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die eine „unverantwortliche Politik“ betreibe und die Zeugen Jehovas in eine „skandalöse Sackgasse“ hineingeführt habe. Der hohe Einsatz Müllers und dessen „starkes Vertrauen auf den Herrn“ hätten seine Arbeit so wertvoll gemacht.

Unerwähnt blieb, dass das MfS der „Herr“ in Müllers Leben war. Ihm hatte er sich untergeordnet2 und in ihrem Auftrag und durch ihre Bezahlung hatte er all seine „Aufklärung“ betrieben. Müller, der wie so manch andere IM auch, durch seine geheimdienstliche Arbeit eine gespaltene Persönlichkeit aufwies, wurde als honoriger, zutiefst religiöser und mitfühlender Mensch, der nur zum Guten der Gläubigen wirke, vorgestellt. Dass dessen Schwäche und Wehrlosigkeit gegenüber den Mitarbeitern des MfS zu dieser engen Zusammenarbeit mit dem DDR-Geheimdienst geführt hatte und bei ihm eine geradezu manische Umtriebigkeit erzeugte und er, oft schon am Ende seiner Kraft, von seinem Führungsoffizier und seinen eigenen inneren Dämonen weiter angetrieben wurde, blieb im Nachruf unerwähnt. Sein Führungsoffizier hatte in einem Bericht über Müller ihm „Unnachgiebigkeit“ und Sturheit“ attestiert, zum Ende seiner Zusammenarbeit sogar den Vorwurf gemacht „geistig völlig versagt zu haben“ und dies unter anderem mit seiner 37 Jahre jüngeren Freundin begründet.

Ein Nachruf der aufzeigt, dass mit Gebhard ein Mann als Schreiber fungierte, der lediglich ein Ziel verfolgte, der lediglich an der „Zersetzung“ der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas Interesse hatte und dem Müller als Person eher gleichgültig war. Die nach außen hin gezeigte Empathie für Müller, sowie die nach außen hin erzeugte Legende einer eng liierten Truppe mit dem Namen „Christliche Verantwortung“, bestehend aus verantwortungsbewussten Männern, die die WTG als imperialistische Ausbeuter-Organisation bekämpfen wollte, existierte nicht. Im Innenverhältnis war CV eher gespalten und es herrschte ein mehr als unerfreulicher Konkurrenzgeist vor. Sehr wohl existierte aber in CV eine Zusammensetzung aus Menschen, die sich durch das MfS, in der Gefängnishaft „umdrehen“ ließen und/oder die durch finanzielle Anreize in Form von regelmäßigem Lohn sich kaufen ließen und/oder auch durch eigene Überzeugung ihre Bereitschaft erklärten, sich an den „Zersetzungsmaßnahmen“ des MfS zu beteiligen.

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2 In der Verpflichtungserklärung Müllers mit dem MfS vom 29. Mai 1959 hieß es: "Ich habe erkannt, daß die Leitung der Zeugen Jehovas in Brooklyn, Wiesbaden und Westberlin im Auftrag der imperialistischen Regierung Agententätigkeit durchführt, was mit meinem Glauben nichts zu tun hat. [...] Ich verpflichte mich, mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuzarbeiten u. über die Erfolge meiner Tätigkeit auf diesem Gebiet sowie mir bekanntgewordene Feindtätigkeiten Bericht zu erstatten." Ast Gera, AMV 25/59, Bd. III, Bl. 91.