nach Moskau entsandte CV-Vertreter galten dort als Zeugen-Jehovas-Experten, deren Aufgabe es auf diesen Tagungen war, religiöse Vertreter aus verschiedenen Ländern kennenzulernen und gegen Zeugen Jehovas einzunehmen. Ihre Teilnahme wurde durch das MfS veranlasst, aber vom Staatssekretariat für Kirchenfragen (StfK) finanziert. Die Friedensliebe der DDR und der Sowjetunion stellten die CV-Vertreter als evident dar, während Jehovas Zeugen einen "reaktionären, proimperialistischen, antisowjetischen und friedensfeindlichen Mißbrauch des christlichen Glaubens" betreiben würden (S. 339, 362).

Weitere intensive Kontakte vom CV-Verein bestanden zu Personen und Gruppen in der Schweiz, England, Polen sowie zu weiteren Gruppierungen in der BRD (S. 276 ff.).

Besondere Beziehungen in Polen bestanden zwischen Josef Wereski, der auf ähnliche Weise wie Willy Müller "Briefe an Christen" schrieb, die an Zeugen Jehovas und andere in Polen versandt wurden. Er unterhielt regelmäßigen Kontakt zu Dieter Pape, dem wichtigsten Kopf vom CV-Verein, hatte auch unter dem Pseudonym "Josef Tempelski, CV-Mitarbeiter aus Polen", zumindest einen Artikel für das MfS-Blatt "CV" geschrieben. Gleichzeitig – und das macht die Sache wiederum sehr brisant – war er von Günther Pape, dem Direktor des Katholischen Informationsbüros in der BRD, "als Beauftrager und Vertreter des Büros für den Bereich der VR Polen eingesetzt" worden. Er besuchte nach seinen Gesprächen mit Günther Pape auf seinem Heimweg nach Polen Dieter Pape, um ihn über seine Gespräche mit Günther zu informieren und ihm gleichzeitig Materialien seines Bruders zu übergeben.

Dass Wereski, ohne eine persönliche enge Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst eingegangen zu sein, solche Reisen nicht hätte untenehmen können, braucht nicht erörtert zu werden. Somit war hier ein Zusammenspiel zwischen dem ostdeutschen und dem polnischen Geheimdienst und dem Katholischen Informationsbüro in Haisterkirch gegeben. Nachfolgeverein des Katholischen Informationsbüros ist der Verein "Christliche Dienste e.V. - Verein für Aufklärung und Information über Jehovas Zeugen", mit Sitz in Tübingen. Vorsitzender ist sowohl Günther Pape als auch sein Sohn, der Diplom-Theologe Klaus-Dieter Pape (S. 408, Fußnote. Zu Wereski siehe auch: W. Hirch, Instrumentalisierung der Kirchen durch das "christliche" MfS-Organ?" in: Gabriele Yonan, Im Visier der Stasi. Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000, S. 219 ff.)

Wer natürlich direkte Ergebnisse aus dieser international angelegten Arbeit des MfS erwartet, könnte enttäuscht werden. Bei der Arbeit mit Geheimdienstakten sollte man keine zu hohe Erwartungshaltung hegen bezüglich einer detaillierten Auflistung von konkreten Ergebnissen. Etliches liegt weiterhin im Dunkeln. Sichtbar gemacht werden konnten die Strukturen der "Zersetzung" gegen Zeugen Jehovas.

Es ist kaum zu erwarten, dass die Auswirkungen des MfS-Arbeit komplett offengelegt werden können. Fakt ist (was zumindest deutlich geworden ist):

Das MfS hat international an der "Zersetzung" der Zeugen Jehovas gearbeitet. Hierzu wurden die Agenten des CV-Vereins gebraucht und internatonale Kontate genutzt.

Und natürlich hat eine solche ständige Diskreditierung einer Religionsgemeinschaft eine Langzeitwirkung, die nicht wirklich messbar ist, zudem auch weitere Organisationen und Einzelpersonen an deren Diskreditierung gearbeitet haben und noch weiter daran arbeiten. Hier braucht man nur an die grundsätzlich pejorative Darstellung der ZJ durch die Weltanschauungsbeauftragten der Kirchen zu denken, an religiöse Splittergruppen und Apostaten. Eine solche Langzeitwirkung hatte das MfS auch durchaus bei den "Zersetzungsmaßnahmen" im Sinn. Dass aber das MfS selbst mitsamt seinen mitarbeitenden Agenten – trotz intensiver Arbeit gegen alle seine Gegner – eines Tages selbst und sogar relativ sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden würde, damit hat beim MfS, ebenso wie beim CV-Verein, wohl niemand gerechnet!

Waldemar Hirch
21. März 2005

 

 

 

Antwort auf Thomas Schmidt (H-Soz-u-Kult, 1.12.2004)