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Da es aber nicht darum ging, Recht im Sinne eines ordentlichen Gerichts zu sprechen, sondern um politische Gegner auszuschalten, war die Art der Beweisaufnahme für das Gericht nebensächlich.

In der Anzeige wurde festgehalten, dass es sich „bei den Bibelforschern [frühere Bezeichnung für Jehovas Zeugen, d. A.] um eine religiös getarnte jüdisch-marxistische Organisation handelt, deren Hauptziel die Vernichtung aller bestehenden Staatsformen und Regierungen und die Errichtung des Reiches Jehovas ist, in dem die Juden als das auserwählte Volk die Herrscher sein sollen.
Die Anhänger der Bibelforscher dürfen nach ihrer Lehre die Gesetze des Staates nur insoweit befolgen, als sie den Geboten Jehovas, die sie aus der Bibel lesen, nicht widersprechen.“12
Im Alltag würde sich diese Lehre negativ auf den „deutschen Volkskörper“ auswirken, denn im Alltag hätte die Lehre folgende Konsequenzen:

1) Da in der Bibel steht: ´Du sollst nicht töten` lehnen die Bibelforscher jeden Wehrdienst ab, leisten der Aufforderung zur Musterung keine Folge und versuchen andere Wehrpflichtige zur Verweigerung des Wehrdienstes zu veranlassen.13 Es sind sogar Fälle bekannt, in denen sie sich weigerten, am Bau von Kasernen mitzuarbeiten,

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12 Die beiden Großkirchen haben hier ein anderes Bibelverständnis und waren schnell bereit, dem NS-Staat Folge zu leisten, unterstützend zu wirken, später sogar Waffen zu segnen und um den Sieg des Deutschen Reiches zu beten. Vgl. Ernst Klee, Die SA Jesu Christi. Die Kirche im Banne Hitlers, Frankfurt/M., 1989. Der „Kirchenkampf“, von dem immer wieder berichtet wird, bezog sich eher auf einen Richtungskampf innerhalb der evangelischen Kirche selbst. Der national-sozialistische Obrigkeitsstaat wurde nicht in Frage gestellt. Die katholische Kirche hatte mit den Nazis ohnehin einen Partner im Kampf gegen den Bolschewismus gefunden und war insgesamt nicht bereit, sich gegen ihn zu wenden. Im Gegenteil unterstützte sie ihn nach Kräften.

Dagegen verweisen Jehovas Zeugen auf die Aussagen des Apostels Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Hier ist besonders das Kapitel 13 und die Verse 1 ff. ausschlaggebend. Sie kennzeichnen das Verhaltensmuster der Zeugen Jehovas gegenüber dem Staat. Der Gehorsam, der dem Staat (der weltlichen Obrigkeit) geschuldet wird, ist nie absolut, sondern immer auf die Gesetze Gottes hin zu überprüfen. Der Staat ist somit nicht die einzige Autorität, der sich ein Christ zu fügen hat. Sollten die Anweisungen eines Staates mit den Anweisungen Gottes, die in der Bibel niedergeschrieben wurden, kollidieren, tritt der Loyalitätsanspruch des Staates hinter die Gesetze Gottes zurück. Die Autorität Gottes ist der des Staates übergeordnet. Nähere Angaben hierzu siehe unter anderem unter: W. Hirch, Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas während der SED- Diktatur unter besonderer Berücksichtigung ihrer Observierung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit, Kapitel: „Grenzen des Gehorsams oder ist die Staatsloyalität grenzenlos?“, S. 49 ff., Frankfurt/M.2003.

13 Siehe hierzu: „Jehovas Zeugen verweigern sich Hitlers 1939-1945“, Rede von Priv.-Doz. Dr. Wolfram Wette, Universität Freiburg, anläßlich der Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS- Regime“ vom 25. April 1998 in Freiburg i.Br. „Denn jene Männer, die als Zeugen Jehovas den Kriegsdienst verweigerten, konnten immerhin sicher sein, dass ihre Religionsgemeinschaft voll hinter ihnen stand und sie in jeder Phase ihres schweren Weges moralisch unterstützte. Verweigerer aus den Reihen der beiden Großkirchen dagegen mussten auf eine solche Rückendeckung verzichten. So erklärt es sich, dass es in der NS-Zeit generell nur ganz wenige evangelische und katholische Kriegsdienstverweigerer gegeben hat. Bekannt sind lediglich 12 katholische und 4 evangelische Verweigerer.“ Sein Gesamtvortrag ist hier nachzulesen:
http://www.standhaft.org/forschung/index.html

Da sich die Kirchen dem Staat untergeordnet hatten, leisteten die Gemeindeglieder wie auch die national-sozialistischen bzw. national orientierten Pfarrer selbstverständlich Kriegsdienst. In der Zeitschrift der