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Wir können davon ausgehen, dass etwa 2.000 Prozesse vor dem Sondergericht Darmstadt geführt wurden, wobei sich die genaue Zahl infolge der Kriegseinwirkungen nicht mehr ermitteln lässt.6
Vor diesem Gericht wurde, gemäß den noch vorhandenen Akten, gegen 102 Zeugen Jehovas verhandelt. Die Namen der Angeklagten sind weiter unten aufgeführt.

Zunächst hatte der Staatskommissar für das Polizeiwesen in Hessen am 19. April 1933 alle Versammlungen der Zeugen Jehovas und alle ihre Tätigkeiten, insbesondere die Verteilung von Druckschriften, verboten.
Am 18. Oktober 1933 wurde die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Hessen schließlich vom Hessischen Staatsministerium auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 verboten und aufgelöst.

Exemplarisch soll hier ein Fallbeispiel betrachtet werden. Wie stichhaltig und begründet waren die Urteile, besonders wenn es um Mitglieder der Religionsgemeinschaft ging? Wie argumentierten die Richter bei ihrer Urteilsverlesung?

Anhand der Anzeige7 der Geheimen Staatspolizei Darmstadt gegen den damaligen Bezirksleiter Konrad Franke aus Mainz-Weisenau vom Dezember 19368 und dem am 5. Januar 1937 gesprochenen Urteil des Sondergerichts unter dem Landgerichtsdirektor Karl Heckler soll dies genauer herausarbeitet werden.

Der Anzeige vorausgegangen war, dass Konrad Franke bereits seit dem 31. August 1936 in Darmstadt in Schutzhaft war.
Die sogenannte Schutzhaft war das wichtigste Instrument der Gestapo, um politische Gegner des Nationalsozialismus zu bekämpfen. War die Schutzhaft vor 1933 nur für eine kurzfristigen Verwahrung von Personen gedacht, wurden durch die Notverordnung nach dem Reichstagsbrand Befristungen wie die richterliche Überprüfung aufgehoben. Für die Geheime Staatspolizei wurde damit eine Möglichkeit der polizeilichen Willkür geschaffen. Gerichtlicher Schutz stand den Inhaftierten nicht zu.
Willkürliche Misshandlungen und Schikanen waren alltäglich. Die Verhörmethoden der Gestapo waren äußerst brutal und es kam immer wieder zu schweren Misshandlungen, Beschimpfungen und Drohungen.

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6 Pingel-Rollmann, H., Widerstand und Verfolgung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg 1933-1945, Diss., Darmstadt und Marburg 1985, S. 85

7 Geheime Staatspolizei Darmstadt, Anzeige gegen den Vertreter Max Konrad Franke in Mainz wegen Betätigung für die verbotene Internationale Bibelforscher-Vereinigung vom 15.12.1936, Staatsarchiv Darmstadt, Abteilung G 27, 582.

8 Der genaue Tag ist auf der Anzeige nicht enthalten. Da aber der Abschlussbericht der Gestapo über Franke, der die Vorlage für die Anzeige an das Sondergericht bildet, am 15. Dezember 1936 erstellt worden ist, muss die Anzeige kurz darauf erstellt worden sein.