Reaktion auf Anke Silomons Rezension im Deutschland Archiv, Heft 2, 2004, S. 335-339, „Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im NS-Staat und in der SBZ/DDR“

Gelingt es Anke Silomon – sozusagen in einem Rutsch – gleich drei Bücher zur Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas in deutschen Diktaturen adäquat zu rezensieren?

Erste Zweifel vermittelt ihre Einleitung. Jehovas Zeugen wären von der Geschichtswissenschaft unter anderem deswegen vernachlässigt worden, weil "diese religiöse Gruppe mit ihrer hartnäckigen Missionstätigkeit innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft auf wenig Gegenliebe" stoße (S. 335). Demnach müßten beispielsweise die Adventisten, Mennoniten und Mormonen, die keinen solch intensiven Missionsdienst betreiben, wesentlich besser erforscht sein, was aber nicht der Fall ist. Die Zeugen Jehovas haben sich auch keinesfalls völlig der Geschichtsforschung verschlossen – doch setzten sie andere (religiöse) Prioritäten. Daß die historische Aufarbeitung erst seit "drei Jahren … ein wenig Konjunktur" (S. 335) habe, wie Anke Silomon konstatiert, trifft nicht zu, da die Anfänge der "Konjunktur" mittlerweile über zehn Jahre zurückliegen. 1 Zudem ist die Bezeichnung "Gruppe" für die anerkannte Religionsgemeinschaft (etwa 200.000 Angehörige in Deutschland; 6,5 Mio. weltweit), deren Zahl aktiver Mitglieder die Bevölkerungsgröße von Staaten wie Dänemark (ca. 5,3 Mio. Einwohner), Irland (ca. 5,5 Mio.) oder Norwegen (ca. 4,5 Mio.) übersteigt, unpassend.2

Anke Silomon stellt die einzelnen Aufsätze vor, indem sie sie mit ihren Titeln benennt, jedoch meist ohne auf sie näher einzugehen, was den Eindruck der Oberflächlichkeit verstärkt und dass sie fast nebenbei auf den Inhalt der drei Bücher eingehen möchte. Denn sie beginnt zu mutmaßen, was den evangelischen Kirchenhistoriker Gerhard Besier dazu motiviert haben könnte, im November 2000 in "seiner Heidelberger Forschungsstelle Kirchliche Zeitgeschichte" (Universität Heidelberg) die Tagung über "Jehovas Zeugen unter der NS- und SED-Diktatur" zu veranstalten (S. 336). Es könnte sein, dass es der "Respekt" vor "einer vergessenen Opfergruppe" war, schreibt sie, um sofort die "Scientology-Organisation" ins Spiel zu bringen und dabei dem Wissenschaftler vorzuwerfen, sich auf diesem Gebiet forschend zu betätigen. Weshalb interessiert sich Professor Besier für eine Organisation, die "ebenfalls ursprünglich" (!) in den USA gegründet wurde und "ein Außenseiter-Dasein" führe und "sogar als gefährlich eingestuft" wird, fragt sie. Es gibt zu denken, wie hier eine Mitarbeiterin der von der Evangelischen Kirche in Deutschland getragenen Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte dem unabhängigen Forscher, der sich mit einem in Deutschland noch nicht wirklich wissenschaftlich untersuchten Thema beschäftigt, nahetritt.

Bei der Kommentierung der Arbeit des Verfassers (Waldemar Hirch über die Observierung und Unterdrückung der Zeugen Jehovas durch das Ministerium für Staatssicherheit, MfS) bemerkt Anke Silomon richtig, dass die "Zersetzungsarbeit" des MfS mit Hilfe der eigens für die Zersetzungsmaßnahmen geschaffenen "Christlichen Verantwortung" (CV) im Vordergrund stand (S. 337). Doch missachtet die Rezensentin die tatsächlichen Aufgaben dieser Gruppe, wenn sie den Lesern die "Christliche Verantwortung" lediglich als "Presseorgan" vorstellt. Tatsächlich war "CV" ein Geheimdienstorgan, das Desinformationspolitik in jeglicher Form für den DDR-Staat leisten musste! Mit dem Ziel der ideologischen und praktischen Bekämpfung der Zeugen Jehovas im östlichen und westlichen Ausland wurden durch "CV" neben der Herausgabe einer Zeitschrift zum Beispiel Vorträge bei kirchlichen Synoden gehalten, Beziehungen zu Pfarrern und ehemaligen Zeugen Jehovas geknüpft sowie nationale und internationale Kontakte geschaffen und aufrechterhalten. Dazu gehörte auch das Schreiben fingierter Leserbriefe und das Verbreiten gefälschter Wachtturm-Traktate. "CV" arbeitete nicht selbständig, sondern war eine eigens für die "Zersetzung" geschaffene MfS-Organisation, die natürlich auch vom MfS finanziert wurde.

Anke Silomon versäumt es, solch wichtige Erkenntnisse der historischen Forschung über "CV" angemessen zu berücksichtigen. Dagegen erfährt der Leser, dass das Manuskript teilweise "sprachlich-stilistische Mängel" aufweise. Sie wirft dem Verfasser vor, "mit leichter Hand Begriffe zur Charakterisierung der 'SED-Diktatur' [sic!]“ zu verwenden, wobei der Begriff "totalitärer Staat" (DDR) "gleichgesetzt mit dem NS[-Staat]" werde. Als vermeintlichen Beleg für die Gleichsetzung von DDR- und NS-Staat gibt sie Seite 11 in der veröffentlichten Dissertation des Verfassers an. Schlägt man dort nach, sucht man vergeblich nach einer Gleichsetzung. Dagegen findet man dort folgende Aussage über die NS-Zeit: "Die 40 Jahre der Deutschen Demokratischen Republik zeichneten sich durch permanent betriebene 'Zersetzungsmaßnahmen' des Staates gegen Zeugen Jehovas aus. Der DDR-Staat versuchte, wie zuvor schon das nationalsozialistische Deutschland, eine quantitativ nicht bedeutende Glaubensgemeinschaft zu eliminieren." Der Autor nannte zwar identische Ziele der beiden Diktaturen, doch ohne die Mittel und Zielsetzung der Systeme miteinander zu vergleichen. 3

Wie kann der Verfasser den "Grad der Unabhängigkeit des Staatssicherheitsdienstes" (S. 338) überschätzen, wie Anke Silomon zu erkennen meint, wenn er doch schreibt, daß das MfS ein "Repressionsapparat der SED" gewesen war, was die Unterordnung und Abhängigkeit deutlich macht? Aus der Kritik der Rezensentin geht auch nicht hervor, wo in der Arbeit eine "Überbewertung" des Geheimdienstapparates zu finden ist. Dass das MfS sehr viele Freiheiten innerhalb des DDR-Staates genoss, die Justiz und Polizei für seine Interessen nutzen konnte und sich weder von den existierenden Gesetzen noch von der Justiz oder Polizei zügeln lies, sollte bekannt sein.

Sie wirft dem Autoren vor, die "Opfergruppe" der Zeugen Jehovas zu sehr hervorzuheben, sie unter "'die ersten Opfer eines Zwangssystems, das keinen Widerspruch erlaubte'" (S. 338) zu plazieren, und andere oppositionelle Gruppen nicht zu berücksichtigen. Letztere waren nicht Thema der Dissertation, auch ist deren Opposition mit der Verweigerungshaltung der Zeugen Jehovas kaum vergleichbar. Die Oppositionsgruppen in der DDR werden bereits in diversen Arbeiten beleuchtet.4  Dem Verfasser ging es darum, eine Einzelstudie zu der bis vor kurzem noch wenig untersuchten Religionsgemeinschaft in einem bestimmten unbearbeiteten MfS-Problemfeld vorzulegen. Solche Einzeluntersuchungen sind in der Forschung notwendig und wegweisend, aber kein Grund für einen Vorwurf.

Es steht außer Frage, dass im Laufe der Jahre die Politik der SED – und damit notwendigerweise auch die des MfS – eine Änderung in der Vorgehensweise erfuhr. In den Anfangsjahren der DDR versuchte das MfS, die Zeugen Jehovas mit brutalen Zwangsmaßnahmen zu eliminieren. Das Vorgehen änderte sich zu einer Art "Integrationspolitik", die nach außen hin vertreten wurde, aber eindeutig als Blendmanöver gedeutet werden muss, da sie nie reell war. Jehovas Zeugen sollten unter den von der SED diktierten Bedingungen integriert werden, also staatliche Vereinnahmung durch Aufgabe oder Anpassung ihrer religiösen Ansichten und christlichen Identifikationsmuster. Die Voraussetzung dafür sollte eine staatskonforme Haltung sein – somit Eliminierung durch Integration in die sozialistische Gesellschaft.

Die Beurteilung Anke Silomons, die „Integrationspolitik“ des DDR-Staates sei vom Verfasser "milde" (S. 338) umschrieben worden, erklärt sich wohl eher aus ihrer persönlichen evangelischen "Kirchensicht" heraus. In den evangelischen Kirchen der DDR hat die "Integrationspolitik" des Staates nämlich Wirkung gezeigt, und das nicht zuletzt deshalb, weil sich viele Kirchenmitglieder im sozialistischen Staat "eingerichtet" hatten oder sich "integrieren" ließen. In der Folge ging die Zahl der evangelischen Mitglieder von 81,6% der Bevölkerung in der DDR im Jahre 1946 auf 19,4 % im Jahre 1989 zurück. Zur gleichen Zeit blieb die Zahl der Zeugen Jehovas konstant, teilweise wies sie sogar eine leicht steigende Tendenz auf. Und was könnte Frau Silomon veranlasst haben, sich über die Aussage, dass "'Menschen, die geistige Werte haben, sich selbst unter einer bedrückenden Diktatur nicht von ihren Idealen'" abbringen lassen, "verärgert" zu zeigen? Spielt die Religionszugehörigkeit der Rezensentin eine Rolle oder hat sie hier etwas missverstanden? Denn mit dem Begriff "geistige Werte" meint der Autor keineswegs nur rein religiöse Werte, sondern auch die Bewahrung der Menschenrechte und Werte wie Nächstenliebe, die ebenfalls als Ideale bewertet werden.

Frau Silomon bezieht sich auf die angeblich mehrfach monierten "Verletzungen von Menschenrechten inklusive des Rechts auf Religionsfreiheit" in demokratischen Systemen (S. 339) und nennt unter anderem als Quelle die Seiten 15 und 20 im Buch des Verfassers – wo allerdings keine Belege zu finden sind. Fehlende Bezugsbelege zu den Konstrukten von Anke Silomon gehören zu den Schwächen ihrer Rezension. Da die Einleitung des Buches im Internet unter www.neuegeschichte.de zu finden ist, einschließlich der Seiten 15 und 20, kann sich der Leser selbst ein Urteil bilden.
Der von Silomon "entdeckte" Umkehrschluss, dass die Autoren allein aufgrund der Verfolgungsmaßnahmen sowohl des NS- als auch des DDR-Staates für die Glaubensgemeinschaft "Verständnis und Akzeptanz" (S. 339) einfordern würden, ist absurd. Frau Silomon muß zugeben, dass diese Deutung "mit Blick auf Hirchs und Schmidts Publikationen als fernliegend und mit Bezug auf den Tagungsband als übertrieben erscheinen". Man fragt sich, warum die Rezensentin Deutungen, die "übertrieben" und "fernliegend" erscheinen, überhaupt Raum gibt.

Am Ende der Rezension trägt sie ein Anliegen vor: Sie nimmt erneut Bezug auf Professor Besier und wirft dem Wissenschaftler vor, mit seinen "jüngsten wohlwollenden Äußerungen über die Scientology-Organisation" ein "Unbehagen" bei ihr hervorgerufen zu haben, ohne überhaupt die angeblichen Äußerungen zu hinterfragen. Sie unterbreitet den Wissenschaftlern des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung eine scheinbar "innovative" Idee: Sollen sie doch die Erforschung totalitärer Organisationsformen der Gegenwart zu ihrer Aufgabe machen, statt sich mit der (vergangenen) Geschichte der Zeugen Jehovas zu beschäftigen. Womöglich würden sie auch bei Zeugen Jehovas fündig werden? Damit scheint es, als hätte die jahrzehnte lange desinformatorische "Aufklärungsarbeit" des MfS und der "CV" über Jehovas Zeugen in den Kirchen – hier ist besonders die Evangelische Kirche zu nennen – doch noch triumphiert. Die permanent wiederholten und international verbreiteten Verleumdungskampagnen des MfS zeigen offenbar weiterhin Wirkung. Man sollte nicht übersehen, dass nicht selten die Geschichte einer Religionsgemeinschaft auf ihre Gegenwart schließen läßt. Das Neutralitäts- und Staatsverständnis der Zeugen Jehovas kommt in ihrem geschichtlichen Verhalten klar zum Ausdruck und hat sich in der Gegenwart nicht geändert. Die Rezension hinterläßt den nachhaltigen Eindruck einer eher an der Oberfläche verharrenden Beurteilung ohne die tatsächlichen Inhalte dem Leser vorzustellen.

Waldemar Hirch

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Vor dem Standardwerk von Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“, München 1993, veröffentlichten Professor Friedrich Zifpel für Berlin (1965) und Dr. Elke Imberger für Schleswig-Holstein (1991) detaillierte Forschungsarbeiten.
  Die Religionsgemeinschaft ist anerkannt, führt jedoch mit dem Berliner Senat, der ihr bislang den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts vorenthält, einen Rechtsstreit.
Damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann hat der Autor auf die Internetseite http://www.neuegeschichte.de die Einleitung und einige andere aussagekräftige Kapitel seines Buches gestellt.
Vgl. das 960-seitige Werk von Ehrhardt Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR, Bonn 1997.